Paṭala 13: Pramāṇārthanirūpaṇam
Dreizehntes Kapitel – Die Bestimmung des Sinns/Zwecks des Pramāṇa
Nārada erbittet, nach der vorausgehenden Darlegung des Pramāṇa selbst (Kap. 8-12), nun dessen Sinn/Zweck (Pramāṇārtha, V.1-4), dessen Wortbedeutung von der Wurzel √mā hergeleitet wird (V.5-6). Der Pramāṇārtha wird als das absolute Gute (hita) des Menschen bestimmt, erreicht durch ein Mittel (sādhana), das seinerseits zweifach in Erkenntnis (jñāna) und Pflicht (dharma) gegliedert ist (V.7-12). Beide werden weiter unterteilt (unmittelbare/mittelbare Erkenntnis, unmittelbare/mittelbare Pflicht, V.13-24) und den fünf zuvor (Kap. 11-12) vorgestellten Lehrsystemen zugeordnet: das Pāñcarātra lehrt die unmittelbare Pflicht, die Trayī die mittelbare, das Pāśupata die auf eine Einzelmanifestation bezogene; das Sāṅkhya lehrt mittelbare, die Vedānta-Texte unmittelbare Erkenntnis, der Yoga den Übungsweg dorthin (V.25-29). Es folgt die klassische Lehre von den vier menschlichen Zielen (Puruṣārtha: Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa) mit ihrem wechselseitigen Mittel-Zweck-Verhältnis (Trivarga-Lehre, V.30-39) sowie je inneren und äußeren Mitteln zu jedem der vier Ziele (V.40-44), abgeschlossen durch eine kurze Zusammenfassung (V.45). OCR-Qualität in diesem Kapitel überwiegend gut, mit vereinzelten beschädigten Stellen (V.2, V.5, V.11, V.15, V.30), die transparent mit [Anm.]/[?] markiert sind.
(pramāṇārthaviṣayakaḥ praśnaḥ) śrīnāradaḥ: namas te devadeveśa namas te marutāṃ pate, bhavānīpataye tubhyaṃ namas te vṛṣaketana ||1|| [?, stark beschädigt] ...tvad ādhāro jagatāṃ ca yaḥ ||2|| jagatāṃ yat pramāṇaṃ ca tvayā tad avadhāritam, pramāṇārtham idānīṃ me vaktum arhasi śaṅkara ||3|| yaś ca yādṛk ca yāvāṃś ca pramāṇasyārtha iṣyate |
(Die Frage nach dem Gegenstand des Pramāṇārtha:) Śrī Nārada: „Verehrung dir, Herr der Götter über die Götter! Verehrung dir, Gebieter der Marut! Verehrung dir, [Gemahl] Bhavānīs! Verehrung dir, Stier-Banner-Träger! [Vers 2 im Scan stark beschädigt, Sinn nach Kontext:] ... du, der die Ursache und die Grundlage der Welten bist ||2|| Das, was das Pramāṇa [gültige Maß/Erkenntnismittel] der Welten ist, wurde von dir [bereits] bestimmt; nun magst du mir den Pramāṇārtha [den Sinn/Zweck dieses Pramāṇa] erklären, o Śaṅkara – was er ist, von welcher Art, und wie groß er ist, [das] wird vom Sinn des Pramāṇa begehrt.“
[Anm.: OCR-Verderbnis] Vers 2 ist im vorliegenden Scan stark verstümmelt (Zeichensalat zwischen erkennbaren Wortresten); der Sinn wird hier aus dem unmittelbaren Kontext (V.3, die bereits behandelte kosmologische Ādhāra-Lehre aus Kap.8-10) erschlossen, nicht wörtlich rekonstruiert.
