Quellen der Menschheit

Ahirbudhnya Saṃhitā

Paṭala 51: atha tārādibījākṣarasvarūpa-tadartha-varṇanaṃ nāmaikapañcāśo 'dhyāyaḥ Einundfünfzigstes Kapitel: Darlegung von Wesen und Sinn der mit Tāra beginnenden Keimsilben (bījākṣara)

Quelle: Ahirbudhnya-Saṃhitā, Bd. 2 (archive.org in.ernet.dli.2015.322565), OCR ca. S. 523-538, Devanāgarī-OCR, stark verrauscht; sa-Feld rekonstruiert und in IAST wiedergegeben, unsichere Stellen mit [?]. Nach dem Ende der Erzählreihe (Kap. 47-50: Sitz, Ring, Banner, Baldachin) beginnt hier ein neuer, lehrhafter Block über den Sinn der Mantra-Silben: Nārada fragt Ahirbudhnya nach dem Sinn der mit dem „Tāraka“ (Praṇava, Oṃ) beginnenden Mantras. Der Sinn zerfällt dreifach in grob (sthūla), fein (sūkṣma) und höchst (para). Der Hauptteil (V.14-53) legt das Praṇava auf die Zustände Wachen–Traum–Tiefschlaf und auf die drei Vyūhas Aniruddha–Pradyumna–Saṃkarṣaṇa aus (a–u–m; Viśva–Taijasa–Prājña), fügt als vierte Stufe die Halb-Mātrā (Vāsudeva) und als fünfte, alle Vorstufen verschlingende Stufe die Śakti Lakṣmī hinzu, die in allen Lehrsystemen (Purāṇa, Pāśupata, Sāṅkhya-Yoga) nur unter anderem Namen vorkomme. V.54-68 behandeln die Silben Tāra (hrīṃ) und Anutārā (śrīṃ) nach demselben Dreierschema; V.69-80 fassen zusammen: Sudarśana ist Viṣṇus Entwurf (saṃkalpa); alle Mantras wirken nur durch dessen Macht, denn Wörter bezeichnen nur Eigenschaften und Handlungen, nicht Brahman selbst. Die in Klammern gesetzten Zwischenüberschriften im sa-Feld stammen aus der Ausgabe (redaktionelle Sachüberschriften; wegen OCR-Rauschen teilweise rekonstruiert). Kumulierte Verszahl laut Kolophon: 3317 (3237 + 80).

dhyātaṃ sakṛd bhavānekakoṭyaghaughaṃ haraty alam | sudarśanasya tad divyaṃ bhargo devasya dhīmahi || (uktārthānubhāṣaṇapūrvakaṃ tārādimantrārthapraśnaḥ) śrīnāradaḥ | bhagavan bhūtabhavyeśa bhaganetranipātana | sādhakānāṃ hitārthāya yantraṃ nānāvidhātmakam ||1|| nānāmantramayaṃ proktaṃ nānāśaktyupabṛṃhitam | pradarśitāni cāstrāṇi dvitayānīha śaṃkara ||2|| vidhānam api ca proktaṃ divyaṃ māhābhiṣecanam | uktā coccāvacā śāntir iyaṃ kṣapitayātanā ||3|| ṛgbhir apy uditā samyag astraśaktir anekadhā | nānāphalā mahāvīryā mantrā evātra kāraṇam ||4|| uktā bhagavatā pūrvaṃ mantrās te tārakādayaḥ | eṣām arthakṛtaṃ bhāvaṃ vaktum arhasi śaṃkara ||5|| yaj jñānaṃ mahat proktaṃ sarvaśāstrārthasambhavam | tat te manomayaṃ sarvaṃ sarvajño hy asi śāśvata ||6||

Auf jenen göttlichen Glanz (bhargas) des Gottes Sudarśana, der – auch nur einmal meditiert – die Sündenflut vieler Millionen Daseinsformen (bhava) gänzlich hinwegnimmt, wollen wir meditieren. Der ehrwürdige Nārada sprach: Erhabener, Herr des Gewesenen und des Künftigen, du, der du dem Bhaga die Augen ausgeschlagen hast! Zum Wohl der Sādhakas ist ein Yantra von vielfältigem Wesen verkündet worden, aus vielerlei Mantras bestehend, mit vielerlei Kräften ausgestattet; und die Waffen (astra) sind hier vorgeführt worden, o Śaṃkara, [je] zwei [?]. Auch das Verfahren ist verkündet worden, die göttliche Große Weihe (mahābhiṣeka), und die mannigfachen Sühne-Riten (śānti), [diese] die die Qualen zum Erlöschen bringen [?]. Auch durch Ṛc-Verse ist die Waffenkraft (astraśakti) recht und vielfach verkündet: vielfältig in den Wirkungen, von großer Stärke – die Mantras allein sind hier die Ursache. Vom Erhabenen sind früher jene Mantras verkündet worden, die mit dem „Tāraka“ beginnen; den in ihnen liegenden Sinn-Gehalt (bhāva) magst du uns mitteilen, o Śaṃkara. Das große Wissen, das du verkündet hast, aus dem alle Lehrinhalte der Śāstras hervorgehen – das alles ist dir im Geiste gegenwärtig [wörtl. „aus Geist bestehend“, ?]; denn du bist allwissend, ewig.

