Paṭala 32: nāḍīśuddhivāyujayayogāṅgaprāṇāyāmādipañcakanirūpaṇam
Die Darlegung der Nāḍī-Reinigung, des Sieges über die Winde und der fünf [Yoga-Glieder] beginnend mit Prāṇāyāma
Dieses Kapitel entfaltet, nach der in Kap.31 eingeführten Aṣṭāṅga-Yoga-Systematik, zunächst eine detaillierte Nāḍī- und Vāyu-Physiologie (Körpermaße, Nabel-Rad mit Kuṇḍalī, die 14 Haupt- und 72.000 Neben-Nāḍīs mit ihren Verlaufsbahnen, die 10 Lebenswinde mit Sitz und Funktion), sodann die praktischen Techniken der Nāḍī-Reinigung (nāḍīśodhana) und des Prāṇāyāma mit genauen Mātrā-Zählungen, knappe Definitionen von Pratyāhāra, Dhāraṇā und Dhyāna, eine ausführliche, bildmächtige Visualisierung der zu meditierenden Gottesgestalt, und schließlich eine Definition des Samādhi samt der aus ihm erwachsenden übersinnlichen Vollkommenheiten. Die technischen Angaben (Mātrā-Zahlen, genaue Verlaufsbahnen der Nāḍīs) sind an mehreren Stellen durch die OCR-Vorlage beschädigt und daher stellenweise nur sinngemäß rekonstruierbar [?], während die Grundstruktur — als in der Fachliteratur zu Nāḍī/Vāyu-Lehre und Haṭhayoga gut bezeugtes Schema — sicher steht. Quelle weiterhin Vol.2 (in.ernet.dli.2015.322565).
Nun die Darlegung der Nāḍī-Reinigung, des Sieges über die Winde (vāyujaya) und der fünf [Glieder] beginnend mit dem Yoga-Glied Prāṇāyāma, der zweiunddreißigste Lehrabschnitt.
[Anrufungsstrophe wie in den vorigen Kapiteln, OCR-verderbt und mit [?] markiert.]
(Die Frage nach Zahl, Art und Ort der Nāḍīs)
Śrī-Nārada sprach: Wie viele Nāḍīs (feinstoffliche Kanäle) gibt es, von welcher Art, von welchem Ausmaß? Wo im Leib befinden sie sich, und wie ist ihr Verlauf beschaffen? (1)
(Die Frage nach Zahl, Ort usw. der Winde)
Wie viele Winde (vāyu) gibt es, mit welchen Namen und von welcher Art? Welche Funktionen diese [Winde je] haben — dies alles erkläre mir vollständig. (2)
(Beginn der Antwort darauf)
Ahirbudhnya sprach: Höre, mit ungeteiltem Sinn, jenes höchste Geheimnis.
V.1-2: Kapiteleröffnung. Nārada fragt nach Zahl, Art, Ausmaß, Lage und Verlauf der Nāḍīs sowie nach Zahl, Namen, Art und Funktion der Vāyus (Lebenswinde) — die beiden Leitfragen, die das gesamte Kapitel strukturieren (Nāḍī-Lehre V.3-30, Vāyu-Lehre V.31-41, anschließend die praktischen Techniken der Nāḍī-Reinigung, des Prāṇāyāma und der übrigen Yoga-Glieder bis Samādhi).
