Quellen der Menschheit

Ahirbudhnya Saṃhitā

Paṭala 13: Pramāṇārthanirūpaṇam Dreizehntes Kapitel – Die Bestimmung des Sinns/Zwecks des Pramāṇa

Nārada erbittet, nach der vorausgehenden Darlegung des Pramāṇa selbst (Kap. 8-12), nun dessen Sinn/Zweck (Pramāṇārtha, V.1-4), dessen Wortbedeutung von der Wurzel √mā hergeleitet wird (V.5-6). Der Pramāṇārtha wird als das absolute Gute (hita) des Menschen bestimmt, erreicht durch ein Mittel (sādhana), das seinerseits zweifach in Erkenntnis (jñāna) und Pflicht (dharma) gegliedert ist (V.7-12). Beide werden weiter unterteilt (unmittelbare/mittelbare Erkenntnis, unmittelbare/mittelbare Pflicht, V.13-24) und den fünf zuvor (Kap. 11-12) vorgestellten Lehrsystemen zugeordnet: das Pāñcarātra lehrt die unmittelbare Pflicht, die Trayī die mittelbare, das Pāśupata die auf eine Einzelmanifestation bezogene; das Sāṅkhya lehrt mittelbare, die Vedānta-Texte unmittelbare Erkenntnis, der Yoga den Übungsweg dorthin (V.25-29). Es folgt die klassische Lehre von den vier menschlichen Zielen (Puruṣārtha: Dharma, Artha, Kāma, Mokṣa) mit ihrem wechselseitigen Mittel-Zweck-Verhältnis (Trivarga-Lehre, V.30-39) sowie je inneren und äußeren Mitteln zu jedem der vier Ziele (V.40-44), abgeschlossen durch eine kurze Zusammenfassung (V.45). OCR-Qualität in diesem Kapitel überwiegend gut, mit vereinzelten beschädigten Stellen (V.2, V.5, V.11, V.15, V.30), die transparent mit [Anm.]/[?] markiert sind.

(pramāṇārthaviṣayakaḥ praśnaḥ) śrīnāradaḥ: namas te devadeveśa namas te marutāṃ pate, bhavānīpataye tubhyaṃ namas te vṛṣaketana ||1|| [?, stark beschädigt] ...tvad ādhāro jagatāṃ ca yaḥ ||2|| jagatāṃ yat pramāṇaṃ ca tvayā tad avadhāritam, pramāṇārtham idānīṃ me vaktum arhasi śaṅkara ||3|| yaś ca yādṛk ca yāvāṃś ca pramāṇasyārtha iṣyate |

(Die Frage nach dem Gegenstand des Pramāṇārtha:) Śrī Nārada: „Verehrung dir, Herr der Götter über die Götter! Verehrung dir, Gebieter der Marut! Verehrung dir, [Gemahl] Bhavānīs! Verehrung dir, Stier-Banner-Träger! [Vers 2 im Scan stark beschädigt, Sinn nach Kontext:] ... du, der die Ursache und die Grundlage der Welten bist ||2|| Das, was das Pramāṇa [gültige Maß/Erkenntnismittel] der Welten ist, wurde von dir [bereits] bestimmt; nun magst du mir den Pramāṇārtha [den Sinn/Zweck dieses Pramāṇa] erklären, o Śaṅkara – was er ist, von welcher Art, und wie groß er ist, [das] wird vom Sinn des Pramāṇa begehrt.“

[Anm.: OCR-Verderbnis] Vers 2 ist im vorliegenden Scan stark verstümmelt (Zeichensalat zwischen erkennbaren Wortresten); der Sinn wird hier aus dem unmittelbaren Kontext (V.3, die bereits behandelte kosmologische Ādhāra-Lehre aus Kap.8-10) erschlossen, nicht wörtlich rekonstruiert.

