Paṭala 49: Ekonapañcāśo'dhyāyaḥ (Māyāmantrasiddhiprakāśaḥ / Pratiṣṭhāvidhiḥ)
Neunundvierzigstes Kapitel (Die Offenlegung der Vollendung des Māyā-Mantra / Die Vorschrift der Bild-Installation)
Ungewöhnlich langes Doppelkapitel (ca. 149 Verse): Abschluss der vierfachen Mantra-Siddhi-Lehre mit Māyās phantasievollem Illusions-Siddhi-Katalog, gefolgt von einer theologisch bemerkenswerten Reflexion über den Sinn der Bildnis-Installation (pratiṣṭhā) und der ausführlichen äußeren wie inneren Konsekrationslehre für ein Kultbild (Kolophon-Titel: „Pratiṣṭhāvidhi“).
[V. 1–49, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]
[Anm.: Wie in Kap. 46–48 wird zunächst ein Yantra für Māyā konstruiert, mit ihrer Dhyāna-Gestalt, ihren vier Gefährtinnen und vier Dienern (bereits in Kap. 45 benannt), gefolgt von Verehrung, Rezitation und Feueropfer. Es folgt der ausführlichste und phantasievollste Siddhi-Katalog der vier Mantra-Kapitel, ganz dem illusionistischen Wesen der Māyā gemäß: mit dem Mantra besprochene Bilva-Frucht bzw. Reiskörner lassen, in eine Schatzkammer oder ein Kornlager geworfen, augenblicklich vom Himmel regnen, was immer man sich wünscht — Geld, Schmuck, Gewänder, Getreide; ein mantrisch geweihter Reisball verwandelt sich binnen eines Augenblicks in gekochte Speise; wirft man eine besprochene Kuhmist-Kugel ins Feuer und ruft sich das Gewünschte ins Gedächtnis, erscheint es vor einem; ein besprochener Zweig zieht Früchte eines fremden Gartens herbei, besprochene Blüten lassen sich aus der Ferne heranziehen. Vor allem aber lässt sich durch bloße geistige Vorstellung (saṃkalpa) und Rezitation ein illusionäres eigenes Heer aus Elefanten, Streitwagen, Pferden und Fußvolk erschaffen, das ein feindliches Heer augenblicklich in die Flucht schlägt; ein einzelner Baum lässt sich durch bloßen zornigen Blick fällen oder durch Rezitation mit den Händen zum Fruchttragen bringen; auf ähnliche Weise lässt sich ein ganzer Berg heben und wieder versenken. Den Höhepunkt bildet die Erschaffung einer vollständigen illusionären Lustgarten-Stadt — mit Teichen, Gärten, Stadtmauern, Palästen, Tempeln, Gesang und Musik, einem Paradies (Nandana) gleich —, in der man nach Belieben Speisen, Getränke und mancherlei Genüsse herbeiwünschen kann.]
mūrtiś caturthyā vai tv atra prabhāvo'yaṃ mahādbhutaḥ │ leśato darśitas tasyāḥ sākalyaṃ mama durvacam ‖ devīcatuṣṭayasyaiṣa siddhisaṅghaḥ samāsataḥ │ kiṃcil leśataḥ proktaḥ sādhakānāṃ hitāya ‖ tebhyo divyāni bhūtāni prayacchati śubhāni ca │ vimalāṃ ca manaḥśuddhim ante ca paramaṃ padam ‖56‖ prakāśayati bhaktānāṃ vaiṣṇavaṃ cāvināśitam[?] │ vistīrṇām iti māṃ lakṣmīm iyatībhir vibhūtibhiḥ ‖ bhajeta vividhair evaṃ kṣemaṃ kṛtvā manaḥsthitam[?] │ namo devādidevyai te namo vaikuṇṭhavallabhe ‖58‖
Dies also ist die wundersame Machtfülle der vierten Gestalt, hier nur andeutungsweise gezeigt; ihre Gesamtheit auszusprechen vermag selbst ich nicht. Dies ist, in Kürze zusammengefasst, die Gesamtheit der Vollendungen (siddhi) der vierfachen Göttin, zum Nutzen der Übenden nur andeutungsweise mitgeteilt. Ihnen gewährt sie göttliche und heilvolle Dinge, makellose Reinheit des Geistes, und am Ende den höchsten Ort; sie offenbart den Ergebenen das unvergängliche vaiṣṇavische Wesen[?]. So verehre man mich, die so ausgedehnte Lakṣmī mit so vielen Manifestationen, auf mancherlei Weise, den Geist in Frieden gefestigt: Verehrung dir, o Göttin der Götter, Verehrung dir, o Geliebte des Vaikuṇṭha!
