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Ahirbudhnya Saṃhitā

Paṭala 10: Arthātmakapramāṇanirūpaṇam / Arthātmakapramāṇavyūhanirūpaṇam Zehntes Kapitel – Die Bestimmung des Vyūha des gegenstandsförmigen Pramāṇa

Nārada bittet um Erklärung des ,Pramāṇa' – des Maß- bzw. Ordnungsprinzips, durch das alles seine ihm zukommende ,Ausdehnung' (iyattā) erhält (V.1–6). Ahirbudhnya definiert das Pramāṇa als das ,Sthiti-Cakra' (Bestands-Rad) in kollektiver (samaṣṭi) und individueller (vyaṣṭi) Form (V.7–14) und entfaltet dies für das höchste Reich (Vaikuṇṭha), für Niyati und Kāla, für den Kūṭastha-Puruṣa (V.15–19), für die elf Sinnesorgane und die fünf Elemente in ihrer klassischen Guṇa-Akkumulation (V.20–33) sowie für die ethische Dynamik von Dharma und Adharma unter dem Einfluss von Sattva bzw. Tamas (V.34–39). Höhepunkt des Kapitels ist die Lehre vom ,Waffen-Vyūha': Sudarśana als die gemeinsame metaphysische Wurzel aller Waffen Viṣṇus (Cakra, Gadā, Śaṅkha, Śārṅga, Nandaka u.a.), die bei jedem Avatāra zur Wiederherstellung des Dharma hervortreten (V.40–46), ergänzt durch den ,Glieder-Vyūha' – die Kennzeichnung der Gottesgestalt mit den vier Varṇa-Symbolen (V.47–51). Ein Übergangsvers kündigt für das folgende Kapitel den ,lautförmigen' (śabdākāra) Aspekt Sudarśanas an (V.52).

bhagavan devadeveśa bhavānījīviteśvara, lokanātha jagannātha devānām amayaprada ||1|| namas te tripuradhvaṃsin tattvavijñānasindho, daśāvyayāya te nityaṃ ṣaḍaṅghrāya namo namaḥ ||2|| yad etad uditaṃ nityaṃ jagatkāraṇam avyayam, yac cādhāratayā proktaṃ saṃkalpākhyaṃ sudarśanam || tad etad akhilaṃ deva viṣṇusaṃkalpajṛmbhitam, samāsavyāsarūpeṇa tato me 'vadhāritam ||4|| idānīṃ śrotum icchāmi vistareṇāntakāntaka, kiṃ tat pramāṇam ity uktaṃ kīdṛśaṃ kiṃvidhaṃ ca tat ||5|| kimarthaṃ kiṃmayaṃ deva tan me vistaraśo vada, vaktā sarvasya guhyasya tvad anyo naiva vidyate ||6||

Śrī Nārada: „O Herr, Gebieter der Götter-Gebieter, Herr über Bhavānīs Leben! Herr der Welten, Herr des Alls, der du den Göttern Schutz vor Leid gewährst! Verehrung dir, Zerstörer der Tripura, Ozean wahrer Erkenntnis; dem ewig Unvergänglichen, dem Sechsfüßigen [ṣaḍaṅghri] sei immerdar Verehrung, Verehrung! Jenes ewige, unvergängliche Ursprungsprinzip der Welt, das erklärt wurde, und das, was als ,Träger' [ādhāra], mit Namen ,Wille' [saṃkalpa], Sudarśana genannt wurde – all dies, o Gott, aus Viṣṇus Willen entfaltet, habe ich nun, sowohl in knapper als auch in ausführlicher Form, erfasst. Jetzt möchte ich, o Bezwinger des Bezwingers [des Todes], ausführlich hören: Was ist jenes, das ,Pramāṇa' [Maß, gültiges Erkenntnismittel] genannt wird? Von welcher Art, von welcher Beschaffenheit ist es? Wozu, aus welchem Stoff [besteht es], o Gott? Sage mir dies ausführlich; denn es gibt niemand außer dir, der all dieses Geheimnis verkünden könnte.“

[?] Die Anrede ,Tripuradhvaṃsin' (,Zerstörer der Tripura') ist ein klassischer Śiva-Beiname; ihre Verwendung für Ahirbudhnya bestätigt dessen in der Pāñcarātra-Tradition übliche Identifikation als Rudra-Gestalt (,Ahirbudhnya', wörtlich ,Schlange der Tiefe', ist bereits vedisch ein Rudra-Name). Der genaue Sinn von ,daśāvyayāya … ṣaḍaṅghrāya' (,dem unvergänglichen Zehnfachen, dem Sechsfüßigen') bleibt unsicher; möglicherweise Anspielungen auf die zehn Avatāras bzw. die sechs Eigenschaften (ṣāḍguṇya).