(Dass der Körper aus sechsundneunzig Aṅgulas besteht)
Der Körper aller Lebewesen [besteht], gemessen mit den je eigenen Fingerbreiten (aṅguli) — ohne Gebrechen [dabei zu sein] —, o Weiser unter den Göttern [Anrede an Nārada], aus sechsundneunzig Aṅgulas. (3)
(Die Bestimmung der Körpermitte)
Wenn du, großer Weiser, zu hören wünschst, was die Mitte des Körpers ist — so höre: (4) Zwei Aṅgulas oberhalb des Afterbereichs und zwei Aṅgulas unterhalb des Ansatzes des männlichen Glieds (meḍhra) — das wird die Mitte [des Körpers] genannt. (5)
(Die Gestalt des im Körper befindlichen Feuer-Maṇḍalas)
Dort [an dieser Stelle] befindet sich das erhabene Feuer-Maṇḍala (agneyamaṇḍala): viereckig für die Vierfüßler, dreieckig für die Menschen, und der Reihe nach entsprechend geformt für die Vögel. (6)
(Der Sitz der Wurzel der Nāḍīs)
Oberhalb des Wurzelstützpunktes (mūlādhāra) [?] wird der Knollen (kanda), die Wurzel der Nāḍīs, genannt — vier Aṅgulas hoch, vier Aṅgulas ausgedehnt, (7) eiförmig, umhüllt von Fett, Fleisch, Knochen und Blut.
(Der Sitz des Nabel-Rades)
Eben dort ist das Nabel-Rad (nābhicakra) angesiedelt, mit zwölf Speichen, (8) durch welches der Körper getragen wird; darin wohnt Kuṇḍalī.
(Die Anordnung der Sudarśana-Mantra-Silben in den Speichen des Nabel-Rades)
Welche Silben dem Sudarśana-Mantra angehören — alle diese, (9) Konsonanten wie Vokale, soll man, nachdem man sie aufgeteilt hat, in diesem Rad anordnen, in den östlichen Speichen, der Reihe nach.
V.3-9: Grundlegende Körper-Geometrie der Nāḍī-Lehre: Körperlänge 96 Aṅgula (Eigenmaß); die 'Mitte des Körpers' als Dammregion zwischen After und Genitalien; dort das dreieckige/viereckige 'Feuer-Maṇḍala'; darüber der eiförmige Nāḍī-Wurzelknollen (kanda, 4×4 Aṅgula); darin das zwölfspeichige Nabel-Rad (nābhicakra), Sitz der Kuṇḍalī, in dessen Speichen die Silben des Sudarśana-Mantra verteilt werden. V.7 (mūlādhāra-Bezug) OCR-unsicher, [?].
(Die Anordnung der übrigen Silben in der Mitte des Rades)
Die restlichen [Silben] soll man, gesammelten Sinnes, in der Mitte dieses Rades anordnen. (10)
(Die Lage der Kuṇḍalī rings um das Nabel-Rad)
Rings um das Rad weilt die achtfach gewundene Kuṇḍalī; die Vaiṣṇavī [Kraft], die es mit ihrer Windung in Gestalt der acht Urstoffe (aṣṭaprakṛti) umschlungen hat, (11) verschließt mit ihrem Mund die Brahma-Öffnung (brahmarandhra) der Suṣumṇā.
(Die Lage von Alambusā und Suṣumṇā inmitten des Rades)
Alambusā und Suṣumṇā stehen inmitten des Rades. (12)
(Die verschiedenen Orte der übrigen zwölf Nāḍīs)
An der Ostspeiche der Suṣumṇā vorn wohnt die Nāḍī Kuhū; in den beiden anschließenden Speichen [Südost] Vāruṇā und Yaśasvinī; (13) an der Südspeiche der Suṣumṇā befindet sich der Reihe nach Piṅgalā; in den beiden darauffolgenden [Südwest] befinden sich Pūṣā und Payasvinī; (14) an der Westspeiche der Suṣumṇā befindet sich die Nāḍī Sarasvatī; Śaṅkhinī und Gāndhārī befinden sich in den beiden darauffolgenden [Nordwest]; (15) an der Nordspeiche der Suṣumṇā wohnt die sogenannte Iḍā; unmittelbar danach [Nordost] Hastijihvā, dann Viśvodarā. (16) In der Reihenfolge des Umschreitens (pradakṣiṇa) befinden sich diese zwölf Nāḍīs, die zwölf Söhne/Kinder Brahmans, in den Speichen des Rades. (17)
V.10-17: Fortsetzung der Nābhicakra-Beschreibung — die achtfach gewundene Kuṇḍalī umschlingt das Rad und verschließt die obere Öffnung der Suṣumṇā; Alambusā und Suṣumṇā selbst stehen im Zentrum, während die übrigen zwölf Nāḍīs im Uhrzeigersinn (pradakṣiṇa) auf die zwölf Speichen verteilt sind, beginnend im Osten mit Kuhū. Die genaue Zuordnung von je zwei Nāḍīs zu den vier Zwischenspeichen folgt der hier gegebenen Reihenfolge; einzelne Namen (v.a. 'Vāruṇā' in V.13, im OCR undeutlich überliefert) sind über den Vergleich mit der Namensliste in V.18-19 rekonstruiert.
