Paṭala 55: śrīnārasiṃhānuṣṭubhamantrārthanirūpaṇaṃ nāma pañcapañcāśo 'dhyāyaḥ
Fünfundfünfzigstes Kapitel: Darlegung des Nārasiṃha-Anuṣṭubh-Mantras (Auslegung nach Yoga, Pāśupata und Sātvata; Vyūha-Deutung von ugra, vīra, mahāviṣṇu)
Quelle: Ahirbudhnya-Saṃhitā, Bd. 2 (archive.org in.ernet.dli.2015.322565), OCR ca. S. 580–588, Devanāgarī-OCR, stark verrauscht; sa-Feld in IAST rekonstruiert, unsichere Stellen mit [?]. Fortsetzung der Mantra-Auslegung (Kap. 54: Weg des Sāṅkhya): dieselben Wörter des Nārasiṃha-Mantras (ugra, vīra, jvalan, sarvatomukha, bhīṣaṇa, mahāviṣṇu, nṛsiṃha, bhadra, mṛtyumṛtyu, namāmi) werden nun nach der Auffassung der Yogins, der Pāśupatas (Śiva-Viṣṇu-Identität) und der Sātvatas gedeutet, und danach (parārtha) laut für Laut auf die drei Vyūhas Saṅkarṣaṇa, Pradyumna und Aniruddha bezogen. Die Wörter „jvalan“ usw. folgen im nächsten Kapitel. Die in Klammern gesetzten Zwischenüberschriften stammen von den Herausgebern der Adyar-Ausgabe.
Ahirbudhnya sprach: Wie die Kundigen, den Yoga [als Maßstab] nehmend, dieses Mantra ausmessen [auslegen] [?], so soll es dir, Weiser, erklärt werden; das vernimm von mir, der ich es dir aufsage.
„Ugra“ (der Gewaltige): [von ud-, „aufgestiegen“, und krudh, „zürnen“] – so ist er „ugra“, weil er die Sinnesorgane hemmt [?]. „Vīra“ (der Held): der, von dem die Iras, die im Körper wohnenden Lebenswinde, besiegt sind [vi-jitā-irāḥ, [?] „vikṛtā“ im OCR]. Der wird „vīra“ genannt von den Yogins, die im Wissen der Lehrbücher (tantra) bis ans Ende gelangt sind. „Jvalan“ (der Glühende): wer die Sinne besiegt hat, den Atem besiegt hat und im Inneren allseits wandelt; wegen der Abgrenzung des Übersinnlichen [?] wird er allseits „glühend“ genannt. „Sarvatomukha“ (allseits zugewandt): so wird Hari bezeichnet, der ganz aus Allwissen besteht. „Bhīṣaṇa“: „bhā“ bezeichnet rechte Erkenntnis, und deren Antrieb ist „īṣaṇa“; so wird der Gott, der Weltenbildner, „bhīṣaṇa“ genannt [?]. „Mahāviṣṇu“, „Nṛsiṃha“, „Bhadra“ und „Mṛtyumṛtyu“ [sind] wie zuvor [zu verstehen].
Zusammenfassung des Satzsinns: [Er], der im Bereich der Sinnenbezwinger und des [beherrschten] Atems in Gestalt der Seele weilt, der alldurchdringend, der verehrungswürdig, der wie Regenwasser für die Einsichten [?] ist, der die Loslösung vom Kreislauf schenkt – den man den Puruṣottama nennt – „vor jenem Gott verneige ich mich“: so [lautet] die Yoga-Unterweisung.
[?] V.1 „nirmimanti“ (Ableitung von nir-√mā „ausmessen, gestalten“) und V.2 „udgataḥ krudha“, „vikṛtā“: die Handschriftenvarianten der Ausgabe (udatta / uddhata) zeigen, dass schon die Überlieferung schwankt; die Deutung „ugra = ud + Zorn gegen die Sinne“ ist ein Vorschlag. V.3b „atīndriya-“ nach Variante der Ausgabe. V.5 „īṣaṇo bhīṣaṇaḥ“ nach Sinnzusammenhang ergänzt (OCR „bheṣaṇo“). V.7 „payodakam“ unsicher. Die halbe Zeile „namāmi tam ahaṃ devam …“ trägt im OCR keine Verszahl.
