Paṭala 2: Ṣāḍguṇyabrahmaviveko nāma dvitīyo'dhyāyaḥ
Zweites Kapitel — Die Unterscheidung des sechsfach-qualifizierten Brahman (Ṣāḍguṇya-Brahman)
Eines der doktrinär zentralsten Kapitel des Pāñcarātra überhaupt: Nāradas Fragenkatalog zum ṣāḍguṇya-Brahman, eine apophatische Wesensbestimmung samt umfangreichem Namensetymologie-Katalog, die berühmte neti-neti-Reihe (V.46–53) und schließlich die Definition der sechs Qualitäten (jñāna, śakti, aiśvarya, bala, vīrya, tejas), kulminierend in der Gleichsetzung von Brahmans Ur-Entschluss „ich will [vielfältig] sein“ mit Sudarśana selbst — dem zentralen Thema der gesamten Saṃhitā.
[V.1–13, Nārada fragt nach dem Wesen und der Wortbedeutung von Sudarśana; Ahirbudhnyas Antwort mit etymologischer Herleitung — Text an dieser Stelle stark OCR-verderbt]
[Anm.: Śrī-Nārada fragt (V.1–2), ob die Kraft von Sudarśana, Haris Diskus — die sonnen- und feuergleich mühelos [Kāṭhanemis Heer, s. Kap. 1] bezwang — eine angeborene (sāṃsiddhika) oder eine von außen bezogene (sāṃsargika) sei, und was der Wortsinn von „sudarśana“ eigentlich sei. Ahirbudhnya antwortet (V.3–5), er habe durch zehntausend Jahre strengster Askese selbst ein höchstes Wissen erlangt, wie es nicht einmal Brahmā und die übrigen Großweisen besäßen, und werde nun das Wesen Sudarśanas erklären. Es folgt (V.6–9) eine knappe Wesensbestimmung des höchsten Brahman — anfang- und endlos, unvergänglich, jenseits von Namen und Form, jenseits von Denken und Sprache, mit allen Kräften und der vollen Sechsheit (ṣāḍguṇya) ausgestattet, unwandelbar —, dessen Entschluss „ich will sein“, sei es aus dem Zustand des Seins oder des Nichtseins, sich in seiner eigenen, unbedingten Gestalt „wendet“ (parivartate); ebendieses Sich-Zeigen/Sich-Wenden werde „darśana“ (Schau, Erscheinen) genannt, und weil dies ohne äußeren Anlass und ohne Bezug auf einen Ort in vorzüglicher Weise geschieht, treffe darauf der Wortsinn „su + darśana“ = „Sudarśana“ zu [Etymologie im Digitalisat nur bruchstückhaft lesbar, Rekonstruktion unsicher, [?]]. Abschließend (V.10–13): Ursache der Welt, Grundlage der Welt, Erkenntnismittel der Welt und dessen Gegenstand, die dazu Berechtigten und ihre Unterteilungen, die Schutzordnung darüber — all dies sei Sudarśana unterstellt bzw. bestehe ganz aus Sudarśana; dies sei seine „angeborene“, alles überragende Wesensform, und in allen [Erscheinungs-]Weisen sei seine ungeteilte, ihm selbst eigene Macht ihm selbst zu eigen.]
