Paṭala 32: Dvātriṃśo 'dhyāyaḥ (Sthūlādiprakāśaḥ)
Zweiunddreißigstes Kapitel (Erhellung der groben und übrigen Gestaltweisen)
Fortsetzung der Tārikā/Anutārikā-Lehre aus Kap. 31: dreifache — grobe, feine und höchste — Gestalt der Śakti wird zunächst kosmologisch (Sonnen-Stütze, Raum-Weilen, reine/unreine Schöpfungsordnung), dann durch eine reiche Kette von Beinamen und eine ausführliche Nāmāvalī (Gāyatrī, Kuṇḍalinī, Bhrāmarī, Śabdabrahman u.v.a.) entfaltet, und schließlich — nach einem stark beschädigten technischen Mittelteil zur Korrelation mit Tattvas, Sinnen und Elementen — mit einem Gleichnis vom alldurchdringenden Licht abgeschlossen. Zwei besonders dichte technische Abschnitte (V. 32–43, V. 44–51) wurden wegen Textbeschädigung als dokumentierte Sammel-Einheiten referiert; die übrigen, klarer erkennbaren Verse wurden direkt übersetzt. Das Kapitel leitet am Ende zur Lehre der Aṅga-Mantras (Glied-Mantras) der Tārikā in Kap. 33 über.
yā hy eṣā paramā vidyā tārikā bhavatāriṇī │ sthūlaṃ sūkṣmaṃ paraṃ ceti tasyā rūpatrayaṃ śṛṇu ‖ 1 ‖ pañcavarṇaṃ caturvarṇam iti sthūlataraṃ vapuḥ │ trivarṇā sūkṣmasaṃjñā me parā viṣṇumayī sthitā ‖ 2 ‖ imās tisro hy avasthā me pratyekaṃ tu tridhā tridhā │ sthūle tu yā parāvasthā paramātmāśrayā tu sā ‖ 3 ‖ aśeṣabhuvanādhāraviṣṇuvyāpi samāśrayā │ bhoktṛbhogyātmikā ceyaṃ tasyā rūpaṃ nibodha me ‖ 4 ‖
Śrī [spricht]: Höre nun, was diese höchste Lehre (vidyā), die Tārikā [Anutārikā], die aus dem Dasein hinüberrettet, für eine dreifache Gestalt hat — grob, fein und höchst. Die fünf- oder viersilbige [Form] ist die gröbere Gestalt; die dreisilbige heißt bei mir „fein“; die höchste, ganz aus Viṣṇu bestehende [Form ist einsilbig]. Diese meine drei Zustände sind jeweils wiederum je dreifach; unter den groben [Formen] ist die höchste diejenige, die sich auf das höchste Selbst stützt — auf den alldurchdringenden Viṣṇu, die Stütze aller Welten ohne Rest gestützt, von der Natur des Genießenden und des zu Genießenden zugleich; vernimm nun von mir ihre [nähere] Gestalt.
[Anm.: Neues Thema, unmittelbar an den Schluss von Kap. 31 anknüpfend: die dreifache — grobe, feine, höchste — Gestalt der Anutārikā/Bhūti, mit jeweils weiterer dreifacher Binnengliederung.]
Durch [ihre] ewige, alldurchdringende Geburt, die Stütze aller Welten ohne Rest, gelangt sie eben durch das höchste Selbst und dergleichen zu [ihrem] wahren Wesen. Nachdem sie die vaiṣṇavische Gestalt angenommen hat, gründet sie sich selbst wiederum darin, strahlend durch den Klang der Tāraka-Silbe [Om], die Hari-Geliebte. Alles — Genießendes, zu Genießendes und dergleichen, die ganze Welt — durch ihr Denken tragend, auf den überall alldurchdringenden höchsten Ātman gestützt, [ist] die Göttin. Solange verweilt sie, Viṣṇu-gestaltig, als der höchste, feststehende Weg — die fünf [kosmischen] Funktionen vollziehende Śakti, durch dreifache Herrschermacht gestärkt.
Den Gott, der wie das brausende Weltmeer erglänzt, mit ihrem Denken belebend, auf mannigfache Erscheinungsweise gestützt — dies gilt als ihr feiner (sūkṣma) Weg. Nachdem sie sodann Schöpfung und dergleichen bewirkt hat, im Raum weilend, in der höchsten [Stufe] verharrend, ist die Göttin, die alle Herrschaft ausübt, die Ursache von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung. Auf Viṣṇu, die Sonne, gestützt, den Weltenbestand ordnend, durch die Glut des Zeit-Feuers — [dies ist] die gröbste der groben [Formen], zugleich wundersam. So wurden dir, o Vāsava, die drei Wege meiner groben [Gestalt] geschildert; höre nun, o Vṛtra-Bezwinger [Indra], die drei Wege der feinen [Gestalt].