Nun die Auslegung nach der Lehre der Pāśupatas. „Ugra“: der durch strenge Gelübde (ugra-vrata) zu Verehrende – so wird er mit dem Wort „ugra“ beschrieben. „Vīra“: das Hinüberführen-Können [?], die Andersheit [von den Fesseln] [?] wird mit dem Wort „vīra“ beschrieben. „Sarvatomukha“: das vorherige Nichtsein der drei Makel (mala) [d.h. dass sie ihn nie berührten] wird mit „sarvatomukha“ benannt. „Jvalan“: die Verdichtung des Selbst zu reinem Bewusstsein wird mit dem Wort „jvalan“ beschrieben. „Bhī(ṣaṇa)“: die Fessel (pāśa), die in der Gestalt der fünf Gegenstände [pañcārtha] besteht, wird durch das Wort „bhī“ gezeigt. „Furcht [bhī] … [?] schneidet er, das ist klar, das Band des Viehs (paśu) durch“ – so nennt das Wort „bhīṣaṇa“ den, der die Fessel des Viehs durchschneidet [?]. „Mṛtyumṛtyu“: das Glück-Wirken (śivaṅkaratva) des Herrn wird durch das Wort „Tod des Todes“ ausgedrückt. „Mahāviṣṇu“ und „Nṛsiṃha“ sind schon zuvor erklärt worden.
Zusammenfassung: Den, der stets den strengen Gelübden zugetan, von noch strengerer Askese erfüllt [?], von den drei Makeln unberührt, verdichtetes Bewusstsein und Zerreißer der Fesseln ist, den man „Śiva“ nennt, [ebenso] Viṣṇu, den Großen, den Puruṣottama – „vor ihm verneige ich mich“: so gilt der Sinn nach Pāśupata-Lehre. Der Sinn nach dem Weg des Vedānta [?] ist schon vorher dargelegt worden.
[?] V.9 „tatpārayitṛtvam anyatvam“ und V.11 „bhiyaṃ syati …“ stark verderbt; die Etymologie von „bhīṣaṇa“ (bhī + √so „vernichten“) ist nur im Ansatz erkennbar. V.10 „ātmasya“ statt OCR „āthasya“. V.13 „ugratarataparācitam“ metrisch/lexikalisch unsicher. Die Pāśupata-Begriffe (pañcārtha, mala-traya, paśu, pāśa) sind hier auf Viṣṇu-Śiva-Identität hin gelesen; das Kapitel geht von der Einheit Śiva = Viṣṇu = Puruṣottama aus.
Nun der Sinn nach der Lehre der Sātvatas, der [nur] den Sātvatas zu wissen ist: nimm ihn aufmerksam, unachtsam nicht, in dich auf.
„Ugra“ ist der [Vyūha] Saṅkarṣaṇa: Er speit die Lehrschrift reichlich aus (ud-girati) und erfreut [die Wesen] mit dem Ausgespienen; und sie [die Wesen] verschlingen (girayante) diese Lehrschrift [?] – daher gilt „ugra“ als Saṅkarṣaṇa [Wortspiel ud-gir/gir]. „Vīra“ ist Pradyumna: Er führt die Trayī [die dreifache Veda-Wissenschaft] ohne [den Einfluss von] Rajas und Tamas weiter [?] und macht jenes Wissen „vīra“ (kraftvoll) [?]. Auch uns lässt er wirken („vīrayati“) beim Erschlagen des Tamas-Madhu und setzt im Vollzug des Śāstra-Sinns reines Handeln in Gang. Darum nennt man Pradyumna, den Ehrwürdigen, den Puruṣottama, „vīra“.
„Mahāviṣṇu“ ist Aniruddha: Groß (mahat) wird er durch seine Tätigkeiten, und Aniruddha [„der Ungehemmte“] allseits. Die früheren [Vyūhas] haben mit ein, drei, vier Unternehmungen ein begrenztes Wirken, und wegen der Begrenztheit ihres Körpers ist ihre Kraft nicht ungehemmt; bei Aniruddha dagegen gelten die Tätigkeiten als unzählbar, und auch der Körper [ist] unermesslich: Schöpfung, Erhalt usw.; die Kraft, die darauf gerichtet ist, und die Alldurchdringung – das ist die „Ungehemmtheit“ jenes vierten Vyūha des Bogenträgers (Śārṅgin). Deshalb wird er von den Kundigen „Mahāviṣṇu“, [d.h.] Aniruddha, genannt.
„Jvalan“ [„glühend“] bezeichnet das Sich-Entfalten: das, was die Weisen des Hari die „Herabkunft“ (avatāra) [in der Erscheinungsform] Vaibhava nennen, im Innern des Weltalls (brahmāṇḍa). Mit dem Wort „sarvatomukha“ [„allseits gewandt“] ist das Eintreten in vielerlei Mutterschöße [Herkünfte] gemeint. „Bhadra“ [„gütig“]: dabei behält er auch [in den Herabkünften] seine eigene Natur unverlassen. „Bhīṣaṇa“ gilt als: das Loslösen von der Furcht vor der Fessel des Kreislaufs [?]; sie [die Loslösung] wird [aber nur] durch ein Wissen mit seinen Teilen [Arten] erlangt. „Mṛtyumṛtyu“: seine Gegnerschaft zum Abzulehnenden ist die zu allen Zeiten bestehende und wird als naturgegeben bezeichnet. „Nṛsiṃha“: der Zustand jenes Gottes, der „Puruṣottama-heit“ heißt – [Alldurchdringung] von innen und außen – wird mit dem Wort „nṛsiṃha“ [wörtlich Mann-Löwe] ausgedrückt [?]. Damit ist der Satzsinn im Übrigen erklärt.
