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Ahirbudhnya Saṃhitā

Paṭala 14: Jīvasya Saṃsārahetus Tadauddharaṇaprakāravarṇanam Vierzehntes Kapitel – Die Beschreibung der Ursache des Weltkreislaufs der Seele und der Art ihrer Befreiung daraus

Nārada fragt nach der bereits angedeuteten Erlösung (mukti) im Detail (V.1-5). Ahirbudhnya legt zunächst das Wesen der individuellen Seele (jīva) als Teilaspekt von Viṣṇus Bhūti-/Kriyā-Śakti-Polarität dar (V.6-10) und erklärt, gegen den Einwand von deren scheinbarer Widersprüchlichkeit, die absolute, unbefragbare Freiheit des Herrn (V.11-13). Das zentrale Lehrstück ist die fünffache Gliederung von Viṣṇus Sudarśana-Willen: zu Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung treten Nigraha (Zurückhaltung/Verhüllung) und Anugraha (Gnade) hinzu. Die Verhüllungskraft (tirodhāna-śakti = nigraha) bewirkt, mit ihren klassischen Synonymen (Māyā, Avidyā, Mahāmoha usw.), die scheinbare Beschränktheit der Seele (Atomhaftigkeit, Ohnmacht, Unwissenheit = die drei Makel/Fesseln) und treibt sie, durch Handlungsverstrickung und Zeitkraft (kālaśakti), durch den Kreislauf der Wiedergeburten (V.14-27). Aus Mitleid mit der leidenden Seele entsteht Viṣṇus Gnade (kṛpā) als fünfte, 'reifende' Kraft (śaktipāka), die zunächst nur das gute und böse Karma ins Gleichgewicht bringt und neutralisiert (Diebes-Gleichnis, V.28-35); die eigentliche Befreiung erfolgt danach durch eigene Erkenntnisanstrengung (Āgama-Studium, Lehrerkontakt, die Meditationspfade saṃhṛti/vihṛti), die in den ungetrübten vaiṣṇavischen Erlösungszustand mündet (V.36-41). Damit liefert dieses Kapitel die ausführlichste soteriologische Einzeldarstellung des bisherigen Werks. OCR-Qualität durchgehend gut, nur V.1 leicht beschädigt.

Om. (tatrādau muktiviṣayaḥ punaḥpraśnaḥ) [?, teils beschädigt] ajñānatimirapradhvastanayanāya namas te tripurārāte namas te 'ntakavidviṣe ||1|| puruṣārthāḥ śrutāḥ sarve mukhyagauṇavikalpitāḥ, puruṣārthaḥ śruto mukhyas tatra muktyabhisaṃjñitaḥ ||2|| bhagavattāmayī proktā muktiś ca tripuradviṣā, tasyāś ca sādhanaṃ sākṣāt tajjñānaṃ dvidhā sthitam | sādhanaṃ tasya ca proktaṃ dharmo nirabhisaṃdhikaḥ, bhūyo vistarataḥ śaṃsa muktiṃ tāṃ candraśekhara ||4|| yato yasya ca yā muktis tan me dvitayaṃ vada, nahy anyaṃ praṣṭum arhāmi tvām ṛte sarvavedinam ||5||

Om. (Zunächst darin: die erneute Frage zum Thema der Erlösung:) [Śrī Nārada:] „[Vers 1 im Scan teils beschädigt, Sinn:] Verehrung dir, dessen Augen die Finsternis der Unwissenheit zerstört haben, Verehrung dir, Bezwinger der drei Städte [Tripurāri, Beiname Śivas], Verehrung dir, Feind des Todesgottes [d.h. Bezwinger des Todes]! Alle menschlichen Ziele [Puruṣārthas] habe ich gehört, unterschieden als hauptsächlich und nebensächlich; das hauptsächliche menschliche Ziel habe ich gehört, dort als ,Erlösung' [mukti] bezeichnet. Diese Erlösung wurde von dir, dem Feind Tripuras, als bestehend im Von-Gott-Durchdrungensein [bhagavattāmayī] erklärt; und ihr unmittelbares Mittel ist jene Erkenntnis [jñāna], die zweifach eingerichtet ist; ihr [weiteres] Mittel wurde als die Pflicht [dharma], frei von Hintergedanken, erklärt. Erkläre mir bitte weiter, ausführlicher, jene Erlösung, o Mondgekrönter [Candraśekhara, Beiname Śivas]! Woraus, für wen, und welche Erlösung [es gibt] – sage mir dies zweifach. Denn ich vermag niemand anderen als dich, den Allwissenden, zu befragen.“

[Anm.: OCR-Verderbnis] V.1 im Scan teils beschädigt; Sinn aus den erkennbaren Wortresten sowie der parallelen Anrufungsformel in Kap.13,V.1 erschlossen.

