Paṭala 6: Śuddhetarasṛṣṭivarṇanaṃ nāma ṣaṣṭho'dhyāyaḥ
Sechstes Kapitel — Die Beschreibung der unreinen [materiellen] Schöpfung
Übergang von der reinen Vyūha-Schöpfung (Kap. 5) zur materiellen Welt: eine komprimierte Sāṅkhya-Tattva-Übersicht, die berühmte Paramapada/Vaikuṇṭha-Beschreibung des ewigen höchsten Himmels und seiner erlösten Bewohner, die Lehre von der gebundenen Einzelseele (jīva) und ihrer stufenweisen Herabkunft, sowie die vollständige materielle Emanationsfolge über die klassische Guṇa-Avatāra-Trias Sattva/Viṣṇu, Rajas/Brahmā, Tamas/Rudra.
[Ahirbudhnya:] „Jener Gott Nārāyaṇa, das ewige höchste Selbst, und seine Kraft, die von der Art seiner Ich-heit (ahaṃbhāva) ist — sie [beide] verhalten sich zueinander wie Eigenschaft und Eigenschaftsträger. [1] Beide werden bald als eines bezeichnet, kraft ihres Verhältnisses von Unterschiedenem und Unterscheidendem, bald in den Schriften getrennt als [jeweils eigene] Ursache der Welt genannt. [2] Kein Kraftbesitzer ist je ohne seine Kraft eine [wirkende] Ursache; und ebenso wenig besteht die Kraft, ohne ihren Besitzer, für sich allein. [3] Je nach dem, welchem Schwerpunkt man in den verschiedenen, das Vedānta durchdrungen habenden Schriften folgt, werden beide Götter, [je] als alleinige Ursache der Welt, dargestellt.“ [4]
[Anm.: Eröffnung des sechsten Kapitels — Wiederaufnahme der aus Kap. 3 bekannten Śakti-Śaktimat-Metaphysik als Übergang zur nun folgenden „unreinen“ (materiellen) Schöpfung. Vers 4 ist im Digitalisat unsicher [?].]
[V.5–18, Übergang zur unreinen (materiellen) Schöpfung: Puruṣa-Kāla-Guṇa-Dreiheit und komprimierte Sāṅkhya-Tattva-Übersicht]
[Anm.: Nach einer kurzen Ankündigung (V.5–7: die aus Viṣṇus Kraft bestehende, willensgeformte Schöpfung; die reine [śuddha] Schöpfung als Grundlage, an die sich Yogins beim Überqueren des Daseinsozeans halten, V.6) beginnt die eigentliche unreine (śuddhetara) Schöpfung: sie gliedert sich in Puruṣa, Zeit (kāla) und die Erscheinungsqualität (guṇa, V.7-8). Der [erste, gestaltgewordene] Puruṣa ist die Gesamtheit der Manus, geteilt nach Brahmanen, Kṣatriyas usw.: aus Pradyumnas Antlitz entstehen ein Brahmanen-Paar, aus Brust und Schenkeln zwei Kṣatriya- bzw. Vaiśya-Paare, aus den Füßen ein Śūdra-Paar (V.9–11) — Gegenstück zur Aniruddha-Auflösung in Kap. 4. Von Sudarśana angeregt, entsteht sodann aus Pradyumnas Stirn, Augenbrauen und Ohren ein feinstofflicher Erscheinungsqualitäten-Zustand, den Pradyumna Aniruddha zur Vermehrung überträgt, und den dieser durch Yoga und seine eigene Glanzkraft wachsen lässt (V.12–14). Aus Aniruddha entsteht sodann [erneut, nun im materiellen Register] die Notwendigkeit (niyati) und daraus eine zeithafte Gestalt (kāla, V.15); aus jener wiederum entsteht in gestuftem Vorgang die aus den drei Erscheinungsqualitäten (guṇa) bestehende Form: Sattva, Rajas und Tamas (V.16). Aus Sattva entsteht Rajas, aus diesem Tamas; aus Tamas [in der üblichen Sāṅkhya-Terminologie eigentlich: aus dem guṇa-Gleichgewicht] entsteht die Erkenntniskraft (buddhi), aus buddhi das Ich-Bewusstsein (ahaṃkāra), aus diesem getrennt die fünf Elementarkeime (bhūtatanmātra), aus den elf Sinnes-/Handlungsorganen und den Elementarkeimen die fünf groben Elemente, und aus diesen alles Stoffliche (bhautika) — dies sei, so schließt Ahirbudhnya, die knappe Zusammenfassung der gesamten [materiellen] Schöpfung (V.17–18). Diese kompakte Tattva-Reihe wird im nachfolgenden Kap. 7 in klassischer Sāṅkhya-Ausführlichkeit mit zahlreichen Synonym-Listen wiederaufgenommen und entfaltet.]
