Quellen der Menschheit

Lakṣmī-Tantra

Paṭala 51: Ekapañcāśo'dhyāyaḥ (Tantrārthasaṃgrahaḥ, Lakṣmītantroddhāra-Sonderkapitel) Einundfünfzigstes Kapitel (Kompendium des Tantra-Sinns; Sonderkapitel aus dem „Lakṣmītantroddhāra“)

Nur in einer Handschriftenvariante (laut editorischer Fußnote: „Madras Government Oriental Manuscripts Library“) überliefertes Einschub-Kapitel mit eigener Kolophon-Formel, das sich thematisch von den umgebenden Kapiteln abhebt: eine Rahmenerzählung (Nāradas Bitte an Brahmā/die Göttin Padmā um eine Zusammenfassung der Tantra-Klassifikation, insbes. der vier Pādas caryā/kriyā/jñāna/yoga), gefolgt von einer knappen Vyūha-/Vibhava- und Bewusstseinszustands-Lehre sowie einer (durch Druck-Zeilenvermischung in der Quelle beschädigten) Zusammenfassung der vierstufigen Wort-Sprachmystik (parā/paśyantī/madhyamā/vaikharī).

utpattipralayau caiṣāṃ spaṣṭaṃ[?] caivāvadhāritam │ pratipattivirodhāśca yeṣu teṣu yathā tathā ‖1‖ nilayāni[?] pañca kathyante kādācitkāni cāpi yat │ caryāpādakriyāpādau pādau ca jñānayogayoḥ ‖2‖ iti nānāvidhaṃ tantraṃ catuṣpādopaśobhitam │ purākalpadvayāpūrvakalpaiśca vidyāsaiśca[?] saṃmitam ‖3‖ rahasyānekasaṃbhedaṃ nānāvākyopaśobhitam │ lakṣmītantrāhvayaṃ samyak sadyaḥ pratyāyakaṃ nṛṇām ‖4‖ mayā samāhitenaiva yathāvad avadhāritam │ asya vistṛtarūpatvāt samyag atra viparyayāt[?] ‖5‖ cetaso'sya balaṃ tv ācca[?] yathāvan naiva bhāsate │ asmān mahārṇavād divyaṃ jñānaparipūritān[?] ‖6‖ sarvataḥ sāram uddhṛtya tryekānāṃ[?] hitakāmyayā │ tantrasaṃkṣepam ākhyāhi namas te padmasaṃbhave ‖7‖ [nāradaḥ—] iti saṃcoditā devī vatsalā[?] payasvinī │ smitena manasā padmā prākaṭyāsyam anvayāt[?] ‖8‖ sādhu saṃbodhitā samyag vatsa pūrvaniṣūdana[?] │ śṛṇu saṃkṣepam ākhyāmi tantrād asmāt samudbhūtam ‖9‖

Von diesen [Tantras] sind Entstehung und Auflösung klar[?] festgestellt worden, ebenso die Übereinstimmungen und Widersprüche [ihrer Lehrmeinungen] — in welchen [Tantras] auch immer, eben wie sie sind. Fünf Bestandteile[?] werden genannt, sowie das, was nur gelegentlich [vorkommt]: der Wandlungs-Teil (caryā-pāda) und der Handlungs-Teil (kriyā-pāda), sowie die beiden Teile der Erkenntnis (jñāna) und des Yoga. So ist das mannigfaltig gestaltete Tantra, geschmückt mit vier Teilen, bemessen nach zwei früheren[?] Weltzeitaltern (kalpa) und nach uralten Wissensüberlieferungen[?]. [Dieses Tantra], reich an geheimen Unterscheidungen, geschmückt mit vielfältigen Aussprüchen, mit Namen „Lakṣmī-Tantra“, ist für die Menschen wahrhaftig und sogleich überzeugend. Von mir selbst, gesammelten Sinnes, ist es so erfasst worden, wie es wirklich ist; wegen seiner ausführlichen Gestalt will ich es hier recht darlegen, ohne Verkehrung[?]. — Die Kraft seines Denkens[?] erscheint nicht in gebührender Weise[?] — aus diesem großen Ozean, erfüllt von göttlichem Wissen[?] — [Vers stark verderbt]. Nachdem ich von überallher die Essenz herausgezogen habe, zum Heile der drei[?] [Welten], verkünde mir die Zusammenfassung des Tantra — Verehrung sei dir, o Lotusgeborener [Brahmā]! [Nārada spricht:] So gebeten, wandte sich die Göttin, liebevoll[?] und segensreich[?], Padmā [Śrī/Lakṣmī], mit lächelndem Sinn [ihm] zu und begann zu sprechen[?]. „Wohl und recht bist du gefragt worden, o Sohn, [du] Bezwinger der Früheren[?]. Höre — ich will in Kürze verkünden, was aus diesem Tantra entstanden ist.“