(tadapratipannapratijñā) ahirbudhnyaḥ: śṛṇu nārada tena pramāṇasyārtham uttamam ||4|| viṣṇusaṃkalpamūlo yo bahudhā vijṛmbhate | (pramāṇaśabdanirvacanam) [?, teils beschädigt] miti-r mā gaditā sadbhiḥ, [...] mā pramā smṛtā | prakarṣaś ca miteḥ saumya yathārthāvadhāraṇam, dhīsādhakatamaṃ yat tat pramāṇam iti śabdyate ||6||

(Das Versprechen der Antwort:) Ahirbudhnya: „Höre, Nārada, von mir den höchsten Sinn des Pramāṇa, der, in Viṣṇus Willen wurzelnd, sich mannigfach entfaltet. (Die etymologische Erklärung des Wortes ,Pramāṇa':) [Vers 5 im Scan beschädigt; Kerninhalt:] Das ,Messen/Erkennen' [von der Wurzel √mā] wird von den Weisen als [Grundlage] genannt; jenes [Erkennen] wird ,pramā' [gültige Erkenntnis] genannt. Und die Steigerung, o Sanfter, dieses Messens/Erkennens – die richtige, sachgemäße Feststellung eines Gegenstandes, wie er wirklich ist – das, was das wirksamste Mittel der Erkenntnis [dhī] ist, das wird ,Pramāṇa' genannt.“

[Anm.: OCR-Verderbnis] V.5 (die eigentliche Wurzeletymologie von √mā) ist im Scan nur bruchstückhaft lesbar; der grammatische Kerngedanke – Pramāṇa als Ableitung von √mā ,messen/erkennen' über die Stufe der gültigen Einzelerkenntnis (pramā) zum wirksamsten Erkenntnismittel (pramāṇa) – ist jedoch eindeutig erkennbar und wird hier wiedergegeben.

(pramāṇārthasvarūpam) pramāṇenārthyate yad dhi sa pramāṇārtha ucyate, yat puṃso hitam atyantaṃ sarvadeśeṣu sarvadā ||7|| sa pramāṇārtha iṣṭo 'tra (tasya dvaividhyam) sa dvedhā vyavatiṣṭhate, hitaṃ ca sādhanaṃ ceti tayos tattvam idaṃ śṛṇu ||8|| (tatra hitasvarūpam) ātyantikī nivṛttis tu puṃso yā duḥkhasaṃtateḥ, tayopalakṣitaṃ nityaṃ sukhaṃ yat tad itaṃ smṛtam ||9||

(Das Wesen des Pramāṇārtha:) „Das, was mittels des Pramāṇa erstrebt wird, das eben heißt ,Pramāṇārtha' – nämlich das, was für den Menschen das äußerste Gute [hita] ist, an allen Orten, zu aller Zeit. Dies gilt hier als der Pramāṇārtha. (Seine Zweiteiligkeit:) Er ist zweifach gegliedert: als das Gute [hita] und als das Mittel [sādhana]. Höre nun deren wahres Wesen. (Darin: das Wesen des Guten:) Die endgültige, äußerste Beendigung des ununterbrochenen Leidens des Menschen und das durch diese [Beendigung] gekennzeichnete, ewige Glück – das wird als ,das Gute' [hita] bezeichnet.“

(sādhanasvarūpam) tasya yo 'vyabhicāreṇa sādhanatvaṃ prapadyate, hitasādhanam ity uktaḥ so 'rtho vedāntapāragaiḥ ||10|| (hitasvarūpayāthātmyam) [teils beschädigt] svarūpam abhūtaṃ yat puṃso hitaṃ sukham udīritam, [...] bhagavanmayatā sā 'sya bhagavattā 'parā hi tā ||11|| (sādhanadvaividhyam) atyantasādhanaṃ tasya yat tad dvedhā vyavasthitam, vidhā jñānam iti sekā dharma ity aparā vidhā ||12||

(Das Wesen des Mittels:) „Das, was zu jenem [Guten] ohne Ausnahme/Abweichung als Mittel dient, das wird von den Vedānta-Kennern ,das Mittel zum Guten' [hitasādhana] genannt. (Die wahre Eigenart des Guten selbst:) [V.11 im Scan teils beschädigt, Kerngedanke:] Das ureigene, [an sich] nicht [weltlich] gewordene Wesen, das als das Gute und die Glückseligkeit des Menschen verkündet wird – dieses ,Von-Gott-Durchdrungensein' [bhagavanmayatā] ist eben seine [höchste] Gottgehörigkeit [bhagavattā], das andere, höhere [Gute]. (Die Zweiteiligkeit des Mittels:) Das äußerste Mittel zu jenem [Guten], welches zweifach eingerichtet ist: die eine Art heißt ,Erkenntnis' [jñāna], die andere Art heißt ,Pflicht/Recht' [dharma].“

[Anm.: OCR-Verderbnis] V.11 ist im Scan durch eingestreute Zeichenreste (vermutlich Randnoten/Seitenzahlen) beschädigt; der theologische Kerngedanke – das eigentliche ,Gute' sei letztlich nichts anderes als bhagavanmayatā, das Durchdrungensein von Gott – deckt sich jedoch mit der wiederholt bezeugten Pāñcarātra-Theologie dieser Saṃhitā und wird so wiedergegeben.

