Paṭala 6: Ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ (Ṣaṭkośaprakāśaḥ)
Sechster Adhyāya – Erhellung der sechs Hüllen (Ṣaṭkośaprakāśa) (vollständig, Vv. 1–38 + Frage/Antwort + Kolophon; Vv. ca. 39–43 als OCR-Spaltenverwirrung dokumentiert)
Quelle: archive.org/DLI in.ernet.dli.2015.326285 (Krishnamacharya-Ausgabe 1959). WICHTIG: Das Ende von Kapitel 5 (Vv. 70–84 + Kolophon) erscheint im linearisierten OCR-Text ein zweites Mal unmittelbar vor Beginn dieses Kapitels (Seiten-Digitalisierungs-Duplikat, wie bereits bei Kap. 2/3 beobachtet); dieser doppelte Block wurde übersprungen und nicht erneut übersetzt. Ab der Kapitelüberschrift „ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ“ folgt einzigartiger, neuer Text. Thematik: Lehre von den sechs Hüllen (ṣaṭkośa: Śakti, Māyā, Prasūti, Prakṛti, Brahmāṇḍa, Jīvadeha) als stufenweiser Herabstieg (avaroha) der Göttin, Zuordnung der vier Vyūhas (Saṅkarṣaṇa/Pradyumna/Aniruddha/Vāsudeva) und ihrer Gemahlinnen (Śrī/Sarasvatī/Rati/Śānti) zu den ersten drei Hüllen (durch Fußnote der Quelle bestätigt), Kosmogonie von Prakṛti/Brahmāṇḍa, Lehre vom Jīva als „Kontraktion“ (saṃkoca) der Göttin mit den vier Erkenntnis-Ebenen (pramātṛ/antaḥkaraṇa/bahiḥkaraṇa/bhāvabhūmikā). Eine Passage gegen Kapitelende (ca. Vv. 39–43) ist durch zweispaltige OCR-Verzahnung nicht zuverlässig rekonstruierbar und wird als Lücke dokumentiert (s. 6.39).
Im vollen, stillen, aus den sechs Eigenschaften bestehenden großen Ozean von Sein-Bewusstsein-Wonne bin ich die ursprüngliche Ich-Heit (ahaṃtā) Haris, von der Gestalt eines wellenlosen Ozeans.
[Anm.: Beginn von Kapitel 6. Die OCR-Textduplikation, die das Ende von Kapitel 5 (Vv. 70–84 + Kolophon) ein zweites Mal wiederholte, endet unmittelbar vor der Kapitelüberschrift „ṣaṣṭho 'dhyāyaḥ“; ab hier folgt eigenständiger, neuer Text.
Ich, solcherart rein, bin, zu einer gewissen Zeit zur Schwellung (Anschwellen zur Schöpfung) gelangt – die Göttin, deren Wesen Schöpfungswille und Erhaltung ist, unabhängig, aus Sein und Bewusstsein bestehend.
Brahmāṇḍa [das Welten-Ei] und Jīvadeha [der Leib des Einzelwesens] – diese [sechs] werden als die ‚sechs Hüllen‘ (ṣaṭkośa) bezeichnet; jener Schöpfungswille, der von mir aus Viṣṇus Ich-Heit hervorgegangen ist [gab ihnen Ursprung].
moktṛbhogyasamaṣṭis tu nilīnā tatra tiṣṭhati | manobhūtasya devasya tasyāhaṃtā tu yā smṛtā ||
Die Gesamtheit von Genießendem und zu-Genießendem aber verweilt dort verborgen; was als die Ich-Heit jenes Gottes, der zum Denkorgan (manas) geworden ist, überliefert wird [ist Folgendes]:
sāhaṃ sarasvatī nāma śrīyaiśvaryavivartinī | yo me tasyāḥ samunmeṣaḥ so 'niruddhaḥ prakīrtitaḥ ||
Ich bin, mit Namen Sarasvatī, die Umwandlung von Glanz und Herrschaftsmacht; wer meine Entfaltung aus jenem [Zustand] ist, der wird als Aniruddha verkündet.