(tadapratipannapratijñā) ahirbudhnyaḥ: śṛṇu nārada tena pramāṇasyārtham uttamam ||4|| viṣṇusaṃkalpamūlo yo bahudhā vijṛmbhate | (pramāṇaśabdanirvacanam) [?, teils beschädigt] miti-r mā gaditā sadbhiḥ, [...] mā pramā smṛtā | prakarṣaś ca miteḥ saumya yathārthāvadhāraṇam, dhīsādhakatamaṃ yat tat pramāṇam iti śabdyate ||6||
(Das Versprechen der Antwort:) Ahirbudhnya: „Höre, Nārada, von mir den höchsten Sinn des Pramāṇa, der, in Viṣṇus Willen wurzelnd, sich mannigfach entfaltet. (Die etymologische Erklärung des Wortes ,Pramāṇa':) [Vers 5 im Scan beschädigt; Kerninhalt:] Das ,Messen/Erkennen' [von der Wurzel √mā] wird von den Weisen als [Grundlage] genannt; jenes [Erkennen] wird ,pramā' [gültige Erkenntnis] genannt. Und die Steigerung, o Sanfter, dieses Messens/Erkennens – die richtige, sachgemäße Feststellung eines Gegenstandes, wie er wirklich ist – das, was das wirksamste Mittel der Erkenntnis [dhī] ist, das wird ,Pramāṇa' genannt.“
[Anm.: OCR-Verderbnis] V.5 (die eigentliche Wurzeletymologie von √mā) ist im Scan nur bruchstückhaft lesbar; der grammatische Kerngedanke – Pramāṇa als Ableitung von √mā ,messen/erkennen' über die Stufe der gültigen Einzelerkenntnis (pramā) zum wirksamsten Erkenntnismittel (pramāṇa) – ist jedoch eindeutig erkennbar und wird hier wiedergegeben.
(pramāṇārthasvarūpam) pramāṇenārthyate yad dhi sa pramāṇārtha ucyate, yat puṃso hitam atyantaṃ sarvadeśeṣu sarvadā ||7|| sa pramāṇārtha iṣṭo 'tra (tasya dvaividhyam) sa dvedhā vyavatiṣṭhate, hitaṃ ca sādhanaṃ ceti tayos tattvam idaṃ śṛṇu ||8|| (tatra hitasvarūpam) ātyantikī nivṛttis tu puṃso yā duḥkhasaṃtateḥ, tayopalakṣitaṃ nityaṃ sukhaṃ yat tad itaṃ smṛtam ||9||
(Das Wesen des Pramāṇārtha:) „Das, was mittels des Pramāṇa erstrebt wird, das eben heißt ,Pramāṇārtha' – nämlich das, was für den Menschen das äußerste Gute [hita] ist, an allen Orten, zu aller Zeit. Dies gilt hier als der Pramāṇārtha. (Seine Zweiteiligkeit:) Er ist zweifach gegliedert: als das Gute [hita] und als das Mittel [sādhana]. Höre nun deren wahres Wesen. (Darin: das Wesen des Guten:) Die endgültige, äußerste Beendigung des ununterbrochenen Leidens des Menschen und das durch diese [Beendigung] gekennzeichnete, ewige Glück – das wird als ,das Gute' [hita] bezeichnet.“
(sādhanasvarūpam) tasya yo 'vyabhicāreṇa sādhanatvaṃ prapadyate, hitasādhanam ity uktaḥ so 'rtho vedāntapāragaiḥ ||10|| (hitasvarūpayāthātmyam) [teils beschädigt] svarūpam abhūtaṃ yat puṃso hitaṃ sukham udīritam, [...] bhagavanmayatā sā 'sya bhagavattā 'parā hi tā ||11|| (sādhanadvaividhyam) atyantasādhanaṃ tasya yat tad dvedhā vyavasthitam, vidhā jñānam iti sekā dharma ity aparā vidhā ||12||
(Das Wesen des Mittels:) „Das, was zu jenem [Guten] ohne Ausnahme/Abweichung als Mittel dient, das wird von den Vedānta-Kennern ,das Mittel zum Guten' [hitasādhana] genannt. (Die wahre Eigenart des Guten selbst:) [V.11 im Scan teils beschädigt, Kerngedanke:] Das ureigene, [an sich] nicht [weltlich] gewordene Wesen, das als das Gute und die Glückseligkeit des Menschen verkündet wird – dieses ,Von-Gott-Durchdrungensein' [bhagavanmayatā] ist eben seine [höchste] Gottgehörigkeit [bhagavattā], das andere, höhere [Gute]. (Die Zweiteiligkeit des Mittels:) Das äußerste Mittel zu jenem [Guten], welches zweifach eingerichtet ist: die eine Art heißt ,Erkenntnis' [jñāna], die andere Art heißt ,Pflicht/Recht' [dharma].“
[Anm.: OCR-Verderbnis] V.11 ist im Scan durch eingestreute Zeichenreste (vermutlich Randnoten/Seitenzahlen) beschädigt; der theologische Kerngedanke – das eigentliche ,Gute' sei letztlich nichts anderes als bhagavanmayatā, das Durchdrungensein von Gott – deckt sich jedoch mit der wiederholt bezeugten Pāñcarātra-Theologie dieser Saṃhitā und wird so wiedergegeben.
(tayor hetuhetumadbhāvaḥ) hetumaddhetubhāvas tu vidhayor anayoḥ smṛtaḥ | (jñānadvaividhyam) jñānaṃ tu hetumat tatra tac ca dvedhā vyavasthitam ||13|| sākṣātkāramayaṃ caika parokṣaṃ parameryate | (tayor api hetuhetumadbhāvaḥ) hetumaddhetubhāvo 'yaṃ dvayor api nirūpyate ||14|| [?, teils beschädigt] hetuḥ sākṣāt parokṣaṃ yat parokṣaṃ hetur ucyate | (karmaṇāṃ jñānahetutvam) anayor jñānayor dharmaiḥ sa hetur iti gīyate ||15|| sākṣāt parokṣe tatsādhye hetus tat sukhato hy asau | (karmaṇāṃ dvairāśyam) asyāpi dve vidhe dṛṣṭe tacchākhābdhipāragaiḥ ||16||
(Das Ursache-Wirkung-Verhältnis dieser beiden [Erkenntnis und Pflicht]:) „Das Verhältnis von Ursache [hetu] und Verursachtem [hetumat] zwischen diesen beiden Arten wird [so] gelehrt: (Die Zweiteiligkeit der Erkenntnis:) Die Erkenntnis [jñāna] nun ist darunter das Verursachte, und sie ist ihrerseits zweifach eingerichtet: die eine besteht aus unmittelbarer Verwirklichung [sākṣātkāra], die andere wird ,mittelbar' [parokṣa] genannt. (Auch deren Ursache-Wirkung-Verhältnis wird bestimmt:) Auch für diese beiden wird dieses Verhältnis von Ursache und Verursachtem festgestellt: [V.15 im Scan teils beschädigt, Kerngedanke:] das Unmittelbare ist Ursache, das Mittelbare wird [dessen] Verursachtes genannt [bzw. umgekehrt – Lesart unsicher]. (Die Pflichthandlungen als Ursache der Erkenntnis:) Zwischen diesen beiden Erkenntnisarten gilt jene [mittelbare] als durch die Pflichthandlungen [dharma] verursacht. Unmittelbar und mittelbar, im Hinblick auf das damit zu Erreichende [d.h. das Gute] – dies eben ist, seinem Glück nach, [die Erkenntnis als Ursache]. (Die Zweiteilung der Pflichthandlungen:) Auch für diese [Pflicht] werden von denen, die den Ozean der [vedischen] Schulzweige durchquert haben, zwei Arten gesehen [und gelehrt]:“
[Anm.: OCR-Verderbnis] V.15 ist im Scan an mehreren Stellen unsicher lesbar (Wortfolge ,hetavumakhaparokṣaṃ' unklar segmentierbar); die genaue Zuordnung, welche der beiden Erkenntnisarten hier als Ursache und welche als Verursachtes gilt, bleibt mit [?] markiert – der Gesamtduktus (mittelbare Erkenntnis wird durch Pflichthandlungen erzeugt) ist aber eindeutig.
