Paṭala 56: śrīnārasiṃhānuṣṭubhamantrārthanirūpaṇaṃ nāma ṣaṭpañcāśo 'dhyāyaḥ
Sechsundfünfzigstes Kapitel: Darlegung des Nārasiṃha-Anuṣṭubh-Mantras (die 39 Avatāras, den Lauten von „jvalantam …“ zugeordnet; Umkehr-Geschosse)
Quelle: Ahirbudhnya-Saṃhitā, Bd. 2 (archive.org in.ernet.dli.2015.322565), OCR ca. S. 589–598, Devanāgarī-OCR, stark verrauscht; sa-Feld in IAST rekonstruiert, unsichere Stellen mit [?]. Nach den Auslegungen der Kapitel 54–55 folgt hier die Deutung der Laute der Mantra-Wörter jvalantam, sarvatomukham, nṛsiṃham, bhīṣaṇam, bhadram und mṛtyumṛtyum als Namen von insgesamt 39 Avatāras (Vibhavas) Viṣṇus, deren Aufzählung schon im fünften Kapitel des Werkes steht. Am Kapitelende wird das Mantra in umgekehrter Folge (pratiloma) zu Geschossen (astra), in normaler Folge (anuloma) zur Beruhigung verwendet. Die Zwischenüberschriften der Herausgeber (in Klammern) geben an, welchem Laut welcher Avatāra zugeordnet ist.
dhyātaṃ sakṛd bhavānekakoṭyaghaughaṃ haraty alam | sudarśanasya tad divyaṃ bhargo devasya dhīmahi ||
(atha jvaladādipadānāṃ padmanābhādyekonacatvāriṃśadavatāraparatvavarṇanapratijñā)
ahibudhnyaḥ |
vaibhavaṃ devatācakraṃ jvaladādyarṇavarṇitam | yathā tad varṇyate tais tais tathā tad avadhāraya ||1||
(tatra jvalatpadavivakṣiteṣv ekādaśasv avatāreṣu jakārasya padmanābhādyaprathamāvatāraparatvam)
avatāro hi yo viṣṇoḥ padmanābho mahodayaḥ | [ … ] ajitaḥ [kṣatracit?] so 'jitārṇena varṇyate ||2||
(vakārasya amṛtadhārakākhyaviṃśāvatāraparatvam)
amṛtādhāravarṇena kāntātmāmṛtadhārakaḥ |
(vakārottarākārasya ekārṇavaśāyyādyacaturdaśāvatāraparatvam)
tatraivārṇavaśāyī ca varuṇasyāprameyataḥ ||3||
(lakārasya śaktyātmādyacaturthāvatāraparatvam)
dhareṇa tu śaktīśo dharā śaktir hi vaiṣṇavī |
(tasyaiva saṃjñāntaramukhena hari-kṛṣṇākhya-trayastriṃśa-catustriṃśāvatāradvayaparatvam)
vibudho harir uddiṣṭaḥ kṛṣṇas tu puruṣeśvaraḥ ||4||
vibudhākhyena varṇena varṇyete puruṣeśvarau | tāv ubhau kathitau devau naranārāyaṇātmakau ||5||
(nakārasya dharmākhyadvādaśāvatāraparatvam)
bhogāpavargayoḥ panthā yo hi dharmaḥ sanātanaḥ | sa dharmeśottareṇaiva pathā deva udīyate ||6||
(takārasyānantākhyatṛtīyāvatāraparatvam)
tālalakṣmā hi bhagavān yo 'nantaḥ parigīyate | sa devo dharaṇīdhartā kathyate tālalakṣmaṇā ||7||
(tasyaiva saṃjñāntaramukhena kūrma-vidyādhidevākhyapañcadaśa-ṣaṣṭhāvatāradvayaparatvam)
lokamālāḥ srajaḥ proktāḥ sragdharaḥ kūrma ucyate | virāḍ vidyoditā sadbhir vairājaś ca tadīśvaraḥ ||8||
vairājasragdharākhyena tau devau parikīrtitau |
(aprameyāvayavayor akāramakārayoḥ kālanemighnākhyadvyaṃśāvatāraparatvam)
aprameyanigīrṇena kāreṇa puruṣottamaḥ ||9||
ucyate kālanemighno yaḥ kālaḥ sa durāsadaḥ |
Ahirbudhnya sprach: Die Schar der Gottheiten in [ihren] Vibhava-Erscheinungen, wie sie durch die Laute von „jvalat“ usw. beschrieben wird – so, wie sie jeweils damit beschrieben wird, so nimm sie in dich auf.