[?] V.16 „girayante“ sehr unsicher (OCR: girayante); das Wortspiel ud-√gṝ (ausspeien) / √gṝ (verschlingen) ist die einzig plausible Lesart der Etymologie von „ugra“. V.17 stark verderbt (Zeile „vinā kṛtvā prayāti …“ im OCR nur bruchstückhaft); V.18 „tamomadhunidhātane“ als „tamas-madhu-nidhātana“ (Tötung des Tamas-Madhu, Anspielung auf den Dämon Madhu) gelesen. V.21 „kāyo 'py aparimeyāni“ Kasus-Unstimmigkeit im OCR. V.25b, 26a „saprakāravijñānamātralabhya…“ ist dem Sinn nach eine Erläuterung zu bhīṣaṇa; genaue Zugehörigkeit unsicher. V.27 „nūnātmano 'nubadhyānte hitenānte“ stark verderbt; die Deutung „Alldurchdringung innen wie außen“ folgt dem Zusammenhang mit V.32. Verszählung nach OCR-Ziffern; einzelne Halbverse (nach 22, 23) tragen keine Ziffer.
Sich in Saṅkarṣaṇa und den übrigen [Vyūhas] dreifach entfaltend, um jeweils die Aufgabe der bei ihm Zuflucht Suchenden zu erfüllen, ist der Allmächtige „sarvatomukha“ [allseits gewandt]; in den vielfältigen Erscheinungsgestalten (vibhava) glüht („jvalan“) er im Schoß der Vibhavas; so wird er wahrhaft „jvalan“, „bhadra“ und noch „bhadratara“. So ist er, wenn er [nur] erkannt wird, „bhīṣaṇa“ [Loslöser] von der Fessel; und er ist „Tod“ als Gegner des Todes [?], da [der Tod] die Gestalt der Schlange [ahaya?] hat [?]. Ihm, der den Menschen wie Wohlgeruch durch das Wissen um Vyūha und Vibhava ist, dem Puruṣottama, der dies [All] innen und außen durchdringt – dem Nṛsiṃha wende ich mich mit allen Sinnesorganen als [meinem] Selbst zu [„anusaṃdadhe“]. So ist dir das, was nach den Sātvatas als das Ziel gilt, in Kürze dargelegt.
Nun die höhere Deutung anhand der [einzelnen] Laute (parārtha-varṇana), zuerst das Wort „ugra“ als der Vyūha Saṅkarṣaṇa: Vernimm nun [den höchsten Sinn] [?], der fein und vielfach ist. [„Ugra“ enthält:] der Träger aller Welten [ra], der Vernichter der Krankheit des Kreislaufs [ga] [?] und [u:] das Aufsteigen (udaya) Viṣṇus, das „udāma“ [rasch/überschäumend] ist. Der Aufgang Viṣṇus, „Saṅkarṣaṇa“ genannt, wird durch die Laute von „ugra“ bezeichnet: der erste [Aufgang], der vaiṣṇavische. [Begründung:] Wie [der Laut] „u“ scheint in ihm die Welt auf [?], und durch die Belehrung mit dem göttlichen Lehrtext zerstört er die Krankheit [des Kreislaufs] – jener ungehemmte Aufgang Viṣṇus, hell leuchtend. Deshalb ist der Gott, der Herr Saṅkarṣaṇa, mit dem Wort „ugra“ gemeint.
[?] V.31 „ahayasvarūpasya“ (OCR) unsicher, möglicherweise „ahaḥ-“ oder „aha-“; Sinn der Zeile „mṛtyuḥ pratibhaṭaḥ“ nach V.26 (Gegner des Abzulehnenden). V.32–33: Der Wortlaut ist die in Sātvata-Kreisen als Kerndeutung gelesene Zusammenfassung. V.34: die Halbzeile „paraṃ dharmam adya niśāmaya“ ist im OCR verstümmelt und ergänzt. Die Ausgabe erläutert in einer Anmerkung, dass „ugra“ in die Laute u–g–r zerlegt wird (r: Weltenträger, g: Krankheitsvernichter, u: „udāma udaya“); die Zeilen wurden für die Übersetzung mit diesem Schema verbunden. Die Verse 34–35 stehen in den Handschriften z.T. vertauscht (Ausgabe-Anmerkung).