devadeva jagannātha lokatrayahitaṅkara │ vimuhyatīva cittaṃ me saṃśayo bahulīkṛtaḥ ‖14‖ ṣāḍguṇyaṃ kiṃ paraṃ brahma kiṃprakāraṃ ca tadbhavet │ saṃkalpaḥ kīdṛśas tasya kathaṃ darśanatā'sya ca ‖15‖ kathaṃ cāvyāhatis tasya sarvadeśātigocarā │ kiṃ kāraṇaṃ ca jagataḥ kīdṛśaṃ kiṃvidhaṃ ca tat ‖16‖ ko vā jagata ādhāraḥ kīdṛkprakṛtividhaś ca saḥ │ kiṃ tat pramāṇam ity uktaṃ kīdṛkprakṛtividhaṃ ca tat ‖17‖ pramāṇārthaś ca ko nāma kīdṛkprakṛtividhaś ca saḥ │ ke te'dhikāriṇo nāma kīdṛśāḥ kiṃvidhāś ca te ‖18‖ sarvasyāsya ca kā rakṣā tadvidhiḥ kaś ca kiṃvidhaḥ │ kaś ca tatrādhikāryarthaḥ sa ca kiṃguṇa iṣyate ‖19‖ etan me bhagavan brūhi praśnajātam aśeṣataḥ │ upasṛtya caraṇau upasanno'smy adhīhi bhoḥ ‖20‖
[Nārada:] „O Gott der Götter, Herr der Welt, Wohltäter der drei Welten! Mein Geist ist wie betört, mein Zweifel hat sich vervielfacht. [14] Was ist dieses ‚Sechsheit‘ [genannte], das höchste Brahman, und von welcher Beschaffenheit wäre es? Was für eine Art ist sein Entschluss (saṃkalpa), und wie geschieht sein Sich-Zeigen (darśanatā)? [15] Und wie ist sein Nicht-Behindertsein (avyāhati), das jenseits des Bereichs aller Orte liegt? Und was ist die Ursache der Welt — von welcher Art und Beschaffenheit ist sie? [16] Oder was ist die Grundlage (ādhāra) der Welt, und von welcher Natur ist sie? Was wird ihr Erkenntnismittel (pramāṇa) genannt, und von welcher Beschaffenheit ist es? [17] Und was heißt der Gegenstand dieses Erkenntnismittels (pramāṇārtha), und von welcher Beschaffenheit ist er? Wer sind die, die dazu berechtigt (adhikārin) genannt werden, und von welcher Art und Beschaffenheit sind sie? [18] Und was ist der Schutz von all diesem, und was seine Ordnung, und von welcher Art? Und welches ist dabei der Zweck des Berechtigten, und welche Eigenschaft (guṇa) wird ihm zugeschrieben? [19] All dies, o Herr, sage mir — diese ganze Menge an Fragen, vollständig. Deine Füße berührend bin ich [dir] nahe gekommen — belehre mich doch!“ [20]
[Anm.: Nāradas Fragenkatalog — Wesen des ṣāḍguṇya-Brahman, sein Entschluss, sein Sich-Zeigen, seine Unbehindertheit, Weltursache, Weltgrundlage, Erkenntnismittel und dessen Gegenstand, die dazu Berechtigten, Schutz und Zweck — bildet das Gerüst für den gesamten Rest des Kapitels.]
[Durvāsas, der äußere Erzähler, setzt seinen Bericht an Bharadvāja fort:] „Da erklärte Śaṅkara [= Śiva/Ahirbudhnya] dem so nahegekommenen Weisen [Nārada] alles [im Folgenden Berichtete].“ [21]
[Anm.: Rahmenvers — bestätigt, dass die folgende Rede (V.22ff., als „Ahirbudhnyaḥ“ markiert) innerhalb der von Durvāsas an Bharadvāja berichteten Nārada-Śiva-Erzählung steht (mehrfach geschachtelter Erzählrahmen, s. bereits Kap. 1). Die erste Vershälfte ist im Digitalisat unklar/verderbt [?].]
[Ahirbudhnya:] „Das Eine, gekennzeichnet durch die Erfahrung leidlosen, grenzenlosen Glücks, das anfang- und endlose[?] höchste Brahman, Nārāyaṇa, frei von Gebrechen [22] — in dem alle Wesen ihre Wohnstatt haben[?], alles durchdringend darin verweilend, makellos, ungestört, einem wellenlosen Ozean gleich [23] — dem die Berührung durch die [materiellen] Erscheinungs-qualitäten (guṇa) genommen ist[?], das die Grundlage der [niederen] Erscheinungsqualitäten unter sich hat[?], das jenseitige Ufer des Daseins-Ozeans, fleckenlos, unbefleckt [24] — durch [Transzendenz von] Gestalt, Ort und Zeit unteilbar, voll, ewig-erschienen[?], alldurchdringend, frei von [der Unterscheidung zwischen] Verwerflichem und Erstrebenswertem [25] — dieses [Brahman], so beschaffen, ist durch keinerlei Maße in Wahrheit begrenzbar.
[Anm.: Zentrale apophatische Wesensbestimmung des höchsten Brahman-Nārāyaṇa, unmittelbar vor der folgenden Namensetymologie. Mehrere Einzelausdrücke sind wegen OCR-Verderbnis unsicher rekonstruiert (u. a. nach dem Parallelausdruck „anādyantaṃ paraṃ brahma“ aus 2.1gap/V.6) und mit [?] markiert.]