[?] V.2: dvitayāni – der Apparat der Edition bietet die Variante vividhāni („verschiedenartig“); die Übersetzung folgt dem Haupttext, deutet aber [?]. V.3: der Halbvers „iyaṃ ...“ ist im OCR stark verderbt (Apparat: „śāntiduritakṣapitātmanā (?)“); rekonstruiert als kṣapitayātanā („die Qualen beendend“) – unsicher. V.4 Apparatvariante: nānāphalā mahāvīryāḥ sarve sarvaphalapradāḥ. V.6 Anfang (yaj jñānam) im OCR unsicher. „Tāraka“ = das Praṇava (Oṃ), s. Kap.-Note.

(mantrārthajñānapraśaṃsāpūrvakaṃ pṛṣṭārthottarakathanārambhaḥ) ahibudhnyaḥ | śṛṇu nārada tattvena mantrāṇām arthajaṃ yaśaḥ | yad vijñānān naraḥ śaśvat sarvajñatvam avāpnuyāt ||7|| (tatra tārakasya sarvaśreṣṭhyapratipādanam) tārako nāma yo bhāvaḥ sāraḥ sarvagirāmayam | prabhavanti hy ataḥ śabdā apiyanti ca taṃ punaḥ ||8|| anenāpyāyitāḥ śabdā bhāvaṃ puṣṇanti ca svakam | (mantrasāmānye 'py arthasya traividhyam) sthūlaḥ sūkṣmaḥ paraś ceti bhāvo mantre tridhā sthitaḥ ||9||

Ahirbudhnya sprach: Höre, Nārada, der Wahrheit gemäß den Ruhm, der aus dem Sinn der Mantras erwächst, durch dessen Erkenntnis ein Mensch stets Allwissenheit erlangen mag. Der Gehalt (bhāva), der „Tāraka“ heißt, ist der Kern, [gleichsam] aus aller Rede bestehend [?]: Aus ihm gehen die Wörter hervor, und in ihn gehen sie wieder ein. Von ihm genährt, nähren auch die Wörter ihren eigenen Gehalt. Grob, fein und höchst: so besteht der Gehalt im Mantra dreifach.

[?] V.8 „sāraḥ sarvagirāmayam“: im OCR so überliefert; die Lesart bleibt unsicher (denkbar auch: sarvagirām ayam „dieser [ist] der Kern aller Rede“). Tāraka („der Hinüberführende“) bezeichnet hier das Praṇava.

(tatra sthūlādīnāṃ sāmānyato lakṣaṇam) sthūlaḥ saṃsargajo yo 'rthaḥ sūkṣmaḥ padavibhāvitaḥ | aprameyādibhir bhāvair akṣarasthaḥ paraḥ smṛtaḥ ||10|| (punaḥ sthūlalakṣaṇam) saṃstutair anvitair yogaiḥ svasvavācyābhidhānataḥ | puruṣārtho 'vibhāgātmā saṃsargo nāma bhāvyate ||11|| (atha sūkṣmalakṣaṇam) svarūpālocanenaiva yaḥ pratītaḥ pade pade | yogena janyate bhāvaḥ sa sūkṣma udito budhaiḥ ||12|| (atha paralakṣaṇam) aprameyādibhir bhāvair bhāvo yo varṇasaṃsthitaḥ | sa paraḥ kathyate sadbhir iti tredhā 'rthasaṃsthitiḥ ||13||

Grob ist der Sinn, der aus Verbindung (saṃsarga) entsteht; fein der, der durch das Wort (pada) vergegenwärtigt wird; der aber, der durch die Gehalte „Unermesslich“ usw. in der Silbe ruht, gilt als der höchste. Durch [wohl-]gepriesene, verbundene Verknüpfungen (yoga), gemäß dem Benennen ihres jeweiligen Bezeichneten, wird das ungeteilte Wesen des Menschenziels (puruṣārtha) als „Verbindung“ (saṃsarga) vorgestellt [?]. Der Gehalt, der einzig durch das Betrachten des Eigenwesens (svarūpa) Wort für Wort erfasst und durch Verknüpfung (yoga) erzeugt wird, wird von den Weisen „fein“ genannt. Der Gehalt aber, der durch die Zustände „Unermesslich“ usw. im Laut (varṇa) verankert ist, wird von den Guten „höchst“ genannt: so dreifach ist die Gliederung des Sinns.

[?] V.11: Apparatvarianten sukṛtair / yogyaiḥ statt saṃstutair / yogaiḥ – die Stelle bleibt unsicher, die Übersetzung gibt den Haupttext wieder. V.13: Lesart varṇasaṃsthitaḥ statt OCR „varṇasaṃsthaḥ“ vereinheitlicht [?]. „aprameya“ usw. sind wohl die Attribute des Höchsten (vgl. die Namen im Praṇava).

(tatra tārasya sthūlārthapradarśanam) protam asmin mitaṃ sarvam iti sthūla ucyate | okāreṇa makāreṇa saṃsargas tārakāśrayaḥ ||14|| dvau varṇau gamakāv etāv otasya ca mitasya ca | yat kiṃcid bhagavato 'nyat tan mitaṃ sarvam iṣyate ||15|| śaktimān bhagavān vācyas tacchakteḥ pravijṛmbhaṇam | saṃkalpanīyaḥ saṃkalpa iti yat te puroditam ||16|| tan na saṃkalpanīyo 'rtho bhūtiḥ śuddhetarātmikā | avyāhatā tu tatpakṣā saṃkalpas tat sudarśanam ||17|| kalpyakalpātmakaṃ sarvaṃ tad etan mitam iṣyate | mitaṃ tad otaṃ bhartre hi maṇivad bhagavallaye ||18|| avatis tu praveśārtho gatir vyāptiḥ praveśanam | mitaṃ praviṣṭaṃ deveśe puṣkare paramāṇuvat ||19|| oto mite ca deveśaḥ praviṣṭaḥ sūtravan maṇau | sthūlo 'yaṃ praṇavasyārthaḥ sūkṣmo 'rtho 'tha nirūpyate ||20||

