Sehr langes, technisch-meditatives Kapitel (150 Verse, Text streckenweise stark verderbt überliefert): definiert den „inneren Opferdienst“ (antaryoga/antaryāga) als vollständigen, rein gedanklichen Nachvollzug der äußeren Verehrung. Entfaltet eine Thron-Vision vom Mūlādhāra (Ādhāraśakti, Kūrma, Ananta, Erdgöttin, Milchozean, Lotos) über die vier Thron-Eigenschaften (dharma/jñāna/vairāgya/aiśvarya) bis zum Cidāsana; lehrt die Wortbrahman-Philosophie (śabdabrahman, Tārikā) und das Liebespaar Nārāyaṇa-Śrī als Ziel der mit dem Puruṣasūkta begleiteten Verehrung; legt eine 16-18-gliedrige gedankliche Verehrungsfolge sowie eine ausführliche Lakṣmī-Dhyāna fest; schließt mit einem gedanklichen Feueropfer (mānasa-homa), einer Guru- und Angehörigen-Verehrung und der Ankündigung des folgenden Kapitels über den äußeren Opferdienst (bahiryāga).
Śrī [spricht]: O Śakra, [jener Zustand], der aus Brahman-Wonne besteht, [in dem] die eigentliche(?) Herrschaft über [alle] Genüsse [erkannt wird], im Innersten des Herzens weilend – das wird „Antaryoga“ (der innere Opferdienst) genannt.
[Anm.: Der Vers ist im Faksimile stark verderbt; die Übertragung folgt der wahrscheinlichsten Lesung. Damit beginnt das lange 36. Kapitel, das den in Kap. 35 V. 81 angekündigten „inneren Opferdienst“ (antaryoga/antaryāga) lehrt: die vollständige gedankliche (mānasa) Nachbildung des äußeren Ritualvollzugs.]
[V. 2–107, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text stark verderbt]
[Anm.: Die folgenden gut hundert Verse entfalten eine durchgehende, meditativ zu vollziehende Thron- und Gottesvision, die dem Ritualisten als rein gedanklicher Ersatz für die äußere Verehrung dient. Zunächst (V. 2–9) wird im Mūlādhāra die formlose, selbstleuchtende Ādhāraśakti (Trage-Kraft) erschaut; über ihr die Weltschildkröte (Kūrma), über dieser die Schlange Ananta mit Diskus und Keule, darüber die milchweiß-strahlende Erdgöttin Vasudhā, sodann der Milchozean (kundenweiß wie Jasminblüten) und ein daraus aufsteigender, sonnengleich leuchtender Lotos, auf dem eine vierarmige, lächelnde, weißzähnige Gestalt thront. Es folgt (V. 10–16) die Deutung der vier Thron-„Füße“ als dharma, jñāna, vairāgya und aiśvarya (Rechtschaffenheit, Wissen, Leidenschaftslosigkeit, Herrschaft) in den Haupt-, und ihrer Gegensätze (adharma, ajñāna usw.) in den Zwischenrichtungen, dargestellt durch acht puruṣa-förmige Gestalten (V. 17–25 nennt dazu Farbe, Veda-Zuordnung und weitere Attribute). Darüber (V. 26–34) folgt der unentfaltete Lotos (avyakta-padma), in dem die Grobelemente, subtilen Elemente, das Ich-Prinzip (im Milchozean), der Geist (im Feuer) und die Erkenntniskraft (als achtblättriger weißer Lotos) verortet werden, bevor als Krone der ganzen Säule der „Cidāsana“ (Thron des reinen Bewusstseins) erreicht wird – identifiziert mit dem Silbenpaar „aham“ (die Ich-heit Nārāyaṇas) und „tat“ (sein Wesen). Ab V. 35 wendet sich der Text der zugrundeliegenden Philosophie zu: Brahman/Nārāyaṇa als das Licht jenseits der Finsternis, Macht-Besitzer (śaktimat) seiner eigenen Macht (śakti), von reiner Bewusstseins-Wonne