(pramāṇanirūpaṇapratijñā) śṛṇu nārada tena pramāṇasthitim avyayām, viśvaṃ yatraiva viśrāntaṃ sadevāsuramānuṣam ||7|| (pramāṇasvarūpanirūpaṇam) madhyamo yaḥ sa saṃkalpo viṣṇoḥ sraṣṭur jagat, śāśvate tiṣṭhati vyaktaṃ jaganmārga itīdṛśam ||8|| tat tat pramāṇam ity uktaṃ sthiticakraṃ mahāmune | (tadvibhāgaḥ) samaṣṭivyaṣṭibhāvena tad rūpaṃ vibhāvyate ||9||

(Das Versprechen, das Pramāṇa zu erklären:) „Höre, Nārada, den unvergänglichen Bestand des Pramāṇa, worin allein das gesamte All – mit Göttern, Dämonen und Menschen – zur Ruhe kommt. (Die Bestimmung des Wesens des Pramāṇa:) Jener mittlere [vermittelnde] Wille Viṣṇus, des Schöpfers der Welt, steht im Ewigen offenkundig – so, wie es der Weltenlauf [selbst] ist. Eben dieses wird ,Pramāṇa' genannt: das Sthiti-Rad [Bestands-Rad], o großer Weise. (Seine Unterteilung:) Diese Gestalt zeigt sich in zweifacher Weise – als Samaṣṭi [Gesamtheit] und als Vyaṣṭi [Einzelwesen].“

Definition des Pramāṇa (,Maß', hier: das kosmische Ordnungsprinzip, durch das alles seine ihm zukommende ,Ausdehnung/Geltung' [iyattā] erhält) als das bereits in Kap. 9, V.45 angekündigte ,Sthiti-Cakra' (Bestands-Rad) – mit der grundlegenden Zweiteilung in kollektiv (samaṣṭi) und individuell (vyaṣṭi).

(samaṣṭipramāṇasvarūpam) ekarūpyeṇa saṃkalpo yaḥ svaviṣaye sthitaḥ, mahāsthitimayaṃ cakraṃ tad etat kīrtitaṃ mune ||10||

(Das Wesen des kollektiven Pramāṇa:) „Jener Wille, der in einheitlicher Gestalt innerhalb seines eigenen Bereichs steht – das ist das große, bestandsförmige Rad [mahāsthitimaya-cakra], so wird es genannt, o Weiser.“

Kurze Definition des ,Samaṣṭi'-(Gesamtheits-)Aspekts des Pramāṇa.

(vyaṣṭipramāṇasvarūpam) taddhi yattā samastātmany asminn āyatate 'khilā, prātisvikī vyavasthā yā yasya yasya [tattvasya] ... || pariṇāmakriyāsādhyasthānarūpādigocarā, tadvac chreṣṭimaye cakre pramāṇe sā vyavasthitā ||12|| ekaceṣṭādiko yo 'rthaḥ, yaś ca sṛṣṭyādilakṣaṇaḥ, śāstraśāstrārthatas sādhyavyavasthātmā ca yo mune | vāsudevādike vyūhe svasvasaṃkalpasaṃbhavaḥ, tad ādyaṃ bhagavadrūpaṃ cakraṃ sthitimayaṃ mahat ||14||

(Das Wesen des individuellen Pramāṇa:) „Jene Ausdehnung [iyattā], die sich vollständig innerhalb dieses Gesamt-Selbst erstreckt, ist die je eigentümliche Ordnung, die jedem einzelnen [Wesen] zukommt … sie erfasst Wandlung, Handlung, Mittel, Ort, Gestalt und dergleichen; ebenso ist sie im schöpfungsförmigen Rad, im Pramāṇa, verankert. Jener Sinn/Gegenstand [artha], der durch je eine [einzelne] Bewegung usw. gekennzeichnet ist, und jener, der durch Schöpfung usw. gekennzeichnet ist, und jener, der – gemäß Schrift und Schrift-Bedeutung – die Natur einer zu vollziehenden Ordnung hat, o Weiser: [all dies], entstehend im Vyūha, beginnend mit Vāsudeva, je aus dessen eigenem Willen – jenes ist das erste, göttlich geformte, große bestandsförmige Rad.“

[?] V.11 ist im Scan lückenhaft (ein Wort am Versende nicht sicher lesbar); der Grundgedanke – dass jedem einzelnen Wesen im Rahmen der vier Vyūhas (beginnend mit Vāsudeva) eine je eigene, aus dessen Willen entspringende ,Ausdehnung/Ordnung' zukommt – ist jedoch klar.