[Śakraḥ:] kasmin lakṣye manaḥ kṛtvā bhajeyaṃ tvāṃ surottama ‖59‖ [Śrīḥ:] eko nārāyaṇo haṃsaḥ ṣāḍguṇyāmṛtavāridhiḥ │ tasyāhaṃ paramā śaktir viṣṇor anapagāminī ‖60‖ sāham aṅkasthitā tasya yathā te pūrvam īritā │ lakṣyaṃ tad eva te śakra manasaḥ sthairyakāraṇam ‖61‖ sarvalakṣaṇasampannāṃ suvarṇarajatādibhiḥ │ nirmāya māṃ vibhor aṅkasthāyinīṃ śāstradṛṣṭataḥ ‖62‖ pratiṣṭhāpya vidhānena tais tair bhāvair bhajasva mām │ [Śakraḥ:] namas te jagadāvāse manonayananandini │ yuvayoḥ sthāpanaṃ kīrtyaṃ bimbe ṣāḍguṇyanirmite ‖63‖ [Śrīḥ:] sarvabhūto yathā viṣṇur devaḥ ṣāḍguṇyavigrahaḥ │ sarvabhūtātmabhūtasthā tādṛg evāham adbhutā ‖64‖ pratiṣṭhitāyāḥ striyā mama nārāyaṇasya ca │ vastutaḥ kā pratiṣṭhā syāt sarvaṃ yad vaiṣṇavaṃ jagat ‖65‖ tam imaṃ vāstavaṃ bhāvam ārūḍhaṃ mānasaṃ yateḥ │ arcāpratiṣṭhā cety ete vikalpāḥ pravijṛmbhitāḥ ‖66‖ śṛṇu tatra pratiṣṭhāṃ me yathāvad vṛtrasūdana │ yayā vihitayā dehī kṛtārthāṃ prapadyate ‖67‖
[Śakra:] Auf welches Ziel [der Anschauung] soll ich den Geist richten, um dich zu verehren, o Bester der Götter? [Śrī:] Der eine Nārāyaṇa, der Haṃsa, der Nektar-Ozean der sechs [göttlichen] Eigenschaften — von ihm bin ich die höchste Kraft (śakti), von Viṣṇu nie getrennt. Ich bin es, die auf seinem Schoß weilt, wie dir zuvor schon gesagt wurde; eben dies ist das Ziel der Anschauung, das die Ursache der Beständigkeit deines Geistes bildet. Nachdem du mich — mit allen ikonographischen Merkmalen versehen, aus Gold, Silber und dergleichen — als auf dem Schoß des Alldurchdringenden weilend, gemäß den Schriften, hast anfertigen lassen, und mich nach der Vorschrift installiert (pratiṣṭhā) hast, verehre mich mit jenen mancherlei Andachtsweisen. [Śakra:] Verehrung dir, Wohnstatt der Welt, Freude von Geist und Auge! Verkünde die Aufstellung von euch beiden im Bildnis, das aus den sechs Eigenschaften gebildet ist. [Śrī:] So wie der Gott Viṣṇu, die Verkörperung der sechs Eigenschaften, in allen Wesen gegenwärtig ist, ebenso bin, wundersamerweise, auch ich als das Selbst aller Wesen gegenwärtig. Da ich und Nārāyaṇa demnach schon überall gegenwärtig sind — was in Wirklichkeit könnte „Installation“ (pratiṣṭhā) bedeuten, wo doch die ganze Welt vaiṣṇavisch [von Viṣṇu durchdrungen] ist? Dieser wahre Sachverhalt, im Geist des Asketen bereits erhoben — „Bildnis“ und „Installation“ sind demgegenüber lediglich entfaltete Begriffsunterscheidungen (vikalpa). Höre dennoch von mir, wie es sich gehört, o Vṛtra-Bezwinger, die Lehre von der Installation, durch deren Vollzug der Verkörperte zur Erfüllung gelangt.
