Quellen der Menschheit

Ahirbudhnya Saṃhitā

Paṭala 7: Śuddhetarasṛṣṭivarṇanaṃ nāma saptamo'dhyāyaḥ Siebtes Kapitel — Die Beschreibung der unreinen [materiellen] Schöpfung (Fortsetzung)

Vollständige klassische Sāṅkhya-Entfaltung der materiellen Schöpfung: Mahat/Buddhi und Ahaṃkāra mit ihren Synonymkatalogen, die Fünferreihe der Elementarkeime/Elemente/Sinnesorgane, die Ständeteilung der Menschheit, das wiederkehrende Kuh-Gleichnis für schwindendes Wissen und rettende Schrift, und schließlich die philosophische Synthese von Bhāvaka (Sudarśana als reiner Entschluss) und Bhāvya (die gesamte, in reine und unreine Schöpfung gegliederte Gestaltkraft) als Abschluss des vierteiligen Kosmologie-Bogens (Kap. 4–7).

[V.1–18, ausführliche Sāṅkhya-Entfaltung: Prakṛti-Puruṣa-Zeit, Entstehung von Mahat/Buddhi mit Synonymkatalog und Vierfachteilung, Entstehung des Ich-Bewusstseins (ahaṃkāra) mit Synonymkatalog und Dreifachteilung]

[Anm.: Das gleichgewichtige, weder zu wenig noch zu viel seiende Erscheinungsqualitäten-Gleichgewicht (tamas-geprägt) gilt der Sāṅkhya-Lehre als Weltengrund, „Prakṛti“ genannt [V.1]. Der ins Karma herabgestiegene, vier Zeitalter umspannende Mensch ist der Sammel-Puruṣa (kūṭastha), Ursprung [aller Einzelseelen] [V.2]; die zeithafte Wesenheit ist es, die als Verbinder und Trenner von Prakṛti und Puruṣa fungiert [V.3–6]: die Ur-Materie (Prakṛti) selbst ist wandlungsfähig, der Puruṣa unwandelbar, und die Zeit „kocht“ (verarbeitet) beide zusammen. Aus diesem von Viṣṇus Entschluss angeregten Dreiklang entsteht Mahat (die Erkenntniskraft, buddhi) — mit einem Katalog von Synonymen (Vidyā, Gaurī, die brahmanische Braut, Dhī, Mati, Madhu, Akhyāti, Īśvara, Prajñā) und einer Dreiteilung in Zeit, Erkenntnis und Lebensatem (kāla/buddhi/prāṇa); ihre sattva-geprägte Form gliedert sich vierfach in Rechtschaffenheit (dharma), Erkenntnis (jñāna), Leidenschaftslosigkeit (vairāgya) und Herrschaft (aiśvarya), ihre tamas-geprägte Form ebenso vierfach in deren jeweilige Gegenteile [V.7–12]. Acht Manus nehmen im Schoß dieser Vidyā/Mahat Gestalt an [V.13]; aus Mahat/Vidyā entsteht sodann, von Sudarśana angeregt, das Ich-Bewusstsein (ahaṃkāra) — wiederum mit Synonymkatalog (Abhimāna, Prajāpati, Abhimantā, Boddhā) und Dreiteilung in vaikārika (sattva-geprägt), taijasa (rajas-geprägt) und bhūtādi (tamas-geprägt), aus denen wiederum Begierde, Zorn, Gier, Denksinn (manas) und Geringschätzung usw. als weitere Unterformen entspringen [V.14–18].]

[V.19–43, die klassische Sāṅkhya-Fünferreihe der Elementarkeime (tanmātra), groben Elemente (bhūta) und Sinnes-/Handlungsorgane (indriya): Ton→Äther/Gehör-Sprache, Tastsinn→Wind/Haut-Hand, Form→Feuer/Auge-Fuß, Geschmack→Wasser/Zunge-Geschlecht, Geruch→Erde/Nase-After]

