Quellen der Menschheit

Ahirbudhnya Saṃhitā

Paṭala 11: Śabdātmakapramāṇavyūhanirūpaṇam Elftes Kapitel – Die Bestimmung des Vyūha des lautförmigen Pramāṇa

Nach dem ,Gegenstands-Vyūha' (Kap. 10) behandelt dieses Kapitel den ,Laut-Vyūha' (śabdātmaka) Sudarśanas: die Ur-Schrift (Ādiśāstra). Eingebettet in eine Rückschau auf ein goldenes Zeitalter mühelosen Dharma (V.3–6) und dessen Verfall durch das Anwachsen von Rajas und Tamas (V.6–9) begründet Viṣṇu den Entschluss, sich zur Wiederherstellung des Dharma zweifach zu manifestieren – als Waffe und als Schrift (V.10–15). Die Ur-Schrift selbst wird als ein aus reinem Bewusstseinswillen gewobenes, perlenschnurgleiches Lautgebilde von hunderttausend Lektionen beschrieben, das sämtliche traditionellen Wissenschaften in sich birgt (V.16–49, der große Wissenschaftskatalog V.20–46 zusammenfassend wiedergegeben). Mit fortschreitenden Weltzeitaltern verblasst ihre unmittelbare Praxis (V.50–52), woraufhin vier Kulturstifter – Apāntaratapas/Vācyāyana, Kapila, Hiraṇyagarbha und Ahirbudhnya (Śiva) selbst – nach zehntausendjähriger Askese je einen Teil aus ihr herausschneiden: die drei Veden, das Sāṅkhya, den Yoga und das Pāśupata (V.53–61); Viṣṇu selbst schließlich entnimmt ihr unmittelbar das Pāñcarātra, wobei sich Sudarśana fünffach durch seine fünf Gesichter teilt (V.62–64) – eine bemerkenswerte sektiererische Herkunftserzählung, die alle konkurrierenden brahmanischen Lehrsysteme als abgeleitete Fragmente der einen vaiṣṇavischen Ur-Offenbarung deutet.

namaḥ samastagīrvāṇasukhasaubhāgyadāyine, śaṅkarāya girīśāya gaurīdayita te namaḥ ||1|| (śabdātmakapramāṇapraśnaḥ) śrutaḥ pramāṇarūpobhayavyūhārtho yan mayākhilaḥ, śabdākāro ya udiṣṭas taṃ me vada sureśvara ||2||

Śrī Nārada: „Verehrung dir, der du allen Göttern Glück und Wohlergehen schenkst, Śaṅkara, Herr des Berges, Gaurīs geliebter Gemahl – Verehrung dir! (Die Frage nach dem lautförmigen Pramāṇa:) Ich habe nun die gesamte Bedeutung beider Aspekte [des Gegenstands-Vyūha] des Pramāṇa gehört. Jenen lautförmigen [śabdākāra] Aspekt, der [zuvor] angekündigt wurde – sag ihn mir, o Herr der Götter.“

Die erneute Anrede Ahirbudhnyas mit Śiva-Beinamen (Śaṅkara, Girīśa, Gaurī-Gemahl) bestätigt abermals dessen Identität als Rudra-Gestalt (vgl. Anm. zu Kap. 10, V.1–2: ,Tripuradhvaṃsin').

(tatpratipattivivakṣayopodghātaḥ) ādisarge purā vṛtte nānābhāvavibhūṣite, āsīc chaktimato viṣṇor iyaṃ cintā sukhodayā | (ādisarge bhagavataś cintāprakāraḥ) vipulā iyaṃ kṛtā sṛṣṭir mayā sadguṇottarā ||4|| pratyakṣasadgamā nirābādhā sukhottarā, prajeyam abhinirvṛttā devarṣibrahmasaṃkalā | (sattvavivṛddhyā paramapuruṣaprāptapūrvakaṃ svarūpāvirbhāvaḥ) tajjñānasamāyogāt saddharmaikaraṇād api ||6|| acireṇaiva māṃ prāpya svīyaṃ bhāvaṃ bhajanti te |