[Anm.: Eine der theologisch dichtesten Stellen des Lakṣmī-Tantra: die Frage, was die rituelle „Installation“ (pratiṣṭhā) eines Götterbildes überhaupt bedeuten kann, wenn Gott und Göttin ohnehin allgegenwärtig sind. Die Antwort löst die Spannung nicht auf, sondern erklärt Bildnis und Installation offen zu bloßen, freilich praktisch notwendigen „Begriffsunterscheidungen“ (vikalpa) für den noch nicht verwirklichten Übenden – eine bemerkenswert reflektierte, beinahe advaitische Rechtfertigung des Bildkults innerhalb einer dezidiert dualistisch-theistischen (viśiṣṭādvaita-nahen) Tradition.]
[V. 68–134, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text streckenweise stark verderbt]
[Anm.: Es folgt eine ausführliche zweiteilige Weihe-Lehre. (1) Die äußere Konsekration (ab V. 68): das nach den Bildwerk-Śāstras kunstgerecht gefertigte Doppelbild von Viṣṇu und Śrī wird mit vedischen Hymnen und geweihtem Tīrtha-Wasser gebadet, in neue Gewänder gehüllt, während Gelehrte gemeinsam die Tāraka-, Tārikā- und Anutārikā-Mantras sowie Sūkta- und Vogelzeichen-Hymnen rezitieren; bei Sonnenuntergang wird das in Tuch gehüllte Bildnis mit Wahrheits- und Sarasvatī-Hymnen [besungen], und mit goldfarbenen Ṛg-Versen eine nächtliche Verehrungswache (adhivāsana) durchgeführt; am folgenden, reinen Sonnenaufgang wird das Bild nach Osten ausgerichtet auf die Weihe-Plattform gebracht, und schließlich öffnet ein gebadeter, rein gekleideter, mit „göttlicher Schau“ begabter Bildhauer mit einer goldenen, mit dem Augen-Mantra geweihten Nadel die Augen des Bildnisses (netronmīlana) – die eigentliche Belebung des Kultbildes. (2) Eine innere, yogische Ergänzungslehre (ab V. 122, „Īśvarasandhāna“ genannt): der Übende visualisiert eine Pulsation (spanda), die durch beide Nasenlöcher zwischen dem eigenen Herzlotos und dem Herzlotos des Bildnisses hin- und herschwingt, erkennt beim wechselseitigen Anschauen ihre Wesenseinheit, und verfolgt sodann die Lautgestalt des Mantra durch die vier Sprachstufen zurück – von der groben Vaikharī über Madhyamā zur Paśyantī bis zur lautlosen Parā, dem reinen, willens- und lautlosen Bewusstseinsgrund –, um schließlich die eigene und die des Bildnisses „Aussprechbarkeit“ (vācya) im Herzlotos als eins zu erschauen. Eine Fußnote der Ausgabe zitiert dazu eine Stelle der Pārameśvara-Saṃhitā zur Bekräftigung der Nāḍī-Pulsation als Kennzeichen der Bildnis-Beseelung. Das Kapitel schließt mit einer prägnanten Auflösung der in V. 60–67 aufgeworfenen Spannung: die Installation (pratiṣṭhā) selbst wird abschließend als in Wahrheit nichts anderes als reine, unmittelbare Erkenntnis (jñāna) erklärt – ohne Erkenntnis gebe es für die Menschen kein anderes Mittel zur Befreiung.]