Paṭala 52: atha viṣṇu-nārāyaṇa-vāsudeva-mantrārtha-nirūpaṇaṃ nāma dvipañcāśo 'dhyāyaḥ
Zweiundfünfzigstes Kapitel: Darlegung des Sinns der Mantras „Viṣṇu“, „Nārāyaṇa“ und „Vāsudeva“ (mit der Lehre vom „namaḥ“)
Quelle: Ahirbudhnya-Saṃhitā, Bd. 2 (archive.org in.ernet.dli.2015.322565), OCR ca. S. 539-553, Devanāgarī-OCR, stark verrauscht; sa-Feld rekonstruiert und in IAST wiedergegeben, unsichere Stellen mit [?] bzw. eckigen Klammern. Fortsetzung der Mantra-Silben-Lehre von Kap. 51: Ahirbudhnya legt zunächst das allen Mantras gemeinsame „namaḥ“ aus – als Sich-Beugen des Niederen vor dem Größeren, mit einer sechsgliedrigen Selbsthingabe (Selbsthingabe, Hilflosigkeit, großes Vertrauen, Wahl zum Beschützer, Meiden des Widrigen, Vorsatz des Zuträglichen), jedes Glied durch sein Gegenteil abgegrenzt – und zerlegt dann die drei Mantras Viṣṇu (aus den Wurzeln viṣ/vī/viś/iṣ), Nārāyaṇa (aus nara/nāra/ayana) und Vāsudeva (Silbe für Silbe, mit Zuordnung der Vyūhas Vāsudeva, Saṃkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha) jeweils in einen groben (aus Grammatik und Kasus), feinen (aus Wortstamm/Wurzel) und höchsten (silbenweisen) Sinn. Die in Klammern gesetzten Zwischenüberschriften im sa-Feld stammen aus der Ausgabe (redaktionelle Sachüberschriften; wegen OCR-Rauschen teilweise rekonstruiert). Kumulierte Verszahl laut Kolophon: 3402 (3317 + 85).
Ahirbudhnya sprach: Das Wesen von Tāra, Tārā und Anutāra ist dir gezeigt worden – das, was im Groben, Feinen und Höchsten aus Eigenschaft und Handlung erwächst [?]. Vernimm nun den Sinn der Mantras, die mit „Viṣṇu“ beginnen.
[Zuerst das allen Mantras gemeinsame Wort „namaḥ“:] Das Tun eines Einsichtigen, das von selbst im Sich-Beugen (prahvībhāva) besteht und auf ein Höheres, den Höchsten, gerichtet ist – das wird „namaḥ“ genannt. In der Welt wird die Klasse der Bewusstwesen nur zweifach gedacht: der Größere (jyāyān) und der Nicht-Größere (ajyāyān); über diese beiden hinaus gibt es keinen anderen. Wo die Steigerung (prakarṣa) nach Zeit und nach Eigenschaften [ihren Gipfel] hat, auf den stützt sich das Wort „der Größere“ im eigentlichen Sinn. Daher gilt bei den Weisen die andere Klasse der Bewusstwesen als die niedere [?]. Die Verbindung der Nicht-Größeren mit diesen beiden [?] wird als [Verhältnis von] Zubehör (śeṣa) und Besitzer (śeṣin) verstanden; alle gelten als Nicht-Größere, einzig der Höchste ist der Größere [?].
[?] V.1 guṇakarmanimittajam: OCR „yaṇakarmanimittajam“; Lesart aus dem Zusammenhang (Kap. 51, V.77: Wörter bezeichnen durch Eigenschaft oder Handlung). V.5 [avaro]: OCR „paryavaro/prayavaraḥ“, als „avara“ (niedriger) gelesen [?]. V.6 [bhūtaḥ]: OCR „bhutaḥ“, unsicher. „śeṣa/śeṣin“: Zubehör/Besitzer – das Verhältnis der Seele zu Gott in der Lehre der Pāñcarātra-Tradition; hier wörtlich übersetzt.
nantṛnantavyabhāvena teṣāṃ tena samanvayaḥ | nantavyaḥ paramaḥ śeṣī śeṣā nantāra īritāḥ ||7||
(jīveśayoḥ śeṣaśeṣibhāvasya nirupādhikatvam)
nantṛnantavyabhāvo 'yaṃ na prayojanapūrvakaḥ | nīcoccayoḥ svabhāvo 'yaṃ nantṛnantavyatātmakaḥ ||8||
(nirupādhikotkarṣāpakarṣajñānasya namanahetutvam)
upādhirahitena 'yaṃ yena bhāvena cetanaḥ | namati jyāyase tasmai tad vā namanam ucyate ||9||
bhagavān mat paro nityam ahaṃ tv avaraḥ sadā | iti bhāvo namaḥ prokto namasaḥ kāraṇaṃ hi saḥ ||10||
(antarṇītaṇijarthavivakṣayā namaḥśabdasya nirvacanāntarapradarśanam)
nāmayaty api vā devaṃ prahvībhāvayati dhruvam | prahvībhavati nīce hi paro necyaṃ vilokayan ||11||
ato vā nama uddiṣṭaṃ yat taṃ nāmayati svayam |
(karaṇatrayasahitasya namasaḥ pūrṇatvam)
vācā nama iti procya manasā vapuṣā ca yat ||12||
tan namaḥ pūrṇam uddiṣṭam ato 'nyat tūnam ucyate | iyaṃ karaṇapūrtiḥ syād aṅgapūrtim imāṃ śṛṇu ||13||
Zwischen Beugendem (nantṛ) und dem, dem man sich beugt (nantavya), besteht die Verbindung: Der Höchste ist der, dem man sich beugt, der Besitzer (śeṣin); die Zubehörigen (śeṣa) werden „die Beugenden“ genannt. Dieses Verhältnis von Beugendem und Zu-Beugendem ist nicht zweckbedingt: Es ist die Natur von Niedrig und Hoch, dem Wesen nach Beugen und Zu-Beugendes. Mit welcher Gesinnung, frei von Zusatzbedingungen (upādhi), das Bewusstwesen sich vor dem Größeren beugt – das wird „Beugen“ (namana) genannt. „Der Erhabene ist stets höher als ich, ich aber stets niedriger“: Diese Gesinnung heißt „namaḥ“, denn sie ist der Grund des Namas.
