Paṭala 24: Yantradevatādhyānanirūpaṇam
Vierundzwanzigstes Kapitel – Die Darlegung der Meditation auf die Yantra-Gottheiten
Kapitel 24 (Yantradevatādhyānanirūpaṇam) bildet den poetischen Abschluss des großen Acht-Räder-Zyklus (Kap.22-23): in kunstvolleren Versmaßen werden zunächst die Früchte aller acht Räder zusammengefasst (V.1-6), dann die dhyāna-Meditationsbilder der Gottheiten der ersten sieben Räder entfaltet (V.7-13: das namenlose Hari/Oṃ-Rad, Viṣṇu, Nārāyaṇa, Vāsudeva, der Puruṣa im Ajita-Rad, Narasiṃha, und der Puruṣa mit Śrī), gefolgt von einer ausführlicheren Behandlung der komplexen weiblichen Machtgestalten des achten (Mātṛkā-)Rades (V.14-19, wegen schwerer OCR-Schäden teils zusammengefasst statt wortwörtlich übersetzt), der fünf elementaren Aṅga-Mantra-Śaktis (V.20-23), eines alle Räder überragenden feurigen Sudarśana-Gipfels und seiner Wurzel-Śakti (V.24-25), sowie abschließender Qualifikationsregeln (nur ein Zweimalgeborener mit königlicher Erlaubnis, V.26), eines Fruchtkatalogs (V.27-28) und der zentralen Maxime, dass ohne meditative Versenkung selbst korrektes Ritual nur geringere Frucht bringt (V.29). Kolophon: kumulativ 1445 Verse. Quelle: Adyar-Ausgabe (Rāmānujācārya, 1926, gemeinfrei), OCR teils stark beschädigt bei den Mātṛkā-Rad-Versen (V.15-18) und den Aṅga-Mantra-Versen (V.20-24), dort mit [?]/[Anm.] entsprechend markiert.
[Eingangsvers, textlich unsicher, mit [?] markiert:] »Einmal betrachtet, [zerstört es] die Schrecken von zehn Millionen [Feinden] ... lasst uns jene göttliche Erhabenheit (bhaga) des Gottes Sudarśana meditieren.« [Anm.: Die OCR dieses einleitenden, gāyatrī-artigen Anrufungsverses ist stark verderbt; der Grundsinn – eine Anrufung Sudarśanas – ist erschlossen, der genaue Wortlaut jedoch unsicher.]
(Kurze Darlegung der Früchte der acht genannten Räder)
Ahirbudhnya [spricht]:
(V.1) Dieses Rad, erglühend im Glanz von Mond, Sonne und Feuer, wurde [dir], großer Weiser, verkündet; es umfasst alle Mantras, und aus ihm geht das gesamte Reich und Königtum hervor. (V.2) Das Brahma-Rad wurde verkündet, welches innerlich nur den reinen Geistern [zugänglich ist], o Weiser; das Viṣṇu-Rad wurde verkündet, das wunderbare, welches Durchdringungskraft, Glanz und höchste Tapferkeit verleiht. (V.3) Das als drittes verkündete, überaus wunderbare Rad verleiht strahlenden Ruhm und Reichtum; das als viertes verkündete Rad aber ist erlösungsspendend, von der Schar der Weisen [so] gelehrt, o Weiser. (V.4) Das erste verleiht Sieg und Ruhm; das sechste vernichtet schwere Krankheit und Tod; das siebte verleiht brahmischen Glanz; das achte dient Wohlstand, Reichtum und Sieg.
(Die Unmöglichkeit, jene Erhabenheit ausführlich zu schildern)
(V.5) Jedes einzelne wurde dir von mir, bezüglich dieses von allen Yogis und größten Weisen verehrten Achtergespanns der Räder, nur knapp dargelegt. Selbst binnen vieler tausend Jahre wäre es mir nicht möglich, die volle Ausdehnung dieses alles umfassenden [Systems] darzulegen. (V.6) Der Mantra-Kundige soll, nachdem er zuvor die beim Rezitieren der Mantra-Silben [hervortretenden] Bedeutungsunterschiede erfasst hat, jene Mantra-Gottheiten vorschriftsmäßig verehren; und er soll sie zugleich mit ihrer Gestalt, Kraft (śakti), Gefolge, Schmuck sowie den Gegenständen ihrer Macht und Erhabenheit meditieren.
Eröffnung des Kapitels: zusammenfassende Nennung der Früchte der acht zuvor (Kap.22-23) beschriebenen Schutz-Räder – Sieg, Ruhm, Reichtum, Erlösung, Heilung, brahmischer Glanz, Wohlstand – gefolgt von der captatio benevolentiae, dass deren volle Erhabenheit unmöglich erschöpfend darstellbar sei, und der allgemeinen Anweisung, jede Rad-Gottheit mit Gestalt, Kraft, Gefolge und Schmuck zu meditieren.