(Einleitung, mit der Absicht, dies darzulegen:) „In der primordialen Schöpfung, die einst geschah, geschmückt mit mannigfaltigen Daseinsweisen, hatte der mächtige Viṣṇu diesen Gedanken, von wonnevollem Ursprung: (Die Art des Nachsinnens des Herrn in der Urschöpfung:) ,Weitläufig ist diese Schöpfung, von mir geschaffen, reich an guten Eigenschaften, unmittelbar zum wahren Ziel führend, ungehindert, überaus glückselig; dieses Geschlecht [der Geschöpfe] ist vollständig entstanden, aus Göttern, Weisen und Brahmās Willen [gebildet]. (Durch das Wachstum des Sattva-Anteils gelangt man vormals unmittelbar zur eigenen [göttlichen] Wesensform, nachdem man den höchsten Puruṣa erreicht hat:) Durch die Verbindung mit jener Erkenntnis, allein durch das Vollziehen des wahren Dharma, gelangen sie, ohne Verzug, zu mir und teilen [dann] ihre eigene [wahre] Wesensart.'“

Rückblick auf ein goldenes Urzeitalter, in dem reine Erkenntnis und mühelose Dharma-Praxis unmittelbar zur Gottvereinigung führten – die Ausgangslage, deren allmählicher Verfall im Folgenden geschildert wird.

(rajastamovivṛddhyā sattvahrāsaḥ) rajastamoguṇodrekaḥ kāleneva bhaviṣyati, tadunmeṣavaśenaiva samaya apy upakṣīyate | (tadā daityādyāvirbhāvaḥ) tadā prādurbhaviṣyanti daityadānavarākṣasāḥ ||7|| (teṣāṃ vaidikamaryādāvilopanam) teṣāṃ iyaṃ sāttvikī divyā maryādā copahanyate | (jñānapramoṣād dharmatirodhānam) rajastamoguṇonmeṣāt samyagjñāne vinaśyati ||8|| jñānahetuḥ sa dharmo 'pi tirodhānaṃ gamiṣyati | (tataḥ prajākṣobhaḥ) tataś ceyam anādhārā prajāśuddhā vinaṅkṣyati ||9||

„(Die Abnahme des Sattva durch das Anwachsen von Rajas und Tamas:) Mit der Zeit wird ein Übermaß der Guṇas Rajas und Tamas entstehen, und allein durch die Kraft dieses Aufkommens wird selbst das [gute] Weltzeitalter schwinden. (Dann, das Auftreten der Daityas usw.:) Dann werden Daityas, Dānavas und Rākṣasas hervortreten. (Deren Verletzung der vedischen Ordnung:) Jene göttliche, dem Sattva gemäße Ordnung wird dadurch verletzt werden. (Durch den Raub der Erkenntnis, das Verschwinden des Dharma:) Durch das Aufkommen der Guṇas Rajas und Tamas geht die rechte Erkenntnis zugrunde, und jenes Dharma, dessen Ursache eben die [rechte] Erkenntnis ist, wird ebenfalls in Verborgenheit geraten. (Sodann, die Erschütterung der Geschöpfe:) Und daraufhin wird dieses Geschlecht der Geschöpfe, ohne Halt und unrein, zugrunde gehen.“

Eine klassische Beschreibung des kosmischen Yuga-Verfalls (analog zum Konzept des fortschreitenden Dharma-Niedergangs in Mahābhārata und Purāṇas), hier als Vorgeschichte zur Rechtfertigung der göttlichen Avatāras eingeführt.