(tasyaiva vistareṇa pratipādanam) yac ca tat paramaṃ vyoma divyasaṃbhogalakṣaṇam ||15|| sthitipramāṇarūpeṇa tat saṃkalpena vai hareḥ, aniyattam asaṃkocam anantaṃ vyavatiṣṭhate ||16|| acetanānāṃ tāsāṃ yā sā yoniḥ parā mune, kārukālyamayī śaktir iyattā tat tridhā parā ||17|| svarūpakāryabhāvādau sā pramāṇanibandhanā, niyatiḥ kāla ity ucyate kāryasyāpi hi te mate ||18|| śuddhāśuddhamaye madhye yaḥ pumān kūṭastha sthitaḥ, nānājīvamahāyonis tasya yā sthitir avyayā ||19||

(Nun die ausführliche Darlegung ebendessen:) „Und jener höchste Äther [paramaṃ vyoma, das Vaikuṇṭha], von göttlichem Genuss gekennzeichnet, steht – in Gestalt des Bestands-Pramāṇa, durch Haris eigenen Willen – unermessen, uneingeschränkt, endlos da. Von jenen unbewussten [Prinzipien] ist jene höchste Quelle, o Weiser, die aus Werk und Zeit [?] bestehende Kraft, jene höchste, dreifache Ausdehnung. In Wesen, Wirkung und Sein usw. ist sie, ans Maß gebunden, [das, was] Niyati [Verhängnis] und Kāla [Zeit] genannt wird – denn auch dies gilt, nach eurer [überlieferten] Lehre, als [Bestimmungsgrund] der Wirkung. In der Mitte zwischen Reinem und Unreinem steht jener Puruṣa als Kūṭastha [der Unbewegliche], die große Quelle mannigfacher Lebewesen – auch sein unvergänglicher Bestand [hat sein eigenes Maß].“

[?] V.17 (,kārukālyamayī') ist unsicher rekonstruiert; der Gesamtzusammenhang – Niyati und Kāla als eigene, maßgebundene Erscheinungsformen des Pramāṇa, ebenso wie der Kūṭastha-Puruṣa zwischen reiner und unreiner Schöpfung – ist jedoch klar erkennbar und schließt an die bereits in Kap. 9 (V.4, V.19) eingeführten Begriffe an.

(Zusammenfassung V.20–25)

Ahirbudhnya führt aus, dass diese ,Ausdehnung/Maßgeltung' [iyattā] bis in die kleinsten Unterteilungen (Zeitmomente wie kalā, kāṣṭhā) hineinreicht und überall aus dem ,Pramāṇa-Sudarśana' hervorgeht: die dreifache Anstrengung [vyāpāra], die reine Wirktätigkeit und ihre Abwandlung [kriyā/vikriyā], die Bewegung, die Feststellung und selbst der augenblickshafte, wimpernschlagartige Akt [nimeṣa] – was immer dort als maßförmige Wirklichkeit besteht, das ist eben das Pramāṇa-Sudarśana. Auch die psychischen Regungen – das zweifache Ich-Gefühl [abhimāna], die aus dem Ahaṃkāra geborene Ungestümheit [saṃrambha], sowie Begierde [kāma] und verwandte Regungen – haben je ihren eigenen maßgebundenen Bestand [iyattā-sthiti].

tānavaṃ pāṭavaṃ yac ca yac cālocanapañcakam, śāntaghorādikaṃ rūpaṃ yac ca dhīndriyapañcake ||27|| vacanādānavikrāntimodotsargamayaṃ ca yat, śāntaghorādikaṃ rūpaṃ yat karmendriyapañcake ||28|| tatreyattāmayaṃ rūpaṃ yac ca sthitimayaṃ vapuḥ, pramāṇe vaiṣṇave svaṃ tat saṃkalpasudarśane ||29||

„Jene Feinheit und jene Schärfe, jene fünffache Wahrnehmungskraft, jene friedvolle, jene furchterregende und andere Gestalt in den fünf Erkenntnis-Sinnesorganen [dhīndriya]; ebenso das, was aus Sprechen, Greifen, Fortbewegung, Ausscheiden und Zeugen besteht, jene friedvolle, furchterregende und andere Gestalt in den fünf Handlungsorganen [karmendriya] – die darin liegende, maßförmige Gestalt und der bestandsförmige Leib [dieser Organe] sind je ihr Eigenes im vaiṣṇavischen Pramāṇa, im Sudarśana des Willens.“

Anwendung der Pramāṇa-Lehre auf die fünf Erkenntnis- und fünf Handlungsorgane (dhīndriya/karmendriya) – dieselbe Elf-Sinnesorgan-Reihe wie bereits in Kap. 7 und Kap. 9.

vyūhāvakāśarahitāceṣṭāpreraṇadūṣaṇam, vyūhāvakāśavyaktādyaṃśasūkṣmatvam apy uta ||30|| sthairyaṃ pārthivakāṭhinyam ity etad bhautikaṃ vapuḥ, ekadvitricatuḥ pṛthagguṇavyūhamayī sthitiḥ ||31|| yais tad vyāpya sthitā iyattā sā pramāṇasudarśanāt, tatra tatra ca maryādā yā yā śāśvad avasthitā || sā sā pramāṇacakrasya saṃkalpasya harer gatiḥ, itīyaṃ sthitimayā iyattā cakre tiṣṭhati ||33||

„… und die Feinheit der Elemente – wie sie sich, mit einem, zwei, drei oder vier je eigenen Guṇas zusammengesetzt, im Vyūha entfalten –, bis hin zur Festigkeit und erdhaften Härte: dies ist der ,elementare Leib' [bhautika-vapus], ein Bestand, der aus ein-, zwei-, drei- und vierfacher, je gesonderter Guṇa-Verbindung besteht. Durch [all diese Elemente], die jene Ausdehnung durchdringt und in ihnen ruht, [wirkt] das Pramāṇa-Sudarśana; und überall dort jene Grenze, die je und je ewig feststeht – eben das, in jedem Fall, ist der Gang von Haris Willen, [wirkend als] das Pramāṇa-Rad. So besteht diese bestandsförmige Ausdehnung im Rad.“

[?] V.30 ist im Scan stark beschädigt und nur mit Vorbehalt wiedergegeben. Der Grundgedanke – die klassische Guṇa-Akkumulations-Lehre der fünf Elemente (Äther = 1 Guṇa, Wind = 2, Feuer = 3, Wasser = 4, Erde = 5, hier als ,ein-, zwei-, drei-, vierfache Guṇa-Verbindung' zusammengefasst) als weitere Erscheinungsform des Pramāṇa – ist erkennbar und deckt sich mit der bereits in Kap. 7 dargelegten Tanmātra-Lehre.

viṣṇusaṃkalpasaṃbhūtāṃ sthitim anyāṃ mune śṛṇu, pratibandhanirāsena yā svabhāvagatir mune ||34|| tattvānāṃ tāttvikānāṃ ca sā sthitiḥ kathyate mune, guṇāntarānugraheṇa yaḥ sadonmeṣa ūrjitaḥ ||35|| dharmajñānādirūpo 'sau sudarśanasamīritaḥ, parimāṇaviśeṣaḥ sa bodhyajaneṣv adhikārakaḥ ||36|| dānair ācīyamāno 'sau sattvojjvalitabuddhibhiḥ, bibharti rodasī śaśvad annavṛṣṭyādidānataḥ ||37|| guṇāntarānugraheṇa tamaso yaḥ sa udyamaḥ, adharmādisvarūpo 'sau viṣṇusaṃkalpacoditaḥ ||38|| śanair ācīyamāno 'sau tamomalinabuddhibhiḥ, annavṛṣṭyādināśena vināśayati rodasī ||39|| sattvasyopadravaḥ śaśvat tato 'nyasmād guṇadvayāt |