[Anm.: Aus dem sattva-geprägten (vaikārika) Ich-Bewusstsein entsteht, von Sudarśana angeregt, der Denksinn (manas) — und im selben Zug nehmen die acht Manus im Schoß des Ich-Bewusstseins erneut Gestalt an [V.19–20]. Sodann entfaltet sich, jeweils nach demselben formelhaften Muster (Entstehung des Elementarkeims aus dem tamas-geprägten [bhūtādi-] Ich-Bewusstsein → Entstehung des groben Elements daraus → Entstehung des zugehörigen Erkenntnis-/Handlungsorgan-Paares aus dem sattva-geprägten [vaikārika-] Ich-Bewusstsein → Herabkunft und Ausstattung der acht Manus mit den jeweiligen Organen), die gesamte klassische Fünferreihe: der Ton-Elementarkeim (śabda-tanmātra) erzeugt den Äther (ākāśa, dessen einzige Qualität der Ton ist und der Raum gewährt), begleitet vom Gehör-Sprache-Organpaar [V.21–24]; der Tast-Elementarkeim (sparśa-tanmātra) erzeugt den Wind (vāyu, mit den Wirkweisen Austrocknen, Antreiben, Bewegen, Ausbreiten, Zusammenziehen), begleitet vom Haut-Hand-Organpaar [V.25–29]; der Form-Elementarkeim (rūpa-tanmātra) erzeugt das Licht/Feuer (tejas, mit den Wirkweisen Form, Erscheinung, Reifung, Glanz, Leuchten), begleitet vom Auge-Fuß-Organpaar [V.30–33]; der Geschmacks-Elementarkeim (rasa-tanmātra) erzeugt das Wasser (mit den Qualitäten Geschmack, Klebrigkeit, Flüssigkeit), begleitet vom Zungen-Geschlechtsorgan-Paar [V.34–37]; und der Geruchs-Elementarkeim (gandha-tanmātra) erzeugt schließlich die Erde (mit den Qualitäten Härte, Schwere, Festigkeit), begleitet vom Nase-After-Organpaar [V.38–41]. Zum Abschluss [V.42–43] entstehen aus Denksinn, Ich-Bewusstsein und Erkenntniskraft auch die fünf Lebenswinde (prāṇa) samt Entschluss und Eifer, sodass die Manus schließlich mit vollständigem Körper, allen Organen und Lebenswinden ausgestattet sind.]

[V.44–51, Entsprechung von Auflösungs- und Schöpfungsreihenfolge, siebenfache Wandlung der Vidyā, Vierteilung der Manus in die vier Stände, Entstehung ihrer Nachkommenschaft]

[Anm.: Was in der Rückauflösung (Kap. 4) als Zeitfolge geschildert wurde, gilt in derselben Weise für die Schöpfung, wie die vaiṣṇavischen Denker lehren [V.44–45]; die Wandlung der Vidyā (Mahat) durch Viṣṇus Schau vollzieht sich siebenfach — in die groben Elemente und ihre Unterteilungen bzw. Zusammenfügungen [V.45–46]. Auch die Manus selbst werden, von Sudarśana angeregt, ihrer Reihe nach [in männliche und weibliche] geteilt — von selbst erkenntnisbegabt, allwissend, allsehend, mit Aniruddha als innerem Herrscher in sich tragend [V.46–48]. Angeregt durch dessen Entschluss zeugen die so ausgestatteten Manus mit ihren Frauen für hundert Jahre Nachkommen — vierfach als Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras, mit den Merkmalen Indras [d. h. vollkommen ausgestattet] —, und diese von den Manus selbst mit ihren Gattinnen gezeugten Nachkommen heißen „Menschen-Menschen“ (mānavamānava) [V.48–51]. Zahlreiche Kuh-Herden u. Ä. gehören ihnen, mit denen die Erde bedeckt ist.]

[V.52–58, die vier Stände als Vollzieher des Herrendienstes, Erlösung der Guten durch Unterscheidungswissen, Daseinskreislauf der Übrigen, Entstehung von Göttern, Dämonen und anderen Wesensarten aus der ewigen Vidyā-Kuh]

