Paṭala 9: Aśuddhajagadādhāranirūpaṇam
Neuntes Kapitel – Die Bestimmung des unreinen Welt-Fundaments
Fortsetzung der Ādhāra-Lehre aus Kap. 8, nun für die unreine (aśuddha), materielle Schöpfung: eine Reihe von elf ,Rädern' (cakra), die je ein Sāṅkhya-Tattva tragen – Puruṣa, Śakti (Cidādarśa-Rad), Niyati, Kāla, die drei Guṇas, Buddhi, Ahaṃkāra, die fünf Elemente und die elf Sinnesorgane (V.1–9) –, gefolgt vom ,Mahābhūti-Rad', das die unzähligen Welteier (brahmāṇḍas) trägt (V.10–26, im letzten Teil stark formelhaft und aus einem beschädigten Scanabschnitt nur zusammenfassend wiedergegeben). Es folgt die Vision der befreiten Seelen, die Nārāyaṇa mit Lakṣmī unmittelbar schauen (V.27–33), und eine Wiederaufnahme des Schnur-und-Perlen-Bildes aus Kap. 8 (V.34–35). Den Abschluss bilden zwei weitere kosmische Räder: das ,Saṃhṛti-Rad' der Auflösung/des Entzugs (V.36–40) und das ,Calana-Rad' der Bewegung mit seiner dreifachen Unterteilung in Schöpfungs-, Auflösungs- und Bestands-Aspekt, geschlossen durch das Gleichnis vom einen Schauspieler mit vielen Masken (V.41–46). [Anm.: Der Quellscan (archive.org in.ernet.dli.2015.487334) ist über weite Strecken dieses Kapitels, besonders V.15–26, deutlich schlechter lesbar als in den vorangehenden Kapiteln; unsichere oder zusammenfassend wiedergegebene Passagen sind entsprechend gekennzeichnet.]
„Der reine Träger [ādhāra] wurde erklärt: wodurch das Reine – jene Göttin, die in Gestalt von Bhūti/Vyūha usw. wirkt – getragen wird. Ebenso, [von dort] bis zur Grenze des [Kūṭastha-]Puruṣa, gibt es eine unreine [śuddhetara] Weise [des Seins]; höre, durch welches resolve-geformte Rad [cakra] diese getragen wird: das Puruṣa-Rad, durch das der Puruṣa getragen wird …“
Übergang von der reinen (Kap. 8) zur unreinen/materiellen (aśuddha) Ādhāra-Lehre: dieselbe Trägerin-Metaphorik wird nun auf die Sāṅkhya-Tattva-Reihe der materiellen Schöpfung angewendet.
(Nun die Räder, beginnend mit Śakti:) „Das Rad namens ,Cidādarśa' [,Spiegel des Bewusstseins'] ist verkündet, durch das jene Śakti getragen wird. Ebenso das ,Naiyata'-Rad, durch das Niyati [das Verhängnis] getragen wird; das sechsspeichige Kāla-Rad, durch das die Zeit getragen wird; [die dreispeichigen Räder], durch die Sattva, Rajas und Tamas getragen werden, o großer Weise – jene kennen die Weisen als die dreispeichigen ,Ādhāra-Räder'. Das elfspeichige Rad, durch das die Buddhi [der Verstand] getragen wird; das achtspeichige große Rad, das den Ahaṃkāra [das Ich-Bewusstsein] trägt; [ein Rad], das Vāyu [den Wind] trägt; das für Tejas [das Feuer] erklärte, viereckige [Rad, sowie das] für die Gewässer [Āpas; beide Textstellen unsicher]; das ,pārthiva'-Rad, durch das die Erde [Pṛthivī] getragen wird … das elffache, doppelt-gepaarte Sinnesorgan-Rad [aindriya] – dies ist, so wurde dir erklärt, o Weiser, die natürliche [prākṛtikī] Trägerkraft.“
[?] Katalog der Tattva-Räder (Puruṣa, Śakti/Cidādarśa, Niyati, Kāla, die drei Guṇas, Buddhi, Ahaṃkāra, die fünf Elemente, die elf Sinnesorgane) nach dem Muster der klassischen Sāṅkhya-Tattva-Reihe – dieselbe Reihenfolge wie bereits in Kap. 7 (Mahat/Buddhi, Ahaṃkāra, Tanmātras/Bhūtas/Indriyas), hier jedoch als System kosmischer ,Räder' (cakra) neu gefasst. Die genauen Speichenzahlen der Vāyu-, Tejas- und Āpas-Räder sind im Quellscan an dieser Stelle beschädigt und bleiben unsicher; die übrigen Zahlen (3, 6, 8, 11) sind gesichert.