Der Avatāra Viṣṇus, der Padmanābha, der Große Aufgang, [wird durch das „ja“ bezeichnet]; „Ajita“ [der Unbesiegte] [?] wird mit dem Laut von „ajita“ beschrieben [?]. Mit dem Laut „amṛtādhāra“ [Träger des Nektars] [wird] der Lieblich-Seelige, der Nektarträger [Amṛtadhāraka], [dem „va“ zugeordnet]; und eben dort [beim nachfolgenden „a“ des „aprameya“ (unermesslich) im Laut des Varuṇa-Zeichens] der Ozeanschläfer [Ekārṇavaśāyin]. Mit „dhara“ [Träger] der Herr der Kraft [Śakti-īśa]: die „Dhara“-Kraft ist ja die viṣṇuitische Śakti. „Vibudha“ [der Weise, Göttliche] wird als Hari bezeichnet, Kṛṣṇa aber als „puruṣeśvara“; mit dem Laut „vibudha“ werden [beide,] Puruṣeśvara-[Hari und Kṛṣṇa] beschrieben; diese beiden Götter gelten als [in] Nara-Nārāyaṇa [wesensgleich] [?]. Der Pfad zu Genuss und Erlösung, der ewige Dharma: der Gott wird auf dem Weg des Dharma-Herrn [Dharmeśa] genannt [Dharma-Avatāra] [?]. Der Erdträger mit dem Palmen-Zeichen (tāla-lakṣman), Ananta, wird durch „tāla-lakṣman“ [„ta“] bezeichnet. „Lokamālā“: Kränze [„sraj“] der Welten; „sragdhara“ [Kranzträger] bezeichnet den Kūrma [Schildkröte]; „virāṭ“ ist die von den Guten genannte Vidyā, „vairāja“ ihr Herr: als „vairāja-sragdhara“ werden diese beiden Götter [Kūrma und Vidyādhideva] gepriesen. Mit dem von „aprameya“ verschluckten [Laut] wird der Puruṣottama „Kālanemighna“ [Töter des Kālanemi] genannt, und die Zeit ist schwer zu bezwingen.
[?] V.2: die erste Zeile (Padmanābha) ist im OCR nach dem Seitenumbruch verstümmelt, der Text von „ajitaḥ kṣatracit …“ unsicher. Das Kapitel ordnet den elf Lauten von „jvalantam“ (ja, va, la, n, ta, ta, ta, …, m) elf Avatāras zu; die Zuordnungen folgen den Zwischenüberschriften der Ausgabe und sind hier nur dort angegeben, wo der Vers selbst den Namen nennt. V.5: eine Handschriftenvariante liest „naranārāyaṇānujau“ (Nara-Nārāyaṇas [jüngere Brüder]). V.6 „bhogāpavarga-“ (Variante) statt OCR „chagopavarga-“; „dharmeśottareṇa“ unsicher. V.8 „vidyoditā“ unsicher.
Das höchste unvergängliche [Silben-]Zeichen, das vom „aprameya“ [Unermesslichen] bedeckt ist, bezeichnet den Nektar-Raub [Pīyūṣaharaṇa], den Lotosäugigen Puruṣa [d.h. den 18. Avatāra]. Und dieselbe ewige Befriedigung (tṛpti), von „aprameya“ bedeckt, bezeichnet den Śrīpati, den Herrn der Götter: „Śrī“ ist ja diese Sättigung [„tṛpti“] genannt. Aus der Summe von „aśeṣabhuvanādhāra“ [Träger aller Welten] und „varāha“ [Eber] wird der Träger aller Welten als „Varāha“ gepriesen. Aus dem vom „aprameya“ bedeckten „Varuṇa“-Laut [„va“] und eben aus diesem Zeichen wird der Ehrwürdige, der Gott der Götter, der im Abgrund (Pātāla) Ruhende, hergeleitet. Die [Rede] „laghvāk“ [?], von den Weisenfürsten genannt, die die Welt hervorbringt („srajati“) und trägt: [daraus] wird der „Vāgīśa“ [Herr der Rede] durch das zweite [Zeichen] von „sragdhara“ [Kranzträger] bezeichnet. Jener Gott, der als Führer [des Baliopfers?] die Erde in drei Schritten durchmaß [„vicakrame“], Hari, wird mit dem Laut von „vikramin“ [Schreiter] gepriesen [Trivikrama]. Der Gott, der die Welt („viśva“) durch seine eigene leuchtende Gestalt hervorgebracht hat [?]: dieser „Viśvarūpa“ [Allgestaltige] wird durch [den Laut] „ota“ [gewebt] bezeichnet. Aus „vaktra“ [Mund] wird der Vaḍavā-Mund (Vaḍavāmukha), der Gott der Götter, der das Wasser verzehrt, bezeichnet: „odana“ [Brei] steht für „Wasser“ [im Sinn] des Hervorbringens des Breis [?]; wer das Wasser trinkend [einsaugt?] [?], der Gott, ist der „Speiser des odana“. Der Laut, der ganz aus Leib ist [?], der „Ergreifer/Zerdrücker des Aufstiegs“ [udaya-mardana], bezeichnet klar den Vāmana, der von Bali die Erde erbat; [denn] „Udāma“ [überschäumender] Aufgang, alldurchdringend: den zerdrückt eben Vāmana. Derselbe Laut, der ganz Veda ist, bezeichnet Hari, den Vedakundigen [Vedavid].