Jīva, Buddhi, Ahaṅkāra – so werden sie [die vier Vyūha-Götter bzw. ihre Entsprechungen] mit Namen benannt; diese Götter bestehen keineswegs aus Prakṛti (dem Stofflichen), sondern sind vielmehr aus reinem Wissen bestehend.
sarve te ṣaḍguṇāḥ proktāḥ sarve te puruṣottamāḥ | pūrṇastimitaṣāḍguṇyasadānandamahodadheḥ ||
Alle diese werden als [Ausprägungen] der sechs Eigenschaften bezeichnet, alle diese sind Puruṣottama – [Ausprägungen] des vollen, stillen, aus den sechs Eigenschaften bestehenden, immerwährend wonnevollen großen Ozeans.
Seine Ich-Heit aber ist Śānti; ich werde als [seine] Śakti verkündet; die in der Śakti-Hülle befindlichen Götter werden dort geboren, wo sie [nur] gedacht werden.
mahālakṣmīmahāmāyāmahāvidyāmayo mahān | prasūtir mama kośo me tṛtīyaḥ paripaṭhyate ||
Das Große, bestehend aus Mahālakṣmī, Mahāmāyā und Mahāvidyā – Prasūti – wird als meine dritte Hülle gelehrt.
[Anm.: Fußnote 20 der Quelle: „Die Prasūti-Hülle ist die Verbindungsform der rajasischen Mahālakṣmī, der tamasischen Mahāmāyā und der sattvischen Mahāvidyā.“
Hier bestehen die drei Paare, die zuvor genannt wurden; nachdem er sie gleichsam im Pradhāna [der Urmaterie] verflüssigt hat, gibt Puruṣottama [sie wieder] her.
[?] Unsicher rekonstruiert. [Anm.: Fußnote 21 der Quelle: „Die drei Paare werden im fünften Kapitel in den sieben mit dem siebten beginnenden Versen beschrieben. Das Pradhāna selbst wird hier Prakṛti genannt. Für diese – Māyā, Prasūti, Prakṛti – ist in den Upaniṣaden der Sprachgebrauch mit Namen wie ‚Tamas‘, ‚Avyakta‘ usw. üblich.“
tad eke prakṛtiṃ prāhus tattvaśāstravidāṃ varāḥ | mahadādyaiḥ pṛthivyantair aṇḍaṃ yan nirmitaṃ saha ||
Jenes nennen manche der besten Kenner der Prinzipienlehre (tattvaśāstra) Prakṛti – [nämlich] das, womit zusammen, [den Prinzipien] vom Mahat bis zur Erde, das Ei geformt wurde.
Jenes wird Brahmāṇḍa [Welten-Ei] genannt, worin Brahmā zu Virāṭ wurde; [und] das, was hier der dem Zerfall unterworfene Leib der Lebewesen ist [wird Jīvadeha genannt].
[?] Unsicher rekonstruiert. [Anm.: Dieser Vers benennt zusammen die fünfte (Brahmāṇḍa) und sechste (Jīvadeha) Hülle.]
Diese sechsfache Hüllenordnung ist der Reihe nach zur Ausbreitung gelangt; diese sechs werden als der Herabstieg (avaroha) von mir, der Vollen, verkündet.
In [seinem] Sitz besteht diese Hülle eben, ebenso wie beim Gott, durch die Ich-Heit; in den anderen fünf Hüllen befinden sich die Einzelwesen (jīva) auf mannigfache Weise.