und den sechs Herrlichkeits-Eigenschaften (ṣāḍguṇya) erfüllt; alles Beseelte und Unbeseelte ist sein innerstes Selbst; das Wort „aham“ (ich) bezeichnet Nārāyaṇa selbst, dessen inhärente Ich-heit (ahantā) aber Lakṣmī ist – sie das Merkmal (dharma) zu seinem Merkmalsträger (dharmin), die alles bewirkende, das Weltall durchwaltende Macht. Ab V. 44 folgt eine Lehre vom Wortbrahman (śabdabrahman): aus dem unvergänglichen Bindu entfaltet sich dieses dreifach – als subtile Mantra-Gestalt, als mittlere „Tārikā“-Gestalt (die wie ein Blitz im Herzlotos aufleuchtet) und als grobe, mit den sechs Herrlichkeiten ausgestattete Bildgestalt: das Liebespaar Nārāyaṇa-Śrī, sonnen- bzw. mondgleich leuchtend, vierarmig, lotosäugig, auf dem Cidāsana sitzend, in gelbem Gewand, mit Kranz und Krone geschmückt. Diesem Paar gilt fortan die gedankliche Verehrung mittels des achtzehnstrophigen Puruṣasūkta (und des Śrīsūkta) sowie der fünf mit „Oṃ“ eingeleiteten Mantras. V. 65–107 legen schließlich detailliert eine sechzehn- bis achtzehngliedrige Verehrungsfolge (upacāra-Reihe) fest – Einladung (āvāhana), Sitz (āsana), Fußwasser (pādya), Mundwasser (ācamanīya), Bad (snāna), Kleidung und heilige Schnur, Sandelpaste, Blumen, Schmuck, Licht, Räucherwerk, Honigtrank (madhuparka), Betel und Blumenopfer in die hohlen Hände –, wobei jedem einzelnen Verehrungsschritt eine bestimmte Strophe bzw. ein Versviertel des Puruṣasūkta zugeordnet wird; ferner werden vier Arten ritueller „Genussgaben“ (bhoga) unterschieden – sättliche (mit Glanz und Wohlgeschmack), gesellige (mit Fußwasser u.ä. verbundene), zum Verzehr bestimmte und rein der Anmutung nach dargebrachte (ābhimānika, etwa durch Musik und Lobgesang) –, und nach jeder Gabe folgt die Bitt-Formel „Der Herrgott Vāsudeva möge sich erfreuen“.]
[V. 108–131(ca.), Dhyāna der Göttin Lakṣmī – Sanskrit stark verderbt, hier in sinngemäßer Übertragung wiedergegeben]
Man stelle sie sich vor, wie einen aus der Gewitterwolke aufsteigenden Blitz, sich gemäß ihrem Wunsch erhebend, [und lasse] mich [Lakṣmī], auf dem linken Schenkel des Göttergottes sitzend, [im Geiste] erscheinen: mit Armreifen, Oberarmspangen und Ohrgehängen geschmückt, den Nabel tief, den Leib von drei Hautfalten geziert, mit vollen, eng aneinanderliegenden Brüsten, das Haar bienenschwarmgleich duftend und lockig, die Lippen bimba-rot, die Zähne perlengleich, die Stirn mondsichelgleich strahlend, von allen Vorzügen erfüllt, das Antlitz einem Spiegel gleich; die eine Hand in der Geste der Gabenspende (varada), die andere einen Lotos haltend, mit einer Lotosgirlande geschmückt, an Viṣṇus linken Arm gelehnt, die Hand auf dessen Schulter gelegt[?] − eine Blumentraube in der linken Hand tragend, [dabei] bald die Geste der Furchtlosigkeit (abhaya), bald ein Zeichen des Segens[?] gebend, halb im Schneidersitz (svastika) ruhend, von einer wunderschönen Krone gekrönt. Wer sie so schaut, lasse sie sich [im Geiste] zuwenden und verehre die ewige Mantra-Gestalt erneut mit dem Wurzel-Mantra und allen übrigen Mantras wie zuvor, diesmal jedoch als Körper-Nyāsa ohne die Handgesten.
