Kapitel 54: ṛgvede 3.54 · imaṃ mahe vidathyāya śūṣaṃ śaśvat kṛtva īḍyaya pra jabhruḥ
Anruf an Agni, Himmel und Erde und die Götterschar; Rätsel der beiden Welten
Lied an die Allgötter (viśve devāḥ) mit Agni am Anfang und Ende, zentral Himmel und Erde (rodasī) sowie ein Rätselabschnitt (Vers 5-9) über die beiden Welten, ihre Pfade und ihre verborgenen Gesetze. Verse 5-9 sind mehrdeutig und in der Deutung offen.
imaṃ mahe vidathyāya śūṣaṃ śaśvat kṛtva īḍyaya pra jabhruḥ / śṛṇotu no damyebhiranīkaiḥ śṛṇotvagnirdivyairajasraḥ
Diesen Schwung haben sie dem Großen, dem Weihehandlungs-Zugehörigen, dem Preiswürdigen stets dargebracht [?]. / Es möge uns hören Agni mit den heimischen Angesichtern, es möge hören der unermüdliche mit den himmlischen. [Anm.: śūṣa = Schwung, Kraft, Brausen; Lesart wegen kṛtvaḥ unsicher]
Wort für Wort
imam
diesen (Akk. Sg. n./m.)
mahe
dem Großen (Dat. Sg.)
vidathyāya
der Versammlungs-/Weihehandlung Zugehörige (Dat. Sg.)
Sprich Großes dem großen Himmel, der Erde: Das Verlangen geht in mir umher, es wünschend, wissend. / Die beiden, bei deren Lobgesang in den Versammlungen die Götter, Verehrende, sich berauschen, gemeinsam mit dem Menschen [?].
Wort für Wort
mahi
groß (Akk. Sg. n.)
mahe
dem Großen (Dat. Sg.)
dive
dem Himmel (Dat. Sg.)
arca
singe, sprich (2. Sg. Imp.)
pṛthivyai
der Erde (Dat. Sg.)
kāmaḥ
Verlangen, Wunsch (Nom. Sg.)
me
mir, in mir (Dat./Gen. Sg.)
icchan
wünschend (Part. Nom. Sg.)
carati
geht umher (3. Sg. Präs.)
pra-jānan
wissend (Part. Nom. Sg.)
yayoḥ
deren beider (Gen. Du.)
ha
wahrlich, ja (Partikel)
stome
im Lobgesang (Lok. Sg.)
vidatheṣu
in den Versammlungen (Lok. Pl.)
devāḥ
die Götter (Nom. Pl.)
saparyavaḥ
die Verehrenden (Nom. Pl.)
mādayante
sie berauschen sich (3. Pl. Med.)
sacā
zusammen, gemeinsam (Adv.)
āyoḥ
mit dem Menschen, dem Lebendigen (Instr./Gen. Sg.) [?]
yuvorṛtaṃ rodasī satyamastu mahe ṣu ṇaḥ suvitāya pra bhūtam / idaṃ dive namo agne pṛthivyai saparyāmi prayasā yāmi ratnam
Euer beider Ṛta, ihr beiden Welten, soll wahr sein; für das große Wohlergehen seid uns wohl da. / Dies ist die Verneigung für den Himmel, o Agni, für die Erde: Ich verehre; mit Labung gehe ich zum Schatz.
Und ja, euch haben die Früheren gefunden, ihr Ṛta-Besitzenden, ihr beiden Welten, die Wahrhaft-Redenden. / Auch die Männer haben euch im Zusammenstoß, in der Heldenbeute-Gewinnung angerufen [?], o Erde, die Kundigen.
ko addhā veda ka iha pra vocad devānachā pathyā kā sameti / dadṛśra eṣāmavamā sadāṃsi pareṣu yā guhyeṣu vrateṣu
Wer weiß es gewiss, wer wird es hier verkünden: Wohin zu den Göttern führt der Pfad, wohin trifft er zusammen? / Sichtbar sind ihre unteren Sitze, aber die, die in den höchsten, verborgenen Ordnungen liegen [?]. [Anm.: Rätselvers; rituell (Pfade zum Götterreich), kosmisch (die verborgenen oberen Räume) – beide plausibel]
Der Seher, der die Männer schaut, hat sie beide angeblickt, die beiden im Schoß des Ṛta, die Ausgebreiteten, Sich-Erfreuenden. / Sie haben jede für sich ihren Sitz gemacht, wie es euch gefällt; dabei sind sie im gleichen Vorhaben einig.