[V.26–40, Katalog von rund zwanzig etymologisch gedeuteten Namen des höchsten Brahman/Nārāyaṇa]
[Anm.: Es folgt ein ausführlicher Katalog von Namen des höchsten Wesens, jeweils mit knapper volksetymologischer Begründung: „Paramātman“ (wegen Erhabenheit und Selbst-Natur), „Bhagavān“ (wegen der Verbindung mit der Sechsheit), „Vāsudeva“ (weil er in allen Wesen wohnt, vāsu-), [„Viṣṇu“, wegen „er durchdringt (āpnoti) die Welt“], „Avyakta“ (das Ungeoffenbarte, weil ohne [materielle] Gestalt), „Sarvaprakṛti“ (Urstoff von allem), „Pradhāna“ (weil alle Wirkungen in ihm grundgelegt sind), „Nidhi“ (Schatz/Zufluchtsort, wegen Führerschaft), „Ananta“ (der Endlose), „Aparimita“ (der Unermessliche), „Akṣara“ (der Unvergängliche), „Ariṣṭa“ (der Unversehrte), „Acyuta“ (der Unwandelbare, wegen unveränderlicher Wesensnatur und Alldurchdringung), „Sama“ (der Gleiche/Unparteiische, wegen der Gleichheit seiner Ursächlichkeit überall), „Acintya“ (der Unausdenkbare, jenseits jeden Maßes), „Prabhava“ (Ursprung, weil aus ihm die Welten entstehen), „Avyaya“ (der Unerschöpfliche, Grundlage von allem anderen), „Brahman“ (wegen Weite/Ausdehnung, bṛṃhat/bṛṃhaṇa), „Kāpila“ [Bedeutung unsicher, [?], wegen höchsten Wissens und größter Leuchtkraft], „Hiraṇyagarbha“ (Goldener Keim, wohltuend und lieblich [Rest unsicher, [?]]), „Apāntaratamas“ (wegen einer die Unwissenheit vertreibenden Askese-Praxis) und „Śiva“ (der Heilbringende, in seiner Stellung als Paśupati). Mit diesen und ähnlichen Worten, so schließt der Abschnitt, werde jenes Wesen, das in Wahrheit weder fern noch nah ist, [nur behelfsmäßig] bezeichnet. Wegen der katalogartigen, stark wiederholenden Form und beträchtlicher OCR-Verderbnis einzelner Verse wird dieser Abschnitt hier zusammenfassend referiert statt Vers für Vers übersetzt.]
[V.41–45, über die Unfassbarkeit des höchsten Brahman auch für geläuterte Sucher]
[Anm.: Wenn durch viele Geburten hindurch gereiftes gutes und schlechtes Karma erschöpft und das Netz der Anhaftungs-Eindrücke (vāsanā) durch die Lehre der rechten Erkenntnis abgeschüttelt ist [V.41], dann wird jenes Wirkliche (tattva) zwar aus sich selbst heraus erfahrbar[?] — doch vermögen wir nicht, es unmittelbar und klar in Worten als „dies ist es“ auszusprechen [V.42]. Selbst wenn man, geschwind wie der Gedanke, tausende von Jahren gleich dem König der Vögel [Garuḍa] emporflöge, erreichte man doch nie das Ende der Ursache [V.43]. Immer weiter hinaufsteigend und immer feiner unterscheidend gelangen [die Suchenden] in jenem Zustand des Erkenntnis-Aufgehens dennoch zu keiner größeren Deutlichkeit [des Erkannten] [V.44]. Dort kommen alle Wirklichkeitskategorien (tattva) im höchsten Selbst zur Ruhe; Sein und Nichtsein, beide, werden vom Faden der Erkenntnis gleichsam aufgesogen [V.45].]
sarvatrāvayavocchittvāt [?] sarvātmā tat paraṃ padam │ atītānāgate kāle madhyataḥ pratisaṃhṛte ‖46‖ vartamānaṃ na tad brahma nātītaṃ naiva bhāvi tat │ adhastataḥ pṛṣṭhato naiva nordhvataḥ pārśvayor dvayoḥ ‖47‖ na kasmāt kaṃ [?] na vikalaṃ na kṛṣṇaṃ na ca piṅgalam │ na sāraṅgaṃ piśaṅgaṃ na kapiṃ nāruṇaṃ na ca ‖48‖ na viśvaṃ [?] na śuklaṃ naiva na śyāmaṃ na ca rohitam │ na dīrghaṃ naiva ca hrasvaṃ na sthūlaṃ naiva cāpy aṇu ‖49‖ na vṛttaṃ nāpy apāvṛttaṃ nādhṛtaṃ tad anāśritam [?] │ naiva bhāvo na cābhāvas tad bhāvābhāvayor na ca [?] ‖50‖ na śītaṃ nāpi coṣṇaṃ nānuṣṇāśītam apy uta │ na duḥkhaṃ na sukhaṃ naiva nirduḥkhaṃ sukham avraṇam ‖51‖ na mūlaṃ nāpi tan madhyaṃ naivāntaṃ kasyacin mune │ na śete tan na caivāste na tiṣṭhati na gacchati ‖52‖ sarvadvandvavinirmuktaṃ sarvopādhivivarjitam │ ṣāḍguṇyaṃ tat paraṃ brahma sarvakāraṇakāraṇam ‖53‖
„Weil überall frei von [Unterscheidung in] Teile, [ist] es das Selbst von allem, jener höchste Zustand — in vergangener und künftiger Zeit, [beide] in der Mitte [in ihm] zurückgezogen. [46] Jenes Brahman ist nicht die Gegenwart, nicht die Vergangenheit, und auch nicht die Zukunft; es ist nicht unten, nicht hinten, nicht oben, und auch nicht auf einer der beiden Seiten. [47] Es ist nicht [dies oder jenes][?], nicht mangelhaft, nicht schwarz und nicht rötlich-gelb; nicht gescheckt, nicht orange-braun, nicht affenfarben und nicht rot. [48] Es ist nicht [das All][?], nicht weiß, nicht dunkelblau und nicht rot; nicht lang und nicht kurz, nicht grob-stofflich und auch nicht atomfein. [49] Es ist nicht rund und auch nicht aufgerollt/offen; es ist nicht gestützt, [und doch] nicht auf nichts gestützt[?]; es ist weder Sein noch Nichtsein, und gehört auch keinem von beiden, Sein und Nichtsein, an[?]. [50] Es ist nicht kalt und auch nicht heiß, auch nicht lauwarm; es ist nicht Leid und nicht Lust — [es ist vielmehr] eine leidlose, makellose Wonne. [51] Es hat keine Wurzel [keinen Anfang] und auch keine Mitte, und, o Weiser, überhaupt kein Ende; es liegt nicht, es sitzt auch nicht, es steht nicht und es geht nicht. [52] Frei von allen Gegensatzpaaren, losgelöst von allen bedingenden Zusätzen (upādhi) — jenes höchste Brahman, gekennzeichnet durch die Sechsheit (ṣāḍguṇya), ist die Ursache aller Ursachen.“ [53]
[Anm.: Berühmte apophatische neti-neti-Passage (Aufzählung durch Verneinung), die in ihrer dichten Verneinungskette an vergleichbare upaniṣadische und pāñcarātrische Brahman-Beschreibungen erinnert. Einige Farb-/Gestaltbegriffe sind wegen OCR-Unsicherheit mit [?] markiert.]
śrīnāradaḥ │ kiṃ tat ṣāḍguṇyam ity uktaṃ devadeva jagatpate │ kathaṃ ca guṇahīnaṃ tat ṣāḍguṇyaṃ parigīyate ‖54‖
[Nārada:] „Was ist dieses ‚Sechsheit‘ genannte [Ding], o Gott der Götter, Herr der Welt? Und wie kann es, obwohl frei von [materiellen] Erscheinungsqualitäten (guṇa), als ‚Sechsheit‘ (ṣāḍguṇya) besungen werden?“ [54]
[Ahirbudhnya:] „Das, dem die Berührung durch [materielle] Erscheinungsqualitäten genommen ist — das gilt als die [rechte] Bestimmung. Höre, sündenloser Nārada, während ich dir die Sechsheit erkläre. [55] Nicht-träge, sich selbst erkennend, ewig, alles durchdringend — dies nennen die Denker über die Erscheinungsqualitäten die erste Qualität (guṇa), genannt Jñāna (Erkenntnis). [56] Sie ist zugleich die Wesensnatur (svarūpa) Brahmans selbst und wird [dennoch auch] als [eine seiner] Qualitäten (guṇa) besungen.