(jīvasvarūpasaṃkṣepaḥ) ahirbudhnyaḥ: anādir aparicchedyaś cidānandamayaḥ pumān, bhagavanmaya evāyaṃ bhagavadbhāvitaḥ sadā ||6|| (jīvasya bhagavacchaktyaṃśatvam) yā sā śāktir mahāsattā viṣṇos taddharmadharmiṇī, tasyāḥ kācid aṃśenoktā śaktī dve kathite tava ||7|| bhūtiś ceti kriyā ceti bhāgyabhāvakasaṃjñite, bhūtiḥ sā kriyayā jvālā maruteva pravartate ||8|| nānābhedavatī bhūter vibhūtiḥ kathitā purā, śuddhāśuddhivaśād dvedhā śuddhā sā bahudhoditā ||9|| puṃśaktiḥ kāramayy anyā pumān so 'yam udīritaḥ | (tasya kālavaśyatvāt saṃsāraprāptiḥ) kālaśaktivikārasthaḥ so 'yaṃ saṃsarati dhruvam ||10||

(Kurzfassung des Wesens des individuellen Seele [jīva]:) Ahirbudhnya: „Die Seele (pumān) ist anfanglos, unbegrenzt, aus Bewusstsein und Wonne [cidānanda] bestehend; sie ist eben von Gott durchdrungen [bhagavanmaya], stets vom Sein des Herrn erfüllt. (Dass die Seele ein Teilaspekt der Śakti des Herrn ist:) Jene große [ontologische] Wirklichkeitsmacht [mahāsattā], die Viṣṇus Śakti ist, selbst Trägerin ihrer eigenen Eigenschaften – von ihr wird dir ein gewisser Teilaspekt genannt, [in dem] zwei Śaktis [wirksam sind]: Bhūti [Fülle/Glanz] und Kriyā [Tätigkeit], bezeichnet als das ,zu Genießende' und der ,Genießende'/das Bewirkte und das Bewirkende. Jene Bhūti wird durch Kriyā, wie eine vom Wind [angefachte] Flamme, in Bewegung gesetzt. Die vielfach differenzierte Vibhūti [Erscheinungsform] der Bhūti wurde bereits früher beschrieben; je nach Reinheit oder Unreinheit [teilt sie sich] zweifach: die reine wurde bereits als mannigfach beschrieben [Kap.8]. Die andere, aus der individuellen Seelen-Kraft [puṃśakti] bestehende, handlungsförmige [Śakti] – diese wird als die ,Person'/individuelle Seele [pumān] bezeichnet. (Dass sie, der Zeit unterworfen, dem Kreislauf verfällt:) Diese [Seele], befangen in den Wandlungen der Zeitkraft [kālaśakti], durchwandert gewiss den Kreislauf [saṃsāra].“

Zentrale Unterscheidung: die reine Vibhūti (Kap.8, kosmische Emanationen) und die individuelle Seele (jīva) werden hier beide als Teilaspekte derselben göttlichen Bhūti-/Kriyā-Śakti-Polarität eingeordnet – die Seele unterscheidet sich von den kosmischen Manifestationen nur durch ihre Verstrickung in die Zeitkraft (kālaśakti).

(sādhananiṣpattyā svarūpāvirbhāvaḥ) ko 'yaṃ śāstrīyam āsādya mārgaṃ svenābhijāyate | (tatra punaḥ praśnaḥ) śrīnāradaḥ: bhagavan devadeveśa tripurāntaka śaṅkara ||11|| kālaśaktivikārasthaḥ kathaṃ saṃsarati dhruvam, kathaṃ vopāyam āsādya pumān svenābhijāyate ||12|| (bhagavatsvātantryasyāparyanuyojyatvam) ahirbudhnyaḥ: sarvair anuyojyaṃ tarhy avyāhataṃ divyam īśituḥ, apy avāptaviśvakāmo 'pi krīḍate rājavad vaśī ||13||