(tadā bhagavadavatāropakāritā) tatra sphuranty aneke me karmāṇi śaśvad bhaviṣyanti, teṣūpakaraṇāpekṣā nānākārā bhaviṣyati ||10|| (dharmasthāpananiścayaḥ) āviśyāviśya bhūtāni svena rūpeṇa māyayā, taistaiḥ sādhanasaṃbhedair nirasya sukṛtadviṣaḥ ||11|| sukarā dharmamaryādā tatra tatra bhaviṣyati | (adharmanirāsasādhanadvaividhyam) sādhanaṃ ca dvidhā kāryaṃ dharmadveṣinirākṛtau ||12||

„(Dann, der Anlass für die Herabkünfte des Herrn:) Darin werden mir viele Werke [karmāṇi] fortwährend erscheinen, und für diese wird ein Bedürfnis nach mannigfaltigen Werkzeugen/Hilfsmitteln [upakaraṇa] entstehen. (Der Entschluss zur Aufrichtung des Dharma:) Indem ich, immer wieder, durch eigene Gestalt, mittels Māyā, in die Wesen eingehe, und die Feinde des rechten Handelns durch mancherlei Mittel vertreibe, wird [dann] überall eine leicht zu befolgende Ordnung des Dharma entstehen. (Die Zweiheit der Mittel zur Beseitigung des Unrechts:) Und das Mittel dazu soll zweifach beschaffen sein, zur Vertreibung der Dharma-Hasser:“

Das göttliche Selbstgespräch (V.4–12) begründet die Notwendigkeit der zweifachen Rettungsmittel – Waffe und Schrift –, die im Folgenden aus Viṣṇus Willen hervorgehen.

śastraśāstravyūharūpeṇa śāstrarūpeṇa caiva hi | (bhagavatsaṃkalpāt tadubhayotpattiḥ) ity uktārthasvarūpaṃ hi śastraśāstraughasamākulam ||13|| vyūhaṃ sasarja saṃkalpya svena saṃkalpatejasā, sa ca saudarśano vyūho maryādādhāraṇakṣamaḥ ||14|| pramāṇarūpa udiṣṭo vakṣyate ca tathā tathā, pramāṇarūpaśāstrārthaḥ saṃkalpo vaiṣṇavo hi yaḥ ||15|| udito brahmaṇas tasmād ayaṃ tad avadhāraya |

„… in Gestalt des Waffen-Schrift-Vyūha und ebenso in Gestalt der Schrift allein. (Der Ursprung beider aus dem Willen des Herrn:) So gedacht, schuf [Viṣṇu] durch die Kraft seines eigenen Willens den Vyūha, dessen wesentlicher Sinn, wie gesagt, in der Zusammenkunft von Waffe und Schrift besteht; und jener Sudarśana-Vyūha ist fähig, die [sittliche] Ordnung aufrechtzuerhalten. Er wurde als das Pramāṇa-Wesen verkündet und wird auch weiterhin so dargelegt werden: jener vaiṣṇavische Wille, der der Sinn der pramāṇa-förmigen Schrift ist – er entstand aus dem Brahman selbst; das begreife wohl.“

Abschluss des Übergangs vom vorigen Kapitel (dem ,Gegenstands-Vyūha') zum eigentlichen Thema dieses Kapitels, dem ,Laut-Vyūha' (Ādi-śāstra, dem Urtext, aus dem – wie sich zeigen wird – alle traditionellen Wissenschaften hervorgehen).

(ādiśāstrasvarūpavarṇanam) saṃkalpamayam evaikaṃ sakalāntastamonudam, nirghoṣaśabdavad vyomnaḥ śāstram ekam amūrtavat ||17|| varṇārthaiḥ saṃbhṛtair varṇaiś cidānandamahormibhiḥ, viṣṇuśaktisamudrotthair maṇibhir mauktikair iva ||18|| protaṃ saudarśanaṃ rūpaṃ viṣṇoḥ saṃkalpakalpitam | tad vijñānamayaṃ śāstraṃ saddharmapratipādakam ||19|| nayutādhyāyi yal loktaṃ kāmapāṭhena śāśvatam |

