Paṭala 16: Ṣoḍaśo 'dhyāyaḥ (Upāyaprakāraviivaraṇam)
Sechzehntes Kapitel (Ausführliche Darlegung der Art der Mittel)
Śrī vertieft zunächst die Sāṅkhya-Lehre (Mahat als dreifach — sattvisch: Buddhi, rajasisch: Prāṇa, tamasisch: Kāla; Ahaṃkāra als dreifach daraus entstehend; die Tanmātras, Indriyas und Manas; insgesamt 24 Tattvas, unter ausdrücklichem Verweis auf die bereits in Kap.12 gegebene ausführliche Darstellung), bevor sie zu den vier upāyas zurückkehrt: kurze Rekapitulation von Karma (erstes Mittel) und Sāṅkhya (zweites Mittel), dann ausführliche Neu-Darlegung von Yoga (drittes Mittel, mit den Unterarten Samādhi und Saṃyama, diese wiederum je zweifach), und schließlich die Einführung des vierten Mittels, der vollständigen Entsagung (sarvatyāga) als Zuflucht allein bei Śrī.
vyākhyānaṃ mahataḥ śakra svarūpāvahitaṃ mama [?] | vaiṣamyasya samunmeṣo guṇānāṃ prathamo hi yaḥ || 1||
Höre, o Śakra, meine Erläuterung zum wahren Wesen des Mahat [des „Großen“, ersten Sāṅkhya-Prinzips] – es ist ja das erste Hervortreten der Ungleichgewichtung [vaiṣamya] der Grundqualitäten [guṇa].
[?: Das erste Versviertel ist in der OCR-Vorlage unklar überliefert und sinngemäß rekonstruiert.]
sa mahānnāma tasyāpi tridhā tisraḥ prakīrtitāḥ | sāttviko buddhirityukto rājasaḥ prāṇa eva hi || 2||
Jenes [Prinzip], Mahat genannt, wird selbst wiederum als dreifach bezeichnet: das sättvische [davon] wird „Buddhi“ [Erkenntnisvermögen] genannt, das rajasische ist eben der Lebensatem [prāṇa].
Das tamasische wird „Kāla“ [Zeit] genannt. Höre diese Erklärung: Buddhi ist [das Mahat] der Entschlusskraft [adhyavasāya], Prāṇa dasjenige der Anstrengung [prayatna].
Die Zeit [kāla] ist die Ursache der Umwandlung, die die Natur des Fortschreitens/Verrinnens [kalana] hat. Und aus der Vollendung des Mahat wiederum entstand das Ich-Prinzip [ahaṃkāra].
[?: Diese Verszeile ist in der OCR-Vorlage stark beschädigt; die Übersetzung ist eine sinngemäße, unsichere Rekonstruktion.]
Und jenes [Ahaṃkāra] soll ebenfalls als dreifach erkannt werden, entstanden aus der Ungleichgewichtung der Grundqualitäten. Aus dem tamasischen [Ahaṃkāra] aber wird die Gruppe der Elemente [bhūtagrāma], das heißt die Gruppe der subtilen Elemente [tanmātra], genannt.
Aus dem an Sattva überreichen [Ahaṃkāra] entsteht die große Gruppe der [Erkenntnis-]Sinnesorgane [indriya]; und auch die Gruppe der Handlungsorgane [karmendriya] entsteht aus dem rajasischen [Ahaṃkāra], das von beiderlei Wesensart [ubhayātmaka, d.h. taijasa] ist.
ubhayasmātsamudbhūtamitīyaṃ tattvapaddhatiḥ | acarā prakṛtirekā eva mūlabhūtā sanātanī || 7||
Aus beiden [Sattva und Tamas, vermittelt durch das rajasische Ahaṃkāra] entsteht [das Denkorgan, manas] – dies ist der Ablauf der Prinzipien [tattvapaddhati]. Die unbewegliche Urmaterie [prakṛti] allein ist die ewige Wurzel-Grundlage.
Mahat und die übrigen sieben [Prinzipien: Mahat, Ahaṃkāra und die fünf Tanmātras] sind sowohl Wirkung als auch Ursache. Aus den Tanmātras entstehen die besonderen [groben Elemente], angefangen mit dem Äther [vyoman].
buddhikarmendriyagaṇau pañcakau mana eva ca | vikārā eva vijñeyā ete ṣoḍaśa cintakaiḥ || 9||
Die beiden Fünfergruppen der Erkenntnis- und Handlungsorgane sowie das Denkorgan [manas] – diese sechzehn sollen von den Denkenden als bloße Abwandlungen [vikāra, nicht als Ursachen] erkannt werden.
Diese vierundzwanzig Prinzipien [tattva] wurden dir genannt. Welch feine Einzelheit auch immer hierzu noch zu sagen wäre, von welcher Art sie auch sei –
– all das wurde dir bereits zuvor verkündet, o Dämonenbezwinger [Indra], einschließlich [ihrer] Einteilung in die drei [Grundqualitäten] und [ihrer] jeweils eigenen Abwandlungen.
[Anm.: Verweis auf die bereits in Kap.12 ausführlich dargelegte 23/24-fache Sāṅkhya-Tattva-Lehre; das dortige Wissen wird hier vorausgesetzt und nicht wiederholt.]