[Nārada:] „O Herr, [Bezwinger von Bhagas Auge, d. h. Bezwinger eines der Götter im Dakṣa-Opfer-Mythos, hier wohl als Śiva-Epitheton verstanden][?], kundig des Pfades der wahren Erkenntnis, Unvergänglicher — verkünde mir ausführlich das wunderbare Hervortreten der Gestaltkraft (bhūti).“ [19] [Ahirbudhnya:] „Höre, Nārada, in Wahrheit von Viṣṇus willensgewirkter, bunter Wandlung der Gestaltkraft, durchwoben von der Gruppe des Bewussten und Unbewussten.“ [20]
[Anm.: Nāradas Bitte um ausführlichere Erklärung leitet die folgende große Entfaltung ein: zunächst die Beschreibung des ewigen Paramapada (6.21gap), dann die Seelenlehre (6.37gap) und schließlich die volle materielle Schöpfungssequenz (6.43gap–6.55gap). Das Beiwort in V.19 ist wegen OCR-Verderbnis unsicher gedeutet [?].]
[V.21–36, die Beschreibung des ewigen, jenseitigen „Paramavyoman“ (höchster Himmel/Vaikuṇṭha) und seiner erlösten Bewohner]
[Anm.: Es folgt eine der zentralen Paramapada-Passagen des Pāñcarātra: die reine, den Vyūhas vorausgehende Schöpfung wird, kraft des glühenden Entschlusses namens Sudarśana, [selbst] zu einem Bereich (deśa) — dem höchsten, unvergänglichen Himmelsraum (paramaṃ vyoma), jenseits noch des [gewöhnlichen] Puruṣa (V.21–22). Dort gibt es grenzenloses, ununterbrochenes, makelloses und ungetrübtes Glück; die Genüsse und Welten dort sind selbst von der Art der Wonne, die Leiber der befreiten, geläuterten Seelen bestehen aus Erkenntnis und Wonne (V.23–24). Diese [Seelen] erblicken allzeit den lotusäugigen Puruṣa zusammen mit Śrī, der Trägerin der Sechsheit, den Herrn von allem, den in allem und in nichts Wohnenden, Nārāyaṇa, den Unversehrten (V.24–26). Nach Erlangen jenes Zustands werden die Wissenden, von aller Befleckung befreit, atomgroß (trasareṇu-Maß) und mit Millionen von Strahlen geschmückt; frei vom Wechsel des Hervortretens und Verschwindens, jenseits des Zeitpfades, erlangen sie das höchste vaiṣṇavische Ziel und kehren nie mehr in [den Zeit-]Pfad zurück (V.27–29). Ergebene Verehrer in anderen [niedrigeren] Existenzformen, die noch dem Daseinskreislauf angehören, betrachten diesen [Zustand] von fern, während sie noch lange Zeit im Strom der [wiederholten] Rückauflösungen weilen, ehe auch sie in jenen göttlichen, sechsfachen, vaiṣṇavischen Ruhm eingehen (V.29–31). Ahirbudhnya betont abschließend, dass dieser höchste Himmelsraum hier nur andeutungsweise geschildert worden sei — selbst in zehntausend Jahren ließe sich seine Ausdehnung nicht vollständig darlegen (V.31).]