(mukhyānāṃ caturdaśanāḍīnāṃ nāmāni)
iḍā ca piṅgalā caiva suṣumnā ca sarasvatī | kuhūḥ payasvinī caiva vāruṇā ca yaśasvinī ||18||
viśvodarā hastijihvā gāndhārī śaṅkhinī tathā | alambusā ca pūṣā ca mukhyāstvetāścaturdaśa ||19||
(dehavartināḍīsaṃkhyā)
dvisaptatisahasrāṇi nāḍīnāṃ dehavartinām ||20||
(mukhyatamāstisro nāḍyaḥ)
tāsu tisro mukhyatamāḥ suṣumneḍā ca piṅgalā |
(tāsvapi suṣumnā mukhyā)
tāsāṃ suṣumnā mukhyā syādā mūrdhāntaṃ vyavasthitā ||21||
(Die Namen der vierzehn Haupt-Nāḍīs)
Iḍā und Piṅgalā, Suṣumṇā und Sarasvatī, Kuhū und Payasvinī, Vāruṇā und Yaśasvinī, (18) Viśvodarā, Hastijihvā, Gāndhārī und Śaṅkhinī, Alambusā und Pūṣā — dies sind die vierzehn wichtigsten [Nāḍīs]. (19)
(Die Gesamtzahl der im Körper befindlichen Nāḍīs)
Zweiundsiebzigtausend sind die Nāḍīs, die im Körper vorhanden sind. (20)
(Die drei wichtigsten Nāḍīs unter diesen)
Unter ihnen sind drei die wichtigsten: Suṣumṇā, Iḍā und Piṅgalā.
(Dass unter diesen wiederum Suṣumṇā die wichtigste ist)
Unter diesen [dreien] ist Suṣumṇā die wichtigste; sie erstreckt sich bis zum Scheitel [des Kopfes]. (21)
V.18-21: Die kanonische Liste der vierzehn Haupt-Nāḍīs (identisch mit der in der späteren Haṭhayoga-Literatur, z.B. Haṭhayogapradīpikā und Gheraṇḍasaṃhitā, geläufigen Liste), die Gesamtzahl von 72.000 Nāḍīs im Körper — ein feststehender Topos der indischen Physiologie —, und die Hervorhebung von Suṣumṇā, Iḍā und Piṅgalā als den drei bedeutsamsten, wobei Suṣumṇā als die wichtigste gilt und bis zum Scheitel reicht.