[Anm.: Aus den vier Ständen (cāturvarṇya) hervorgegangen, vollziehen diese Menschen den Dienst am Herrn; wer davon in hundertjähriger Frömmigkeit dem [rechten] Handeln obliegt, erlangt durch Unterscheidungswissen (viveka-jñāna) die Erkenntnis des höchsten Hari [V.52–53]; die anderen hingegen, die von Zeitalter zu Zeitalter [nur] auf die Frucht ihres Handelns bedacht sind, gehen in den entsprechenden [neuen] Daseinszustand ein [V.53–54]. Die früher genannte, im Schoß der Manus [wirkende] Vidyā erzeugt dabei in ihrem Schoß-Zustand mannigfach unterschiedene Wesensarten: Götter, Dānavas, Rākṣasas, Gandharvas, Schlangenwesen (uraga) und Kinnaras — so erschafft die von Viṣṇus Entschluss bewegte [Vidyā] durch ihren eigenen Entschluss diese und weitere, noch andere Geburtsstätten (yoni); im Schoß-Zustand der Manus werden so durch die ewige [Vidyā] fortwährend Ahnen, Götter, Seher und Menschen erschaffen [V.54–58].]

[V.59–64ab, die Einzelseelen als Manifestationen Viṣṇus, Wiederaufnahme des „Kuh“-Gleichnisses (vgl. Kap. 4) für das allmähliche Schwinden des Wissens und das Auftreten der rettenden Schrift]

[Anm.: Alle Unterschiede der Einzelseelen (jīva) sind, so betont der Text, nur von Viṣṇus Gestaltkraft (bhūti) geformte [Erscheinungen] [V.59]. Sooft aus den offenbar gewordenen Manus wieder und wieder Nachkommen geboren werden, wird die Vidyā durch irgendeine [ihrer] Erscheinungsweisen zur ewigen „Kuh“ (dhenu) — dieselbe „Kuh“, die bereits in Kap. 4 als Gleichnis für die Fruchtbarkeitsdauer der Schöpfung diente —, die wie Milch [ihr] Wissen ausströmen lässt, entsprechend der Wandlung von Regen in Nahrung usw. [V.59–61]. Doch alle „Menschen-Menschen“, die von dieser Wissens-Milch getrunken haben, erfahren von selbst — obwohl [ursprünglich] allwissend — einen Schwund ihrer Erkenntnis [V.61–62]. Daraufhin verkünden diese [Menschen], angeleitet von den früheren Manus, die [rettende] Schrift (śāstra), und mittels des von ihr gewiesenen Pfades gelangen sie zum höchsten Ziel [V.62–63].]

śeṣataḥ sṛṣṭir ukteyaṃ bhūteḥ śuddhetarā mune │ sudarśanena yā viṣṇor evaṃbhāvena bhāvyate ‖63‖ bhūyaś ca śṛṇu saṃkṣepam imaṃ nārada tataḥ ‖64‖ ekā śaktir harer viṣṇoḥ sarvabhāvānugāminī │ devī ṣāḍguṇyavigrahā sā jñānānandakriyāmayī ‖65‖ bhāvyabhāvakabhedena sā dvidhābhāvam ṛcchati │ bhāvakas tatra saṃkalpaḥ sudarśanamayo hareḥ ‖66‖ avyāghātas tu yas tasya sā sudarśanatā mune │ jñānamūrtiḥ kriyātmāsau svacchaḥ svacchandacinmayaḥ ‖67‖ bhāvyo nāma parāṃśo yaḥ sā bhūtir iti gīyate │ saṅkarṣaṇādibhūmyantā śuddhetaravibhāginī ‖68‖ saṅkarṣaṇādiguhāntā śuddhasargamayī sthitā │ śaktyādibhūmiparyantā śuddhetaramayī mune ‖69‖ aṃśayoḥ puruṣo madhye yaḥ sthitaḥ sa caturyugaḥ │ śuddhetaramayaṃ viddhi kūṭasthaṃ taṃ mahāmune ‖70‖ itīyaṃ vividhā bhūtir nānātattvamayī mune │ sudarśanena marutā dhvajaiva vahate'tha vā ‖71‖ ānulomyena sarge tu pratilomyena cāpyaye │ madhye ca sthāpyate tena kāryate ca tathā tathā │ bhūter aṃśaḥ sa naivāsti svalpo'py ayo [?] mahāmune │ yo na yāti svajanmādau sudarśanavidheyatām ‖72‖