(tayor hetuhetumadbhāvaḥ) hetumaddhetubhāvas tu vidhayor anayoḥ smṛtaḥ | (jñānadvaividhyam) jñānaṃ tu hetumat tatra tac ca dvedhā vyavasthitam ||13|| sākṣātkāramayaṃ caika parokṣaṃ parameryate | (tayor api hetuhetumadbhāvaḥ) hetumaddhetubhāvo 'yaṃ dvayor api nirūpyate ||14|| [?, teils beschädigt] hetuḥ sākṣāt parokṣaṃ yat parokṣaṃ hetur ucyate | (karmaṇāṃ jñānahetutvam) anayor jñānayor dharmaiḥ sa hetur iti gīyate ||15|| sākṣāt parokṣe tatsādhye hetus tat sukhato hy asau | (karmaṇāṃ dvairāśyam) asyāpi dve vidhe dṛṣṭe tacchākhābdhipāragaiḥ ||16||

(Das Ursache-Wirkung-Verhältnis dieser beiden [Erkenntnis und Pflicht]:) „Das Verhältnis von Ursache [hetu] und Verursachtem [hetumat] zwischen diesen beiden Arten wird [so] gelehrt: (Die Zweiteiligkeit der Erkenntnis:) Die Erkenntnis [jñāna] nun ist darunter das Verursachte, und sie ist ihrerseits zweifach eingerichtet: die eine besteht aus unmittelbarer Verwirklichung [sākṣātkāra], die andere wird ,mittelbar' [parokṣa] genannt. (Auch deren Ursache-Wirkung-Verhältnis wird bestimmt:) Auch für diese beiden wird dieses Verhältnis von Ursache und Verursachtem festgestellt: [V.15 im Scan teils beschädigt, Kerngedanke:] das Unmittelbare ist Ursache, das Mittelbare wird [dessen] Verursachtes genannt [bzw. umgekehrt – Lesart unsicher]. (Die Pflichthandlungen als Ursache der Erkenntnis:) Zwischen diesen beiden Erkenntnisarten gilt jene [mittelbare] als durch die Pflichthandlungen [dharma] verursacht. Unmittelbar und mittelbar, im Hinblick auf das damit zu Erreichende [d.h. das Gute] – dies eben ist, seinem Glück nach, [die Erkenntnis als Ursache]. (Die Zweiteilung der Pflichthandlungen:) Auch für diese [Pflicht] werden von denen, die den Ozean der [vedischen] Schulzweige durchquert haben, zwei Arten gesehen [und gelehrt]:“

[Anm.: OCR-Verderbnis] V.15 ist im Scan an mehreren Stellen unsicher lesbar (Wortfolge ,hetavumakhaparokṣaṃ' unklar segmentierbar); die genaue Zuordnung, welche der beiden Erkenntnisarten hier als Ursache und welche als Verursachtes gilt, bleibt mit [?] markiert – der Gesamtduktus (mittelbare Erkenntnis wird durch Pflichthandlungen erzeugt) ist aber eindeutig.