(Die Beschreibung des Wesens der Ur-Schrift:) „Ganz aus Willen bestehend, allein, alle innere Finsternis vertreibend, wie der lautlose Widerhall des Äthers, ein einziges, gestaltloses Lehrwerk – aus Silben, die mit [ihren] Bedeutungen gefüllt sind, aus Lauten, [gewoben] mit großen Wogen von Bewusstsein und Wonne, wie Perlen und Edelsteine, dem Ozean von Viṣṇus Kraft entstiegen – so aufgereiht [erscheint] die Sudarśana-Gestalt, von Viṣṇus Willen ersonnen. Jenes erkenntnis-erfüllte Lehrwerk, das den wahren Dharma verkündet, mit hunderttausend Lektionen [nayutādhyāyi], nach Belieben ewig rezitierbar.“

Das zentrale Bild dieses Kapitels: die Ur-Schrift (Ādiśāstra) als ein aus reinem Willen und Bewusstsein gewobenes, ,perlengleiches' Lautgebilde – von hyperbolischem Umfang (,hunderttausend Lektionen'), formlos wie der Äther-Klang, und dennoch Ursprung aller konkreten Wissenschaften.

(tasya sarvaśāstrārthagarbhitatvam — Zusammenfassung V.20–46)

Ahirbudhnya schildert, wie diese Ur-Schrift den Inhalt aller Wissenschaften und Künste in sich birgt: ausgestattet mit den vier menschlichen Lebenszielen [puruṣārtha], getragen von Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda sowie dem Atharvaveda; geschmückt mit den Bedeutungslehren von Wort und Satz [pada-vākya-pramāṇārtha] und deren vielfältigen Deutungsweisen; ausgestattet mit den Versmaßen [chandas], den Regeln der Lautlehre und Phonetik, der Grammatik [Kāraka, Vibhaktis, Genus, Sandhi], der technischen Terminologie samt ihren Sonderregeln; mit den Metren, Wortfugungen, Lautveränderungen und -umstellungen, mit der Etymologie [Nirukta] und ihren vielfältigen Herleitungen; mit der Planeten- und Sternenkunde, den Berechnungsarten der Horā-Astrologie; mit der Mīmāṃsā-Hermeneutik von Vorschrift, Autorität, Gattungs- und Einzelfall-Bezug; mit der Lehre von Substanz, Handlung, Eigenschaft und Allgemeinheit; mit den vier Lebensständen [Varṇas] und vier Lebensstufen [Āśramas], den mannigfachen Sakramenten [Saṃskāras] und täglichen wie Wunsch-Riten; mit Itihāsa und Purāṇa; mit zahlreichen weiteren Zähl- und Erkenntnissystemen, mit der Lehre von den Seelenzuständen, mit der Sāṅkhya-Lehre von den drei Guṇas, von Schöpfung und Verbindung [sarga-saṃyoga]; mit den mannigfachen Stufen und Gliedern des Yoga [Übung, Entsagung, innere und äußere Yogāṅgas]; mit der Lehre von Karma und seiner Reifung; und schließlich – ausdrücklich genannt – mit den Weihe- und Grundlegungsregeln sowie den Pflichten der Pāśupata-Asketen. All dies, so betont der Text, ist in der einen Ur-Schrift bereits enthalten.

[Anm.: Dieser lange, äußerst dichte Vers-Katalog (V.20–46) zählt praktisch sämtliche Zweige der traditionellen brahmanischen Gelehrsamkeit auf – die vier Veden, die sechs Vedāṅgas, Mīmāṃsā und Nyāya, Dharmaśāstra, Itihāsa-Purāṇa, Sāṅkhya, Yoga und sogar Pāśupata-Praxis – und wird aus methodischer Vorsicht als Zusammenfassung statt als Wort-für-Wort-Übersetzung wiedergegeben, da die extrem fachterminologische, in Kürzeln gehaltene Diktion dieser Passage eine verlässliche Einzelübertragung nicht zulässt. Bemerkenswert ist die inhaltliche Pointe: Diese Aufzählung bereitet unmittelbar die in V.56–64 folgende Erzählung vor, wonach Veden, Sāṅkhya, Yoga und Pāśupata-Lehre allesamt nur ,herausgeschnittene' Teile dieser einen Ur-Schrift seien.