Gleichgesinnt, getrennt, ganz in der Ferne, standen die beiden Wachsamen an festem Ort. / Und doch sind sie Schwestern, jung seiend; darauf sprechen beide als Paar die Namen. [Anm.: Himmel und Erde, weibliche Zwillingspaare; Bild fest]
Wort für Wort
samānyā
gleich, gemeinsam (Nom. Du. f.)
viyuteitivi-yute
getrennt (Nom. Du. f.)
dūreanteitidūre--ante
in der Ferne, weit (Adv.)
dhruve
am festen (Lok. Sg.)
pade
Stand, Ort (Lok. Sg.)
tasthatuḥ jāgarūke
sie beide standen, die Wachsamen (3. Du. Perf.; Nom. Du. f.)
viśvedete janimā saṃ vivikto maho devān bibhratī na vyathete / ejad dhruvaṃ patyate viśvamekaṃ carat patatri viṣuṇaṃ vi jātam
Alles Geborene ist von diesen beiden geschieden; die beiden Großen, die Götter tragend, ermüden nicht. / Das Bewegte, das Feste, fliegt in der ganzen Welt; das Eine, das Gehende, das Geflügelte, ist verschiedenartig geboren. [Anm.: Deutung des zweiten Halbverses kosmisch-mythologisch plausibel; Einzelheiten unsicher]
Wort für Wort
viśvā
alles (Akk. Pl. n.)
it
ja, nur (Partikel)
ete iti
diese beiden (Nom. Du. f.)
janima
Geborenes, Geschlecht (Akk. Pl.)
sam
zusammen (Präv.)
viviktaḥ
getrennt (Part. Nom. Sg. m.) [?]
mahaḥ
groß (Akk. Sg.)
devān
die Götter (Akk. Pl.)
bibhratī iti
tragend (Part. Nom. Du. f.)
na
nicht (Partikel)
vyatheteiti
sie ermüden (3. Du. Präs. Med.)
ejat
sich regend, bewegt (Part. Nom. Sg. n.)
dhruvam
fest, beständig (Nom. Sg. n.)
patyate
es fliegt, geht (3. Sg. Präs. Med.)
viśvam
ganz, alles (Nom. Sg. n.)
ekam
eins (Nom. Sg. n.)
carat
gehend (Part. Nom. Sg. n.)
patatri
geflügelt (Nom. Sg. n.)
v iṣuṇam
[PP-Verderbnis; v iṣuṇam] verschiedenartig (Nom. Sg. n.)
Von altersher, aus der Nähe [?], gehe ich zum Alten hin; die Verwandtschaft des großen Vaters, des Erzeugers, ist das, für uns. / Wo die Götter, die Preisenden, mit ihren Rossen in den weiten, geflochtenen Pfad hineinreichend standen. [Anm.: sehr dunkel; Text hier nur vorläufig und mit vielen Unsicherheiten]
Diesen Lobgesang spreche ich euch beiden Welten vor; hören mögen die mit den Leib-erquickenden Bäuchen, die mit Agni als Zunge: / Mitra, die Allherrscher, Varuṇa, die jugendlichen Ādityas, die weit ausgebreiteten Seher.
Der Goldhändige Savitṛ, der Schönzüngige, der dreimal in der Versammlung des Himmels waltet, / und du, Savitṛ, sollst unter den Göttern Ruhm erlangen [?]: Erwecke uns Herbeiführung des Allbewirkens [?]. [Anm.: sarvatāti = Gesamtheit, ganzes Heil; Lesart des Verbs aśreḥ unsicher]
Der Gut-Wirkende, Gut-Händige, Selbstmächtige, Ṛta-Besitzende, der Gott Tvaṣṭṛ, soll uns diese Dinge zur Hilfe verleihen. / Ihr Ṛbhus, im Bunde mit Pūṣan, berauscht euch; ihr, mit aufgehobenen Pressteinen, habt die Weihehandlung zurechtgezimmert.