„Damit ist zusammenfassend die unreine Schöpfung der Gestaltkraft (bhūti) dargelegt, o Weiser — jene, die durch Viṣṇus Sudarśana auf ebendiese Weise hervorgebracht wird. [63] Und höre von mir nun weiter diese [abschließende] Zusammenfassung, Nārada. [64] Eine einzige Kraft Hari-Viṣṇus, die alle Daseinsdinge begleitet — die Göttin, die die Sechsheit verkörpert —, besteht aus Erkenntnis, Wonne und Handlung. [65] Durch die Unterscheidung von 'Hervorzubringendem' (bhāvya) und 'Hervorbringendem' (bhāvaka) gelangt sie zu einem zweifachen Daseinszustand; der 'hervorbringende' [Aspekt] darin ist Haris aus Sudarśana bestehender Entschluss. [66] Das, was an ihm ungehindert (avyāghāta) ist — das, o Weiser, ist eben die Sudarśana-Beschaffenheit: erkenntnisverkörpert, handlungsnatürlich, durchsichtig-rein, selbstbestimmt, aus [reinem] Bewusstsein bestehend. [67] Das, was 'Hervorzubringendes' genannt wird, der weitere Anteil (para-aṃśa) — das wird als Gestaltkraft (bhūti) bezeichnet; [diese] gliedert sich, von Saṅkarṣaṇa bis zur [gröbsten] Erde reichend, in einen reinen und einen unreinen Teil. [68] [Der Teil] von Saṅkarṣaṇa bis zur [mystischen] Höhle [d. h. bis zum Paramapada-Bereich] besteht aus der reinen Schöpfung; [der Teil] von der [Erscheinungsqualität] Kraft an bis hinab zur Erde, o Weiser, besteht aus der unreinen. [69] Jener Puruṣa, der inmitten beider Anteile steht, die vier Zeitalter umspannend — erkenne ihn, o großer Weiser, als den unreinen [Anteil zugehörigen] Sammel-Puruṣa (kūṭastha). [70] So ist diese mannigfache, aus verschiedensten Wirklichkeitskategorien bestehende Gestaltkraft — sie wird von Sudarśana wie eine Fahne im Wind getragen. [71] In vorwärtiger Ordnung bei der Schöpfung, in rückwärtiger bei der Auflösung, und in der Mitte [dazwischen, bei der Erhaltung] wird sie von ebendiesem [Sudarśana] festgehalten und jeweils entsprechend ins Werk gesetzt. Es gibt keinen Anteil der Gestaltkraft, und sei er noch so gering, o großer Weiser, der nicht von seiner Geburt an der Verfügungsgewalt Sudarśanas unterläge.“ [72]

[Anm.: Philosophischer Abschluss des gesamten Kosmologie-Bogens (Kap. 4–7): die eine göttliche Kraft differenziert sich in den handelnden Aspekt (bhāvaka = Sudarśana selbst, der reine Entschluss) und den hervorgebrachten Aspekt (bhāvya = Bhūti, gegliedert in reine Vyūha-Schöpfung und unreine materielle Schöpfung mit dem vierzeitalter-umspannenden Kūṭastha-Puruṣa dazwischen) — nichts in der gesamten Schöpfung entzieht sich der Verfügungsgewalt Sudarśanas. Ein Wort in V.72 ist im Digitalisat unklar [?].]

iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahirbudhnyasaṃhitāyāṃ śuddhetarasṛṣṭivarṇanaṃ nāma saptamo'dhyāyaḥ │ oṃ │ (āditaḥ ślokāḥ 466)

So endet im heiligen Pāñcarātra, dem Tantra-Geheimnis, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das siebte Kapitel, [wiederum] genannt „Die Beschreibung der unreinen [materiellen] Schöpfung“. Om. (Vom Anfang [des Werkes] an: 466 Verse.)

[Anm.: 466 − 392 (Ende Kap. 6) = 74 Verse in diesem Kapitel. Kapitel 8 trägt den eigenen Titel „Jagadādhāranirūpaṇam“ (Die Bestimmung der Grundlage der Welt) und behandelt laut Nāradas Eingangsfrage die widerstreitenden Lehrmeinungen verschiedener Schulen über die Zahl der Weltbestandteile (fünf-, sechs-, sieben-, acht-, neun-, zehn- oder elffach).

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks