Paṭala 9: Navamo 'dhyāyaḥ (Kevalāvatāraprakāśaḥ)
Neunter Adhyāya – Erhellung der alleinigen Inkarnation (Kevalāvatāraprakāśa) (Vv. 1–18 als Zusammenfassung wegen OCR-Spaltenverwirrung, Vv. 19–57 vollständig übersetzt + Kolophon)
Quelle: archive.org/DLI in.ernet.dli.2015.326285 (Krishnamacharya-Ausgabe 1959). Antwort auf die am Ende von Kapitel 8 angekündigte Erzählung von Śrīs „alleiniger Geburt“ (kevala, d.h. ohne einen sie begleitenden männlichen Viṣṇu-Avatāra). Das Kapitel erzählt/paraphrasiert – wie mehrere Fußnoten der Quelle ausdrücklich bestätigen – zentrale Episoden des Devī-māhātmya im Mārkaṇḍeya-Purāṇa: Madhu-Kaiṭabha (Kap.1 DM), Mahiṣāsuramardinī (Kap.2-4 DM), Śumbha-Niśumbha mit der Nārāyaṇī-stuti (Kap.11 DM) und die Rahmenerzählung von König Suratha (Kap.1 DM, hier abweichend Vasiṣṭha statt Medhas als Erzähler), sowie eine ausführliche, dem 11. Kapitel des Devī-māhātmya nachgebildete Prophezeiung von Śrīs künftigen alleinigen Inkarnationen: Vindhyavāsinī/Sunandā (in Kṛṣṇas Kindheit), Raktadantikā, Śatākṣī/Śākambharī (Dürre-Mythos), Durgā (Durgama-Tötung), Bhīmā und Bhrāmarī (Bienenschwarm-Form gegen den Dämon Aruṇa). Schließt mit einer Lehre über die letztliche Untrennbarkeit von Śrī und Viṣṇu trotz ihrer scheinbar eigenständigen Inkarnationen. WICHTIG: Die Verse 1–18 sind im Digitalisat durch eine zweispaltige, zeilenweise vermischt ausgelesene Druckanordnung so stark verzahnt, dass keine verlässliche Vers-für-Vers-Übersetzung möglich war; stattdessen wird der erkennbare inhaltliche Kern in einer Zusammenfassung (Einheit 9.gap) wiedergegeben. Ab Vers 19 ist der Text deutlich klarer und wurde vollständig, Vers für Vers, übersetzt.
[Lücke/Zusammenfassung statt Vers-für-Vers-Übersetzung:] Śrī erklärt, dass die Waffen der Götter ihre eigenen Kräfte sind und dass sie mit Nārāyaṇa untrennbar verbunden ist; durch die Kraft von dessen Yoga entstehen für jeweilige Zwecke wundersame Formen, wie die vedakundigen Brahmanen ausführlich lehren. Sie nennt sich zuerst Mahālakṣmī, die höchste Herrin, dann, durch die Aufteilung der drei Guṇas, zweifach (u.a. als Brāhmī/Mahākālī). Als Mahālakṣmī wird sie im Svārociṣa-Manvantara zur Mahiṣāsuramardinī (Töterin des Büffeldämons Mahiṣa) – ihre in den Körpern der einzelnen Götter wohnenden Kräfte halfen ihr dabei, kehrten nach Vollendung der Tat in sie zurück. Es folgt ein Bezug auf das Mahiṣāntakarī-Sūkta (Hymne an die Büffeldämon-Töterin) und die Erzählung von Madhu und Kaiṭabha: Viṣṇus Yoganidrā (Schlafzauber) wird mit der Göttin Mahākālī/Durgā gleichgesetzt; durch Brahmās Bitte (das „Viśveśvarī-Sūkta“) verlässt die Göttin Viṣṇu, der daraufhin Madhu und Kaiṭabha täuscht und tötet.
[Anm.: Diese Passage entspricht inhaltlich – wie mehrere Fußnoten der Quelle explizit bestätigen – den ersten Kapiteln des Devī-māhātmya im Mārkaṇḍeya-Purāṇa (Madhu-Kaiṭabha-Episode Kap.1, Mahiṣāsuramardinī Kap.2-4). Der zugrundeliegende OCR-Text ist hier durch eine zweispaltige Druckanordnung der Verse so stark verzahnt (zwei parallel laufende Vers-Stränge, zeilenweise vermischt ausgelesen), dass eine verlässliche Vers-für-Vers-Rekonstruktion nicht möglich ist; die obige Zusammenfassung gibt den erkennbaren inhaltlichen Kern wieder, ohne einzelne Verszahlen oder exakte Formulierungen zu behaupten. Kapitel 9 selbst trägt laut Kolophon den Titel „Kevalāvatāraprakāśa“ (Erhellung der alleinigen [nicht mit einem männlichen Avatāra gepaarten] Inkarnation) – eine direkte Fortsetzung der am Ende von Kapitel 8 angekündigten Erzählung von Śrīs „alleiniger Geburt“.