„In diesem ist alles eingewoben (prota) und gemessen (mita)“ – dies heißt das Grobe. Durch o- und m-Laut besteht die Verbindung (saṃsarga), die sich auf den Tāraka stützt. Diese beiden Laute sind die Anzeiger des Eingewobenen (prota) und des Gemessenen (mita): was immer es außer dem Erhabenen gibt, das gilt insgesamt als das Gemessene. Der Machtbesitzer, der Erhabene, ist das Bezeichnete; seine Macht (śakti) ist seine Entfaltung; „das zu Erdenkende ist der Entwurf (saṃkalpa)“ – so wurde dir früher gesagt. Deshalb ist hier nicht ein Gegenstand als Zu-Erdenkendes gemeint; die Macht (bhūti) hat ein Wesen aus Reinem und dessen Gegenteil. Unbehindert aber ist deren [Seite/Partei, ?]; der Entwurf ist eben jenes Sudarśana. Alles, was im Wesen aus Zu-Ersinnendem und Ersonnenem besteht, gilt als das Gemessene. Das Gemessene ist dem [Herrn], dem Träger, eingewoben, wie Edelsteine [dem Faden, ?], im Einswerden mit dem Erhabenen [?]. „Avati“ aber bedeutet „Eintreten“: Gehen, Durchdringen, Hineingelangen. Das Gemessene ist im Herrn der Götter eingetreten wie ein Atom im Puṣkara [Lotos/Himmelsraum, ?]; und der Herr der Götter ist in das Gemessene eingedrungen wie ein Faden in die Perle. Dies ist der grobe Sinn des Praṇava; nun wird der feine Sinn dargelegt.

[?] V.14: die Zählung „15“ des OCR ist Fehllesung von 14. „okāra“ = die verschmolzenen Laute a+u (Sandhi zu o), „makāra“ = m: so ergibt sich Oṃ (a+u+m). V.17: tatpakṣā und der Schlusshalbvers im OCR unsicher. V.18 „bhagavallaye“ unsicher (denkbar auch anderes Wort); V.19 puṣkare paramāṇuvat: puṣkara „Lotos/Himmelsraum“, beide Lesarten möglich. Hinweis: Die Verse 14–45 legen (nach der Randnote der Edition) das Praṇava im Sinne der Māṇḍūkya-Upaniṣad aus; die Übersetzung folgt allein dem Wortlaut.

(tatrāniruddhapradyumnasaṃkarṣaṇānām akhaṇḍabhagavacchaktyaṃśatvakathanam) sṛṣṭisthityantakāriṇyaḥ śaktayas tisra ūrjitāḥ | [tā] bhagavacchakter ekasyā aṃśatāṃ gatāḥ ||21|| (krameṇa teṣāṃ praṇavākṣaratrayapratipādyatvam) akārādyakṣaratrayarūpiṇyaḥ paramādbhutāḥ | akāraśaktir viśvākhyā ukārotthā tu taijasī ||22|| (teṣām evaikaikasya viśva-taijasa-prājñarūpaikaikasaṃjñābhāgitvam) makāraśaktiḥ prājñākhyā tāsāṃ rūpaṃ punaḥ śṛṇu | (aniruddhādirūpapradarśanapratijñā) (tatra viśvākhyāniruddharūpapradarśanam) ekonaviṃśatimukhā viśvākhyā viśvadhāriṇī ||23|| (aniruddhasyaiva sthānaviśeṣanirdeśapūrvakaṃ bhogyaviśeṣanirūpaṇam) nānāsṛṣṭimayī viśvā bhuṅkte sthūlāni jāgratī | dravyakriyāguṇākāraṃ nānāsāmānyacarcitam ||24|| sthūlaṃ tarpayate viśvaṃ viśvāṃ sṛṣṭimayīm ajām | (pradyumnasya bhogyaviśeṣa-sthānaviśeṣa-nirūpaṇam) viśvaṃ tad eva sūkṣmākhyam antaḥkaraṇasaṃmitam ||25|| svāpnīṃ tarpayate śaktim ukārasthāṃ tu taijasīm | (saṃkarṣaṇasya bhogyaviśeṣa-sthānaviśeṣa-nirūpaṇam) viśvaṃ tad eva sūkṣmatvaṃ vihāyānandatāṃ gatam ||26|| parāṃ tarpayate śaktiṃ sauṣuptāṃ prājñanāmikām | ukāraśaktis trimukhā sūkṣmā svāpnī puroditā ||27||

Drei kraftvolle Śaktis, die Schöpfung, Erhaltung und Ende bewirken, sind zu Teilen der einen Śakti des Erhabenen geworden [?]. Sie haben die Gestalt der drei Silben, die mit a beginnen – höchst wunderbar: Die Śakti des a heißt Viśvā, die aus dem u entsprungene aber ist Taijasī; die Śakti des m heißt Prājñā. Ihre Gestalt vernimm nun weiter. Die „Viśvā“ genannte, die Welt-Tragende, hat neunzehn Gesichter. Aus vielfältiger Schöpfung bestehend, genießt Viśvā im Wachzustand Grobes – das, was die Gestalt von Substanz, Tätigkeit und Eigenschaft hat, von mancherlei Allgemeinem durchzogen ist. Das grobe All erfreut die Viśvā, die schöpfungshafte, ungeborene. Dasselbe All, „fein“ genannt, vom Innenorgan (antaḥkaraṇa) ermessen, erfreut die Traum-Śakti, die im u weilende Taijasī; dasselbe All, die Feinheit hinter sich lassend und zur Wonne (ānanda) gelangt, erfreut die höchste Śakti, die Tiefschlaf-Śakti namens Prājñā. Die Śakti des u, dreigesichtig, fein, wurde zuvor als die traumhafte genannt.