(tatra vyavahitakarmasvarūpam) sākṣād ārādhanātmaika parastu vyavadhānataḥ | apāraṃ tat paraṃ brahma śaktimat parameśvaram ||17|| nārāyaṇasamākhyātaṃ niyataṃ ṣāḍguṇyam avyayam, vibhūtayas tu tasyeme brahmādyāḥ sthāvarāntagāḥ ||18|| bhāvanātrayasaṃbhinnās tatsudarśanajṛmbhitāḥ | yā sā bhūtiḥ purā śakteḥ kaścid aṃśenoditā mayā, tadaṃśāveśād brahmādyā viṣṇusaṃkalpajṛmbhitāḥ | etad vibhūtimukhato yo hy akāmahatendriaiḥ ||20|| brahmārcanena kriyate sa dharmo vyavadhānavān | (avyavahitadharmasvarūpam) vibhūtimat paraṃ brahma tad evāvyavadhānataḥ ||21|| yena prīṇayate yogī sa sākṣād dharma iṣyate | (pāñcarātrasyāvyavahitadharmaparatvam) sātvataṃ śāsanaṃ sarvaṃ tasyaitasyāvabodhakam ||22|| (trayyāḥ vyavahitadharmaparatvam) yas tu pūrvas trayībhāgaḥ paraṃ bhāgārthatāṃ gataḥ, aparasya sa dharmasya niṣkāmānāṃ na ceṣyate ||23|| (pāśupatasyaikavibhūtiviṣayakadharmaparatvam) dharma ekavibhūtistho mayā pāśupate smṛtaḥ, anyair anyaiḥ śaśvad brahmaparīye sa sādhyate ||24||

(Darin: das Wesen des ,mittelbaren' Kult-Handelns:) „Die eine [Art] besteht unmittelbar in [dem Wesen der] Verehrung selbst; die andere aber [wirkt] über eine Vermittlung. Jenes grenzenlose, höchste Brahman, mit Śakti begabt, der höchste Herr, ,Nārāyaṇa' genannt, feststehend, sechsfach-eigenschaftlich [ṣāḍguṇya], unvergänglich – dessen Manifestationen [vibhūti] sind diese: von Brahmā angefangen bis hin zu den unbeweglichen [Dingen, Pflanzen], durch die drei Erscheinungsweisen [bhāvanā] unterschieden, durch seinen Sudarśana [-Willen] entfaltet. Jene Fülle/Macht der Śakti, einst von mir in einem Teil-Aspekt verkündet – durch das Eindringen eines Teils davon entfalten sich, durch Viṣṇus Willen, Brahmā und die übrigen [Gottheiten]. Jene Pflichthandlung, die vermittels dieser Manifestation, mit von Begierde ungetrübten Sinnen, durch Verehrung Brahmās [oder der jeweiligen Vibhūti-Gottheit] vollzogen wird – das ist die ,mittelbare' Pflicht [dharma]. (Das Wesen der ,unmittelbaren' Pflicht:) Eben jenes höchste Brahman, das die Manifestationen besitzt, [aber verehrt] ohne jede Vermittlung – wodurch der Yogin [den Herrn] unmittelbar erfreut –, das gilt als die ,unmittelbare' Pflicht. (Das Pāñcarātra als auf die unmittelbare Pflicht gerichtet:) Das gesamte Sātvata-Lehrwerk [Pāñcarātra] ist es, das eben diese [unmittelbare Pflicht] zu erkennen lehrt. (Die Trayī als auf die mittelbare Pflicht gerichtet:) Jener frühere Teil der Trayī [der drei Veden] aber, der zum Gegenstand des späteren [Upaniṣaden-]Teils geworden ist, gilt nicht als [zureichend] für jene [Pflicht], die für die Begierdelosen bestimmt ist – [er gehört vielmehr] zur anderen, mittelbaren Pflicht. (Das Pāśupata als auf die auf eine einzige Manifestation bezogene Pflicht gerichtet:) Die auf eine einzige Manifestation gestützte Pflicht wurde von mir im Pāśupata gelehrt; sie wird von verschiedenen [Verehrern] fortwährend, mit Bezug auf [je verschiedene Formen des] höchsten Brahman, vollzogen.“

Zentrale Systematik: alle Kulthandlungen (dharma) werden hier in ,unmittelbar' (direkt auf das manifestationslose höchste Brahman gerichtet – Kernlehre des Pāñcarātra) und ,mittelbar' (über eine einzelne Vibhūti/Manifestation vermittelt – Kernlehre der Trayī und des Pāśupata) eingeteilt; damit ordnet die Ahirbudhnya-Saṃhitā das eigene System explizit über die konkurrierenden Systeme.