tāmase tv antare śakra mahāvidyā hi yā parā | gaurīdehāt samudbhūtā kauśikīti tadā hy uta ||
In der Tāmasa-Zeit [des Manvantara] aber, o Śakra, [entstand] jene höchste Mahāvidyā; aus Gaurīs Leib hervorgegangen, wurde sie damals Kauśikī genannt.
[?] Unsicher rekonstruiert; „tāmase 'ntare“ evtl. Verweis auf eine bestimmte Manvantara-Zeit.
Nachdem durch sie die Daitya-Fürsten getötet worden waren, welche je zu töten waren, kehrten alle diese meinigen [Kräfte] in [meinen] Leib/[mein] Selbst zurück.
Ich selbst erschlug danach die beiden, Śumbha und Niśumbha; [man pries mich:] ‚O Göttin, Entfernerin der Not der sich Ergebenden, sei gnädig‘ – so [geschah es].
Die Hymne mit Namen ‚Nārāyaṇī-stuti‘, überaus schön, [entstand]; meine Lobpreisungen wurden damals von den in Verehrung vereinten Göttern verfasst.
[Anm.: Fußnote 24 der Quelle: „Die Nārāyaṇī-stuti wird im Devī-māhātmya des Mārkaṇḍeya-Purāṇa, elftes Kapitel, gelesen.“ [?] Zweite Vershälfte unsicher rekonstruiert.
Und die uralte ‚Hymne von Ursprung, Kampf und Heldenmut‘ – diese Dreiheit [von Hymnen] wird von den Brahmanen rezitiert, die im Veda und den Vedāṅgas bewandert sind.
[Anm.: Vermutlich Bezug auf die drei großen Hymnen des Devī-māhātmya (Brahmā-Hymne/Devī-Sūkta/Nārāyaṇī-stuti).
Geboren in der Familie des Hirten Nanda, aus Yaśodās Schoß hervorgegangen, werde ich, [genannt] Sunandā, als Vindhyavāsinī [die im Vindhya-Gebirge Wohnende], jene beiden vernichten.
Und wiederum werde ich, in überaus schrecklicher Gestalt auf die Erdoberfläche herabgestiegen, die an den [Berg-]Hängen haftenden großen Dämonen töten.
In eben jenem [Manvantara], o Śakra, im vierzigsten Zeitalter, [wird die Erde] lange durch Regenlosigkeit und [den Mangel an] Wasser [heimgesucht sein].
[?] Stark unsicher rekonstruiert (OCR-Stelle sehr korrupt); sinngemäß die Einleitung des Dürre-Mythos der Śākambharī.
Von den Weisen gepriesen, werde ich auf der Erde entstehen, nicht aus einem Mutterschoß geboren; sodann werde ich mit hundert Augen auf die Weisen blicken.
Die Menschen werden mich, o Śakra, als Śatākṣī [die Hundertäugige] preisen; dann werde ich die ganze Welt mit aus meinem eigenen Leib entstandenen [Pflanzen] –
Wer Śākambharī preist, meditiert, [ihr] Verehrung erweist und sich vor ihr verneigt, [erlangt] unerschöpfliche Erfahrung [...] und aus Speise und Trank entstehende Freude.
caturyuge ca prathame munibhir arthitā | sundaraṃ cātibhīmaṃ ca rūpaṃ dhṛtvā himācale ||
Und im ersten Zeitalter-Zyklus, von den Weisen erbeten, nahm ich, nachdem ich eine sowohl schöne als auch überaus furchterregende Gestalt angenommen hatte, auf dem Himālaya [Wohnsitz],
[mit den Worten] ‚O schreckliche Göttin, sei gnädig‘ – [mich preisend als] die Furchterregende, doch Furchtlosigkeit Schenkende. Im sechzigsten Zeitalter [wird] ein gewisser Dämon namens Aruṇa
Diese, o Śakra, wurden dir nur zu einem Bruchteil gezeigt – meine höchst wundersamen, furchtlosen Inkarnationen, die meinigen allein [ohne einen männlichen Gegen-Avatāra].