[?] V.21: das Wort nach „ūrjitāḥ“ (OCR „praṇīyā“) ist unleserlich; als [tā] ergänzt, sinngemäß. V.22 Lesart akārādy-akṣara-traya-rūpiṇyaḥ aus OCR „akārād akṣaratraya…“ rekonstruiert. Die Reihe a–u–m entspricht Viśva (wachend), Taijasa (träumend), Prājña (tiefschlafend), also den drei Zuständen der Māṇḍūkya-Lehre; Aniruddha, Pradyumna und Saṃkarṣaṇa sind die drei zugehörigen Vyūhas (vgl. Kap.-Note). V.24: bhuṅkte statt OCR „mudd“ (rekonstruiert nach dem Sinn: „sthūlabhuj“ der Māṇḍūkya-Lehre). V.25–26: die Subjekt/Objekt-Zuordnung von tarpayate (das All erfreut die Śakti) folgt dem Zusammenhang, ist aber unsicher.

nirañjanā makārākhyā śaktir ānandabhojinī | (aniruddhasya sthūladehādhiṣṭhātṛtayā pravṛttiḥ) sthūlaṃ puram adhiṣṭhāya deham viśvā pravartate ||28|| (pradyumnasya sūkṣmadehādhiṣṭhātṛtayā pravṛttiḥ) sūkṣmaṃ paryaṣṭakaṃ svāpnī puram ādāya vartate | (saṃkarṣaṇasyānandādhiṣṭhātṛtayā pravṛttiḥ) prājñā pravartate prāpya puram ānandajaṃ param ||29|| (aniruddhasya bahiḥprajñatvam) bāhyapramāṇabhūmiṣṭhā viśvasya sthūlatā daśā | (pradyumnasyāntaḥprajñatvam) antaḥkaraṇabhūmiṣṭhā sūkṣmatā tasya vai daśā ||30|| (saṃkarṣaṇasyānandamayatvam) cidānandamayī tasya viśvasya paratā daśā | (sthūlatvādidaśātrayasyāniruddhādiśaktitrayaprītihetutvam) etās tisro daśās tisraḥ śaktīḥ saṃprīṇayanti tāḥ ||31||

Die Śakti des m ist makellos (nirañjanā) und genießt die Wonne. Im groben Leib (pura, „Stadt“) wohnend, wirkt Viśvā [im Körper]; die Traumhafte (svāpnī) wirkt, indem sie die feine, „Achtheit“ genannte (paryaṣṭaka) Stadt annimmt; Prājñā wirkt, indem sie die höchste, aus Wonne geborene Stadt erreicht. Der Zustand der Grobheit von Viśva gründet im Boden äußerer Erkenntnismittel; der Zustand der Feinheit an ihm gründet im Innenorgan; der höchste Zustand jenes Viśva besteht aus Bewusstsein und Wonne. Diese drei Zustände erfreuen jene drei Śaktis.

[?] V.28: das Bild der „Stadt“ (pura) für Körper folgt dem Wortlaut; „paryaṣṭaka“ = die aus acht Bestandteilen bestehende feine Körperlichkeit (üblicher Fachbegriff der Saṃsāra-Lehre). V.31: Apparatvariante „śuddhānandamayī“ (statt cidānandamayī).

aniruddhādirūpās tā bhoktṛśaktīr avicintayet | (athāvāsudevākhyāyāś caturthārdhamātrāyās tattvapratipādanam) ardhamātrā tu yā divyā makārotthā prakāśinī ||32|| vāsudevamayīṃ śaktiṃ viddhi tām anupaskṛtām | tisṛṇāṃ sārdhamātrāṇāṃ vilaye yā virājate ||33|| tāṃ viddhi bhagavacchaktim anuccāryāṃ nirañjanām | uccaran om iti vyaktaṃ kramād ādīr vilāpayet ||34|| śaktīś catasra uddiṣṭā uttarottarabhūmiṣu | yā na kiṃcid ivābhāti na satī nāpi cāsatī ||35|| (stemityarūpāyās tasyāḥ śakteḥ pañcamadaśārūpatvam) sarvāsāṃ grasanī divyā śaktīnāṃ pañcamī daśā | om ity uccarataḥ samyak śāmyataḥ kramato mune ||36|| mahābhāsā nirābhāsā śaktiḥ sā 'ntar vijṛmbhate | ananyā sā parā śaktir viṣṇor lakṣmīḥ sanātanī ||37|| gaurī sarasvatī dhenur vācyā vācyakramojjhitā | udeti svayam evāntar oṃkāraṃ śṛṇvato mune ||38||

Diese Genuss-Śaktis, die als Aniruddha usw. gestaltet sind, soll man betrachten. Die göttliche Halb-Mātrā (ardhamātrā), aus dem m-Laut hervorgehend, erleuchtend – sie erkenne als die Vāsudeva-Śakti, die unverziert [unvermischt, anupaskṛta] ist und dort erstrahlt, wo die drei [Mātrās] samt der Halb-Mātrā sich auflösen. Sie erkenne als die Śakti des Erhabenen, unaussprechbar, makellos. Wer „oṃ“ deutlich ausspricht, lässt der Reihe nach die ersten [Śaktis] verschwinden. Vier Śaktis sind genannt, in aufeinander folgenden Ebenen; die aber, die wie nichts erscheint, weder seiend noch auch nichtseiend, die alle verschlingt (grasanī), die göttliche, ist die fünfte Stufe der Śaktis. Für den, der „oṃ“ recht ausspricht und der Reihe nach zur Ruhe kommt, o Weiser, entfaltet sich innen jene Śakti, groß im Glanz und glanzlos zugleich; sie, ohne Zweite, die höchste Śakti Viṣṇus, Lakṣmī, die Ewige – Gaurī, Sarasvatī, Dhenu, die Bezeichnete (vācyā), der Ordnung des Bezeichneten entwachsen: von selbst steigt sie im Innern auf, für den, der das Oṃkāra vernimmt, o Weiser.