(Das Umherwandern der Lebensseele im Nāḍī-Rad)
Auf dem Prāṇa reitend wandert die Lebensseele (jīva) beständig in diesem Rad umher, wie eine Spinne, die inmitten des Käfigs ihrer eigenen Fäden verweilt. (22)
(Dass die mittlere Öffnung der Suṣumṇā von Kuṇḍalī verschlossen wird)
Die Suṣumṇā hat vier Öffnungen, [von denen] vier [andere] blutgefüllt sind [Text unsicher, ?]; die mittlere, die Brahma-Öffnung, aber wird beständig von Kuṇḍalī verschlossen gehalten. (23)
(Die Darlegung des Ausmaßes der Nāḍīs)
Die östliche Seite der Suṣumṇā erstreckt sich aufwärts bis zum Rand der Stirn; die westliche bis zum Ende des Nackens; die beiden Seiten, die linke und die rechte, (24) reichen von der Seite bis zum Kopf hinauf — dies wird als geheim/esoterisch bezeichnet. Die Nāḍī namens Alambusā erstreckt sich abwärts bis zum Fuß. (25) Kuhū [reicht] bis zum Ende des männlichen Glieds; Vāruṇā [?] durchdringt den ganzen Körper. Yaśasvinī gelangt bis zur großen Zehe des rechten Fußes. (26) Die kleine Nāḍī namens Piṅgalā gelangt bis zur Spitze des rechten Nasenflügels; Pūṣā und Payasvinī gehen zum rechten Auge bzw. Ohr. (27) Die Nāḍī mit Namen Sarasvatī gelangt bis zur Zungenwurzel; Śaṅkhinī [gelangt] zum linken Ohr, Gāndhārī zum linken Auge. (28) Die als Iḍā bekannte Nāḍī geht zum linken Nasenflügel; die kleine Nāḍī Hastijihvā gelangt zur großen Zehe des linken Fußes. (29) Viśvodarā gelangt zum Bauch (udara) — so wurde von mir der Verlauf der Nāḍīs dargelegt.
(Die Lage von Mond und Sonne in Iḍā und Piṅgalā)
In Iḍā weilt der Mond, in Piṅgalā die Sonne (prabhākara). (30) Diese beiden allein lassen die Zeit verstreichen [?]; dadurch [entsteht auch] die Brahma-Nāḍī [Text unsicher, ?].
V.22-30: Bildhafter Vergleich der im Nāḍī-Rad kreisenden Lebensseele mit einer Spinne im eigenen Netz; die vier (davon einige blutgefüllte, eine — die Brahma-Öffnung — von Kuṇḍalī verschlossene) Öffnungen der Suṣumṇā; detaillierte Auflistung der körperlichen Endpunkte aller vierzehn Haupt-Nāḍīs (Stirn, Nacken, Genitalien, Zehen, Augen, Ohren, Nasenflügel, Zungenwurzel, Bauch); abschließend die klassische Zuordnung von Mond und Sonne zu Iḍā und Piṅgalā. V.23 und V.30cd bleiben in Einzelheiten OCR-unsicher [?] und wurden nach dem in der Haṭhayoga-Tradition geläufigen Sinn ergänzt.
(Die Darlegung des Berichts über die körperlichen Winde)
Höre nun den Bericht über die Winde (vāyu), die im Inneren des Körpers weilen. (31)
(Die zehn Winde im Körper)
Prāṇa, Apāna, Samāna, ferner Udāna und Vyāna; Nāga, Kūrma, Kṛkara, Devadatta und Dhanañjaya. (32)
(Die Darlegung der Sitze von Prāṇa usw.)
Prāṇa, der Wind, wohnt beständig im Nabel-Rad; [zugleich] zeigt sich Prāṇa zwischen Mund und Nase und im Herzen. (33) Apāna wohnt zumeist im After, im Glied, in den Schenkeln und Knien, im Bauch, in den Hoden, in der Hüfte, im After und im Nabel, wie eine [stetig brennende] Lampe. (34) Verweilend zwischen Fußspitzen und Knöcheln zeigt sich Apāna [auch dort]; Vyāna [zeigt sich] zwischen Ohr und Auge sowie in der Hüftgegend und ebenso in den Knöcheln. (35) Er durchdringt, ohne Zweifel, Nase, Kehle und Kopf [Text unsicher, ?]. Udāna sitzt dort, wo das Niesen entsteht, sowie in den Füßen und in den Schultern. (36) Samāna weilt, den ganzen Körper durchdringend, in allen Gliedern.
V.31-36: Die zehn Vāyus (Lebenswinde) — die fünf Haupt-Prāṇas (Prāṇa, Apāna, Samāna, Udāna, Vyāna) und fünf Neben-Vāyus (Nāga, Kūrma, Kṛkara, Devadatta, Dhanañjaya), eine ebenfalls in der späteren Haṭhayoga-Literatur geläufige Zehnerliste — mit Angabe ihrer jeweiligen Körpersitze. V.35-36 (Vyāna-Sitz) im OCR stellenweise unklar [?], nach dem Kontext der Parallelüberlieferung sinngemäß ergänzt.