„Höre nun von einer anderen, aus Viṣṇus Willen geborenen Beständigkeit, o Weiser: jenem natürlichen Lauf [svabhāvagati], der durch das Auflösen von Hindernissen [wirkt]. Diese Beständigkeit wird für die Tattvas und ihre Kenner erklärt, o Weiser: jenes stets tätige, machtvolle Hervortreten, das durch die Gunst des [guten] Guṇa [Sattva] wirkt, von der Gestalt des Dharma, der Erkenntnis usw., von Sudarśana bewegt – dies ist ein besonderes Maß, das unter den zur Erweckung Bestimmten Geltung hat. Dieses [Dharma-Prinzip], gemehrt durch die Gaben derer, deren Verstand von Sattva erleuchtet ist, erhält Himmel und Erde beständig durch die Gabe von Speise, Regen und dergleichen. Und jenes Bestreben, das durch die Gunst des anderen Guṇa [Tamas] wirkt, von der Gestalt des Unrechts [adharma] usw., ebenso von Viṣṇus Willen angetrieben – dieses, allmählich vermehrt durch die, deren Verstand von Tamas getrübt ist, vernichtet Himmel und Erde durch die Vernichtung von Speise, Regen und dergleichen. So [entsteht] beständig die Bedrängnis des Sattva durch die beiden anderen Guṇas.“

Die ethisch-kosmologische Dynamik von Dharma (Sattva-getragen, aufbauend) und Adharma (Tamas-getragen, zerstörerisch) als zwei entgegengesetzte ,natürliche Verläufe' (svabhāvagati) desselben göttlichen Willens – Vorbereitung auf die anschließende Avatāra-Lehre.

(śāstravyūhapratipādanam) dharmasaṃsthāpanāyātha nirasiṣyann adhārmikān ||40|| janārdanatvam īśāno yadā viṣṇuḥ pratipadyate, tadā devasya saṃkalpaḥ sudarśanasamāhvayaḥ ||41|| āyudhādisvarūpeṇākāratvaṃ pratipadyate, cakragadāsanandanaṃ śaṅkhaśārṅgaśarātmanā ||42|| khaḍgakheṭakarūpeṇa pārāṅkuśādiśastraiḥ, daṇḍārdhacandrarūpeṇa dambholimusalātmanā ||43|| śataghnīcakrarūpeṇa hantṛśaktimayātmanā, tathā śastrarūpeṇa svāṅgāvayavāyudhātmanā ||44|| evaṃ nānāvidhai rūpais tatsaṃkalpavikalpitaiḥ, udeti jagato baddhe nārāyaṇakarāśrayī ||45|| iti śastramayo vyūho leśatas te nirūpitaḥ, aparo 'ṅgamayo vyūhaḥ so 'dhunodīryate ||46||

(Die Darlegung des Schrift-/Waffen-Vyūha:) „Wenn nun Viṣṇu, der Gebieter, um das Dharma [wieder] aufzurichten, im Begriff, die Unrechten auszustoßen, die Rolle des Janārdana [,Bedränger der Menschen'] übernimmt – dann nimmt der Wille des Gottes, mit Namen Sudarśana, in Gestalt von Waffen und dergleichen sichtbare Form an: als Diskus [Cakra], Keule [Gadā] und [Schwert] Nandaka, als Muschelhorn [Śaṅkha], Bogen Śārṅga und Pfeil; als Schwert [Khaḍga] und Schild [Kheṭaka], mit Wurfspieß [Pāra], Elefantenstachel [Aṅkuśa] und anderen Waffen; als Stab und halbmondförmige [Klinge], als Donnerkeil [Dambholi] und Keule [Musala]; als Śataghnī [,Hundert-Töterin'] und [weiterer] Diskus, ganz aus tötender Kraft bestehend; ebenso in Gestalt [gewöhnlicher] Waffen und der eigenen Körperglieder selbst als Waffen. So tritt [Sudarśana], in diesen mannigfaltigen, von jenem Willen ersonnenen Gestalten, zur Befreiung der gebundenen Welt hervor, Zuflucht nehmend in Nārāyaṇas Hand. So wurde dir der waffenförmige Vyūha in Kürze dargelegt; nun wird ein weiterer, der gliedförmige Vyūha, verkündet.“

Die berühmte Waffen-Ikonographie Viṣṇus (Cakra, Gadā, Śaṅkha, Śārṅga, Nandaka, Khaḍga u.a.) hier ausdrücklich als sichtbare Manifestationen von Sudarśana selbst gedeutet – Sudarśana nicht nur als der Diskus unter den Waffen, sondern als die gemeinsame metaphysische Wurzel aller Waffen Viṣṇus, die bei jedem Avatāra zur Wiederherstellung des Dharma hervortreten.