(Die Erscheinung des wahren Wesens durch die Vollendung des Mittels:) „Welcher Weg ist es, den [die Seele], nachdem sie den schriftgemäßen Pfad erlangt hat, aus sich selbst [neu] geboren wird?“ (Darin die erneute Frage:) Śrī Nārada: „Herr, Gebieter der Götter über die Götter, Bezwinger Tripuras, Śaṅkara! Wie durchwandert [die Seele], befangen in den Wandlungen der Zeitkraft, gewiss den Kreislauf? Und wie wird sie, nachdem sie das Mittel erlangt hat, aus sich selbst [neu] geboren?“ (Die Unbefragbarkeit [d.h. absolute Unbedingtheit] der Freiheit des Herrn:) Ahirbudhnya: „Dies ist zwar von allen zu befragen: die ungehinderte, göttliche [Souveränität] des Herrschers – obwohl er bereits alle Wünsche erlangt hat, spielt er dennoch, selbstbeherrscht, wie ein König [der, obschon er alles besitzt, dennoch das Spiel der Herrschaft fortführt].“

(bhagavatsaṃkalpasya pañcadhā vibhāgaḥ) saṃkalpo nāma yas tasya sudarśanasamāhvayaḥ, sad apy anantarūpatve pañcadhā saṃ vijṛmbhate ||14|| sṛṣṭisthityantakāreṇa nigrahānugrahātmanā | (nigrahaśaktyā jīvasyākāraditirodhānam) tirodhānākhyā śaktiḥ sā nigrahasamāhvayā ||15|| pumāṃsaṃ jīvasaṃjñaṃ sā tirobhāvayati svayam, ākāraiśvaryavijñānatirobhāvanakarmaṇā ||16|| (tasyaikaparyāyaśabdāḥ) māyā 'vidyā mahāmoho mahātāmisram ity api, tamo bandho 'tha hṛdgranthir iti paryāyavācakāḥ ||17|| (jīvāṇutvādi) ākārasya tirodhānād aṇutvaṃ puṃsa iṣyate, aiśvaryasya tirobhāvād akiṃcitkaratā smṛtā ||18|| puṃso dṛgādisaṃkocād ajñatvaṃ samudāhṛtam, tirohitaḥ pumāñ chaktyā viṣṇoḥ saṃsarati dhruvam ||19||

(Die fünffache Teilung des Willens [saṃkalpa] des Herrn:) „Das, was sein Wille [saṃkalpa], auch ,Sudarśana' genannt, ist – obwohl es von unendlicher Gestalt ist, entfaltet es sich gleichsam fünffach: durch [seine Funktion als] Bewirker von Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung, von der Natur der Zurückhaltung [nigraha] und der Gnade [anugraha]. (Durch die Kraft der Zurückhaltung: die Verhüllung der [wahren] Gestalt der Seele usw.:) Jene Kraft, ,Verhüllung' [tirodhāna] genannt, wird [auch] ,Nigraha' [Zurückhaltung/Zwang] genannt. Sie verhüllt von sich aus die als ,jīva' [individuelle Seele] bezeichnete Person, durch die Tätigkeit der Verhüllung von [deren wahrer] Gestalt, Herrschermacht und Erkenntnis. (Deren gleichbedeutende Bezeichnungen:) Māyā, Avidyā [Unwissenheit], Mahāmoha [große Verblendung], ebenso Mahātāmisra [große Finsternis], Tamas [Dunkelheit], Bandha [Fessel] und Hṛdgranthi [Herzensknoten] – dies sind ihre gleichbedeutenden Bezeichnungen. (Die Atomhaftigkeit der Seele usw.:) Durch die Verhüllung [ihrer wahren] Gestalt wird der Seele ,Atomhaftigkeit' [aṇutva, d.h. Beschränktheit auf einen Punkt] zugeschrieben; durch die Verhüllung ihrer Herrschermacht wird ihre ,Ohnmacht/Unvermögenheit' [akiṃcitkaratā] festgestellt. Durch die Einschränkung der Sehkraft usw. der Seele wird ihre ,Unwissenheit' [ajñatva] erklärt. So verhüllt, durchwandert die Seele, durch Viṣṇus Kraft [gebunden], gewiss den Kreislauf.“

Kernlehre des Kapitels: die fünffache Aufgliederung von Viṣṇus Willen/Sudarśana um zwei weitere Funktionen erweitert (Nigraha/Zurückhaltung und Anugraha/Gnade, zusätzlich zu Schöpfung/Erhaltung/Zerstörung); die Verhüllungskraft (tirodhāna-śakti) mit ihren klassischen Synonymen entspricht strukturell der śaiva-siddhāntischen Mala-/Tirodhāna-Lehre, hier jedoch vaiṣṇavisch als eine der fünf Funktionen von Viṣṇus Sudarśana-Willen gefasst.