[V.32–42, die gebundene Einzelseele (jīva): ständische Gliederung, die Manus als deren Sammelform, und die stufenweise Herabkunft (avatāraṇa) qualifizierter Seelen zur Erde]
[Anm.: Der zuvor (V.32-34) erwähnte, mit karmischer Handlungsvollmacht versehene „Kūṭastha“-Puruṣa — die Gesamtheit aller [gebundenen] Selbste, verglichen mit einer Bienenwabe — verkörpert einen aus reinem und unreinem Anteil gemischten Daseinszustand, seit anfangsloser Zeit von den Staubkörnern der Anhaftungs-Eindrücke (vāsanā) bedeckt (V.34). Obgleich die Einzelseelen von Natur aus rein, allwissend und selbstleuchtend sind, wird ihr wahres Wesen durch die eigene Kraft des Herrn — mittels des Öffnens und Schließens des jeweiligen Sudarśana-Hervortretens, in unterschiedlicher, milder bis heftiger Ausprägung — allseitig durch Unwissenheit verhüllt und der [Welt-]Illusion (māyā) unterworfen (V.35–36). So gehen diese verhüllten Seelen (jīva) in die vier Stände ein — Brahmanen, Kṣatriyas, Vaiśyas, Śūdras — und durchlaufen Bindung und Erlösung (V.37). Die „Manus“ sind die unbewegten Sammelformen (kūṭastha) dieser Seelen, ewig vollkommen, allwissend, allseits gewandt, aus dem Herrn bestehend; aus ihnen heraus steigen — durch Hervortreten und Verschwinden im selben Selbst — die dem [Herren-]Dienst verpflichteten Vaiṣṇava-Seelen stufenweise, entsprechend ihrer [jeweiligen] Stellung, bis hinab zur Erde herab, um sich dort in vier[fachen Paaren] fortzupflanzen (V.38–42).]
[V.43–54, erneute [nun materiell gewendete] Emanationsfolge: Aniruddha → Kraft (śakti) → Notwendigkeit (niyati) → Zeit (kāla) → die reine, sattva-geprägte Erscheinungsqualität-Form, präsidiert von der Aniruddha-Form „Viṣṇu“]
[Anm.: Aus dem dem [gewöhnlichen] Puruṣa vorausliegenden, vierzeitalter-umfassenden Bereich entsteht, von Sudarśana angeregt, aus Aniruddha erneut eine Kraft (V.43); acht Manus steigen in diesem kraftgeprägten Zustand herab und verharren dort gesammelt (V.44–45). Aus dieser Kraft entsteht die Notwendigkeit (niyati, V.46), aus der Notwendigkeit — wiederum unter Herabkunft von Manus — die Zeit (kāla, V.47–50), welche alles wie ein Strom, der einen fernen Fluss erreicht, reift bzw. verarbeitet. Aus der Zeit entsteht, stufenweise, die reine, aus der Erscheinungsqualität bestehende Form: zuerst die reine, makellose, freudvolle Sattva-Form, in welcher erneut Manus herabsteigen (V.51–53), über welche die Aniruddha-Gestalt unter dem Namen „Viṣṇu“ waltet — daher ist dieser [Sattva-]Zustand ganz rein und von Natur aus freudvoll (V.53–54).]