Blitzwagen-Fahrende Marut, speerbewehrt, des Himmels Männer, Ṛta-geboren, unermüdlich; / Sarasvatī soll hören, ihr Verehrungswürdigen; verleiht Reichtum mit Heldensöhnen, ihr Eilenden.
Viṣṇu, den Vielwirkenden, haben die Lobgesänge, die Sprüche wie die Dienenden des Bhaga auf dem Weg erreicht. / Weitschreitender, dessen viele Höhen die jungen Gebärerinnen nicht beschädigen.
Indra, der mit allen Heldenkräften waltet, hat beide Welten durch seine Größe erfüllt. / Burgenbrecher, Vṛtra-Töter, der Kühne, mit kühnem Heer: Fass uns und bring viel Vieh herbei.
nāsatyā me pitarā bandhupṛchā sajātyamaśvinoścāru nāma / yuvaṃ hi stho rayidau no rayīṇāṃ dātraṃ rakṣethe akavairadabdhā
Ihr Nāsatyas, meine Väter, Bandenfragende; die Verwandtschaft der Aśvins, ihr lieber Name, gilt mir. / Denn ihr seid Reichtumsgeber für uns, Geber der Reichtümer; schützt die Gabe, unbetört durch Nichtdichter [?].
mahat tad vaḥ kavayaścāru nāma yad dha deva bhavatha viśva indre / sakha ṛbhubhiḥ puruhūta priyebhirimāṃ dhiyaṃ sātaye takṣatā naḥ
Groß ist dieser euer schöner Name, ihr Seher, dass ihr, ihr Götter, alle in Indra seid. / Als Freunde mit den lieben Ṛbhus, o vielgerufener, behaut uns dieses Gedicht zur Gewinnung.
Aryaman und Aditi, ihr Verehrungswürdigen, die unbetrogenen Ordnungen Varuṇas, / haltet fern von uns die Kinderlosigkeit auf dem Weg; unser Gang möge mit Nachkommen und Vieh sein.
Der Götter Bote, vielfach gezeugt [?], soll uns als schuldlos ansprechen im Ganzen; / hören soll uns Erde, Himmel und Wasser, die Sonne mit den Sternen, der weite Luftraum.
śṛṇvantu no vṛṣaṇaḥ parvatāso dhruvakṣemāsa iḷayā madantaḥ / ādityairno aditiḥ śṛṇotu yachantu no marutaḥ śarmabhadram
Hören sollen uns die Stiere, die Berge, in festem Wohlstand, mit Iḷā sich erfreuend. / Mit den Ādityas soll uns Aditi hören; die Marut sollen uns Schutz reichen, der gut ist.
Wort für Wort
śṛṇvantu
sie sollen hören (3. Pl. Imp.)
naḥ
uns (Dat. Pl.)
vṛṣaṇaḥ
Stiere, Männliche (Nom. Pl.)
parvatāsaḥ
die Berge (Nom. Pl.)
dhruva-kṣemāsaḥ
in festem Wohlstand, mit festem Gedeihen (Nom. Pl.)
sadā sugaḥ pitumānastu panthā madhva devā oṣadhīḥ sampipṛkta / bhago me agne sakhye na mṛdhyā ud rāyo aśyāṃ sadanaṃ purukṣoḥ
Immer soll gut zu gehen sein, nährstoffreich soll der Weg sein; mischt, ihr Götter, die Pflanzen mit Süßem. / Bhaga soll mir in der Freundschaft nicht schaden, o Agni; möge ich den Reichtum, den Sitz des Vielwohnenden erlangen. [Anm.: pitu = Nahrung, Trank; purukṣu = an dem viele wohnen/der viel Nahrung hat, unsicher]
Genieße die Opferspeisen, erstrahle für uns die Stärkungen; bringe uns zugewandt Ruhmesworte zusammen. / Alle Feinde, o Agni, überwinde in den Kämpfen; alle Tage leuchte wohlwollend für uns.