(Nun das Mahābhūti-Rad [,Rad des großen Seins']:) „Höre von dem einen, großen, das Mahābhūti [große Sein] hervorbringenden Träger, der, ,Mahāketu' [,großes Zeichen'] genannt, ausgedehnt im Äther-Raum [vyoman] getragen wird – getrieben von Aniruddha, [strömend] wie der Wind, von Saṅkarṣaṇa bis hinab zur Erde reichend, ganz aus Viṣṇus Kraft bestehend. Im haltlosen Gefäß [der Leere] wird das Sein [bhūti] allein durch den Willen getragen; jenes willensgeformte Rad ist endlos-speichig [anantāra], o großer Weise – göttlich, ,Mahāvibhūti' [,große Erscheinungsmacht'] genannt, jenseits von Rede und Denken, unermesslich, unabhängig, verschieden sowohl von Sein als auch Nichtsein; endlos-speichig, grenzenlos, und doch [zugleich] von Grenzen erfüllt – erschienen als ungezählte Myriaden von Myriaden Myriaden Welteiern [brahmāṇḍas], ungestört [von alledem].“
Das Mahābhūti-Rad markiert den Übergang zur eigentlichen kosmischen Weite: die materielle Schöpfung als unendliche Vielzahl von ,Welteiern' (brahmāṇḍa), getragen einzig durch Sudarśanas Willen, ,in einem haltlosen Gefäß' – ein eindrückliches Bild für die Bodenlosigkeit dieser Trägerschaft.
(Zusammenfassung V.15–26, stark beschädigter Scanabschnitt)
In einer langen, formelhaften Versreihe wird das Mahābhūti-Rad weiter beschrieben: bald einem von Wasser durchzogenen, bald einem von unzähligen Lichtern erleuchteten, bald einem vom Wind bewegten [Fächer] gleichenden Gebilde; mit unzähligen winzigen, äther-ähnlichen Öffnungen durchsetzt; bemalt/gezeichnet mit vielfältigen Ahaṃkāra-Formen und mit unermesslichen, myriadenfach gestuften Abstufungen von großem und geringerem Reichtum; gefärbt mit den drei Guṇas in wechselnden, ungezählten Mischungsverhältnissen; von der Niyati [dem Verhängnis] in ihren vielfältigen Regelungsweisen durchwirkt und von unzähligen Abstufungen der Zeit [kāla] durchzogen. Der Sinn dieser stark formelhaften Passage ist erkennbar – die endlose, in jeder erdenklichen Weise abgestufte Durchdringung des materiellen Kosmos durch dieselbe eine Trägerkraft –, doch der Quellscan ist an dieser Stelle so beschädigt, dass eine verlässliche Vers-für-Vers-Übertragung nicht möglich ist.
[Anm.: Dieser Abschnitt wird aus methodischer Vorsicht als Zusammenfassung statt als direkte Übersetzung wiedergegeben, da die zugrundeliegende OCR-Erfassung dieses Scanbereichs (archive.org, in.ernet.dli.2015.487334) ungewöhnlich viele Erkennungsfehler aufweist und eine sichere Rekonstruktion des Wortlauts nicht gewährleistet werden kann. Einzelne Kernbegriffe (Ahaṃkāra, Guṇas, Niyati, Kāla, Brahmāṇḍa) sind jedoch zweifelsfrei lesbar und bestätigen den oben skizzierten Inhalt.
„… von den ewig Befreiten, den Ungestörten, gekennzeichnet durch makellose Wonne, die den Herrn Nārāyaṇa, den Makellosen, unmittelbar von Angesicht [zu Angesicht] schauen – ihn, der mit der Göttin Lakṣmī vereint sitzt, deren Leib in liebevoller Umarmung ruht [?] … [diese Wohnstatt ist] geschmückt von solchen [befreiten] Seelen, gekennzeichnet durch beständige Heldenkraft, von den sechs-qualität-gestaltigen Vyūhas, von lotusäugigen Puruṣas, bewohnt von denen, die Entstehung, Bestand und Auflösung der Welt bewirken. So ist diese höchste, vaiṣṇavische Erscheinungsmacht [vibhūti] erklärt worden.“
[?] Die genaue Wortfolge einzelner Halbverse (bes. V.31, die Beschreibung von Lakṣmīs Umarmung) bleibt aus dem beschädigten Scan nicht mit letzter Sicherheit rekonstruierbar. Inhaltlich beschreibt der Abschnitt – wie bereits die Paramapada-Schilderung in Kap. 6, V.21–36 – die Vision der befreiten Seelen von Nārāyaṇa und Lakṣmī im höchsten Reich.
„… der sein eigenes Wesen mit vielfältigem Gewand recht [zum Ausdruck] bringend – dieser vaiṣṇavische Wille [saṃkalpa], der wie eine Schnur durch Perlen hindurchgeht: das ist jenes endlos-speichige, unentfaltete, große Sudarśana. Bloß durch [sein] Sich-Erinnern hervorgebracht, bringt es alle Daseinsformen [gatis] hervor.“
Wiederaufnahme des zentralen Ādhāra-Bildes aus Kap. 8, V.34 (,Schnur und Perlen') als Abschluss des Mahābhūti-Rad-Abschnitts.
(atha saṃhṛticakram) yo jihīrṣāmayo nityaḥ saṃkalpo vaiṣṇavaḥ paraḥ, anantāram aparyantaṃ tat saṃhṛtisudarśanam || eka eva tu saṃkalpo rūpeṇānena gīyate, anantam aparicchedyam aprameyam anūpamam || ataraṅgārṇavākāram anabhrāmbarasannibham, ekaṃ tat paramaṃ brahma ṣāḍguṇyastimitaṃ mahat || bhāvābhāvamayī tasya śaktir ekānapāyinī, tad dharmadharmiṇī divyā jyotsneva himadīdhiteḥ | tasya saṃkalpasaṃkalpo [?] ... staimityasthitisaṃkalpas tiṣṭhitaṃ tat sudarśanam ||
(Nun das Saṃhṛti-Rad [,Rad des Zurückziehens/der Auflösung']:) „Jener ewige, höchste vaiṣṇavische Wille, der aus dem Verlangen zu entziehen [jihīrṣā] besteht, endlos-speichig, grenzenlos – das ist das ,Saṃhṛti-Sudarśana' [Sudarśana der Auflösung]. Der Wille ist zwar nur einer, wird jedoch in dieser [besonderen] Gestalt besungen: endlos, unteilbar, unermesslich, unvergleichlich; von der Gestalt eines wellenlosen Ozeans, einem wolkenlosen Himmel gleich – das ist das eine höchste Brahman, das große, in den sechs Eigenschaften [ṣāḍguṇya] ruhende. Seine Kraft [Śakti], bestehend aus Sein und Nichtsein, ist eine, niemals scheidende; sie verhält sich zu ihm wie Eigenschaft zu Eigenschaftsträger, wie das Mondlicht zum kühlstrahlenden [Mond] selbst. […] Im Willen unbewegter Beständigkeit ruhend, [so] steht jenes Sudarśana.“
[?] Der Halbvers 40ab ist im Scan zu stark beschädigt für eine verlässliche Übertragung und wurde ausgelassen; Sinn und Fortgang des Gedankens (die Beständigkeit des Sudarśana im Zustand der Auflösung) sind aus dem Kontext jedoch klar.
(atha calanacakram) prabhave cāpyaye vāpi sthito vāpi mahāmune, calantāpūrvarūpaṃ yaḥ saṃkalpas tatra vartate | calanaṃ nāma tac cakraṃ sudarśanamayaṃ mahat || (tasya traividhyam) bhedās trayo 'sya vijñeyās tantravijñānapāragaiḥ | mahāsṛṣṭimayaṃ tatra samāsavyāsalakṣaṇam, nānāśaktisamākīrṇaṃ tac ca te kathitaṃ purā || mahāsaṃhāracakraṃ ca samāsavyāsalakṣaṇam, tādṛg evātra vijñeyaṃ tac ca te kathitaṃ purā || sthiticakraṃ tu yan madhye samāsavyāsalakṣaṇam, tasya vakṣyāmi vistāraṃ yathāpramāṇatayā sthitam | yathā tryekī naṭo bhaved nānārūpair vibhajyate, tathā saṃkalpa ekas tais tair bhedair vibhajyate ||
(Nun das Calana-Rad [,Rad der Bewegung']:) „Sei es in der Entstehung, sei es in der Auflösung, oder auch im Bestehen, o großer Weise – der Wille, der dort wirkt, hat eine stets bewegte, nie zuvor [so gesehene] Gestalt; jenes große, Sudarśana-geformte Rad heißt ,Calana' [Bewegung]. Seine dreifache Natur ist von den in der Tantra-Wissenschaft Bewanderten zu erkennen: [erstens] das aus großer Schöpfung bestehende [Rad], gekennzeichnet durch Zusammenziehung und Ausdehnung, von mannigfachen Kräften durchsetzt – das wurde dir bereits früher [in Kap. 4–7] erklärt. Und [zweitens] das große Saṃhāra-Rad [Auflösungs-Rad], ebenso durch Zusammenziehung und Ausdehnung gekennzeichnet – auch das ist auf dieselbe Weise zu verstehen, und wurde dir bereits früher erklärt. Das Sthiti-Rad [Bestands-Rad] aber, das in der Mitte steht, ebenfalls durch Zusammenziehung und Ausdehnung gekennzeichnet – von ihm werde ich [jetzt] die Ausdehnung darlegen, wie sie ihrem [eigenen] Maß nach besteht. So wie ein und derselbe Schauspieler [naṭa] sich durch mannigfache Gestalten/Masken vervielfältigt zeigt, so vervielfältigt sich der eine Wille [saṃkalpa] durch alle diese Unterscheidungen.“
Die abschließende Schauspieler-Metapher (ein Akteur, viele Masken) fasst das gesamte Cakra-System der Kap. 8–9 programmatisch zusammen: Schöpfungs-, Auflösungs- und Bestands-Rad sind nur verschiedene ,Rollen' des einen Sudarśana-Willens – ein bewusster Rückverweis auf den Bhāvya-Bhāvaka-Gedanken vom Ende des Kap. 7.
So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das neunte Kapitel, genannt ,Die Bestimmung des unreinen Welt-Fundaments' [Aśuddhajagadādhāranirūpaṇam]. Om. (Verse von Anfang an: 566)