śubhāśubhavibhāgena bhajante vividhān dehān | divyādisukhamayyas tāsāṃ mithunāni ca yāni tu ||
Durch die Aufteilung in Gut und Schlecht [gemäß dem Karma] nehmen sie mannigfache Leiber an; und was die aus Wonne bestehenden göttlichen und anderen Paare betrifft, die zu ihnen gehören –
[?] Stark unsicher rekonstruiert (OCR-Stelle sehr korrupt).
aṇḍamadhye 'vatāraś ca tāsāṃ teṣāṃ ca ye smṛtāḥ | svātantryanirmitās tv ete naiva karmavarānugāḥ ||
– auch deren Herabkunft (avatāra) innerhalb des [Welten-]Eis, welche überliefert ist: diese sind durch [reine] Unabhängigkeit gewirkt, keineswegs folgen sie den Wirkungen des Karma.
aprakṛtāś ca te dehā ubhayeṣāṃ prakīrtitāḥ | anye pañcasu kośeṣu devādyāḥ sthāvarāntimāḥ ||
Und die Leiber beider [Paare, männlich wie weiblich] werden als nicht-stofflich (aprakṛta) verkündet; die anderen [Leiber], in den fünf [übrigen] Hüllen, reichen von den Göttern bis hinab zu den unbeweglichen Wesen.
nānāsthānajuṣo jīvāḥ karmabhiḥ saṃsaranti ye | adhikāraṃ kṣayaṃ nītvā śubhapākavaśād ime ||
Die Einzelwesen, die verschiedene Orte bewohnen und die durch [ihre] Taten wandern – diese, nachdem sie ihr [zugewiesenes] Amt zu Ende geführt haben, gelangen kraft der Reifung guten [Karmas] …
samprāpya jñānabhūyastvaṃ yogakṣapitakalmaṣāḥ | ārohanti śanaiḥ kośān ārūḍhā na patanti te ||
… nachdem sie eine Fülle von Wissen erlangt und, durch Yoga geläutert, ihre Verunreinigungen abgestreift haben, steigen sie allmählich durch die Hüllen empor; sind sie [einmal] aufgestiegen, fallen sie nicht [wieder herab].
sa yal lokān atikramyaite yāṃ bhūmim adhirohitāḥ | punas te na nivartante tiṣṭhanty ūrdhvaṃ vrajanti vā ||
Welche Stufe auch immer sie, nachdem sie jene [niederen] Welten überschritten haben, erreicht haben – von dort kehren sie nicht mehr zurück; sie verweilen dort oder schreiten weiter nach oben fort.
[uktaḥ—] kṣīrodasaṃbhave devi padmanābhakuṭumbini | jīvaḥ ko nāma tad brūhi namas te padmasaṃbhave ||
[Er sprach:] ‚O Göttin, die du dem Milchozean entstammst, Gattin des Lotusnabeligen – was ist der Jīva? Sage mir dies; Verehrung sei dir, du Lotusgeborene!‘
[Anm.: Hier setzt ein Frage-Antwort-Dialog ein (vermutlich Indras Frage an Śrī, in Fortführung der Rahmenerzählung); der Sprecher wird in der Quelle nur mit „uktaḥ“ (er sprach) knapp eingeführt.
pūrṇāhaṃtā harer ādyā sāhaṃ sarveśvarī parā | tasyāḥ sphuṭās tu catasro me dāśārhapuṃgava ||
‚Ich bin die ursprüngliche, volle Ich-Heit Haris, die höchste Gebieterin über alles; von dieser [Ich-Heit] gibt es, o Bester der Dāśārhas, vier deutlich hervortretende [Erscheinungsformen] von mir.‘
[?] Anrede „dāśārhapuṃgava“ unsicher; unklar, ob damit Indra angesprochen ist (im Rahmen der Erzählung eigentlich der Adressat) oder ein anderer Name/Titel gemeint ist.
pramāteti vidhā tv ekā tad antaḥkaraṇaṃ parā | bahiḥkaraṇam anyā ca caturthā bhāvabhūmikā ||
Eine Art ist die des ‚Erkennenden‘ (pramātṛ); die zweite ist das innere Instrument (antaḥkaraṇa); eine andere ist das äußere Instrument (bahiḥkaraṇa); die vierte ist die Erfahrungsebene (bhāvabhūmikā) [der Objekte].