[?] Wortspiele mit der Zuordnung einzelner Laute (sa, va, ta, o, ma, kha/ka) zu 10 Avatāras (Pīyūṣaharaṇa, Śrīpati, Varāha, Pātālaśāyin, Vāgīśvara, Trivikrama, Viśvarūpa, Vaḍavāmukha, Vāmana, Vedavid) sind im OCR nur teilweise lesbar. V.14 „laghvāk“ (OCR: lagvāk) unsicher. V.16 „kṛto devo … otadevena“ unsicher. V.18–19 „śṛṅgan“, „svadeho“ unsicher (OCR „khavaidehaḥ“ / „sarvadeho“). Verszählung nach OCR-Ziffern; V.17 hat keine Ziffer.
[Nun „nṛsiṃha“, neun Avatāras:] Nara und Nārāyaṇa aus den Silben „nara-nārāyaṇa“ [dem „na“ zugeordnet]. „Sakhā“ [Freund]: der, dessen Freund, [Indra,] der Große, der Pārijāta-Räuber ist; er wird mit dem Laut „sakhya“ [„Freundschaft“] bezeichnet, „der die auf dem Schoß Sitzende (Satyabhāmā?) trägt“ [?]. „Vom eigenen Leib [Sonne?] gelöst, der Zerdrücker, samt dem Weg [?]; dann der Haken (aṅkuśa), dann Soma“ – aus dieser Vierergruppe von Lauten: „Der Haken auf dem Weg des wandernden Soma heißt Rāhu; wer den [Rāhu] zermalmt, der Gott, wird als Rāhujit bezeichnet.“ Die beiden Rāmas [Paraśurāma und Rāma] sind, o Nārada, mit dem Laut „rāma“ bezeichnet. Der Ehrwürdige wird mit „ekadaṃṣṭra“ [Einzahn] als der „Kroḍātman“ [Eber-Selbst] gepriesen. Der mit der Sonne einherzieht, der Schwan-Gestaltige, Janārdana: der Herr der Götter, „Vihaṅgama“ [Vogel], wird durch den Laut „sūrya“ bezeichnet. Wer die Räuber, die am Ende des Kali-Zeitalters (tiṣya-yuga) geboren werden, zermalmt, „Kalki“ genannt, wird mit „madana“ [Zermalmer], das über [dem Laut] „sūrya“ steht, bezeichnet.
Nun „bhīṣaṇa“, vier Avatāras: Der Gott Dhruva wird, o großer Weiser, durch den Laut „dhruva“ bezeichnet. Der, der auf ein leuchtendes Banyan-Blatt [„nyagrodha-dala“] gestützt, aus Māyā bestehend [?], in lieblicher Gestalt ruht, wird durch „māyā“ [Laut] beschrieben (Nyagrodhaśāyin). Nṛsiṃha, der Gott der Götter, wird durch den Laut „nṛsiṃha“ bezeichnet. Der, der einst den Madhu erschlug und, auf die Kraft seiner eigenen Arme gestützt, dem Brahmā (Viriñca) die Furchtlosigkeit gab, wird mit „abhayada“ [Furchtlosigkeit-Spender] als Madhusūdana bezeichnet.
Nun „bhadra“, drei Avatāras: Wer die göttliche höchste Vollendung (siddhi), die aus Unterscheidungserkenntnis (prasaṅkhyāna) besteht, verleiht, der Gott, wird durch „siddhida“ [„siddhi“-Spender] als Kapila bezeichnet. Dattātreya, der Ehrwürdige, wird mit dem Laut „dattātreya“ beschrieben. Als Śāntātman wird er durch „doṣa-kāla-anala“ [Fehler-Zeit-Feuer, d.h. das Verbrennen des Makels] mit dem betreffenden Laut [„ra“] bezeichnet.
Nun „mṛtyumṛtyu“, zwei Avatāras: [Das erste „mṛtyu“ = Ekaśṛṅgatanu (Matsya)] „Zeit“ ist als „kāla“ [bezeichnet], Pradhāna ist die höchste Natur (prakṛti); der in ihr wohnende Puruṣa, „ṛta-dhāman“, der Vairāja, der Vierbewegte (caturgati), der die Welt im Leib trägt, der „Śaṅkha“ [Muschel-Fisch] [?], wird „Fisch“ genannt: der einhörnige Gott wird mit den Lauten „mṛtyu“ gepriesen. [Das zweite „mṛtyu“ = Lokanātha]: Pradhāna und wahres Wesen, der Vairāja, der die Welt lenkt, der Vierbewegte, der Gott der Götter, der Weltenherr, der große Herr, wird durch den Laut „mṛtyu“ bezeichnet [und ist dies] auch gegenüber der früheren Welt. So ist dir das höchste Verfahren dargelegt, das auf den Lauten [„varṇa“] beruht. Vernimm nun weiter, bester der Weisen, die Größe des Mantras.
[?] Die Laut-Zuordnung (ṛ, sa-ma-ṛ-sa als Vierergruppe, i, ī, ha, ma, bha, ī, ṣa, ṇa, bha, da, ra) folgt den Zwischenüberschriften der Ausgabe; die Verse selbst sind teils stark verderbt (V.22–24 „sakhyām aṅkasthitām“, „aṅkuśas tatparaḥ soma“; V.25 „ekadaṃṣṭreṇa“ [OCR-Lesung unsicher]; V.28 „nyagrodhadalam“; V.33–36 „ṛtadhāmā“, „śaṅkho mīna“, „vairāja“). Die Ausgabe merkt an, dass das „ma“ in V.27 nicht zu „nṛsiṃha“ gehört (Anmerkung zur Silbenzerlegung: nṛsiṃha wird ohne „ma“, aber mit „ḍa“ gedeutet). Insgesamt verteilen sich die 39 Avatāras so: jvalat 11, sarvatomukha 10, nṛsiṃha 9, bhīṣaṇa 4, bhadra 3, mṛtyumṛtyu 2 (Summe 39).
Dieses [Mantra], Vers-Viertel für Vers-Viertel umgekehrt (pratiloma), heißt „Vaikuṇṭha-Geschoss“ (astra); dieses [Mantra], Silbe für Silbe umgekehrt, das „Nārāyaṇa-Geschoss“. Die Umkehrung der Vokale, die die Gestalt des Saṃhitā-[Wortes] hat, ist das große Nārasiṃha-Geschoss, [scharf wie] die Säge seiner Krallen [?]. [Es folgt eine technische Anweisung zum Aufbau der Geschosse durch Umkehr und Verbindung von Silben (varuṇa, kāla, pāvaka, aprameya, sūkṣma, gopana), die im OCR stark verderbt ist und hier nicht sicher übersetzbar ist.] Dies ist das neunsilbige höchste [Geschoss], das aus der Umkehr entsteht; es ist das Nārasiṃha-[Geschoss], silbenweise, [das „Mahādika“, großes ...] [?]. Wo die Umkehr der Vokale [angewandt wird], da ist das Geschoss „Nṛsiṃha-mahādika“; „gopana“, der Behüter, der Durchdringende, Stütze der Sāsara-[Silbe?] [?], ist [dabei] das Zweisilbige; und bei der Vokal-Umkehr ist Gopana der Behüter der Guten. Überall, wo durch Umkehrung ein Geschoss genannt wurde, da wird dort durch die [geordnete] Vorwärtsfolge (anuloma) jeweils seine Beruhigung (śānti) genannt.
So endet im Pāñcarātra-Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das sechsundfünfzigste Kapitel: Darlegung des Nārasiṃha-Anuṣṭubh-Mantras. Oṃ. (Von Anfang an: 3631 Verse.)
[?] V.38–45 stark verderbt (Handschriftenvarianten in den Anmerkungen zeigen zwei unterschiedliche Fassungen der Verse 40–44, die unvereinbar sind: eine lange Fassung mit „navākṣara“ (9 Silben), eine kurze mit „ṣaḍakṣara“ (6 Silben)); die Umschrift folgt der längeren Lesart soweit im OCR erkennbar. Die Übersetzung gibt nur den Gesamtsinn: das Nārasiṃha-Mantra, in umgekehrter Silben-/Vokal-Folge gesprochen, wird zur Waffe (astra); in der Vorwärts-Folge beruhigt es. V.39 „nakhakracakacchitam“ (OCR „tannakhakrakacacchitam“) unsicher. Kolophon-Summe 3631 (3586 + 45) stimmt mit der OCR-Ziffer 2631 [gemeint: 3631] überein; das Kapitel hat 45 Verse.