(tatra vyavahitakarmasvarūpam) sākṣād ārādhanātmaika parastu vyavadhānataḥ | apāraṃ tat paraṃ brahma śaktimat parameśvaram ||17|| nārāyaṇasamākhyātaṃ niyataṃ ṣāḍguṇyam avyayam, vibhūtayas tu tasyeme brahmādyāḥ sthāvarāntagāḥ ||18|| bhāvanātrayasaṃbhinnās tatsudarśanajṛmbhitāḥ | yā sā bhūtiḥ purā śakteḥ kaścid aṃśenoditā mayā, tadaṃśāveśād brahmādyā viṣṇusaṃkalpajṛmbhitāḥ | etad vibhūtimukhato yo hy akāmahatendriaiḥ ||20|| brahmārcanena kriyate sa dharmo vyavadhānavān | (avyavahitadharmasvarūpam) vibhūtimat paraṃ brahma tad evāvyavadhānataḥ ||21|| yena prīṇayate yogī sa sākṣād dharma iṣyate | (pāñcarātrasyāvyavahitadharmaparatvam) sātvataṃ śāsanaṃ sarvaṃ tasyaitasyāvabodhakam ||22|| (trayyāḥ vyavahitadharmaparatvam) yas tu pūrvas trayībhāgaḥ paraṃ bhāgārthatāṃ gataḥ, aparasya sa dharmasya niṣkāmānāṃ na ceṣyate ||23|| (pāśupatasyaikavibhūtiviṣayakadharmaparatvam) dharma ekavibhūtistho mayā pāśupate smṛtaḥ, anyair anyaiḥ śaśvad brahmaparīye sa sādhyate ||24||
(Darin: das Wesen des ,mittelbaren' Kult-Handelns:) „Die eine [Art] besteht unmittelbar in [dem Wesen der] Verehrung selbst; die andere aber [wirkt] über eine Vermittlung. Jenes grenzenlose, höchste Brahman, mit Śakti begabt, der höchste Herr, ,Nārāyaṇa' genannt, feststehend, sechsfach-eigenschaftlich [ṣāḍguṇya], unvergänglich – dessen Manifestationen [vibhūti] sind diese: von Brahmā angefangen bis hin zu den unbeweglichen [Dingen, Pflanzen], durch die drei Erscheinungsweisen [bhāvanā] unterschieden, durch seinen Sudarśana [-Willen] entfaltet. Jene Fülle/Macht der Śakti, einst von mir in einem Teil-Aspekt verkündet – durch das Eindringen eines Teils davon entfalten sich, durch Viṣṇus Willen, Brahmā und die übrigen [Gottheiten]. Jene Pflichthandlung, die vermittels dieser Manifestation, mit von Begierde ungetrübten Sinnen, durch Verehrung Brahmās [oder der jeweiligen Vibhūti-Gottheit] vollzogen wird – das ist die ,mittelbare' Pflicht [dharma]. (Das Wesen der ,unmittelbaren' Pflicht:) Eben jenes höchste Brahman, das die Manifestationen besitzt, [aber verehrt] ohne jede Vermittlung – wodurch der Yogin [den Herrn] unmittelbar erfreut –, das gilt als die ,unmittelbare' Pflicht. (Das Pāñcarātra als auf die unmittelbare Pflicht gerichtet:) Das gesamte Sātvata-Lehrwerk [Pāñcarātra] ist es, das eben diese [unmittelbare Pflicht] zu erkennen lehrt. (Die Trayī als auf die mittelbare Pflicht gerichtet:) Jener frühere Teil der Trayī [der drei Veden] aber, der zum Gegenstand des späteren [Upaniṣaden-]Teils geworden ist, gilt nicht als [zureichend] für jene [Pflicht], die für die Begierdelosen bestimmt ist – [er gehört vielmehr] zur anderen, mittelbaren Pflicht. (Das Pāśupata als auf die auf eine einzige Manifestation bezogene Pflicht gerichtet:) Die auf eine einzige Manifestation gestützte Pflicht wurde von mir im Pāśupata gelehrt; sie wird von verschiedenen [Verehrern] fortwährend, mit Bezug auf [je verschiedene Formen des] höchsten Brahman, vollzogen.“
Zentrale Systematik: alle Kulthandlungen (dharma) werden hier in ,unmittelbar' (direkt auf das manifestationslose höchste Brahman gerichtet – Kernlehre des Pāñcarātra) und ,mittelbar' (über eine einzelne Vibhūti/Manifestation vermittelt – Kernlehre der Trayī und des Pāśupata) eingeteilt; damit ordnet die Ahirbudhnya-Saṃhitā das eigene System explizit über die konkurrierenden Systeme.