Diese feine, höchste Herrin, jenseits jeder Zeitberechnung, verweilt beständig, sich auf den alldurchdringenden höchsten Ātman stützend. Man spricht von einer zweifachen Schöpfungsordnung, der reinen und der unreinen; im Unreinen weilt die grobe [Form], im Reinen ist die feine [Form] verankert [?]. Man erkenne diese drei Wege [der feinen Form] recht nach dem Maß ihrer jeweiligen Gröbe. Höre nun von mir die Gestalt meines höchsten Leibes, o Śakra: alldurchdringend, göttlich, ungeteilt, makellos — jene höchste, ganz aus mir bestehende Śakti, die unter dem Namen Viṣṇu verkündet wird.
Sie ist die vaiṣṇavische Wirklichkeit selbst; sie gilt als Haris eigenes Ich-Bewusstsein (ahantā); sie ist das Ziel der Yogis; sie ist der Weg der Sāṅkhya-Kenner. Sie ist die höchste Gestalt, sie ist der höchste Weg; sie ist die ursprüngliche Kuṇḍalinī-Śakti, die „Bienenartige“ (Bhrāmarī), die Yoga verleiht. Sie ist die unangeschlagene (anāhata), lautlose, unbegrenzte, aus dem Nāda-Klang entstandene [Kraft], das Śabdabrahman, der beste Ursprungsschoß der roten Mātṛkā [der Buchstaben-Göttin].
[Anm.: Reiche Kette von Beinamen der höchsten Śakti, die Vedānta-, Yoga- und Sāṅkhya-Terminologie ebenso wie die aus dem Haṭhayoga/Tantra bekannte Kuṇḍalinī- und Nāda-Lehre miteinander verknüpft.]
Gāyatrī, Kalā, Gaurī, Śacī, die Göttin Sarasvatī; Vṛṣākapāyī, Satyā, Gattin des Lebenshauchs (Prāṇapatnī), die Ruhmreiche; Indras Gattin, die große Kuh, Aditi, Freude der Götter; die Mutter der Rudras, die den Vasus Zuträgliche; die Schwester der Ādityas, der Nabel, die höchste Stütze des Nektars; Iḍā, Freude (Rati), die Liebevolle, die erhabene Nährerin des [Welten-]Lehrers; die Erde, der Ruhm, die Dreiheit [der Veden], die Kuh, die Lebenshauche Liebkosende; die Kraft, die Urnatur, die große Königin, die Milchreiche; Tārā, Sītā, auch Śrī, die Liebe zum Begehren Hegende, die Treue; die Jugendliche, die Herrliche, die Gestaltlose, die Gestaltenreiche; Ambikā, die Schöne, die Älteste, die Linke, die Schreckliche, die Geistgewobene; die Vollendete, die Lehrmeisterin, die Yoga [selbst], die Yoginī, die Yoga-Bewirkende.
[Anm.: Ausführliche Namensreihe (Nāmāvalī) der höchsten Śakti, stilistisch mit der Buchstaben-Nāmāvalī aus Kap. 25 verwandt, hier jedoch eine Kette eigener Göttinnennamen und -beinamen, vergleichbar etwa dem Muster späterer Sahasranāma-Hymnen.]
Diese und weitere Namen von ihr wurden, o Śakra, von den Weisen, die den Lehrgrund [der Schriften] durchdrungen haben, als Geheimnisse verkündet. Diese höchste, göttliche Śakti besteht in dreierlei Gestalt; als grob, fein und höchst wurde diese Dreiheit dargelegt. Ihr eigenes Wesen wurde [bisher] geschildert, so wie es besteht; höre nun von mir seine Erklärung nach der Weise des „Unermesslichen“ (aprameya). Wenn jenes höchste, unwandelbare Brahman, das die sechs Eigenschaften hat und Vāsudeva genannt wird, alle Unterschiede eingezogen hat und eines allein ist — dann wird der Gott von den Yogis unter dem Namen „Unermesslich“ erfahren, sei es ohne Unterscheidung von Durchdringendem und Durchdrungenem, sei es ohne Schöpfung und Geschaffenes. Dann ist er dicht/kompakt, und nichts anderes Unermessliches gibt es von ihm; er ist gleichsam formlos leer, gleichsam allseits eingeschlafen.
[Anm.: Dieser lange, im Scan stark beschädigte Abschnitt entfaltet, dem Muster der vorangehenden Kapitel folgend, eine technische Korrelation der Ṣāḍguṇya-Gestalt mit dem Willensentschluss (saṃkalpa, benannt Vāsudeva), mit Māyā als „Brahmans Willensform beim Sich-Ausbreiten“, mit einer die fünf kosmischen Funktionen (pañcakṛtya) bewirkenden „Fünf-Bindu“-Göttin, sowie mit den einzelnen Lauten der Aussprache-Orte (Zunge usw.) — offenbar eine erneute Zuordnung von Silben zu Vyūhas/Tattvas nach dem in Kap. 29–31 etablierten Muster. Die genaue Wortfolge lässt sich aus dem verfügbaren Scan nicht mehr zuverlässig rekonstruieren.]