[?] V.32: makārotthā – die Apparatvariante „makārārthaprakāśinī“ (das m-Bedeutung Erhellende) wäre ebenso denkbar. V.36 Anfang: grasanī („die Verschlingerin“), die fünfte Ebene, in der die vier Vorstufen aufgehen. Zur Lakṣmī-Identifikation vgl. das Lakṣmī-Tantra in derselben Ausgabe (die Parallele wird hier nur festgehalten, nicht zur Übersetzung herangezogen).

nitye nirañjane śuddhe niṣkale nirvikalpake | viṣṇau bhavitari vyaktaṃ bhāvo brahmaṇi vartate ||39|| (paurāṇikoktasya brahmaviṣṇvādisaṃjñācatuṣṭayasya lakṣmīparatvam) brahmaviṣṇuśivākhyābhis tathaivāvyākṛtākhyayā | uktā caturbhir divyā stuyate saiva pañcamī ||40|| (pāśupatoktasyeśādisaṃjñācatuṣṭayasyāpi lakṣmīparatvam) īśāvidyāsadākhyābhis tathaiva ca śivākhyayā | uktā caturbhiḥ saiva śaktiḥ pāśupate mate ||41|| (sāṅkhyayogoktasya saṃjñācatuṣṭayasyāpi lakṣmīparatvam) vyaktāvyaktapumākhyābhis tathā kālākhyayā mune | uktā caturbhiḥ saiva śaktir vai sāṅkhyayogayoḥ ||42|| (lakṣmīviśiṣṭasya parasya brahmaṇo muktaprāpyatvam) prāpya tāṃ pañcamīṃ śaktiṃ yad ante viramaty asau | paraṃ brahma paraṃ dhāma tad viṣṇoḥ paramaṃ padam ||43|| (uktārthasyaiva bhaṅgyantareṇa viśadīkaraṇam) ardhamātrordhvagāṃ divyāṃ dīrghaghaṇṭānadopamām | antarāsvādayañ chaktim ānandātmānam avyayām ||44|| yam ante labhate bhāvaṃ rūpaṃ viṣṇos tad ujjvalam | iti te praṇavasyārthaḥ sūkṣmātmā saṃpradarśitaḥ ||45|| (atha parārthanirūpaṇam) yo 'rthaḥ parākhyas tasya tam idānīṃ nibodha me | praṇavaṃ bhāvayed etad akṣaradvitayātmakam ||46||

Im Ewigen, Makellosen, Reinen, Teillosen, Unterschiedslosen – in Viṣṇu, dem Werdenden – tritt offenbar der Gehalt (bhāva) in Brahman auf [?]. Mit den Namen Brahmā, Viṣṇu, Śiva und ebenso mit „Avyākṛta“ [dem Unentfalteten] benannt, wird sie viergestaltig genannt und als fünfte eben gepriesen, die göttliche. Mit den Namen Īśā, Vidyā, Sadā und Śiva ebenso – von diesen vieren genannt, ist es eben diese Śakti nach der Lehre der Pāśupatas. Mit den Namen Vyakta, Avyakta, Puruṣa und, o Weiser, Kāla – von diesen vieren genannt, ist es eben diese Śakti in Sāṅkhya und Yoga. Hat man jene fünfte Śakti erlangt, in deren Nähe man am Ende zur Ruhe kommt: das ist das höchste Brahman, die höchste Wohnstätte, Viṣṇus höchster Standort. Die göttliche, in die Halb-Mātrā emporsteigende, einem lang nachhallenden Glockenton gleiche Śakti, die im Innern kostend die Wonne-Wesenheit, die unvergängliche, [erfährt] – wen sie am Ende erreicht, der erlangt jenen Gehalt, Viṣṇus strahlende Gestalt. So ist dir der feine Sinn des Praṇava dargelegt worden. Den Sinn aber, der „höchst“ (para) heißt – den vernimm nun von mir. Man soll das Praṇava betrachten, das aus zwei Silben besteht:

[?] V.39 „viṣṇau bhavitari“: Bedeutung von bhavitṛ („der Werdende“) hier unsicher. V.41 „īśāvidyāsadākhyābhiḥ“: OCR „īśāvidyāsamākhyābhiḥ“; als īśā / vidyā / sadā (= Sadāśiva) / śiva gelesen, weil vier Namen gefordert sind. V.40–42: das Muster – vier Namen, die alle dieselbe fünfte Śakti (Lakṣmī) meinen – wird für Purāṇa-Tradition, Pāśupatas und Sāṅkhya-Yoga durchgespielt. Laut Randnote der Edition fehlt in Handschrift A von hier bis V.77 ein Blatt; die Zahl der Verse ist im OCR unleserlich (ca. 30).