(sāṅkhyasya parokṣajñānaphalakatvam) sākṣāc ca vyavadhānāc ca yat tan mokṣasya sādhanam, parokṣaṃ tat saṃkhyānaṃ jñānaṃ sāṅkhyena cintyate ||25|| (vedāntānām aparokṣajñānaphalakatvam) antaraṅgaś ca māyāgarbhabhaktiśraddhāpuraḥsaram, trayyantebrahmavijñānam aparokṣaṃ vibhāvyate ||26|| (yogasyāparokṣajñānāṅgayamādiparatvam) bahir aṅgāntaraṅgāś ca yamādyaṅgakalāpavān, cittavṛttinirodhātmā yogo yogānuśāsane ||27|| śaśvad abhyāsavairāgyaparameśapraṇidhānataḥ, sākṣātkārāvabhāsākhyasiddhis tatra nirūpyate ||28|| (guṇapradhānabhāvena sarvatra sarvopadeśaḥ) yac ca dṛṣṭāvijñānaṃ nānāhetuvidhānvitam, dharmo bahuvidhaś ceti sarvaṃ sarvair nirūpyate ||29||

(Das Sāṅkhya als auf mittelbare Erkenntnis gerichtet:) „Dasjenige, was, sei es unmittelbar oder mittelbar, das Mittel zur Erlösung ist – dieses mittelbare, [durch] Aufzählung/Analyse [saṃkhyāna gewonnene] Wissen wird vom Sāṅkhya bedacht. (Die Vedānta-Texte als auf unmittelbare Erkenntnis gerichtet:) Die innerliche, von der Erfassung der Māyā getragene, von Hingabe und Glauben eingeleitete Erkenntnis Brahmans, [wie sie] am Ende der Trayī [d.h. in den Upaniṣaden] steht, gilt als unmittelbar. (Der Yoga als auf die zur unmittelbaren Erkenntnis führenden Glieder Yama usw. gerichtet:) Mit seinem Bündel äußerer und innerer Glieder, angefangen bei Yama, ist der Yoga, in der Yoga-Unterweisung, seinem Wesen nach die Zügelung der Bewusstseinsbewegungen. Durch beständige Übung, Leidenschaftslosigkeit und Hingabe an den höchsten Herrn wird darin die Vollkommenheit, die ,Aufleuchten-der-unmittelbaren-Verwirklichung' genannt wird, dargelegt. (Dass in jedem [System] manches als Haupt-, anderes als Nebensache gelehrt wird, aber überall alles [irgendwie] vorkommt:) Und was an [scheinbarer] Unwissenheit, begleitet von mancherlei Gründen und Vorschriften, und was an vielfältiger Pflicht [zu finden ist] – all dies wird [letztlich] von allen [Systemen, wenn auch mit je verschiedener Gewichtung,] dargelegt.“

(śāsteṣu vividhaphalāntarasādhanāntaropadeśasyābhiprāyakathanam) [teils unsicher] hitaprakṛtalokānāṃ tanūkārāya pāpmanām, rāgadveṣādiyuktānāṃ guruvedopadeśavat ||30|| nānārūpaphalāvāpye nānāniyamabheditāḥ, śāstre dharmā vidhīyante nānārūpā dhiyas tathā ||31|| (atha laukikapuruṣārthadvayopakṣepaḥ) tad itthaṃ te viśeṣeṇa pumarthadvayam īritam, athānyal laukikaiḥ śāstraiḥ pumarthadvayam īryate ||32|| (arthakāmasvarūpavarṇanam) arthakāmau tayoḥ kāmaḥ smṛto vaiṣayikair iṣitaḥ, artho gobhūhiraṇyādiprāptyutthānaphalātmakaḥ ||33|| (trivargasya mithaḥ sādhyasādhanabhāvavivekaḥ) artho dharmasya kāmasya tathāsyāpi sādhanam, dharmo dharmasya kāmasya tathārthasyāpi sādhanam, kāmo dharmasya kāmasya tathārthasyāpi sādhanam, arthaḥ kāmaś ca sarvatra vyabhicāreṇa sādhanam, dharmaḥ svasya sāmarthyān niyamenaiva sādhanam, tad etac cintitaṃ proktaṃ trivargam iti paṇḍitaiḥ ||34-36|| (mokṣasya sarvadā sādhyatvam eva) mokṣaś ca sādhya eveti puruṣārthacatuṣṭayam |