[Anm.: Auch dieser Abschnitt ist im Scan stark beschädigt; er scheint die Göttin Indirā (Śrī) in zweifacher Erscheinungsweise (Eigengestalt und Zügelung/niyama) durch mehrere Kategorienpaare hindurch zu verfolgen — die Silbe „ma“ als reines Bewusstsein, das aus Māyā hervorgegangene dreigunige Prinzip (Silbe „ī“), die Trias Buddhi/Ahaṅkāra/Manas, die Erkenntnis- und Handlungssinne sowie die fünf Elemente und die fünf „Vibhūtis“ (Herrlichkeiten) — jeweils in eine grobe und eine feine Erscheinungsweise unterteilt.]
Durch siebzigfache Unterscheidungen im reinen und im unreinen Pfad ausgebreitet, trägt diese Śakti von selbst, wie ein Fluss, einen vielgestaltigen Leib. Wer diese höchste Herrin in solcher Ausbreitung betrachtet, gelangt zum höchsten, ewigen Ort Viṣṇus. Wohin auch immer sie, im reinen wie im unreinen Pfad, geht — überall dorthin bleibt sie, ohne ihn aufzugeben, mit Viṣṇu verbunden. Durch die Verbindung von einem, zwei oder mehr [Lauten] als Vokal und Konsonant gestaltet, in den Klassen des reinen und unreinen Pfades verankert, wird sie auf mannigfache Weise unterschieden. Von den Tattva-Kennern soll diese, [nun] frei von [äußerer] Verhaftung [?], selbst wiederum als dreifach erkannt werden, nach grober und weiteren Gestaltweise: die grobe [Form] ist mit der Schöpfertätigkeit verbunden, die feine mit dem Raumherrn [Element Äther] verbunden; die makellose, höchste [Form] aber, [als der Laut] „ī“, ist von [reiner] Zuneigung erfüllt [?]. Unerschütterlich wie eine Lampenflamme ist diese höchste Ranke Viṣṇus; in ihren eigenen Stütz-Lotosblüten tritt sie ein und verweilt.
Vom Unterleib bis zum Scheitel dem Pfad Brahmans folgend, ist sie, die Eine, strahlend, glänzend, läuternd und ruhmreich. Aus dem Brahmarandhra [der Scheitelöffnung] hervorgetreten, den großen Lotos erreichend, ist sie, durchwoben wie Kette und Schuss [eines Gewebes], im höchsten Wonne-Brahman [verankert].
vilāpya māyām evaṃ rūpam amṛtaṃ prāpayen naram │ mantrāṇāṃ manmayānāṃ hi mantrair viṣṇumayaiḥ saha ‖ 61 ‖ sā me nūnam anūnaśrīr iti saṃkhyā parā hi yā │ te ca sāṃkhyā dvayā mantrā japādbhogāpavargabhedāḥ ‖ 62 ‖ asyā eva parāyās tu vipruṣaḥ parikīrtitāḥ │ yathā hi kiraṇatrātaṃ tejastvaṃ vyāpya tiṣṭhati ‖ 63 ‖ yathā hi pārthivān bhāvān vyāpya sthitvā vyavasthitam │ nānāvibhavasaṃsthānaṃ nānābhuvanasaṃsthitam ‖ 64 ‖ bāhyam ābhyantaraṃ caiva bhāvaṃ śabdamayaṃ svayam │ vyāpyaivam iyaṃ sthitā devī viṣṇupatnī yaśasvinī ‖ [65?] ‖ sthūlasūkṣmādibhedo 'yaṃ yathāvac chakra darśitaḥ │ tārikāyām idānīṃ tv am aṅgādīni śṛṇuṣva me ‖ 66 ‖
Nachdem er so die Māyā [gleichsam] aufgelöst hat, führe er den Menschen zum Unsterblichen, mit Hilfe der aus mir bestehenden Mantras zusammen mit den ganz aus Viṣṇu bestehenden Mantras. Sie ist wahrhaftig meine niemals verminderte Śrī, genannt die höchste Zahl (saṃkhyā); diese Sāṅkhya-Mantras unterscheiden sich zweifach, je nachdem, ob sie für Rezitation, [weltlichen] Genuss oder Erlösung [bestimmt sind]. Als die Tropfen/Strahlen eben dieser höchsten [Śakti] werden [die einzelnen Erscheinungen] gepriesen — so wie ein Strahlenbündel, alldurchdringend, im Glanz verharrt. So wie [dieser Glanz], die irdischen Dinge durchdringend, in mannigfacher Gestalt und mannigfacher Welt beständig verweilt — innerlich wie äußerlich, von Natur aus lautgestaltig — so verweilt, alles durchdringend, diese Göttin, Viṣṇus ruhmreiche Gemahlin. Diese Unterscheidung von grober, feiner und weiterer [Gestalt] wurde dir, o Śakra, wahrheitsgemäß gezeigt; höre nun von mir die Glied-Mantras (aṅga) und dergleichen der Tārikā.
So lautet im Lakṣmī-Tantra, dem Kern des ehrwürdigen Pāñcarātra, das zweiunddreißigste Kapitel, betitelt „Erhellung der groben und übrigen [Gestaltweisen]“.