[Anm.: Beginn der Sechs-Qualitäten-Lehre (ṣāḍguṇya). Die Pointe: obwohl „ohne [materielle] guṇas“, wird Brahman durch sechs eigene, überweltliche Qualitäten gekennzeichnet, deren erste, Jñāna, zugleich mit seiner Wesensnatur selbst identifiziert wird.]
„Jene Urheberschaft (kartṛtva) von ihm, verstärkt durch [seine] Unabhängigkeit (svātantrya) — das wird von denen, die über den wahren Sinn der Qualitäten nachdenken, Aiśvarya (Herrschaft) genannt.“ [58]
[Anm.: Dritte Qualität — Aiśvarya als souveräne, unabhängige Urheberschaft.]
„Jene Freiheit von Ermüdung (śrama-hāni) bei ihm, der doch beständig die Welt erschafft — diese seine Qualität wird von den Denkern über die Qualitäten Bala (Kraft) genannt.“ [59]
[Anm.: Vierte Qualität — Bala als unermüdliche Schöpferkraft.]
tasyopādānabhāve'pi vikāravirāho hi yaḥ │ vīryaṃ nāma guṇaḥ so'yam acyutatvāparāhvayam ‖60‖ sahakāryanapekṣā yā tat tejaḥ samudāhṛtam │
„Jene Abwesenheit jeder Veränderung (vikāra-viraha) bei ihm, selbst in seinem Zustand als [Welt-]Ursache — eben diese Qualität heißt Vīrya (Unwandelbarkeit), auch ‚Acyutatva‘ (Unfehlbarkeit) genannt. [60] Jene Unabhängigkeit von einer mitwirkenden Hilfsursache — das wird als Tejas (Glanzkraft) bezeichnet.
[Anm.: Fünfte und sechste Qualität — Vīrya (Unwandelbarkeit trotz Ursachefunktion) und Tejas (Unabhängigkeit von jeder Mitursache).]
ete śaktyādayaḥ pañca guṇā jñānasya kīrtitāḥ ‖61‖ jñānam eva paraṃ rūpaṃ brahmaṇaḥ paramātmanaḥ │ ṣāḍguṇyaṃ tat paraṃ brahma svaśaktiparibṛṃhitam │ brahma syām iti saṃkalpaṃ bhajate tat sudarśanam ‖62‖
„Diese fünf Qualitäten, angefangen mit Śakti [Śakti, Aiśvarya, Bala, Vīrya, Tejas], werden als [Erscheinungsweisen] des Jñāna bezeichnet. [61] Erkenntnis (jñāna) allein ist die höchste Gestalt Brahmans, des höchsten Selbst. Jenes höchste, durch die Sechsheit gekennzeichnete Brahman, verstärkt durch seine eigene Śakti, nimmt den Entschluss an: ‚Ich will [als vielfältiges] Brahman sein‘ — eben dieser [Entschluss] ist Sudarśana.“ [62]
[Anm.: Doktrinärer Höhepunkt des Kapitels: die fünf übrigen Qualitäten werden auf Jñāna, die Wesensnatur Brahmans selbst, zurückgeführt; und der Ur-Entschluss des ṣāḍguṇya-Brahman, „vielfältig zu werden“ (im Anklang an die Chāndogya-Formel „bahu syām“), wird selbst mit Sudarśana gleichgesetzt — dem zentralen Gegenstand dieser ganzen Saṃhitā. Damit schließt sich der Kreis zur Eingangsfrage des Kapitels (2.1gap) nach dem Wortsinn von „sudarśana“.]
So endet im heiligen Pāñcarātra, dem Tantra-Geheimnis, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das zweite Kapitel, genannt „Die Unterscheidung des sechsfach-qualifizierten Brahman“. Om. (Vom Anfang [des Werkes] an: 136 Verse.)
[Anm.: Die Verszählung folgt hier – anders als im Kolophon von Kap. 1, der die Verse DIESES Kapitels zählte (74) – der kumulativen Zählung vom Werksanfang an (136 insgesamt = 74 + 62 Verse); Kapitel 2 selbst umfasst somit 62 Verse.]