(aṇutvāder malatvaṃ bandhatvaṃ ca) aṇuḥ kiṃcitkaraś ceti kiṃcijjñaś ceti kathyate, malatrayam idaṃ proktaṃ bandhatrayam idaṃ budhaiḥ ||20|| (avidyādibhir malavivṛddhiḥ) tirobhāvanayā evaṃ vaiṣṇavyā bandham eyuṣaḥ, avidyāsmitarāgādyair malaṃ samupacinvate ||21|| (iṣṭaniṣṭaprāptiparihārecchā) dviṣadbhiḥ preritaḥ so 'py avidyādibhir īdṛśaḥ, yuktaḥ prāptijihāsābhyām āgamān anusaṃpatan ||22|| iṣṭārthaprāptaye 'niṣṭavidhātāya ca svārthataḥ, karma tat kurute kāmī śubhāśubhavirodham ||23|| (karmavaśād jātyāyurbhogaprāptiḥ) tataḥ karmavipākasthaḥ śubhāśubhavinirmitān, jātyāyur anubandhāṃs sa prāpnoti vidhicoditaḥ ||24|| sukhādivāsanās tās tāḥ saṃcinoti śanaiḥ śanaiḥ, eṣā nigrahaśakteḥ tu tirodhānaparaṃparā ||25|| (tirodhāne sahakārikāraṇam) aṃśo yaḥ kālaśaktyākhyo mūrteḥ samanuvartitaḥ, tābhyāṃ puṃsas tirobhāvaṃ tanute nigrahātmikā ||26||

(Dass Atomhaftigkeit usw. Verunreinigung und Fesselung bedeuten:) „[Die Seele wird] ,atomhaft' [aṇu], ,von beschränktem Vermögen' [kiṃcitkara] und ,von beschränkter Erkenntnis' [kiṃcijjña] genannt – diese Dreiheit der Verunreinigung [mala] wird von den Weisen als diese Dreiheit der Fesselung [bandha] bezeichnet. (Die Zunahme der Verunreinigung durch Unwissenheit usw.:) So sammelt [die Seele], die durch diese vaiṣṇavische Verhüllung in Fesselung geraten ist, durch Unwissenheit [avidyā], Ich-Bezogenheit [asmitā], Anhaftung [rāga] und dergleichen [immer mehr] Verunreinigung an. (Das Verlangen, Erwünschtes zu erlangen und Unerwünschtes zu vermeiden:) Von diesen feindlichen [Regungen wie] Unwissenheit und dergleichen so angetrieben, ausgestattet mit dem [zwiefachen] Wunsch nach Erlangen und Vermeiden, den [rituellen] Überlieferungen folgend, aus Eigennutz, zur Erlangung des Erwünschten und zur Abwehr des Unerwünschten, vollzieht jener begehrende [Mensch] Handlungen [karma], [verstrickt in] den Widerstreit von Gutem und Bösem. (Die Erlangung von [neuer] Geburt, Lebensspanne und Erfahrung durch die Macht des Karma:) Dann, in der Reifung [vipāka] seiner Taten befangen, vom [karmischen] Gebot getrieben, erlangt er die aus Gutem und Bösem gebildeten [Ketten von] Geburt und Lebensspanne. Er häuft allmählich jene mannigfachen Eindrücke [vāsanā] von Lust und dergleichen an. Dies ist die Kette der Verhüllung durch die Kraft der Zurückhaltung [nigraha-śakti]. (Die mitwirkende Ursache bei der Verhüllung:) Jener Teilaspekt, der ,Zeitkraft' [kālaśakti] genannt wird und der [seelischen] Verkörperung stets folgt – durch diese beiden [Verhüllungskraft und Zeitkraft] bewirkt die Nigraha-Kraft die Verhüllung der Seele.“

bandhasya trayeṇa śaktyā tisraḥ sṛṣṭyādiśaktayaḥ, saṃcitaiḥ saṃvartante tais taiḥ karmabhir ūrjitaiḥ ||27|| (sahetukasya bandhasyānāditvam) bandho 'nādir ayaṃ prokto bandhahetuś ca nādimān | (baddhajīve bhagavatkṛpāvirbhāvaḥ) evaṃ saṃsṛticakrasthe bhrāmyamāṇe svakarmabhiḥ ||28|| jīve duḥkhārte viṣṇoḥ kṛpā kāpy upajāyate | (kṛpāyā anugrahaśaktipākarūpatvam) sādhyaktā pañcamī śaktir viṣṇusaṃkalparūpiṇī ||29|| anugrahātmikā śakteḥ sā kṛpā vaiṣṇavī parā, śaktipākaḥ sa vai viṣṇor āgamastho nigadyate ||30||