(Die Darlegung der Funktionen von Prāṇa usw.)
Einatmen, Ausatmen und dergleichen gilt als die Funktion (karman) des Prāṇa. (37) Geben und Nehmen gilt als die Funktion des Vyāna; die Funktion des Udāna wird sodann als das Emporheben des Körpers [beim Tod] und dergleichen bezeichnet. (38) Ernährung und dergleichen wird als die Funktion des Samāna im Körper verkündet; jene Eigenschaft aber, die im Aufstoßen und dergleichen besteht, wird als die Funktion des Nāga verkündet. (39) Das Schließen der Augen und dergleichen [gehört] zu Kūrma, das Niesen zu Kṛkara; die Funktion des Devadatta, o göttlicher Weiser, wird als das Gähnen (jṛmbhā) verkündet. (40) Alle Funktionen wie das Anschwellen [nach dem Tod] werden dem Dhanañjaya zugeschrieben. So wurde der gesamte Verlauf der Winde und ihre Funktionen verkündet. (41)
V.37-41: Die physiologischen Funktionen der zehn Vāyus — Prāṇa (Atmung), Vyāna (Geben/Nehmen bzw. Bewegung), Udāna (Aufwärtsführung, insbesondere beim Sterben), Samāna (Verdauung/Ernährung), sowie der fünf Neben-Winde: Nāga (Aufstoßen), Kūrma (Augenlidschluss), Kṛkara (Niesen), Devadatta (Gähnen) und Dhanañjaya (postmortales Anschwellen des Leichnams) — eine Zuordnung, die in dieser Form auch in späteren Haṭhayoga-Texten wiederkehrt.
(Die Vorschrift zur Nāḍī-Reinigung)
Sodann soll der [im Yoga] Gefestigte die Reinigung aller Nāḍīs vollziehen.
(Die Art dieser Reinigung)
Indem man durch Iḍā die äußere Luft mit sechzehn Mātrās [Zeiteinheiten] einzieht, (42) sie dann im Bauch für vierundsechzig Mātrās zurückhält, und dabei in seinem eigenen [zugehörigen] Maṇḍala das Feuer erwägt, darin den Laut 'r' mitsamt dem Bindu [Nasalpunkt, d.h. die Silbe raṃ], (43) [sowie] an der Nasenspitze die Mondscheibe erwägt — [wodurch man] ohne Verkürzung der Lebensspanne [fortbesteht] —, [und] nach dem Erwägen des Lautes 'v' mitsamt dem Bindu im Mond [Silbe vaṃ], sodann ausatmet: (44) Wieder [die Luft] durch Piṅgalā einziehend, auf demselben eben beschriebenen Weg, und den Wind (mātariśvan) zurückhaltend, soll man ihn dann wieder durch Iḍā ausatmen. (45) So soll man dies, gesammelten Sinnes, täglich dreimal zu den drei Tageszeiten (Morgen, Mittag, Abend) je dreifach ausführen.
(Dass dem, der in der genannten Weise reinigt, die Vollendung der Nāḍī-Reinigung binnen drei Monaten zuteilwird)
So werden für den, der [diese] Regel befolgt, sämtliche Nāḍīs des Windes (46) binnen drei Monaten rein — so wissen es die Kenner des Yoga.