(tatra sṛṣṭyādyunmukhaśaktyupahitasya sthūlacidacidviśiṣṭasya brahmaṇo 'kārapratipādyatvam) [..]kā śaktir yā hi sā vaiṣṇavī parā | tayaivopahitaṃ brahma nānākāravikalpavat ||47|| abhidhatte paraṃ viṣṇuṃ sṛṣṭikṛt parameśvaraḥ | (sṛṣṭyādyanunmukhaśaktyupahitasya sūkṣmacidacidviśiṣṭasya brahmaṇa ukārapratipādyatvam) avyaktapañcakalayā 'sau tūṣṇīṃbhūteva rājate ||48|| nirañjanā nirābhāsā niścalā vaiṣṇavī parā | sadā pratāyamānā 'pi sūkṣmair bhāvavilakṣaṇaiḥ ||49|| nityopareva sā bhāti stemilam iva codadheḥ | tayaivopahitaṃ brahma nirvikalpaṃ nirañjanam ||50|| abhidhatte paraṃ viṣṇuṃ vyāpī vyomeśa ujjvalaḥ | (oṃkāreṇa yathoktabrahmaṇor abhinnatvabodhanam) ekatānayanaṃ yat tad anayor varṇayor dvayoḥ ||51|| tad om ity akṣaraṃ brahma parā 'yam ajapā smṛtā | jagadvilāpanaṃ rūpaṃ tad eva praṇavākhyam ||52|| (uktārthadhyānaniṣṭhasya yoganiṣṭhāsiddhiḥ) atra yo 'vahito yogī sa samādhiṃ vrajet param | iti te trividhā 'vasthā praṇavasya pradarśitā ||53||

[?] Die Śakti, die eben jene höchste Vaiṣṇavī ist – von ihr ausgestattet, erscheint Brahman mit mancherlei Gestalt-Unterscheidungen und bezeichnet [durch das a] den höchsten Viṣṇu als den Schöpfer, den höchsten Herrn. Durch die unentfaltete fünffache [?] Teilkraft (kalā) erstrahlt sie, gleichsam schweigend: makellos, glanzlos, unbeweglich, die höchste Vaiṣṇavī, obwohl stets sich ausbreitend in Feinem, das sich von [gewöhnlichen] Wesenszuständen unterscheidet. Sie erscheint wie untätig, gleich der Windstille (stemila) des Ozeans. Von ihr ausgestattet ist Brahman unterschiedslos, makellos; es bezeichnet den höchsten Viṣṇu, den Allgegenwärtigen, den Herrn des Raums, den Strahlenden. Die Zusammenführung dieser beiden Laute zu einer Einheit – das ist das Silben-Brahman „oṃ“; dies gilt als die höchste, „ajapā“ [das ungemurmelte Gebet] genannte [Śakti]; die Auflösung der Welt (jagadvilāpana) ist die Gestalt, die eben „Praṇava“ heißt. Der Yogin, der hier gesammelt ist, gelangt zur höchsten Versenkung (samādhi). So ist dir der dreifache Zustand des Praṇava dargelegt worden.

[?] V.47: Anfang der ersten Zeile im OCR unleserlich („pakkar“ o. ä.), daher als [..]kā markiert; die Randüberschrift (sṛṣṭyādyunmukhaśakti…) spricht für „die zur Schöpfung u. ä. hinneigende Śakti“. V.48 „avyaktapañcakalayā“ ist eine unsichere Rekonstruktion des OCR. V.49 „bhāvavilakṣaṇaiḥ“ unsicher. V.51–52: „ekatānayana“ meint das Zusammenführen von a-/u-Laut (Schöpfungs- und Feinbereich) im Laut o; „ajapā“ ist hier das ohne Willensakt in jedem Atemzug mitlaufende Oṃ (Lehrbegriff).

tārānutārayor anyā vidhās tisro nirāmaya | (tatra tārāyāḥ sthūlārthanirūpaṇam) harty aśeṣaduritam īḍyate ca surāsuraiḥ ||54|| mīyate cākhilair mānair ato hrīm iti kīrtyate | (atha sūkṣmārthanirūpaṇam) iti te sthūla uddiṣṭaḥ sūkṣmam atha niśāmaya ||55|| sarvatra prāṇati vyaktam ahaṃbhāvaṃ na gacchati | nityonnamanarūpā sā kalayaty akhilaṃ jagat ||56|| (atha parārthanirūpaṇam) iti te sūkṣma uddiṣṭaḥ param atha niśāmaya | paramātmā paro yo 'sau devo nārāyaṇākhyaḥ ||57|| tasyānapāyinī śaktir devī taddharmadharmiṇī | māyāścaryakaratvena pañcakṛtyakarī sadā ||58|| vyāpinī viṣṇurūpeṇa sarvabhāvānugāminī | aśeṣabhuvanādhārasaṃkalpapravijṛmbhiṇī ||59|| samāśritānalaṃ bhāvaṃ vidhāya vividhaṃ jagat | vyomeśavyāpinī spaṣṭaṃ punaḥ sā pratitiṣṭhati ||60||

Die anderen drei Weisen [der Auslegung] von Tāra und Anutāra, o Krankheitsloser: Sie [Tāra] nimmt alles Böse hinweg (harati) und wird von Göttern und Asuras gepriesen (īḍyate); von allen Erkenntnismitteln wird sie ermessen (mīyate), darum wird sie „hrīṃ“ genannt [?]. So ist dir das Grobe genannt; nun vernimm das Feine. Überall atmet (prāṇati) sie offenbar, ohne zur Ich-heit (ahaṃbhāva) zu gelangen; von der Gestalt ständigen Emporsteigens [nityonnamana] erfasst sie die ganze Welt. So ist dir das Feine genannt; nun vernimm das Höchste. Der höchste Ātman, der Höchste, jener Gott namens Nārāyaṇa: seine unverlierbare Śakti, die Göttin, das Wesen seiner Wesenszüge (taddharmadharmiṇī), vollbringt stets durch wunderwirkende Māyā die fünf Werke; in Viṣṇus Gestalt alldurchdringend, allen Wesen folgend, entfaltet sie den Entwurf (saṃkalpa), der der Träger aller Welten ist. Nachdem sie [das Wesen ?] und eine vielfältige Welt hervorgebracht hat, durchdringt sie den Herrn des Raumes (vyomeśa) und steht wieder klar [in sich] fest.