[Anm.: Diese Passage ist im Faksimile besonders schwer lesbar; die Übertragung stützt sich auf die in der Pāñcarātra- und Śrīvaiṣṇava-Literatur breit bezeugte Standard-Ikonographie der Göttin Śrī-Lakṣmī (Schmuck, Leibesmerkmale, Sitzhaltung an Viṣṇus Seite) und ist daher als sinngemäße, nicht wortwörtliche Wiedergabe zu verstehen; einzelne Gesten- und Attributbezeichnungen bleiben unsicher [?].]
[V. 132–149, gemäß OCR-Kolophon-Suche und Kontext; Text stark verderbt]
[Anm.: Die gedankliche Verehrung wird fortgesetzt: nach erneutem Blumen-, Licht-, Räucher-, Kranz- und Salbopfer sowie Fuß- und Mundwasser „im Geiste“ werden die bereits genannten fünf Handgesten (mudrā) gezeigt und die Göttin mit einer Willkommens-Formel angesprochen („Willkommen, Lotosäugige, nimm Wohnung in meinem Herzlotos, empfange diese gedankliche, ihrem wahren Sinn gemäß vollzogene Verehrung“). Danach folgt (nach Ermächtigung durch die Göttin) der eigentliche „gedankliche Opferdienst“ (mānasa yāga): mit reinen, aus dem [inneren] Entschluss geborenen, letztgültigen Gaben verehre der im inneren Verfahren wohlerfahrene [Adept], ohne äußerlich sichtbaren Vollzug. Es folgt eine Anweisung zur gedanklichen Verehrung des Gurus – ob dieser noch lebe oder bereits verstorben sei, solle man ihm gedanklich seinen ganzen Besitz übereignen; ebenso solle man gedanklich sein Vermögen unter alle Angehörigen verteilen, sie sich, wie Bäume, die aus ihrer Wurzel[ursache] hervorgehen, als in einem selbst aufgegangen vorstellend. Sodann wird ein rein gedanklicher Feueropferdienst (mānasa-homa) im „Küchenfeuer“ beschrieben, der Erlösung und Heil verleiht: im Dreieck an der Basis [des Mūlādhāra] wird das aus den drei Erscheinungsweisen (guṇa) bestehende Feuer durch das Reibholz der Meditation entfacht, mit den vorgeschriebenen Reinigungsriten geläutert, und die aus der Tārikā durch den Lautpfad bis zum Scheitel (brahmarandhra) strömende Opfergabe wird in dieses im dreifach-gezeichneten Träger wohnende Bewusstseins-Feuer dargebracht; nach Abschluss des Feueropfers wird eben dieser [innere] Entschluss selbst als gedankliche Handlung dem Herrn übereignet. Was immer [im äußeren Ritualhandbuch] vorgeschrieben ist, werde hier gänzlich gedanklich, mit vollem Bedacht und mit dem „Mir [Gott] gehörenden“ Besitz vollzogen; dieser alles umfassende, jede Frucht gewährende gedankliche Vollzug heißt „mānasa yāga“ und ist bis zum Fallen des Leibes (bis zum Tod) zu üben; erst wenn alle Ritualsubstanzen auf solche Weise durch eigene Anstrengung „zu Meinem [Gottes] Eigentum“ gemacht worden seien, dürfe man auch den äußeren Opferdienst (bahiryāga) vollziehen.]
[Śrī spricht:] So wurde dir, o Śakra, mein Antaryoga eben beschrieben. Nun vernimm von mir der Wahrheit nach auch die Gestalt des Bahiryoga (des äußeren Opferdienstes).
[Anm.: Übergangsvers zum folgenden 37. Kapitel; Verbform und Sprecherzuordnung im Faksimile unsicher [?].]