(Die Absicht hinter der Lehre verschiedener Mittel zu verschiedenen Zielen in den [einzelnen] Lehrwerken:) [V.30 im Scan teils unsicher, Kerngedanke:] „Zum Nutzen der [an weltlichem] Wohl orientierten Menschen, zur Abschwächung ihrer Sünden, für die von Leidenschaft, Hass und dergleichen Erfüllten – [ergeht die Lehre jeweils] gemäß der Unterweisung durch den [jeweiligen] Lehrer/Veda. Für das Erlangen mannigfaltiger Früchte werden, unterschieden nach mannigfaltigen Regeln, im Lehrwerk mannigfaltige Pflichten vorgeschrieben, ebenso mannigfaltige Geisteshaltungen. (Nun: die Einführung der beiden weltlichen menschlichen Ziele:) So sind dir nun im Einzelnen [die beiden höheren] menschlichen Ziele [Erlösung und deren Mittel] dargelegt worden; nun werden die anderen beiden menschlichen Ziele, gemäß den weltlichen Lehrwerken, dargelegt. (Die Beschreibung des Wesens von Artha und Kāma:) Artha [Besitz] und Kāma [Begehren]: von diesen gilt Kāma als das, was von den Sinnesobjekten begehrt wird; Artha besteht in der Frucht, die aus dem Erwerb von Rindern, Land, Gold und dergleichen entsteht. (Die Unterscheidung des wechselseitigen Mittel-Zweck-Verhältnisses der Dreiheit [Dharma, Artha, Kāma]:) Artha ist Mittel zu Dharma, zu Kāma, und ebenso zu sich selbst; Dharma ist Mittel zu [weiterem] Dharma, zu Kāma, und ebenso zu Artha; Kāma ist Mittel zu Dharma, zu [weiterem] Kāma, und ebenso zu Artha; Artha und Kāma sind überall nur unregelmäßig/bedingt [vyabhicāreṇa] Mittel; Dharma allein ist, kraft seiner eigenen Fähigkeit, ausnahmslos/regelhaft [niyamena] Mittel. Dies eben, so bedacht, wird von den Weisen ,Trivarga' [die Dreiergruppe der Ziele] genannt. (Dass Erlösung stets nur Zweck, nie Mittel ist:) Und Erlösung [mokṣa] ist stets nur Zweck – so [ergibt sich] die Vierheit der menschlichen Ziele [puruṣārtha-catuṣṭaya].“

[Anm.: OCR-Verderbnis] V.30 ist im Scan an mehreren Stellen unsicher; der Gesamtsinn (die verschiedenen weltlichen Lehren dienen der stufenweisen sittlichen Besserung noch nicht reifer Menschen) ist aus dem Kontext erschlossen. Klassische Trivarga-Lehre (Dharma/Artha/Kāma) hier in eine eigene Mittel-Zweck-Matrix gefasst, mit Dharma als einzigem uneingeschränkt zuverlässigem Mittel.

(arthakāmayoḥ pramāṇanirūpaṇam) daṇḍanītiḥ sarvāsāṃ sā sopavedacatuṣṭayā ||37|| pramāṇatvena nirdiṣṭā paṇḍitair arthakāmayoḥ | (itihāsādes tattvajñānasahakāritvam) itihāsapurāṇākhya upavedo hi yaḥ smṛtaḥ ||38|| sahāyabhāvaṃ śāstrāṇāṃ tattvajñāne vrajaty asau | iti te vedataḥ proktā puruṣārthacatuṣṭayī ||39||

(Die Bestimmung des gültigen Erkenntnismittels für Artha und Kāma:) „Die Staatskunst [daṇḍanīti], sie, zusammen mit den vier Upavedas, wird von den Gelehrten als das gültige Maß [pramāṇa] für Artha und Kāma bezeichnet. (Dass Itihāsa usw. der Erkenntnis der Wahrheit förderlich ist:) Der Upaveda, der ,Itihāsa-Purāṇa' genannt wird, tritt den [übrigen] Lehrwerken bei der Erkenntnis der Wahrheit [tattva-jñāna] helfend zur Seite. So ist dir nun, aus dem Veda [hergeleitet], die Vierheit der menschlichen Ziele dargelegt worden.“