yuktaṃ kalpanayā śaśvac chuptanānādhikārayā, adhikāreṇa saddharmān vyācakṣāṇam anekadhā ||47|| nayutādhyāyakaṃ pravaktum āsīt saṅkarṣaṇoditam, saṃkalpamayam avyagraṃ viṣṇoḥ saṃkalpajaṃ hi kim ||48|| tena śāstreṇa te divyā manavo mānavāś ca te, ye proktā ādisarge te tathā mānavamānavāḥ ||49|| sat kriyābhir alpābhir nārāyaṇam atoṣayan |

„Versehen mit einer stets [neue] Themenbereiche entfaltenden Anordnung, mit deren Hilfe [es] den wahren Dharma auf mannigfache Weise darlegt – dieses hunderttausend-lektionige [Lehrwerk], zu verkünden [bestimmt], entstand, von Saṅkarṣaṇa ausgesprochen, ganz aus Willen, ungetrübt – denn was [könnte] wohl nicht aus Viṣṇus Willen geboren [sein]? Durch jenes Lehrwerk erfreuten jene göttlichen Manus und jene menschlichen Manus, die in der Urschöpfung [Kap. 7] genannt wurden, sowie deren menschliche Nachkommen, Nārāyaṇa durch wenige, [doch] wahrhaftige Riten.“

Abschluss der Ādiśāstra-Beschreibung: Rückverweis auf die in Kap. 7 (V.46–63) bereits geschilderten Manus der Urschöpfung, die durch dieses eine Urlehrwerk mühelos Erlösung erlangten.

(tasya śāstrasya mandapracāratā) atha kālaviparyāsād yugabhedasamudbhave ||50|| tretādau saṃkocād rajasi pravijṛmbhite, kāmaṃ kāmayamāneṣu brāhmaṇeṣu mahātmasu ||51|| mandapracāram āsīt tac chāsanaṃ yat sudarśanam |

„(Die spärliche Verbreitung jenes Lehrwerks:) Als dann aber, durch die Umkehrung der Zeit, mit dem Entstehen der Unterscheidung der Weltzeitalter, vom Beginn des Tretā-Zeitalters an, [jene Ordnung] sich zusammenzog und Rajas mächtig anschwoll, [und] selbst unter großherzigen Brahmanen, die [nun] Begierde nach Begehrtem hegten, wurde jene Weisung, die Sudarśana ist, nur noch spärlich befolgt.“

Übergang von der zeitlosen Beschreibung der Ur-Schrift zu ihrer konkreten Geschichte innerhalb der Yuga-Zyklen – die Vorgeschichte der im Folgenden erzählten Aufspaltung in die vier (bzw. fünf) traditionellen Lehrsysteme.

(vācyāyanādibhis tacchāstravibhajanam) tato mohāl loke lokatantravidhāyinaḥ ||52|| saṃbhūya lokakartāraḥ kartavyaṃ samacintayan, apāntaratapā nāma munir lokasaṃbhavo hareḥ ||53|| kapilaś ca purāṇarṣir ādidevasamudbhavaḥ, hiraṇyagarbho lokādir ahaṃ paśupatiḥ śivaḥ ||54|| ete taptvā tapas tīvraṃ varṣāṇām ayutaṃ kṛtam, ādidevam anujñāpya devadevena coditāḥ ||55||