[V.55–61, Fortsetzung: Sattva → Rajas (präsidiert von der brahmanischen Form) → Tamas (präsidiert von der rudra'ischen Form)]
[Anm.: Aus jenem [Sattva-]Zustand entsteht, von Viṣṇus Entschluss angeregt, die Erscheinungsqualität Rajas (Bewegung) — erneut unter Herabkunft von Manus (V.55–56); über diesen rajas-geprägten, von unaufhörlicher Tätigkeit gekennzeichneten und daher als „das eigentliche Leid“ bezeichneten Zustand waltet die brahmanische Form (V.56–58). Aus Rajas wiederum entsteht, ebenfalls von Viṣṇus Entschluss angeregt, die Erscheinungsqualität Tamas (Dunkelheit/Trägheit, V.58–59), über die die rudra'ische Form waltet; dieser Zustand ist von schwerer, beständiger Verblendung und Untätigkeit geprägt (V.59–60). Damit ist, wie der Text festhält, die Rückkehr zum Jenseits-der-Erscheinungsqualitäten-Ufer erreicht (V.60–61). Diese Dreiteilung Sattva/Viṣṇu, Rajas/Brahmā, Tamas/Rudra entspricht der aus anderen Pāñcarātra-Werken dieses Projekts (u. a. Sātvata-Saṃhitā) bereits bekannten klassischen „Guṇa-Avatāra“-Lehre.]
guṇatrayasāmyāpattau[?] sudarśanamayaiva saṃkalpenātra vai hareḥ │ codyamāne'pi sṛṣṭy-arthaṃ pūrṇaṃ guṇayugaṃ tadā ‖61‖ aṃśataḥ sāmyam āyāti viṣṇusaṃkalpacoditam │ traiguṇyaṃ nāma tat tajjñais tat tamaḥ parigīyate ‖62‖ guṇasāmyam avidyā ca svabhāvo yonir akṣaram │ ayoniḥ prakṛtiś caiva ity ādyās traiguṇyavācakāḥ ‖63‖
„Selbst wenn [die Erscheinungsqualitäten] durch Hariskudarśana- geformten Entschluss zum Zweck der Schöpfung [je einzeln] angeregt werden, gelangt das volle Erscheinungsqualitäten-Paar [dennoch stets, im Ausgleich,] anteilig wieder zum Gleichgewicht, von Viṣṇus Entschluss bewirkt. Das nennen die Kenner der Sache 'Traiguṇya' (Dreiheit-der-Qualitäten); [in seinem Ausgangs-/Gleichgewichtszustand] wird eben dieses [Gleichgewicht] auch 'Tamas' [im engeren, ursprünglichen Sinne] genannt. [62] Guṇa-Gleichgewicht, Unwissenheit (avidyā), Eigennatur (svabhāva), Mutterschoß (yoni), das Unvergängliche (akṣara), das Ungeborene (ayoni) und ebenso 'Prakṛti' — dies und ähnliche [Worte] sind Bezeichnungen für eben jene 'Traiguṇya' [Ur-Materie].“ [63]
[Anm.: Abschließende Definition: die Ur-Materie (Prakṛti) im Gleichgewichtszustand der drei Erscheinungsqualitäten wird unter zahlreichen Synonymen gefasst — ein für die Sāṅkhya-Terminologie klassischer Befund, der die im nächsten Kapitel folgende ausführliche Tattva-Entfaltung vorbereitet.]
So endet im heiligen Pāñcarātra, dem Tantra-Geheimnis, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das sechste Kapitel, genannt „Die Beschreibung der unreinen [materiellen] Schöpfung“. Om. (Vom Anfang [des Werkes] an: 392 Verse.)
[Anm.: 392 − 330 (Ende Kap. 5) = 62 Verse in diesem Kapitel. Kapitel 7 trägt im Digitalisat denselben Titel „śuddhetarasṛṣṭivarṇanaṃ“ (unreine Schöpfungsbeschreibung) — vermutlich, weil es das Thema unmittelbar mit der ausführlichen Sāṅkhya-Tattva-Entfaltung fortsetzt, statt einen eigenen inhaltlichen Titel zu tragen; dies wird hier unverändert aus der Quelle übernommen.]