[Anm.: Kapitel 51 ist im Quellendigitalisat ausdrücklich als SONDERKAPITEL ausgewiesen: eine editorische Fußnote (mit Verweis auf eine „Madras Government Oriental Manuscripts Library“-Handschrift) vermerkt, dass die nachfolgenden Kapitel nur in einer bestimmten Handschriftenvariante überliefert sind, nicht im durchgehenden Haupttext — entsprechend weicht auch die Kolophon-Formel vom sonst im Werk üblichen Muster ab (s. 51.col). Inhaltlich beginnt das Kapitel mit einer eigenen Rahmenerzählung: Nārada bittet den Lotusgeborenen [Brahmā] um eine Zusammenfassung der Tantra-Klassifikation (die vier Pādas caryā/kriyā/jñāna/yoga, bereits aus der Sātvata-Saṃhitā bekannt), woraufhin die Göttin Padmā [= Śrī/Lakṣmī] selbst zu antworten beginnt. Die OCR-Qualität dieses Sonderkapitels ist merklich schlechter als im übrigen Werk, entsprechend zahlreich die [?]-Markierungen.]

arhatā sarvabhūtānām aham asmi sanātanī │ ārohaṇāvarohaṇe viśvasiddhikarī smṛtā ‖10‖ paramaṃ yad arhatākhyaṃ turyātītaṃ tad ucyate │ paraṃ brahma paraṃ dhāma lakṣmīnārāyaṇaṃ tu tat ‖11‖ na tatra pravibhāgo nau bhavadbhāvavyavasthitau │ unmeṣas tatra yo nāma yathā candrodaye'mbudhau ‖12‖ ahaṃ nārāyaṇī śaktiḥ sisṛkṣālakṣaṇā tathā │ turyāvasthā ca sā me syāt pariṇāmodbhavātmikā ‖13‖ śuddhāśuddhamayo bhāvaḥ sarvo'py antargatas tadā │ vyūhāśca vibhavāścaiva tathā vyūhāntarādikāḥ ‖14‖ ayaṃ śuddhamayo bhāvo yac cānyad bhagavanmayam │ vyūhe ca vibhave caiva tathā vyūhāntarādike ‖15‖ suṣuptādyā avasthā me pratyekaṃ caivam unnayet │ avyaktamahadādyāśca tathā caikārikaṃ jagat ‖16‖ śuddhetaras tv ayaṃ bhāvas tisro'vasthāśca tatra vai │ pratyekam unnayec caivaṃ tatra tatra divaspate[?] ‖17‖ bhūte sthite ca vijñeyā dvā etāś caturvidhāḥ │ aparo'sti kramas tv evaṃ śuddhāśuddhamaye'dhvani ‖18‖

Ich bin, würdig der Verehrung durch alle Wesen, die Ewige; in Aufstieg und Abstieg werde ich als die Bewirkerin aller Vollendung (siddhi) des Universums gedacht. Das, was „die höchste Würde“ genannt wird, jenseits selbst des vierten Zustands (turya), das nennt man das höchste Brahman, die höchste Stätte — das eben ist Lakṣmī-Nārāyaṇa. Dort gibt es zwischen uns beiden, die wir im Zustand des Werdens verharren, keine Trennung; das dortige „Sich-Öffnen“ (unmeṣa) ist wie der Mondaufgang über dem Ozean. Ich bin die Śakti Nārāyaṇas, gekennzeichnet durch den Wunsch zu erschaffen; und jener mein turya-Zustand ist von der Natur des durch Wandlung (pariṇāma) Entstehens. Dann ist alles Sein, ob rein oder von gemischt reiner-unreiner Natur, in jenem Zustand enthalten — die Vyūhas [Emanationen] und Vibhavas [Erscheinungsformen], ebenso die weiteren Unter-Emanationen. Dies ist der rein-natürliche Zustand, und was auch sonst von der Natur des Erhabenen ist — in der Vyūha wie in der Vibhava, ebenso in den weiteren Unter-Emanationen. Meine Zustände, beginnend mit dem Tiefschlaf, sind jeweils entsprechend zu verstehen — ebenso das Unentfaltete (avyakta), das Mahat und so fort, sowie die eine, einheitliche Welt, die daraus hervorgeht. Dieser Zustand aber, der nicht rein ist, hat dort drei Verfassungen; jede ist ebenso zu verstehen, dort und dort, o Herr des Himmels[?]. Im Vergangenen wie im Gegenwärtigen sind diese beiden [Zustandsgruppen] als je vierfach zu erkennen; es gibt aber noch eine weitere Abfolge auf dem Weg von reiner-unreiner Natur.