(sāṅkhyasya parokṣajñānaphalakatvam) sākṣāc ca vyavadhānāc ca yat tan mokṣasya sādhanam, parokṣaṃ tat saṃkhyānaṃ jñānaṃ sāṅkhyena cintyate ||25|| (vedāntānām aparokṣajñānaphalakatvam) antaraṅgaś ca māyāgarbhabhaktiśraddhāpuraḥsaram, trayyantebrahmavijñānam aparokṣaṃ vibhāvyate ||26|| (yogasyāparokṣajñānāṅgayamādiparatvam) bahir aṅgāntaraṅgāś ca yamādyaṅgakalāpavān, cittavṛttinirodhātmā yogo yogānuśāsane ||27|| śaśvad abhyāsavairāgyaparameśapraṇidhānataḥ, sākṣātkārāvabhāsākhyasiddhis tatra nirūpyate ||28|| (guṇapradhānabhāvena sarvatra sarvopadeśaḥ) yac ca dṛṣṭāvijñānaṃ nānāhetuvidhānvitam, dharmo bahuvidhaś ceti sarvaṃ sarvair nirūpyate ||29||
(Das Sāṅkhya als auf mittelbare Erkenntnis gerichtet:) „Dasjenige, was, sei es unmittelbar oder mittelbar, das Mittel zur Erlösung ist – dieses mittelbare, [durch] Aufzählung/Analyse [saṃkhyāna gewonnene] Wissen wird vom Sāṅkhya bedacht. (Die Vedānta-Texte als auf unmittelbare Erkenntnis gerichtet:) Die innerliche, von der Erfassung der Māyā getragene, von Hingabe und Glauben eingeleitete Erkenntnis Brahmans, [wie sie] am Ende der Trayī [d.h. in den Upaniṣaden] steht, gilt als unmittelbar. (Der Yoga als auf die zur unmittelbaren Erkenntnis führenden Glieder Yama usw. gerichtet:) Mit seinem Bündel äußerer und innerer Glieder, angefangen bei Yama, ist der Yoga, in der Yoga-Unterweisung, seinem Wesen nach die Zügelung der Bewusstseinsbewegungen. Durch beständige Übung, Leidenschaftslosigkeit und Hingabe an den höchsten Herrn wird darin die Vollkommenheit, die ,Aufleuchten-der-unmittelbaren-Verwirklichung' genannt wird, dargelegt. (Dass in jedem [System] manches als Haupt-, anderes als Nebensache gelehrt wird, aber überall alles [irgendwie] vorkommt:) Und was an [scheinbarer] Unwissenheit, begleitet von mancherlei Gründen und Vorschriften, und was an vielfältiger Pflicht [zu finden ist] – all dies wird [letztlich] von allen [Systemen, wenn auch mit je verschiedener Gewichtung,] dargelegt.“
(Die Absicht hinter der Lehre verschiedener Mittel zu verschiedenen Zielen in den [einzelnen] Lehrwerken:) [V.30 im Scan teils unsicher, Kerngedanke:] „Zum Nutzen der [an weltlichem] Wohl orientierten Menschen, zur Abschwächung ihrer Sünden, für die von Leidenschaft, Hass und dergleichen Erfüllten – [ergeht die Lehre jeweils] gemäß der Unterweisung durch den [jeweiligen] Lehrer/Veda. Für das Erlangen mannigfaltiger Früchte werden, unterschieden nach mannigfaltigen Regeln, im Lehrwerk mannigfaltige Pflichten vorgeschrieben, ebenso mannigfaltige Geisteshaltungen. (Nun: die Einführung der beiden weltlichen menschlichen Ziele:) So sind dir nun im Einzelnen [die beiden höheren] menschlichen Ziele [Erlösung und deren Mittel] dargelegt worden; nun werden die anderen beiden menschlichen Ziele, gemäß den weltlichen Lehrwerken, dargelegt. (Die Beschreibung des Wesens von Artha und Kāma:) Artha [Besitz] und Kāma [Begehren]: von diesen gilt Kāma als das, was von den Sinnesobjekten begehrt wird; Artha besteht in der Frucht, die aus dem Erwerb von Rindern, Land, Gold und dergleichen entsteht. (Die Unterscheidung des wechselseitigen Mittel-Zweck-Verhältnisses der Dreiheit [Dharma, Artha, Kāma]:) Artha ist Mittel zu Dharma, zu Kāma, und ebenso zu sich selbst; Dharma ist Mittel zu [weiterem] Dharma, zu Kāma, und ebenso zu Artha; Kāma ist Mittel zu Dharma, zu [weiterem] Kāma, und ebenso zu Artha; Artha und Kāma sind überall nur unregelmäßig/bedingt [vyabhicāreṇa] Mittel; Dharma allein ist, kraft seiner eigenen Fähigkeit, ausnahmslos/regelhaft [niyamena] Mittel. Dies eben, so bedacht, wird von den Weisen ,Trivarga' [die Dreiergruppe der Ziele] genannt. (Dass Erlösung stets nur Zweck, nie Mittel ist:) Und Erlösung [mokṣa] ist stets nur Zweck – so [ergibt sich] die Vierheit der menschlichen Ziele [puruṣārtha-catuṣṭaya].“
[Anm.: OCR-Verderbnis] V.30 ist im Scan an mehreren Stellen unsicher; der Gesamtsinn (die verschiedenen weltlichen Lehren dienen der stufenweisen sittlichen Besserung noch nicht reifer Menschen) ist aus dem Kontext erschlossen. Klassische Trivarga-Lehre (Dharma/Artha/Kāma) hier in eine eigene Mittel-Zweck-Matrix gefasst, mit Dharma als einzigem uneingeschränkt zuverlässigem Mittel.