(Danach der Sieg über die Winde)
Und sodann soll man den Sieg über die im Körper befindlichen Winde (marut) erringen. (47)
(Aus dem Sieg über die Winde [folgt] die Festigkeit des Geistes)
Und sodann: Wo immer im Körper die Winde weilen, dort und dort [entsteht] Festigkeit des Geistes, ohne Unterbrechung, Nārada. (48)
V.42-48: Die konkrete Technik der Nāḍī-Śodhana (Kanal-Reinigung) — Einatmen durch Iḍā (16 Mātrā), Anhalten mit Visualisierung von Feuer/Silbe 'raṃ' und Mond/Silbe 'vaṃ' (64 Mātrā), Ausatmen, dann derselbe Vorgang seitenvertauscht durch Piṅgalā, dreimal täglich zu den drei Sandhyās (Dämmerungszeiten) wiederholt; nach drei Monaten stellt sich die vollständige Nāḍī-Reinigung ein, worauf der 'Sieg über die Winde' (vāyujaya) und aus diesem die Festigkeit des Geistes folgt. Eine Mātrā gilt traditionell als die Zeitdauer eines Fingerschnippens bzw. Lidschlags.
(Die Vorschrift zum Prāṇāyāma)
Sodann soll man den Prāṇāyāma (die Atemlenkung) vollziehen, den Vernichter aller Sünden.
(Die Anordnung der sechs Silben des Mantra am Scheitelschopf und den übrigen Orten)
Am Ort des Scheitelschopfs (śikhā), am Nabel-Rad, dann im Herzenslotus, (49) in der Kehle, in der Mitte des Kopfes und ebenso an der Zungenwurzel — die sechs Silben des Mantra soll man an diesen [Orten] der Reihe nach erwägen. (50)
(Die Art des Prāṇāyāma)
Nachdem man durch Iḍā mit sechzehn Mātrās den Atem eingezogen hat, soll man inmitten des Herzens den unvergänglichen höchsten Selbst (Paramātman) in Gestalt des Diskus (Cakra) erwägen; (51) so lange man vermag, soll man diesen Mantra, an Sudarśana denkend, rezitieren, und dann wieder mit sechzehn Mātrās ausatmen, [das, was] vom Lotus-Nabel [entstammt, ?]. (52) Durch diese [Nāḍī] wiederum [den Atem] hinaufführend und zurückhaltend, soll man ihn durch die andere [Nāḍī] entlassen [?]; beim Einatmen, beim Anhalten und beim Ausatmen soll man die Praṇava-Silbe (Oṃ) rezitieren. (53) [Mit] zehn [Einheiten] standhaft [?] und der Reihe nach mit vierzehn beginnend [?], oder auch, nachdem man die Gāyatrī rezitiert hat, soll man [dies] auf die genannte Weise vollziehen. (54) So soll man täglich sechzehn Prāṇāyāmas vollziehen; diese läutern binnen eines Monats selbst einen Mann von schwerster Verfehlung. (55)
V.49-55: Der eigentliche Prāṇāyāma: Verteilung der sechs Silben des (vermutlich Sudarśana-)Mantra auf Scheitelschopf, Nabel, Herz, Kehle, Kopfmitte und Zungenwurzel; Einatmen durch Iḍā mit Meditation auf den cakraförmigen Paramātman im Herzen, Mantra-Rezitation während der Atemanhaltung, Ausatmen; tägliche Wiederholung sechzehnmal soll binnen eines Monats selbst schwerste Sünden tilgen. V.52-54 sind an mehreren Stellen durch OCR-Verderbnis nur sinngemäß rekonstruierbar und entsprechend mit [?] markiert — insbesondere die genauen Mātrā-Zählungen in V.54 bleiben unsicher.