(dharmādīnām antaraṅgasādhanāni) antaraṅgaṃ manuṣyasya tu sādhanaṃ śṛṇu nārada, nirvyājā nirupaskārā dayā dharmasya sādhanam | hetur utthānam arthasya deśakālopapāditam, hetuḥ kāmasya saṃkalpo nirvyājo nirupaskṛtaḥ, hetus tu sarvasaṃnyāso mokṣe jñānapuraskṛtaḥ ||41|| (teṣām eva bahiḥsādhanāni) nyāyyaṃ dhanādi dharmasya bahiḥsādhanam ucyate ||42|| bahiḥsādhanam arthasya tantrāvāpādicintanam, kāme pāṇigrahādy uktaṃ bahiraṅgaṃ vicakṣaṇaiḥ ||43|| niṣkāmadharmakṛtyādi bahir mokṣasya sādhanam | vijṛmbhitam idaṃ smṛteḥ puruṣārthacatuṣṭayam ||44|| saṃkalpo vaiṣṇavas tasya vijṛmbhahetur ucyate |

(Die inneren Mittel von Dharma usw.:) „So höre nun, Nārada, das innere Mittel des Menschen: Mitleid [dayā], frei von Vorspiegelung, unverfälscht, ist das Mittel des Dharma; das rechte, an Ort und Zeit angepasste Unternehmen/Bemühen [utthāna] ist das Mittel des Artha; der Entschluss/Wunsch [saṃkalpa], frei von Vorspiegelung, unverfälscht, ist das Mittel des Kāma; die völlige Entsagung [sarva-saṃnyāsa], von Erkenntnis angeführt, ist [das innere] Mittel zur Erlösung. (Die äußeren Mittel derselben [vier Ziele]:) Rechtmäßig [erworbener] Besitz und dergleichen wird als das äußere Mittel des Dharma bezeichnet; das äußere Mittel des Artha ist das Planen/Bedenken von Erwerb und Vermehrung der Mittel [?]; für Kāma wird von den Kundigen die Eheschließung [pāṇigraha, ,das Ergreifen der Hand'] und dergleichen als das äußere [Mittel] genannt; die begierdelose Verrichtung der Dharma-Pflichten und dergleichen ist das äußere Mittel zur Erlösung. So ist diese, der Überlieferung [smṛti] gemäße, Vierheit der menschlichen Ziele entfaltet worden; der vaiṣṇavische Willensentschluss [saṃkalpa] wird als die Ursache ihrer Entfaltung bezeichnet.“

[?] ,tantrāvāpādicintanam' (das äußere Mittel des Artha) ist ein seltener Ausdruck; hier als ,Planen von Erwerb/Vermehrung der [wirtschaftlichen] Mittel' wiedergegeben, in enger sachlicher Nähe zur zuvor (V.37) genannten Staatskunst/Wirtschaftslehre.

(adhyāyārthopasaṃhāraḥ) iti te sakalā proktā pramāṇārthagatiḥ parā, sasādhanā saprakārā kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||45||

(Die Zusammenfassung des Kapitelinhalts:) „So ist dir nun der gesamte, höchste Gang des Pramāṇārtha dargelegt worden, samt seinen Mitteln und deren Arten. Was möchtest du weiterhin noch hören?“

iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahirbudhnyasaṃhitāyām pramāṇārthanirūpaṇaṃ nāma trayodaśo'dhyāyaḥ. Om. (āditaḥ ślokāḥ 783)

So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das dreizehnte Kapitel, genannt ,Die Bestimmung des Sinns/Zwecks des Pramāṇa'. Om. (Verse von Anfang an: 783)

783 − 738 (Ende Kap. 12) = 45 Verse in Kapitel 13. Mit diesem Kapitel wendet sich das Werk von der bisherigen kosmologisch-doxographischen Pramāṇa-Lehre (Kap. 8-12) der ethischen/soteriologischen Anwendung zu: Bestimmung von Hita (dem Guten) und Sādhana (den Mitteln dazu), Einordnung der fünf Systeme (Pāñcarātra=unmittelbarer, Trayī=mittelbarer, Pāśupata=einzelmanifestationsbezogener Dharma; Sāṅkhya=mittelbare, Vedānta=unmittelbare Erkenntnis; Yoga=Übungsweg zu deren Erlangung), und schließlich die klassische Puruṣārtha-Lehre (Dharma/Artha/Kāma/Mokṣa) mit je inneren und äußeren Mitteln.

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