„Durch die dreifache Kraft der Fesselung wirken jene drei Kräfte [von der Art] der Schöpfung usw. [fort], angetrieben durch die jeweils angehäuften Taten. (Dass Fesselung samt ihrer Ursache anfanglos ist:) Diese Fesselung wird als anfanglos erklärt, und ebenso ist die Ursache der Fesselung ohne Anfang. (Das Erscheinen von Gottes Erbarmen gegenüber der gefesselten Seele:) So entsteht, während die Seele, die im Rad des Weltkreislaufs befangen, durch ihre eigenen Taten umhergetrieben und vom Leiden gequält wird, ein gewisses Erbarmen [kṛpā] Viṣṇus. (Dass dieses Erbarmen die Form des Reifens der Gnadenkraft annimmt:) [Dies ist] die fünfte, [nun] verwirklichte Kraft, von der Gestalt des Willens Viṣṇus. Jenes höchste, vaiṣṇavische Erbarmen ist von der Natur der Gnade [anugraha] dieser Kraft; jenes ,Reifen der Kraft' [śaktipāka] wird, in der Āgama-Tradition, von Viṣṇu ausgesagt.“

(kṛpāviṣayasya jīvasya karmasāmyaprāptiḥ) anugrahātmanā śaktyā sudarśanamayātmanā, svīkṛto hi yadā viṣṇoḥ karuṇāvarṣarūpayā ||31|| samīkṣitas tadā so 'yaṃ karuṇāvarṣarūpayā, karmasāmyaṃ bhajaty eva jīvo viṣṇusamīkṣitaḥ ||32|| śaktipākaḥ sa vai jīvam uttārayati saṃsṛteḥ, karmaṇī ca same tatra tūṣṇīṃbhāvam upāgate ||33|| (sadṛṣṭāntaṃ karmaṇām udāsitṛtvopapādanam) yathā hi moṣakāḥ pānthe paribaddhe payuṣi, nivṛttamoṣaṇopāyāḥ kṣamāḥ santa udāsate ||34|| anugrahātmikāyās tu śakteḥ pātakṣaṇe tathā, udāsāte samībhūya karmaṇī te śubhāśubhe ||35||

(Dass die von der Gnade betroffene Seele Karma-Gleichgewicht erlangt:) „Denn wenn [die Seele] von der gnadenhaften, Sudarśana-geformten Kraft Viṣṇus, in Gestalt eines Mitleidsregens, angenommen wird – wenn sie dann, so von diesem Mitleidsregen erblickt/erfasst, von Viṣṇu erblickt, [in solcher Weise] geachtet wird, dann erlangt die Seele eben das Gleichgewicht ihres Karma. Dieses Reifen der Kraft führt die Seele fürwahr aus dem Weltkreislauf heraus, wenn dort die beiden [Arten von] Karma, gleichgeworden, in einen Zustand des Verstummens [tūṣṇīṃbhāva] eintreten. (Mit einem Gleichnis: die Untätigkeit der Taten wird begründet:) So wie nämlich Diebe, wenn ein Reisender [seine Habe] wohlbewacht [bei sich] trägt, mit vereitelten Diebstahlsmitteln, obwohl fähig [zu stehlen], untätig bleiben – ebenso bleiben, im Augenblick des Herabkommens der gnadenhaften Kraft, jene beiden Taten, gute und böse, gleichgeworden, untätig.“

(sakṣobhamokṣopāyaprāptiprakāraḥ) tatpātānantaraṃ jantur mokṣasamīkṣayā, pravartamānavairāgyo vivekābhiniveśavān ||36|| āgamān anusaṃcintya gurūn apy upasādya ca, tattvaprakāraiḥ tais tais tu prabuddho bodhapāraṇaḥ ||37|| akṣīṇaparuṣaṃbodhaṃ kṣīṇadveṣādikān api, vicinvan sarvataḥ sāram upacinvan parāṃ dhiyam ||38|| cāsty ayogasamāvedī satkarmanirataḥ svayam, ūrdhvavratadharo jñānī vedāntajñānaniścayaḥ ||39|| saṃhṛter vihṛteś ca mārgaiḥ śobhaiḥ suniścayaiḥ, dhīro mahatā sthānaṃ vaiṣṇavaṃ pratipadyate ||40|| (uttamajñānasya mokṣaprāptiḥ) samprāpya jñānabhūyastvaṃ nirmalīkṛtacetanaḥ, anāvilam asaṃkleśaṃ vaiṣṇavaṃ tad viśet padam ||41||