[Anm.: Fußnote 35 der Quelle: „Der Erkennende ist das Einzelwesen (jīva). Das innere Instrument ist dreifach in Gestalt von Denkorgan, Buddhi und Ahaṅkāra. Das äußere Instrument ist zehnfach in Gestalt der Erkenntnis- und Handlungsorgane. Die Erfahrungsebene ist die Gesamtheit der erkennbaren Objekte.“
pramātā cetanaḥ prokto matsaṃkocaḥ sa ucyate | ahaṃ hi deśakālādyair aparicchedam īyuṣī ||
Der Erkennende wird als bewusst (cetana) bezeichnet; er wird als eine Kontraktion (saṃkoca) von mir bezeichnet, denn ich bin ja [an sich] eine, die Unbegrenztheit durch Ort, Zeit und dergleichen erlangt hat.
svātantryād eva saṃkocaṃ bhajāmy ajahatī satām | prathamas tatra saṃkocaḥ pramātā iti kīrtyate ||
Allein aus [meiner eigenen] Unabhängigkeit nehme ich Kontraktion an, ohne das wahre Sein preiszugeben; die erste Kontraktion dabei wird als der ‚Erkennende‘ (pramātṛ) bezeichnet.
So wie das Universum in mir, dem Bewusstseins-Selbst, aufgelöst verweilt, ebenso [verhält es sich] mit diesem im Erkennenden – gleich einem [Abbild] im Inneren eines Spiegels.
[Lücke: Die folgende Textpassage (etwa Vv. 39–43 der Quellzählung) ist im Digitalisat durch eine zweispaltige Druckanordnung der Verse verzerrt – die OCR-Zeilenfolge springt zwischen zwei parallelen Textspalten hin und her (Verszahlen erscheinen in der Reihenfolge 37, 42, 38, 43, 39, 45, 40 …), sodass sich die ursprüngliche Versfolge nicht mehr zuverlässig rekonstruieren lässt.]
[Anm.: Inhaltlich lässt sich erkennen, dass ein Strang die Lehre von Einheit/Zweiheit/Dreiheit/Vierheit der Erscheinungsform des Erkennenden (ekarūpya, dvirūpatva, tririūpatva, caturbhidam) im Verhältnis zu Wissen, Form und Handlung fortführt, während ein zweiter Strang mit dem ‚höchsten Raum‘ (paramaṃ vyoma) und den Attributen des Bhagavān (jñāna, śakti, bala, aiśvarya, vīrya, tejas) verbunden ist. Beide Stränge werden hier aus Gründen der Textredlichkeit nicht als eigenständige Verse wiedergegeben, sondern als dokumentierte Lücke belassen; eine sorgfältigere Aufschlüsselung bleibt einer künftigen Sitzung vorbehalten.
bhagavatas tattvāni padmākṣi kati kīdṛgvidhāni ca | vyācakṣva etāni me devi namas te sarasīruhe ||
‚Wie viele Prinzipien (tattva) des Bhagavān gibt es, o Lotusäugige, und von welcher Art? Erkläre mir diese, o Göttin; Verehrung sei dir, du Lotusgeborene!‘
[Anm.: Diese Frage bildet den unmittelbaren Übergang zum siebten Adhyāya, dessen erster Vers Śrīs Antwort einleitet („vyācakṣe 'haṃ tataḥ śakra kramaśas tattvapaddhatim“ – „Ich werde dir nun, o Śakra [Indra], der Reihe nach die Ordnung der Prinzipien erklären“).
So endet, in der Essenz des Pāñcarātra, im Lakṣmī-Tantra, das Kapitel mit dem Namen „Erhellung der sechs Hüllen“ (Ṣaṭkośaprakāśa), das sechste Adhyāya.