[?] V.54: harty – Lesart „harati“ (Etymologie von tāra/tārikā: „hrīṃ“); OCR verderbt. V.55 „mānair“ (OCR „maunair“) und kīrtyate (OCR „kīryate“) sind Lesarten aus dem Zusammenhang. Das „hrīṃ“ steht als Tāra der Śākta-Tradition [Lehr-Ausdruck; die Stelle deutet es als Keimsilbe der Trias Wegnehmen–Ermessen]. V.60 „samāśritānalaṃ bhāvam“ unsicher (OCR); die Parallelverse 67–68 lesen „samāsthito ’nalaṃ …“ – der Sinn „ein [?] Wesen“ bleibt offen. Die fünf Werke (pañcakṛtya) sind in dieser Tradition Schöpfung, Erhaltung, Auflösung, Verhüllung, Gnade.

paro 'yam artha uddiṣṭas tārikāyā mahāmune | (athānutārāyāḥ sthūlārthanirūpaṇam) śṛṇāti nikhilān doṣāñ chrīṇāti ca guṇair jagat ||61|| śrīyate cākhilair nityaṃ śrayate ca paraṃ padam | śabdataḥ sthūla uddiṣṭaḥ śriya eṣa mahāmune ||62|| (athāsūkṣmārthanirūpaṇam) puṇḍarīkaṃ paraṃ dhāma nityam akṣaram avyayam | śaṃkarī śrayatāṃ tatra mardayantī bhavodadhim ||63|| nānāśrayakarī bhūtvā tattadbhogapradānataḥ | (atha parārthanirūpaṇam) iti te sūkṣma uddiṣṭaḥ param atha niśāmaya ||64|| praśāntaṃ yat paraṃ brahma nityaśuddhaṃ nirañjanam | ṣāḍguṇyam acalaṃ divyaṃ nārāyaṇasamāhvayam ||65|| taddharmadharmiṇī devī śaktis tasyānapāyinī | māyāścaryakaratvena pañcakṛtyakarī sadā ||66|| vyāpinī viṣṇurūpeṇa sarvabhāvānubhāvinī | aśeṣabhuvanādhārasaṃkalpapravijṛmbhiṇī ||67|| samāsthitā 'nalaṃ bhāvaṃ vidhāya vividhaṃ jagat | vyomeśavyāpinī spaṣṭaṃ punaḥ sā pratitiṣṭhati ||68|| artho 'yam anutārāyās tārāyā iva varṇitaḥ | (athoktasarvārthasaṃkṣepaḥ) sarvavācyārthaviṣayaṃ saṃkṣepaṃ śṛṇu nārada ||69||

Dies ist der höchste Sinn der Tārikā [= Tāra], o großer Weiser. [Nun Anutārā, d.h. Śrī:] Sie zerbricht (śṛṇāti) alle Fehler und läutert/reift (śrīṇāti) die Welt durch Tugenden; sie wird stets von allen aufgesucht (śrīyate) und sucht selbst die höchste Stätte auf (śrayate). So ist dir, o großer Weiser, der grobe Sinn nach dem Wortlaut [?] von „Śrī“ genannt. Der Lotos (puṇḍarīka), höchste Stätte, ewig, unvergänglich, unerschöpflich – dort möge die Śaṃkarī, die Segenbringende, Zuflucht nehmen, den Ozean des Werdens (bhava) zermalmend [?], indem sie durch das Verleihen der jeweiligen Genüsse vielerlei Zuflucht gewährt. So ist dir das Feine genannt; nun vernimm das Höchste. Das höchste Brahman, das friedvoll, ewig rein, makellos, sechsfach (ṣāḍguṇya), unbeweglich, göttlich ist und „Nārāyaṇa“ heißt – seine unverlierbare Śakti, die Göttin, das Wesen seiner Wesenszüge, vollbringt stets die fünf Werke mit wunderwirkender Māyā; in Viṣṇus Gestalt alldurchdringend, in allen Wesen erfahrbar, entfaltet sie den Entwurf, der aller Welten Träger ist. Nachdem sie das Wesen [?] und eine vielfältige Welt hervorgebracht hat, durchdringt sie den Herrn des Raumes und steht klar wieder [in sich] fest. So ist der Sinn der Anutārā entfaltet, wie zuvor der der Tārā. Vernimm nun, Nārada, die Zusammenfassung, die den ganzen bezeichneten Sinn betrifft:

[?] V.61–62: klassische vierfache Wurzel-Deutung von „Śrī“: śṛṇāti (√śṝ „zerbrechen“), śrīṇāti (√śrī „reifen/garen“), śrīyate (passiv „wird verehrt/aufgesucht“) und śrayate („nimmt Zuflucht“). „śabdataḥ“ (OCR „ṭhedātaḥ“) ist eine Konjektur [?]. V.63: śrayatām als 3. Sg. Imperativ Medium gelesen; mardayantī (Apparat: madayantī „erfreuend“) unsicher; Apparatvariante bhavāmbudhim. „Śaṃkarī“ = Śrī (in der Bedeutung „die Heilbringende“). V.66–68 wiederholen V.58–60 fast wörtlich (Kurzformel der Śakti-Beschreibung); die Vers-Zählung folgt den im OCR sichtbaren Nummern 62 und 69.