[Anm.: Fortsetzung der Lehrrede der Göttin (Padmā/Śrī) an Nārada: eine knappe Zusammenfassung der bereits aus früheren Kapiteln bekannten Vyūha-/Vibhava-Emanationslehre sowie der vier Bewusstseinszustände (Wachen/Traum/Tiefschlaf/turya), hier auf die Selbstbeschreibung der Göttin als Nārāyaṇas Śakti und als turya-Zustand angewandt. V.17 endet mit der Anrede „divaspate“ [Herr des Himmels], die eigentlich Indra zukäme — ein Indiz dafür, dass der Verfasser dieses Sonderkapitels hier offenbar Formelmaterial aus dem Hauptteil des Werkes (der dort tatsächlich Indra anredet) unverändert übernommen hat.]

[V. 19–32; laut ausdrücklichem Vermerk der Quelledition selbst ('the lines are mixed in the printing') an dieser Stelle zeilenweise durcheinandergeraten — keine verlässliche fortlaufende Rekonstruktion möglich]

[Anm.: Die Quelledition vermerkt an dieser Stelle selbst ausdrücklich, dass die Druckzeilen durcheinandergeraten sind (ein Fall von Spalten-/Zeilenvermischung, wie er in diesem Projekt bereits mehrfach beobachtet wurde, vgl. Kap. 49) — eine verlässliche Vers-für-Vers-Rekonstruktion ist daher hier nicht möglich; stattdessen wird der erkennbare Lehrinhalt referiert. Der Abschnitt behandelt Aufstieg (āroha) und Abstieg (avaroha) des Wortes (śabda) durch die vier klassischen Stufen der Sprachmystik: von der reinen, geeinten Bewusstseinsform über parā (die „höchste“, hier mit prāṇa/Atem verbunden), über paśyantī (die „schauende“, als vereinigtes śakti-nāda-Paar), über madhyamā (die „mittlere“, mit dem Auftreten des bindu/Silben-Keims) bis zur vaikharī (der vollständig artikulierten, hörbaren Sprachstufe) — sowie ebenso den umgekehrten Weg der Rückführung. Wer im „Wort-Brahman“ (śabdabrahman) geübt ist, erlangt das, was jenseits des Wortes ist (śabdātīta). Diese Lehre deckt sich mit der bereits in den frühen Kapiteln des Werks (Sprach-/Mantra-Kosmologie) entwickelten Theologie der Wortentfaltung, wird hier jedoch als eigenständige, knappe Zusammenfassung wiederholt.]

iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantroddhāre tantrārthasaṃgrahe ekapañcāśo'dhyāyaḥ

So endet im Kern des heiligen Pāñcarātra, im „Auszug aus dem Lakṣmī-Tantra“ (Lakṣmītantroddhāra), im „Kompendium des Tantra-Sinns“ (Tantrārthasaṃgraha), das einundfünfzigste Kapitel.

[Anm.: Auffällig abweichende Kolophon-Formel gegenüber allen übrigen Kapiteln des Werkes (sonst durchgehend „iti śrīpāñcarātrasāre lakṣmītantre ... nāma ... adhyāyaḥ“) — bestätigt den Sonderstatus dieses Kapitels als Bestandteil einer eigenständig betitelten Handschriften-Beilage, nicht des durchlaufenden Haupttextes. Kapitel 52 setzt zwar wieder mit der gewohnten Anrede „vatsa Purandara“ (Indra) ein, trägt aber dieselbe Sonder-Kolophon-Formel („Lakṣmītantroddhāre tantrārthasaṃgrahe“) und gehört damit weiterhin zur Tantrārthasaṃgraha-Beilage, nicht zur fortlaufenden Haupterzählung.]

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