(Die Art und Weise, wie das Mittel zur Erlösung, [begleitet von innerer] Erschütterung, erlangt wird:) „Unmittelbar nach jenem Herabkommen [der Gnade] wird das Lebewesen, mit dem Blick auf die Erlösung gerichtet, von wachsender Leidenschaftslosigkeit [erfüllt] und der ernsthaften Hingabe an Unterscheidungsvermögen [viveka] ergriffen. Nachdem es über die Āgama-Überlieferungen nachgedacht und sich Lehrern genähert hat, und durch jene mancherlei Methoden [zur Erkenntnis] der wahren Prinzipien erwacht, auf Vollendung des Verstehens bedacht, mit ungebrochenem, festem Verständnis, mit vermindertem Hass und dergleichen, überall die Essenz suchend, höchste Einsicht sammelnd – und selbst dem rechten Handeln zugetan, [den Zustand der] Vereinigung [mit dem Höchsten] erkennend, erhabene Gelübde haltend, weise, mit auf die Vedānta-Erkenntnis gerichteter Gewissheit – gelangt der Standhafte [dhīra], durch die schönen, wohlbestimmten Pfade der [meditativen] Zusammenziehung [saṃhṛti] und Entfaltung [vihṛti], durch [diese] Größe zur vaiṣṇavischen Stätte. (Die Erlangung der Erlösung durch die höchste Erkenntnis:) Nachdem er die Fülle der Erkenntnis erlangt hat, mit gereinigtem Bewusstsein, tritt er in jenen ungetrübten, von Leid freien vaiṣṇavischen Zustand ein.“

Kulminationspunkt der soteriologischen Lehre: die im vorausgehenden Vers geschilderte anugraha-śakti (Gnade) hebt zunächst nur das Karma-Ungleichgewicht auf; die eigentliche Befreiung erfolgt erst anschließend durch den eigenen Erkenntnisweg (Studium der Āgamas, Lehrerkontakt, Meditationspfade saṃhṛti/vihṛti) – ein synergetisches Modell von Gnade und Eigenanstrengung.

iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahirbudhnyasaṃhitāyāṃ jīvasya saṃsārahetus tadauddharaṇaprakāravarṇanaṃ nāma caturdaśo'dhyāyaḥ. Om. (āditaḥ ślokāḥ 825)

So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das vierzehnte Kapitel, genannt ,Die Beschreibung der Ursache des Weltkreislaufs der Seele und der Art ihrer Befreiung daraus'. Om. (Verse von Anfang an: 825)

825 − 783 (Ende Kap. 13) = 42 Verse in Kapitel 14 (bei 41 nummerierten Versen; eine Fußnote im Scan vermerkt, dass ,von hier an zweieinhalb Verse in [anderen] Handschriften nicht erscheinen' – erklärt die geringe Diskrepanz als Handschriftenvariante, nicht als Zählfehler). Zentrales, in sich geschlossenes soteriologisches Kapitel: die fünffache Aufgliederung von Viṣṇus Sudarśana-Willen um Nigraha (Zurückhaltung/Verhüllung) und Anugraha (Gnade) als vierte und fünfte Funktion neben Schöpfung/Erhaltung/Zerstörung; die Verhüllungskraft (tirodhāna-śakti) mit ihrer Synonymliste (Māyā, Avidyā, Mahāmoha usw.) als Ursache von Seelen-,Atomhaftigkeit', Ohnmacht und Unwissenheit sowie des dreifachen Makels/Fessel; das Entstehen von Viṣṇus Erbarmen (kṛpā) als Reifen der Gnadenkraft (śaktipāka), das zunächst Karma-Gleichgewicht herstellt (Diebes-Gleichnis); und schließlich die anschließende eigene Erkenntnisanstrengung (Āgama-Studium, Lehrer, Meditationspfade saṃhṛti/vihṛti) als Weg zum endgültigen vaiṣṇavischen Erlösungszustand.

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