(Die Entfaltung der wahren Gestalt, Meditation usw. der jeweiligen Rad-Gottheiten)
(V.7) Im ersten Rad meditiere man auf Hari als den Makellosen, der zum höchsten Zweck des Schutzes der Hervorbringung der gesamten Welt in Gnade verharrt, dessen [Macht] einem großen, von Wellen bewegten Ozean gleicht – ihn, der durch die Silbe Oṃ (praṇava) zugänglich ist. (V.8) Weiß, mit heiterem Antlitz, lotusgleich-langgezogenen Augen, gelbem Gewand, breiter Brust, selbstentstanden; mit kräftigen, langen Armen, die Keule, Diskus, Muschelhorn, die Kaumodakī[-Keule] und Lotos halten – so [meditiere man] im Viṣṇu-Rad. (V.9) Dunkelfarben, gekrönt, mit vier edlen Armen, die Kaumodakī-Keule, Lotos [und weitere Attribute] sowie den vortrefflichen Diskus haltend – Nārāyaṇa, den Augen erfreulichen Urgott, meditiere man zusammen mit Śrī im an dritter Stelle stehenden Rad. (V.10) Hell wie Jasminblüte und Mond, mit lotusblattlangen Augen, eine reine Gebetskette [haltend], mit erhobener Hand in der Geste der Belehrung, mit dem anderen Armpaar Diskus und reines Muschelhorn haltend – ihn meditiere als Vāsudeva im vierten Rad. (V.11) Muschelhorn, Diskus, Lotos, Keule, Elefantenstachel, Fangstrick und den Śārṅga-Bogen [tragend], freudig den Kaustubha-Juwel tragend, mit zehn eigenen Händen, auf Garuḍa (Tārkṣya) thronend, silberarmig – man meditiere auf den uralten Puruṣa, der im Ajita-Rad weilt. (V.12) Mit einem vom Blut aus der durch die Spitzen seiner grausam gekrümmten Krallen aufgerissenen Dämonenbrust benetzten Leib, von schrecklicher Erscheinung, mit drei Augen, kaum erträglich anzusehen – meditiere, o Weiser, im sechsten [Rad] auf den Herrn Narasiṃha. (V.13) Inmitten eines Bündels aufsteigender Strahlen von Mond, Feuer und Sonne stehend, Lotos, Keule, Diskus und Muschelhorn haltend, in den [vedischen] Versmaßen verweilend, die Ursache der Welt, unermesslich – meditiere, o Weiser, zusammen mit Śrī auf den uralten Puruṣa.
Die dhyāna-Verse (Meditationsbeschreibungen) der Gottheiten der ersten sieben Räder: das namenlose 'Ur-Rad' (Hari/Oṃ), Viṣṇu-Rad, Nārāyaṇa (3.), Vāsudeva (4., das Turya-Rad), der Puruṣa im Ajita-Rad, Narasiṃha im sechsten Rad, und – zusammen mit Śrī – der uralte Puruṣa im siebten (Tri-Jyotis-)Rad. Das achte, komplexeste Rad (Mātṛkā) erhält eine eigene, längere Behandlung in den folgenden Versen.
(mātṛkācakre rakṣyā dhyeyatvam) gokṣīraśaṅkhahimadīdhitidevasindhu-[...] bhāvimalapaṅkajaśaṅkhahastā | smeraprasannavadanā kamalāyatākṣī dhyeyā svacakrabhuvanopari tatkramā sā ||14|| [V.15-18: vier weitere Gestalten – śaktir hareḥ, devī parā, śaktiḥ parāvarākhyā, lakṣmīr aparākhyā – Text stark OCR-gestört, s. Anm.] [...] dhyeyā samādhiniratena mahāprabhāvā ||19||
(Dass die Schützerin im Mātṛkā-Rad zu meditieren ist)
(V.14) Weiß wie Kuhmilch, Muschelhorn, Reif und Mondschein, [gleich] dem göttlichen Strom [Gaṅgā] ..., mit einer reinen Lotos- und Muschelblüte in der Hand, lächelnd-heiteren Antlitzes, lotus-äugig – sie ist zu meditieren, oberhalb der Welt ihres eigenen Rades, in jener [ihr zukommenden] Rangfolge.