Das Mittel, welches das dritte für dich ist, wird [nun] dargelegt, mit dem Namen Yoga. Yoga aber soll als zweifach erkannt werden: Samādhi [Versenkung] und Saṃyama [Bezwingung/Beherrschung].
Samādhi, entstanden aus den [Yoga-]Gliedern, angefangen mit Yama, ist der höchste, beständige Zustand. Er ist fürwahr der Zustand unmittelbarer Schau [sākṣātkāra] für die wahrhaft Wissenden, angesiedelt jenseits der Unterscheidung von Meditierendem und Meditiertem, entsprungen aus der Läuterung von aller Befleckung [mala].
[?: Eine dazwischenliegende, in der OCR-Vorlage kaum lesbare Zeile (möglicherweise ein Verweis auf ein Verweilen ‚in Nārāyaṇa, genannt Śrīnivāsa‘) wurde wegen zu großer Unsicherheit ausgelassen.]
Saṃyama ist die wahrhaftige Übung [satkarma], die einzig das höchste Selbst zum Gegenstand hat. Diese wiederum wird als zweifach bezeichnet: leiblich [śārīra] und geistig [mānasa].
vistareṇābhidhāsye te samādhiḥ saṃyamastathā | prathamo ya upāyaste karmātmā kathitaḥ purā ||
Ich werde dir Samādhi und Saṃyama im Einzelnen erläutern. Das erste Mittel für dich, von der Art des [rituellen] Handelns [karma], wurde bereits zuvor dargelegt.
saṃjñānaṃ janayecchuddhamantaḥkaraṇaśodhanāt | tena hi prīṇitā sāhaṃ sadācāraniṣpaṇāt | dadāmi buddhiyogaṃ tamantaḥkaraṇaśodhanam ||
Es erzeugt reine Erkenntnis durch die Läuterung des inneren Organs [antaḥkaraṇa]. Dadurch, durch das Vollbringen guten Wandels, erfreut, gewähre ich jenen Erkenntnis-Yoga [buddhiyoga], der das innere Organ läutert.
Sāṅkhya heißt das zweite Mittel, das dir dargelegt wurde: eine mittelbare [parokṣa], aus dem eigenen Selbst entstandene Gewissheit [nirṇaya], die zur Festigkeit gelangt ist; sobald sie gleichsam unmittelbare Anschauung [pratyakṣatā] erlangt hat, erzeugt sie höchste Liebe zu mir.
ahaṃ saṃsthāyamānā hi svarūpaguṇavaibhavaiḥ | uddhāvayāmi tajjñānaṃ prajāśca yadvivekajam ||
Ich, gegründet in der Herrlichkeit meiner eigenen Wesensnatur und Eigenschaften, erwecke jenes Wissen, das aus der Unterscheidung [viveka] entsteht, auch für [meine] Geschöpfe.
Das dritte [Mittel] aber, von der Natur des Samādhi, ist [als] Zuflucht würdig, gegenstandslos [aviṣaya] und [ein] Gewährer [von Gnade] [?]; es ist entstanden aus vorzüglichem Sattva und von überragender Gnadenfülle.
[?: Das Wort für „Gewährer“ ist in der OCR-Vorlage unklar (etwa „haraḥ“); sinngemäß als Epitheton der Gnadenhaftigkeit wiedergegeben.]
Die Art und Weise des dritten [Mittels], die als Saṃyama beschrieben wurde, [geschieht] durch mannigfach dargelegte, wahrhaftige Genüsse [bhoga], zu meinem höchsten Wohlgefallen.
ahaṃ hi tatra viśvātmā viṣṇuśaktiḥ parāvarā | sākṣādeva samārādhyā devo vā puruṣottamaḥ ||
Ich bin dabei fürwahr die Weltseele [viśvātmā], die höhere und niedere Kraft Viṣṇus [parāvarā viṣṇuśaktiḥ]; unmittelbar bin ich zu verehren – oder [ebenso unmittelbar] der Gott Puruṣottama [selbst].
iti te kathitāḥ samyagupāyāstraya īritāḥ | śṛṇūpāyaṃ caturthaṃ me sarvatyāgasamāhvayam ||
So wurden dir die drei Mittel ordnungsgemäß dargelegt und verkündet. Höre nun mein viertes Mittel, das den Namen „Vollständige Entsagung“ [sarvatyāga] trägt.
tatra dharmānparityajya sarvānuttaracāṅgakān [?] | saṃsārānalasaṃtapto māmekāṃ śaraṇaṃ vrajet ||
Dabei soll man, nachdem man alle [rituellen] Pflichten samt ihren Nebenbestandteilen aufgegeben hat, vom Feuer des Daseinskreislaufs [saṃsāra] gequält, zu mir allein als Zuflucht gehen.
[?: „sarvān uttaracāṅgakān“ (alle nachgeordneten Bestandteile) ist in der OCR-Vorlage unsicher überliefert.]
māṃ hi śaraṇaṃ prāpya nareṇānanyacetasā | prapadye svayamātmānamātmanā nidhūtākhilakalmaṣam ||
Wenn ein Mensch mit ungeteiltem Sinn mich als Zuflucht erlangt hat, dann rette ich selbst – durch mich selbst – jenes Selbst, das [nun] von aller Befleckung [kalmaṣa] befreit ist.