(Die Bestimmung des gültigen Erkenntnismittels für Artha und Kāma:) „Die Staatskunst [daṇḍanīti], sie, zusammen mit den vier Upavedas, wird von den Gelehrten als das gültige Maß [pramāṇa] für Artha und Kāma bezeichnet. (Dass Itihāsa usw. der Erkenntnis der Wahrheit förderlich ist:) Der Upaveda, der ,Itihāsa-Purāṇa' genannt wird, tritt den [übrigen] Lehrwerken bei der Erkenntnis der Wahrheit [tattva-jñāna] helfend zur Seite. So ist dir nun, aus dem Veda [hergeleitet], die Vierheit der menschlichen Ziele dargelegt worden.“
(Die inneren Mittel von Dharma usw.:) „So höre nun, Nārada, das innere Mittel des Menschen: Mitleid [dayā], frei von Vorspiegelung, unverfälscht, ist das Mittel des Dharma; das rechte, an Ort und Zeit angepasste Unternehmen/Bemühen [utthāna] ist das Mittel des Artha; der Entschluss/Wunsch [saṃkalpa], frei von Vorspiegelung, unverfälscht, ist das Mittel des Kāma; die völlige Entsagung [sarva-saṃnyāsa], von Erkenntnis angeführt, ist [das innere] Mittel zur Erlösung. (Die äußeren Mittel derselben [vier Ziele]:) Rechtmäßig [erworbener] Besitz und dergleichen wird als das äußere Mittel des Dharma bezeichnet; das äußere Mittel des Artha ist das Planen/Bedenken von Erwerb und Vermehrung der Mittel [?]; für Kāma wird von den Kundigen die Eheschließung [pāṇigraha, ,das Ergreifen der Hand'] und dergleichen als das äußere [Mittel] genannt; die begierdelose Verrichtung der Dharma-Pflichten und dergleichen ist das äußere Mittel zur Erlösung. So ist diese, der Überlieferung [smṛti] gemäße, Vierheit der menschlichen Ziele entfaltet worden; der vaiṣṇavische Willensentschluss [saṃkalpa] wird als die Ursache ihrer Entfaltung bezeichnet.“
[?] ,tantrāvāpādicintanam' (das äußere Mittel des Artha) ist ein seltener Ausdruck; hier als ,Planen von Erwerb/Vermehrung der [wirtschaftlichen] Mittel' wiedergegeben, in enger sachlicher Nähe zur zuvor (V.37) genannten Staatskunst/Wirtschaftslehre.
(Die Zusammenfassung des Kapitelinhalts:) „So ist dir nun der gesamte, höchste Gang des Pramāṇārtha dargelegt worden, samt seinen Mitteln und deren Arten. Was möchtest du weiterhin noch hören?“
So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das dreizehnte Kapitel, genannt ,Die Bestimmung des Sinns/Zwecks des Pramāṇa'. Om. (Verse von Anfang an: 783)
783 − 738 (Ende Kap. 12) = 45 Verse in Kapitel 13. Mit diesem Kapitel wendet sich das Werk von der bisherigen kosmologisch-doxographischen Pramāṇa-Lehre (Kap. 8-12) der ethischen/soteriologischen Anwendung zu: Bestimmung von Hita (dem Guten) und Sādhana (den Mitteln dazu), Einordnung der fünf Systeme (Pāñcarātra=unmittelbarer, Trayī=mittelbarer, Pāśupata=einzelmanifestationsbezogener Dharma; Sāṅkhya=mittelbare, Vedānta=unmittelbare Erkenntnis; Yoga=Übungsweg zu deren Erlangung), und schließlich die klassische Puruṣārtha-Lehre (Dharma/Artha/Kāma/Mokṣa) mit je inneren und äußeren Mitteln.