(Die Darlegung des Pratyāhāra)
Sodann soll man den Pratyāhāra (die Sinnesabkehr) vollziehen, verbunden mit den fünf [Sinnes-]Organen [?]: Die von Natur aus zu den Sinnesobjekten [hinstrebende] Neigung des Geistes soll man [von ihnen] loslösen [?], (56) indem man, nachdem man deren Fehlerhaftigkeit erkannt hat, [den Geist] mit Kraft von ihnen abzieht; die Fixierung [des Geistes] auf den Erhabenen — das wird Pratyāhāra genannt. (57)
(Die Darlegung des Wesens der Dhāraṇā)
Durch Leidenschaftslosigkeit (vairāgya) gegenüber den Sinnesobjekten, durch Übung (abhyāsa) und durch das Erkennen [der göttlichen] Eigenschaften — die Fesselung des Geistes an den höchsten Selbst (Paramātman) wird Dhāraṇā (Konzentration) genannt. (58)
(Die Darlegung des Wesens des Dhyāna)
So soll man, den Geist [derart] gehalten, zunächst den Geist einzig auf ihn richtend, gesammelt Janārdana [Viṣṇu] in Diskus-Gestalt meditieren. (59)
V.56-59: Knappe Definitionen der drei letzten inneren Yoga-Glieder vor der Versenkung: Pratyāhāra als gewaltsame, durch Erkenntnis der Sinnes-Fehlerhaftigkeit motivierte Abkehr der Sinne von ihren Objekten und Hinwendung zu Gott; Dhāraṇā als die durch Leidenschaftslosigkeit und Übung erreichte Fesselung des Geistes an den Paramātman; Dhyāna als das anschließende Meditieren auf Janārdana in Diskus-Gestalt. V.56 im OCR stellenweise unklar (die genaue Bedeutung von 'fünf Organen' bleibt unsicher, [?]), sinngemäß nach der klassischen Pratyāhāra-Definition ergänzt.
(Die den Kasten und Lebensstadien entsprechenden Vorbereitungen zur Meditation)
An einem lieblichen, reinen, abgeschiedenen Ort, in einem wasserreichen Wald, in der seiner Kaste und seinem Lebensstadium (varṇāśrama) gemäßen Pflicht verbleibend, klaren Geistes, (60) friedvoll, mit allen [guten] Eigenschaften ausgestattet, in ausgeglichener Sitzhaltung verweilend, mit aufrechtem Körper, fest sitzend, Hari zugetan, (61) soll man, eben durch den aus dem Prāṇāyāma erwachten, feuerbegleiteten Wind, der inmitten der Suṣumṇā weilt, den Mund der Kuṇḍalī durchbrechen (62) und, ihn im Herzenslotus entfaltend, dort im Raum am Ort des Scheitelschopfs [?], inmitten der lodernden Feuerflamme den Feuer-Verzehrenden [d.h. Agni bzw. den feuergleich leuchtenden Gott, ?] erwägen. (63)
V.60-63: Vorbereitende Anweisungen zum Ort (abgeschieden, wasserreich, lieblich) und zur inneren Haltung (kastengemäße Pflichterfüllung, Gleichmut, Hingabe) des Meditierenden, sodann die eigentliche Kuṇḍalī-Technik: der durch Prāṇāyāma erweckte, feuerbegleitete Atem durchbricht den 'Mund' der im Nabel-Rad ruhenden Kuṇḍalī, steigt durch die Suṣumṇā auf und entfaltet sich im Herzenslotus bzw. am Scheitel, wo die anschließend (V.64ff.) beschriebene Gottesgestalt visualisiert wird. V.63 im Detail (genauer Ort des 'Feuer-Verzehrenden') OCR-unsicher [?].