Nun [„vīra“]: Pradyumna. „Der Träger der Wahrheit (ṛta) und der Māyā-Besitzer, dann der Feurige – Pradyumna, der Lotosäugige, wird mit dem Wort „vīra“ ausgedrückt.“ [Begründung:] „Ṛta“ ist die Gottesordnung (bhagavad-dharma); ihr Träger und Zuflucht ist Pradyumna, der Herr der Ṛta, der im Dharma Ruhende. „Māyā“ ist Wissen: durch die Māyā erweckt er ja die Vidyā (das [wahre] Wissen), und er spaltet den Makel des Nichtwissens, der aus Finsternis besteht. Daher wird der Gott Pradyumna durch die Laute von „vīra“ gepriesen.
Nun „Mahāviṣṇu“: Aniruddha. Die Zeit (kāla) und die Urmaterie (pradhāna) [sind seine] Grundlage; ihr beider Lebenshauch war er stets, und [er ist] „gopana“ [der Behüter], der ihnen stets alle Bewegungen [Wege] zuweist [?]; er lässt den Menschenkeim [im Lauf] der einzelnen Jahre der Reihe nach wachsen. „Abhirūpa“ [Schöner] in dieser Welt, er, der selbst zur Sonne (bhāskara) wird, der den Welten Zuflucht [und Furchtlosigkeit] gibt, Vaikuṇṭha, [ist] die ungehemmte Welt, Lenker, selbst Aufseher: als „Mahāviṣṇu“ wird er beschrieben. [Begründung:] Er trägt den aus seinem Nabel hervorgegangenen Lotos [puṣkara] in der Gestalt der Zeit; er trägt den im Innern befindlichen Puruṣa und die in diesem befindliche Pradhāna; mit den Wörtern „Zeit“ und „Pradhāna“ wird er ungeteilt bezeichnet. Die Dreiheit von Sāṅkhya, Zeit und Seele tragend, wird er mit dem Laut „prāṇa“ als „Gopana“ genannt. Die Wirkungen [und] Bewegungen sind es, [die er] zu tun begehrend [wählt] [?]; mit dem Laut „varuṇa“ wird er genannt – denn das ist seine Ungehemmtheit (aniruddhatā). Den Keim in der [Zeit-]Wissenschaft, die achtfach bestimmte Seele nährend, wird der Gott durch tausend Jahre [„abda“] als „indha“ [Entzünder] [?] beschrieben. In der vedischen Götterschöpfung, in Agni, Sūrya und den übrigen, indem er in jeweils den betreffenden Gott eintritt, trägt er selbst jeweils dessen Namen; mit dem Laut „agni-bhāskara“ wird der Gott selbst bezeichnet. Alles von der Zeit bis zur Erde, Belebtes und Unbelebtes, das durch die „Weltensilbe“ ausgedrückt wird [?], das durch die Glieder der Welt vielfältig geschmückt ist – ihm gibt er, indem er das Böse vertilgt, stets Furchtlosigkeit; und der, der bei jedem Unternehmen ungehemmt war, der, in die Wesen eintretend, als Aufseher sie lenkt: der wird mit den Lauten „abhaya-da“, „Vaikuṇṭha“, „śāstṛ“ [Furchtlosigkeit-Spender, Vaikuṇṭha, Lenker] beschrieben.
So sind die [drei] Vyūhas durch die drei [Wörter] „ugra“ und die folgenden benannt; der Sinn von „jvalan“ usw. wird nunmehr weiter dargelegt.
So endet im Pāñcarātra-Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das fünfundfünfzigste Kapitel: Darlegung des Nārasiṃha-Anuṣṭubh-Mantras. Oṃ. (Von Anfang an: 3586 Verse.)
[?] V.38 „ṛtādhāra“ nach Erläuterung V.39 (OCR „amṛtādhāra“; Handschriftenvarianten mādhavaś ca / puruṣottamaḥ). V.40 „dalayan“ statt OCR „dahalayan“. V.41: Verszahl fehlt im OCR (Halbvers „vīravarṇair …“ gehört zu 40/41). V.42–52: die Zeilen mit „vṛṇvānaḥ“, „indhāṇa“, „varuṇavarṇena“, „prāṇavarṇena“ sind Buchstabenetymologien von „mahāviṣṇu“ (nur teilweise entzifferbar); die Übersetzung gibt den ungefähren Sinn. V.47 „vṛṇvan cikīrṣayā“ unsicher. V.48 „indhāṇa“ unsicher. V.52 trägt keine Ziffer im OCR. Verszahl des Kapitels: 53 (Ausgabe), Kolophon-Summe im OCR als „2586“ gedruckt, gemeint ist 3586 (3533 + 53). Die Auslegung der Wörter „jvalan“ usw. (39 Avatāras) folgt im nächsten Kapitel.