„(Die Aufteilung jenes Lehrwerks durch Vācyāyana und andere:) Da nun, aus Verwirrung in der Welt, die Ordner des Weltengefüges, die Schöpfer der [rechten] Weltordnung, sich versammelten und gemeinsam berieten, was zu tun sei: der Weise namens Apāntaratapas, in der Welt aus Hari geboren; Kapila, der uralte Seher, aus dem Urgott entstanden; Hiraṇyagarbha, der Ursprung der Welten; und ich selbst, Paśupati, Śiva. Diese vollzogen strenge Askese, zehntausend Jahre lang, erbaten die Erlaubnis des Urgottes, und wurden [dann] vom Gott der Götter angetrieben —“

Die vier ,Kulturstifter' – Apāntaratapas (,in der Welt aus Hari geboren', traditionell mit Vyāsa/Bādarāyaṇa identifiziert), Kapila, Hiraṇyagarbha (Brahmā) und Ahirbudhnya selbst (=Śiva) – treten als gemeinsame, um zehntausend Jahre büßende Gesandte auf, die im Folgenden je einen Teilbereich der einen Ur-Schrift ,herausschneiden'.

sudarśanasya leśena tatsaṃkalpena saṃyutāḥ, vijñānabalam āsādya dharmādhipaprasādajāt ||56|| āvirbhūtaṃ tu tacchāstram aṃśatas te tatakṣire | tataś ca bhagavān pūrvam apāntaratapā muniḥ ||57|| harer vācyāyanaḥ pūrvo yāvad ātraṃ ca vai tataḥ, udabhūt tatra dhīrūpam ṛgyajuḥsāmasaṃskṛtam ||58|| viṣṇusaṃkalpasaṃbhūtam etad vācyāyanoditam |

„… ausgestattet mit einem Bruchteil Sudarśanas, durch dessen Willen verbunden, [und so] die Kraft der Erkenntnis erlangend, geboren aus der Gnade des Herrn des Dharma [Viṣṇu], schnitten sie jenes Lehrwerk, das [ihnen] offenbar geworden war, in Teilen [aus ihm heraus]. Und da war es zuerst der göttliche Weise Apāntaratapas – als Vācyāyana, Haris Erster [Diener] –, der, soweit er es erfasste, daraus [einen Teil] gewann; daraus entstand die verstandesförmige, als Ṛc, Yajus und Sāman gestaltete [Lehre]. Dies, aus Viṣṇus Willen entstanden, wurde von Vācyāyana verkündet.“

[?] Der Name ,Vācyāyana' für den mit Apāntaratapas gleichgesetzten Urheber der drei Veden ist im Quelltext ungewöhnlich (die geläufige Tradition identifiziert Apāntaratapas mit Vyāsa/Bādarāyaṇa); ob es sich um eine echte Textvariante oder eine OCR-Verlesung eines geläufigeren Namens handelt, lässt sich am vorliegenden Scan nicht sicher entscheiden und wird daher unverändert, mit Fragezeichen, wiedergegeben.

tataś ca kapilaḥ śāstrād yāvad aṃśam udāradhīḥ, tat tvakṣad bhavac chāstraṃ prasaṃkhyānaparāyaṇam ||59|| hiraṇyagarbho lokādir yat tataś cātakṣad āsanāt, yamādyaṅgam abhūd etad divyaṃ yogānuśāsanam ||60|| ahaṃ tataś ca yac chāstrād dūrān nānāvratākulāt, abhūt pāśupatākhyaṃ tat paśupāśavimocanam ||61||

„Und dann gewann Kapila, von edlem Verstand, aus jener Schrift, so viel er an Anteil [daraus] konnte; daraus wurde jene Schrift, die dem rechten Erkennen [prasaṃkhyāna] gewidmet ist [d.h. das Sāṅkhya]. Und Hiraṇyagarbha, der Ursprung der Welten, schnitt aus derselben [Quelle], aus seinem [eigenen] Sitz [der Versenkung], jenes heraus, das, mit Yama und den übrigen Gliedern versehen, zu dieser göttlichen Unterweisung im Yoga [Yogānuśāsana] wurde. Und ich selbst [gewann] dann, aus jener Schrift, von ferne, inmitten ihrer mannigfachen [asketischen] Gelübde, das, was als Pāśupata bekannt wurde – die Befreiung der gebundenen Seele [paśu] von ihren Fesseln [pāśa].“

Die klassische Vierheit der ,orthodoxen' Systeme – Veda (samt Mīmāṃsā), Sāṅkhya, Yoga, Pāśupata-Śaivismus – wird hier ausdrücklich als Ableitung aus der einen Ur-Schrift des Pāñcarātra gedeutet: eine bemerkenswerte, sektiererisch gefärbte Selbstverortung dieser vaiṣṇavischen Saṃhitā gegenüber den konkurrierenden Traditionen, einschließlich des eigenen Śaiva-Gegenstücks.

sad āgamamayāt tasmāt kevalād divyāsanāt, nirmame sāram uddhṛtya svayaṃ viṣṇur asaṃkulam ||62|| tat sadvyūhavibhavasvabhāvādinirūpaṇam, pāñcarātrākhyaṃ tantraṃ mokṣaikaphalalakṣaṇam ||63|| sudarśanākhyo yo 'sau saṃkalpo vaiṣṇavaḥ paraḥ, sa svayaṃ bibhide tena pañcadhā pañcavaktrataḥ ||64||

„Und aus eben jener, ganz aus wahrer Überlieferung bestehenden [Ur-Schrift], aus [seinem] alleinigen, göttlichen Sitz, gewann Viṣṇu selbst, ihre Essenz herausziehend, ungetrübt [die Lehre]: jene Darlegung vom wahren Wesen von Vyūha, Vibhava und dergleichen – das Tantra, genannt Pāñcarātra, dessen alleinige Frucht die Erlösung ist. Jener höchste vaiṣṇavische Wille, genannt Sudarśana, teilte sich dabei selbst fünffach, durch [seine] fünf Gesichter.“

Die krönende Pointe: Anders als Veda, Sāṅkhya, Yoga und Pāśupata, die von anderen ,herausgeschnitten' wurden, entnimmt Viṣṇu das Pāñcarātra der Ur-Schrift unmittelbar selbst – und Sudarśana teilt sich dabei, durch die fünf Gesichter [vgl. die Pañcavaktra-Ikonographie, sonst v.a. von Śiva bekannt, hier auf Sudarśana übertragen], selbst fünffach. [?] Die genaue Bedeutung dieser ,fünffachen' Teilung (evtl. Bezug auf die Fünf-Nächte-Etymologie des Namens ,Pāñcarātra' oder auf ein Fünfer-Schema der Saṃhitā-Literatur selbst) bleibt an dieser Stelle offen.

(adhyāyārthanigamanam) viṣṇusaṃkalparūpo 'yaṃ pramāṇavyūha īritaḥ, śastraśāstravibhedena kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||65||

(Der Abschluss des Kapitelthemas:) „Dieser Pramāṇa-Vyūha, von der Gestalt Viṣṇus Willens, ist [nun], durch die Unterscheidung von Waffe und Schrift, dargelegt worden – was möchtest du weiterhin noch hören?“

Formelhafter Kapitelschluss, wie er auch andere Kapitel dieser Saṃhitā beendet (vgl. Kap. 6/7-Übergang).

iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahirbudhnyasaṃhitāyāṃ śabdātmakapramāṇavyūhanirūpaṇaṃ nāmaikādaśo'dhyāyaḥ. Om. (āditaḥ ślokāḥ 682)

So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das elfte Kapitel, genannt ,Die Bestimmung des Vyūha des lautförmigen Pramāṇa'. Om. (Verse von Anfang an: 682)

682 − 618 (Ende Kap. 10) = 64 Verse in Kapitel 11 – das bislang umfangreichste Kapitel des Werks.

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