(Die Darlegung des Wesens des als Stütze der Meditation zu Vergegenwärtigenden)
[So visualisiere man ihn:] tawnyäugig [gelbbraun-äugig], reich an tawnyfarbenem Haar, lodernd mit der Glut flammenden Feuers, mit einem von [furchterregenden] Fangzähnen schrecklichen Antlitz, von Anblick furchtbar durch die gerunzelten Brauen, (64) strahlend mit aufwärtsstehendem Haar, das Bündeln von Blitzen gleicht, leuchtend mit einer mit wunderbaren, unschätzbaren Rubinen besetzten Krone, (65) geschmückt mit juwelenbesetzten Ohrgehängen, dem Vollmond gleich, der Erhabene, ausgestattet mit acht Armen, gekleidet in juwelenbesetzte Gewänder, (66) versehen mit Muschelhorn, Diskus, Keule und dem [Bogen] Śārṅga als den vornehmsten unter seinen höchsten Waffen, sowie mit anderen, weiteren erhabenen [Insignien] neben den Lotos-[Füßen] und dergleichen [?], (67) tragend himmlische Blumengirlanden und Gewänder, gesalbt mit himmlischem Sandel, geschmückt mit Halskette, Armreifen, Armbändern, Gürtel und Fußspangen, (68) noch weiter verschönt mit mancherlei anderen, wunderbaren Schmuckstücken, im Lotossitz thronend, allen [seinen] Verehrern Furchtlosigkeit gewährend. (69) Wer derart meditiert, wird befreit, frei von allen Verfehlungen. (70)
V.64-70: Die ausführliche, bildmächtige Beschreibung der zu meditierenden Gottesgestalt (des im Diskus wohnenden, feuerhaft-schrecklichen Viṣṇu/Sudarśana): furchterregendes Antlitz mit Fangzähnen, blitzartig aufwärtsstehendes Haar, juwelenbesetzte Krone, achtarmig, mit den vier klassischen Viṣṇu-Insignien (Muschelhorn, Diskus, Keule, Bogen), reich geschmückt, im Lotossitz — eine für die Pāñcarātra-Ikonographie charakteristische Verbindung von Schrecken (zur Abwehr der Dämonen) und höchster Pracht. V.67 im OCR unklar [?], sinngemäß als weitere Attribute/Waffen wiedergegeben.
(Die Darlegung des Wesens des Samādhi)
Diese solchermaßen durch ununterbrochene Erinnerungs-Kontinuität (smṛtisantāna) bewirkte allmähliche Steigerung, [wenn sie] einem ersten Wolkenschimmer [beim Morgengrauen] gleicht — das erkennen die Yogins als Samādhi (Versenkung). (71)
(Die Beschreibung der Erhabenheit des Samādhi)
Sodann, nachdem er den Samādhi erlangt hat, zur Wesenseinheit mit Ihm gelangt, erlangt er das gesamte Wirkvermögen des Mächtigen. (72) Alle [übersinnlichen] Eigenschaften, angefangen mit Aṇimā (der Fähigkeit zur Verkleinerung), werden dieser großen Seele zuteil; ohne fremde Hilfe [vernichtet er] auch die zahlreichen Heere seiner Widersacher, (73) wie der Diskus [die Heere] der Daityas und Rākṣasas vernichtet. Alle seine Wünsche kommen ihm von selbst entgegen; die Siddhas, Vidyādharas und Yakṣas leisten ihm Dienst. (74) Die Götter und alle Weisen, die Scharen der Gandharvas und Apsaras, ja Piśācas, Schlangenwesen (uraga) und Rākṣasas — alle werden seinem Befehl gehorsam. (75) Er wird zur alleinigen Ursache von Entstehung, Bestand und Vergehen sämtlicher Welten, allwissend, alles sehend, von jeglicher Gestalt zu jeder Zeit; in mannigfacher Gestalt nach Belieben, die Daityas und Rākṣasas vernichtend, ohne [des Bedarfs an] Gefolge, verweilt er, seiner Wünsche vollkommen ledig [d.h. völlig erfüllt]. (76)
So lautet im ehrwürdigen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā der zweiunddreißigste Lehrabschnitt mit dem Titel »Die Darlegung der Nāḍī-Reinigung, des Sieges über die Winde und der fünf [Yoga-Glieder] beginnend mit Prāṇāyāma«.
Om.
(Verse von Anfang an: 1948)
V.71-76+Kolophon: Definition des Samādhi als stufenweise, durch ununterbrochene Erinnerungskontinuität herbeigeführte Steigerung, verglichen mit dem ersten Schimmer einer Morgenwolke; anschließend eine ausführliche Schilderung der aus dem Samādhi erwachsenden übersinnlichen Vollkommenheiten (Aṇimā u.a. Siddhis, Bezwingung feindlicher Heere, Dienstbarkeit der Siddhas/Vidyādharas/Yakṣas, Gehorsam sämtlicher Götter- und Dämonenwesen) bis hin zur Allwissenheit und Allgestaltigkeit des vollendeten Yogins. Kolophon bestätigt kumulativ 1948 Verse (1872+76).