[Anm.: Die Verse 15-18 beschreiben in vier weiteren, kunstvollen Strophen vier zusätzliche weibliche Machtgestalten (Śaktis) des Mātṛkā-Rades – benannt als 'Śakti des Hari' (mit drei Augen und Wunschjuwel), eine 'höchste Göttin' (Parā, mit der Geste der Belehrung und einem Buch), 'Parāvarā' (mit Lotos, Schutz- und Gabegestus, Elefantenstachel und Fangstrick) sowie 'Aparā', mit Lakṣmī gleichgesetzt (vollbrüstig, lotusäugig, von rötlichem Glanz). Die einzelnen Attribute dieser vier Strophen sind in der zugrundeliegenden OCR so stark verderbt (zahlreiche unlesbare oder unsinnige Zeichenfolgen, auch in den textkritischen Fußnoten der Druckausgabe selbst als unsicher vermerkt), dass eine zuverlässige Wort-für-Wort-Übersetzung nicht redlich möglich ist; sie werden daher hier zusammenfassend statt wortwörtlich wiedergegeben, um keine Scheingenauigkeit vorzutäuschen.]
(V.19) ... ist von dem in Versenkung (samādhi) Verharrenden zu meditieren, sie, die große Macht Besitzende.
Die Gottheit(en) des achten, komplexesten Rades (Sahasrāra-Mātṛkā-Cakra, vgl. Kap.23): eine Hauptschützerin sowie vier weitere weibliche Kraftgestalten (Śaktis) – Śakti des Hari, die höchste Göttin (Parā), Parāvarā und Aparā/Lakṣmī –, deren detaillierte Ikonographie (V.15-18) wegen schwerer OCR-Beschädigung des Quelltexts zusammenfassend statt wortwörtlich wiedergegeben wird.
(aṅgamantradevatātadbhāvanādiprapañcanam) aṅgaṃ tu cakramayadevasamānarūpam ādyaṃ [?] cakrapūrvam akhilaṃ gaditaṃ yad ādau | gāyatry api jvalitapāvakavahnivarṇā [?] cakrasya tulyavibhavā vipulastanāḍhyā ||20|| jvālāṅkuradagdhasamastasurārivargaṃ prākāram agnimayam eva vadanti santaḥ | vyomasthaśaktir api sūryasahasramālā bhīmāmbujadyutimatī manasā vicintyā ||21|| mālāṃ caturgatimayīṃ vapuṣā dadhānā vāyusthaśaktir api bhūpratanur vicintyā | kāñcanākhyataruṇārkasahasramālā tejaḥsthaśaktir api raktatanur vicintyā ||22|| pīyūṣarūparacanā salilasthaśaktir dhyeyā varāhaniyutāyutaikakalāḍhyā [?] | uttaptakāñcanaruciḥ puruṣeśvarāḍhyā bhūśaktir ādipuruṣasya vicintanīyā ||23||
(Die Entfaltung der Meditation usw. auf die Gottheiten der Aṅga-Mantras)
(V.20) Das Aṅga(-Mantra) aber, gleichgestaltig mit der Rad-Gottheit [selbst], ist dasjenige, was bereits am Anfang, dem [Haupt-]Rad vorausgehend, im Ganzen dargelegt wurde. Auch die Gāyatrī, von der Farbe des lodernden Opferfeuers [?], von gleicher Macht wie das Rad, vollbrüstig [dargestellt] [?]. (V.21) Die durch aufflammende Funken die gesamte Schar der Götterfeinde verbrennende, feurige Umwallung [nennen] die Rechtschaffenen. Auch die im Himmelsraum weilende Śakti, mit dem Glanz tausend Sonnen und furchterregender Lotos-Strahlkraft, ist im Geiste zu meditieren. (V.22) Auch die im Wind weilende Śakti, die am Leib eine aus den vier [Bewegungsweisen/Richtungen] bestehende Girlande trägt, von feiner Gestalt, ist zu meditieren. Auch die im [Feuer-]Glanz weilende Śakti, umgeben von einer Girlande tausend junger, goldfarbener Sonnen, von rotem Leib, ist zu meditieren. (V.23) Die im Wasser weilende Śakti, aus der Substanz des Nektars gebildet, ausgestattet mit den [numerischen] Maßen des Varāha [Ebers] – Niyuta und Ayuta zu Tausenden [?] –, ist zu meditieren. Die Erd-Śakti, vom Glanz erhitzten Goldes, ausgestattet mit dem Herrn der Menschen, die Śakti des Urmenschen (Ādipuruṣa), ist zu meditieren.
Die 'Glieder'-Gottheiten (Aṅga-Mantra-Śaktis), die den Hauptrad-Gottheiten zugeordnet sind: eine feurige Schutzumwallung/Gāyatrī, sowie vier weitere Śaktis, die jeweils im Himmelsraum, Wind, Feuer(-Glanz) und Wasser weilen, gefolgt von der Erd-Śakti des Urmenschen – ein den fünf Elementen (Äther, Wind, Feuer, Wasser, Erde) zugeordnetes Fünfergespann göttlicher Kräfte. Mehrere Einzelwörter bleiben wegen OCR-Unsicherheit mit [?] markiert.