yo 'sau tvayerito devaḥ paramātmā sanātanaḥ | śaktimān akhilāvāsaḥ ṣāḍguṇyaparibṛṃhitaḥ ||70|| taddharmadharmiṇī śaktir ekā tasyānapāyinī | sarvabhūtānugā devī stemilyam iva vāridheḥ ||71|| atyantālpāspṛkāṃśena sā svenaiva vibhāvyate | bhāvyabhāvakabhedena bhāvyā bhūtiḥ sitetarā ||72|| bhāvako viṣṇusaṃkalpaḥ sudarśanasamāhvayaḥ | bhūtiḥ śabdārthabhedena dvidhā pūrvā pravartate ||73|| śabdasya śabdanaṃ dhatte yattadarthaṃ prati rūpyate | tatkriyārūpato jñeyaṃ sudarśanamayaṃ vapuḥ ||74|| śabdabhāvo hi yo 'rthasya karmabhāvasamāhvayaḥ | so 'pi kriyātmabhāvena sudarśanamayaḥ smṛtaḥ ||75|| ataḥ spandamayo viṣṇor yaḥ saṃkalpaḥ sudarśanam | tanmayy eva kriyā sarvā kārakasthā na saṃśayaḥ ||76|| sarvaḥ śabdaś ca sarvaś ca vācyo dvedhā pravartate | guṇena karmaṇā vāpi vidhā 'nyā naiva vidyate ||77|| ato naiva pravartante vāco brahmaṇi rūpataḥ | avagāhayato brahma te tu guṇakarmaṇī ||78|| te ca sodare rūpe viśeṣaṇamayātmanā | mantragrāmo hi yo yāvān brahmaṇi pravigāhate ||79|| sudarśanaprabhāveṇa tat sarvam iti cintayatām | iti te gaditaḥ samyak saṃkṣepaḥ śāstrasaṃmataḥ | asya vistṛtim avyagro mantre mantre nibodha me ||80|| iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahibudhnyasaṃhitāyāṃ tārādibījākṣarasvarūpa-tadartha-varṇanaṃ nāmaikapañcāśo 'dhyāyaḥ | oṃ | (āditaḥ ślokāḥ 3317)

Jener Gott, den du genannt hast, der höchste Ātman, ewig, machtbesitzend, Wohnstätte des Ganzen, von den sechs Eigenschaften gestärkt – seine eine, unverlierbare Śakti, das Wesen seiner Wesenszüge, allen Wesen folgend, die Göttin, gleich der Windstille des Ozeans: sie wird in kaum berührendem Teil durch sich selbst erfasst [?]; nach der Unterscheidung des Zu-Erfassenden und des Erfassenden [ist sie] die zu erfassende Macht, die „nicht-weiße“ [?] – der Erfassende ist Viṣṇus Entwurf (saṃkalpa), Sudarśana genannt; die Macht aber wirkt zuvor zweifach, nach Wort und Sinn. [Sie] trägt das Ertönen des Wortes; im Hinblick auf dessen Sinn wird es gestaltet [?]; nach seiner Gestalt als Handlung ist der Leib als Sudarśana-hafter zu erkennen. Der Wort-Zustand des Sinnes, der „Handlungs-Zustand“ heißt, gilt auch er, im Wesen der Tätigkeit, als Sudarśana-haft. Darum ist Viṣṇus Entwurf, der aus Schwingung (spanda) besteht, das Sudarśana; aus ihm besteht ohne Zweifel jede Handlung, die in den Handlungsfaktoren (kāraka) ruht. Jedes Wort und jedes Bezeichnete wirkt zweifach: durch Eigenschaft oder durch Handlung; eine andere Weise gibt es nicht. Deshalb können die Worte Brahman gar nicht seiner Gestalt nach erreichen; sie berühren Brahman nur als Eigenschaft und Handlung. Und diese beiden sind Zwillings-Gestalten, im Wesen aus Zuschreibung (viśeṣaṇa) bestehend. Die ganze Menge der Mantras, so viele in Brahman eindringen – „all das [geschieht] durch Sudarśanas Macht“: so sollen die Betrachtenden denken. So ist dir die Zusammenfassung, wie sie die Śāstra billigt, richtig dargelegt; ihre Ausführung vernimm nun aufmerksam von mir, Mantra für Mantra. So endet im Pāñcarātra-Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das einundfünfzigste Kapitel: Darlegung von Wesen und Sinn der mit Tāra beginnenden Keimsilben. Oṃ. (Von Anfang an: 3317 Verse.)

[?] V.72: „atyantālpāspṛkāṃśena“ und „sitetarā“ sind im OCR unsicher; die Übersetzung ist tastend. V.74 (Halbvers 1) unsicher; die Apparatvariante liest „yattadarthaṃ prati rūpyate“. V.75 Apparatvariante kriyānubhāvena. V.79–80: die letzten fünf Halbverse sind metrisch nicht auf vier Zeilen aufteilbar; die Zählung folgt der Kolophon-Summe 3317 (= 3237 + 80). Kolophon-Ziffer im OCR als „3 2 3 1 7“ gelesen (fehlerhaft, mit überzähliger Ziffer); Rechnung 3237 + 80 = 3317 bestätigt die Verszahl 80. V.77–78: Kerngedanke: Wörter bezeichnen nur durch Eigenschaft (guṇa) oder Handlung (karman); Brahman selbst entzieht sich der Bezeichnung.

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