(aṅgavyūhapratipādanam) rūpam āsthāya divyaṃ tad aṅgapratyaṅgabhūṣaṇam, brahmakṣatrādibhāvena mukhabāhūrupādataḥ ||47|| brahmakṣatrādimayaṃ vyūhaṃ bhūtānām ekanivartakam, svajanavyaśoṣarakṣārthaṃ ṣaṣṭidvitayasammatam ||48|| prajāpatipitṛbrahmadevebhyaś ca tathā tathā, divyo nānāvidhākāraḥ samudeti śarīravān ||49|| brahmadevarṣirājarṣiṣv api mantramayātmasu, anuvyāhāradṛṣṭyādirūpeṇaivāvatiṣṭhate ||50|| na tad asti pṛthivyāṃ vā divi vā munisattama, nigrahe 'nugrahe vāpi yatrāyaṃ naiva sādhanam ||51||

(Die Darlegung des Glieder-Vyūha:) „Jene göttliche Gestalt annehmend, an jedem Glied und Nebenglied geschmückt, von Angesicht, Armen, Schenkeln bis zu den Füßen mit den Zeichen des Brahmanen-, Kṣatriya- [und der übrigen Stände] versehen – der aus Brahmanen-, Kṣatriya- usw. [-Symbolen] bestehende Vyūha, der alleinige Abwehrer [alles Übels] für die Geschöpfe, zum Schutz und Gedeihen der eigenen Anhänger [in einem System von zweiundsechzig(?) Teilen] anerkannt. Ebenso tritt er, den Prajāpatis, den Ahnen [Pitṛs], Brahmā und den Göttern gegenüber, in mannigfaltiger göttlicher, leibhafter Gestalt hervor. Selbst unter den Brahmarṣis, Devarṣis und Rājarṣis, deren Wesen ganz aus Mantras besteht, wirkt er eben in Gestalt der [rituellen] Rezitation, der Anschauung und dergleichen. Es gibt nichts, o bester der Weisen, weder auf Erden noch im Himmel, sei es in Strafe oder in Gnade, worin dieser [Sudarśana] nicht das [eigentliche] Werkzeug wäre.“

[?] Die genaue Zahl in V.48 (,ṣaṣṭidvitaya', wörtlich ,Sechzig-Zweiheit') bleibt unsicher; womöglich eine Bezeichnung für ein bestimmtes Vaṛṇa-Symbol-System. Der Glieder-Vyūha (aṅgavyūha) ergänzt den zuvor beschriebenen Waffen-Vyūha um die ikonographische Kennzeichnung der Gottesgestalt selbst mit den vier Varṇa-Symbolen an Kopf, Armen, Hüften und Füßen (vgl. Puruṣasūkta, ṚV 10.90).

pramāṇavyūha etāvān arthākāro nirūpitaḥ, sudarśanasya devasya śabdākāram atho śṛṇu ||52||

„Soweit wurde der gegenstandsförmige [artha-ākāra] Aspekt des Pramāṇa-Vyūha dargelegt; höre nun den lautförmigen [śabda-ākāra] Aspekt des Gottes Sudarśana.“

Programmatischer Übergangsvers: Nach dem ,Gegenstands-Aspekt' (arthākāra – die Waffen- und Glieder-Vyūhas dieses Kapitels) kündigt Ahirbudhnya für das folgende Kapitel den ,Laut-Aspekt' (śabdākāra) Sudarśanas an, vermutlich die Mantra-/Silben-Gestalt des Sudarśana-Kultus.

iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahirbudhnyasaṃhitāyām arthātmakapramāṇavyūhanirūpaṇaṃ nāma daśamo'dhyāyaḥ. Om. (āditaḥ ślokāḥ 618)

So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das zehnte Kapitel, genannt ,Die Bestimmung des Vyūha des gegenstandsförmigen Pramāṇa'. Om. (Verse von Anfang an: 618)

618 − 566 (Ende Kap. 9) = 52 Verse in Kapitel 10. [Anm.: Die Kapitelüberschrift zu Beginn lautet knapper ,Arthātmakapramāṇanirūpaṇam' (ohne ,vyūha'), das Kolophon dagegen ,Arthātmakapramāṇavyūhanirūpaṇam' – dieselbe Art von Titel-Uneinheitlichkeit wie bereits bei Kap. 8 und Kap. 2 im Quelltext selbst vorhanden.

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