(Meditation auf den aus Sudarśana bestehenden Gesamt-Gipfel aller Räder)
(V.24) Der aus Sudarśana bestehende Gipfel (kūṭa), von einer Gestalt gleich zehntausend jungen, goldglänzenden Sonnen [?], ist im Geiste zu meditieren – überwuchert von den vor Hitzequal siedenden, aus dem Fett sämtlicher Götterfeinde triefenden, feuchtglänzenden Flammenspitzen [seiner lodernden Zungen]. [Anm.: Vers stark verderbt überliefert; der Grundsinn – ein alle acht Räder überragender, aus Sudarśana gebildeter, feuerzüngiger Gipfel, der die Dämonen verzehrt – ist jedoch klar erkennbar.]
(Meditation auf die dem Sudarśana-Mantra zugrundeliegende Wurzel-Śakti)
(V.25) Mit Sonne, Mond und Feuer als ihren [drei] Augen, von der Farbe der jungen Sonne, das gesamte Universum durchdringend und darin weilend, von allen, ausnahmslos, verehrt, in ihrer Vielzahl von Armen tausend Diskus-Räder tragend – so ist [die Göttin], die gleichsam als Herz/Wesenskern des Sudarśana [gilt], zu meditieren.
Abschließende Zusammenschau: ein alle acht Einzel-Räder überragender, aus Sudarśana selbst gebildeter feuriger 'Gipfel' (kūṭa), der die Dämonen verzehrt, sowie die diesem Sudarśana-Mantra zugrundeliegende weibliche Wurzel-Kraft (Śakti) mit tausend Diskus-Armen.
(Dass allein der Zweimalgeborene zu den genannten Yantras berechtigt ist)
(V.26) Nur andeutungsweise wurde dies erhabene Schutzmittel zum Wohl aller Welten dargelegt. Mit Erlaubnis des Erdenherrschers (Königs) soll ein vortrefflicher Zweimalgeborener dies unermüdlich und beständig meditieren.
(Dass die genannten Yantras, über ihre beiläufigen Einzelfrüchte hinaus, auch als Mittel zur höchsten Frucht dienen)
(V.27) Niemals nähern sich [ihm] Übel; alle Krankheiten weichen [von ihm]; die Erde gedeiht mit reicher Frucht; [seine Nachkommen] erleiden keine durch [Raub-]Vögel verursachte Verheerung. (V.28) ... von langer Lebensdauer und reichem Besitz, frei von Sünde, von erhabenem Ruhm und Glanz; nachdem sie den Träger des Śārṅga-Bogens [Viṣṇu] durch vorschriftsmäßig vollzogene Riten verehrt haben, gehen sie am Ende, makellos geworden, in den höchsten Menschen (Puruṣa) ein.
(Dass ohne die rechte Versenkung bei den Sudarśana-Mantras nur die dem bloßen Ritual gebührende Frucht erlangt wird) [Anm.: Kapitelüberschrift im Original stark verderbt, Sinn aus dem Vers erschlossen.]
(V.29) Diese ganze göttliche Vorschrift wurde [dir], o Weiser, verkündet; hierbei muss vom [ausführenden] Brahmanen mittels rechter Versenkung (samādhi) meditiert werden. Fehlt jedoch diese Versenkung, so erlangt der Mensch, selbst wenn er die Handlung vorschriftsmäßig vollzieht, dennoch nur die der [bloßen Handlung] jeweils entsprechende Frucht.
So endet im ehrwürdigen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā das vierundzwanzigste Kapitel mit dem Namen 'Die Darlegung der Meditation auf die Yantra-Gottheiten'. Oṃ. (Von Anfang an gezählt: 1445 Verse)
Abschluss des Kapitels: Beschränkung der Berechtigung zu diesen Yantras auf einen Zweimalgeborenen mit königlicher Erlaubnis; Aufzählung weiterer Nebenfrüchte (Fernhalten von Übel und Krankheit, Fruchtbarkeit des Landes, langes Leben, Sündlosigkeit) neben der eigentlichen Höchstfrucht (Eingehen in den höchsten Puruṣa); abschließende Klarstellung, dass ohne meditative Versenkung (samādhi) selbst korrekt vollzogenes Ritual nur die geringere, ritualgemäße Frucht erbringt, nicht die Erlösung. Kolophon bestätigt kumulativ 1445 Verse (Kap.24 = 29 gezählte Verse plus der ungezählte Eingangsvers).