Als das Höchste von diesen wird jene große, unveränderlich-erhabene [Gestalt] bezeichnet: Mahālakṣmī, die Hochgesegnete, die Prakṛti, die höchste Herrscherin.
Zu ihrem Lob wurde von Brahmā und allen Göttern gemeinsam eine Hymne geschaut, beginnend mit ‚Namo devyai‘ [Verehrung sei der Göttin] – die beste, alle Wünsche gewährend.
[Anm.: Fußnote 47 der Quelle: „Dies wird im Devī-māhātmya des Mārkaṇḍeya-Purāṇa, fünftes Kapitel, gelesen.“ – Bezug auf das berühmte Devī-Sūkta.
Von dieser [Göttin] Mahālakṣmī samt ihren Inkarnationen, o Sündloser, wurden die Geburten, zusammen mit den Taten, von denen, die die Herrlichkeit der Hymnen verkünden,
einst erzählt, o Śakra, von dem großen Weisen Vasiṣṭha, im Svārociṣa-[Manvantara], dem großmütigen König Suratha,
[Anm.: Fußnote 50 der Quelle: „Diese Erzählung wird im Devī-māhātmya des Mārkaṇḍeya-Purāṇa, erstes Kapitel, gewünscht/vorausgesetzt.“ – Bezug auf die Rahmenerzählung von König Suratha, der im Devī-māhātmya selbst allerdings vom Weisen Medhas, nicht von Vasiṣṭha, unterwiesen wird; eine bemerkenswerte Abweichung des Lakṣmī-Tantra von der bekannten Devī-māhātmya-Fassung.
samādhaye ca vaidyāya (?) praṇatāya avasīdate | bhaktiśraddhāvate nityaṃ vasiṣṭhena kṛteti me ||
und dem Samādhi, dem Kaufmann (?), der sich verneigt hatte, betrübt, [aber] immer voller Hingabe und Glauben – so [wurde es] von Vasiṣṭha getan, [wie es] mir [überliefert ist].
[?] „vaidyāya“ vermutlich verlesen für „vaiśyāya“ (dem Kaufmann); dies entspräche der bekannten Devī-māhātmya-Figur Samādhi, des Vaiśya (Kaufmanns).
Diese Lobpreisung der Geburten und Taten, immer im Herzen gegenwärtig – wer sie, nachdem er sie aus dem Mund eines Brahmanen mit Freude gehört hat, stets [selbst] rezitiert,
na me 'sti sambhavaḥ so 'yam adbhutaḥ sthito 'tra tu | anyonyenāvinābhāvād anyonyena samanvayāt ||
– davon gibt es für mich [in Wahrheit] keinen [getrennten] Ursprung; dieses Wunder besteht hierin: durch wechselseitige Untrennbarkeit, durch wechselseitige Verbundenheit.
nityāyāṃ devadeveśas tatrāhaṃ ca sanātanī | ity etat te śakra darśitāḥ sapramāṇārthakāḥ ||
In der Ewigen [Wirklichkeit ruht] der Herr der Götter der Götter, und ich, die Ewige, [ruhe] dort ebenso; so wurde dir dies, o Śakra, gezeigt, samt seiner beweiskräftigen Bedeutung.
avatārā madīyās te saṃbhūtāḥ kośapañcake | śuddhe kośe samudbhūtā bhavadbhāvātmakāḥ pare ||
Diese meine Inkarnationen sind in den fünf Hüllen entstanden; in der reinen Hülle entstanden [sind] die höchsten, aus Sein und Werden bestehenden [Formen].
tatrāpy eṣā sthitiḥ kāryā viṣṇor mama saha sthitiḥ | evaṃprakārāṃ māṃ jñātvā prayatnāt sarvasaṃmatam ||
Auch dort ist dieser Zustand zu verwirklichen: mein Zustand des Zusammenseins mit Viṣṇu; wer mich auf diese Weise erkannt hat, [erlangt] durch Bemühen das von allen Anerkannte.
Wer mich, die Vielgestaltige, beständig mit mannigfachen Mitteln verehrt hat, [und] auch nur einen geringen Teil [der Nichtwissenheit] überwunden hat, gelangt zu meinem [wahren] Sein.
[Anm.: Letzter Vers vor dem Kolophon. [?] Unsicher rekonstruiert.
So endet, in der Essenz des Pāñcarātra, im Lakṣmī-Tantra, das Kapitel mit dem Namen „Erhellung der alleinigen Inkarnation“ (Kevalāvatāraprakāśa), das neunte Adhyāya.