Oder: er [Gott] lässt auch sich selbst beugen; er bewirkt gewiss das Sich-Neigen; denn der Niedrige neigt sich, den Höchsten erblickend [?]. Oder „namaḥ“ wird [so] bezeichnet, weil er den [Verehrer] selbst sich neigen lässt. Wenn man „namaḥ“ mit Rede gesagt hat, mit Geist und mit Leib, so ist das ein vollständiges Namas; alles andere heißt mangelhaft. Dies wäre die Vollständigkeit der [drei] Werkzeuge; die Vollständigkeit der Glieder vernimm nun:
[?] V.11 (Halbvers 2): „prahvībhavati nīce hi paro necyaṃ vilokayan“ ist im OCR verderbt; die Übersetzung ist tastend. V.10: mat = Ablativ von „ich“ („höher als ich“), gemäß Apparat der Edition (Lesart „bhagavān me paro“ als Variante). Die Lehre von den „drei Werkzeugen“ (Rede, Geist, Leib) und den [folgenden] sechs Gliedern ist der Kern der Selbsthingabe (prapatti).
(atha prapannasya prapatty-uttara-bhāvi-saṃbhāvita-svabhāva-ṣaṭka-vivakṣayā prathamaṃ prahvībhāvātmakātmanikṣepanirūpaṇam)
śāśvatī mama saṃsiddhir iyaṃ prahvībhavāmi yat | puruṣaṃ param uddiśya na me siddhir ato 'nyathā ||14||
ity aṅgam uditaṃ prathamaṃ phalepsā tadvirodhinī |
(atha kārpaṇyanirūpaṇam)
anādivāsanārohād anaiśvaryasvabhāvajāt ||15||
malāvaṣṭabdhatvāc ca śaktikriyāvihatir hi yā | tat kārpaṇyaṃ tadbodho dvitīyam aṅgam īdṛśām ||16||
(tadvirodhinirūpaṇam)
svasvātantryāvabodhas tu tadvirodhīty udīryate |
(atha mahāviśvāsanirūpaṇam)
paratve sati devo 'yaṃ bhūtānām anukampanaḥ ||17||
anugrahaikadhīr nityam ity etat tu tṛtīyakam |
(tadvirodhinirūpaṇam)
upekṣako yathākarma phaladāyīti yā matiḥ ||18||
viśvāsātmakam etat tu tṛtīyaṃ hanti vai sadā |
(atha goptṛtvavaraṇanirūpaṇam)
evaṃbhūto 'py aśaktaḥ sann na trāṇaṃ bhavituṃ kṣamaḥ ||19||
iti buddhyā 'sya devasya goptṛśaktinirūpaṇam | caturtham aṅgam uddiṣṭam
(tadvirodhinirūpaṇam)
amuṣya vyāhatiḥ punaḥ ||20||
udāsīno guṇābhāvād ity upekṣānimittajā |
(atha prātikūlyavarjananirūpaṇam)
svasya svāmyanivṛttir yā prātikūlyavivarjanam ||21||
tad aṅgaṃ pañcamaṃ proktam ājñāvyāghātavarjanam |
(tadvirodhinirūpaṇam)
aśāstrīyopasevā tu tadvyāghāta ucyate ||22||
(athānukūlyasaṃkalpanirūpaṇam)
carācarāṇi bhūtāni sarvāṇi bhagavadvapuḥ | atas tad ānukūlyaṃ me kāryam eveti niścayaḥ ||23||
ṣaṣṭham aṅgaṃ samuddiṣṭaṃ
(tadvirodhinirūpaṇam)
tadvighāto nirākṛtiḥ |
(uktārthanigamanam)
pūrṇam aṅgopadeśāc ca namanaṃ te prakīrtitam ||24||
[Erstes Glied: Selbsthingabe als Sich-Beugen.] „Meine Vollendung ist ewig: dass ich mich beuge, auf den Höchsten Puruṣa hin; ohne ihn gibt es keine Vollendung für mich.“ So ist das erste Glied genannt; sein Gegenteil ist das Begehren nach Lohn (phalepsā).
[Zweites Glied: Hilflosigkeit (kārpaṇya).] Aus anfangsloser Prägung, aus der Natur der Nicht-Herrschaft geboren, und weil man vom Makel (mala) festgehalten wird, entsteht die Vereitelung von Kraft und Tun: das ist Hilflosigkeit; das Wissen darum ist das zweite Glied bei solchen [Wesen]. Sein Gegenteil ist das Wähnen der eigenen Unabhängigkeit.
[Drittes Glied: großes Vertrauen (mahāviśvāsa).] Dieser Gott ist, da er der Höchste ist, den Wesen mitleidig, stets einzig auf Gnade bedacht – dies ist das dritte. Sein Gegenteil ist die Meinung „er ist gleichgültig und gibt nur, wie es dem Tun entspricht, Frucht“; diese zerstört das Vertrauen-Hafte, das dritte, stets.
[Viertes Glied: Wahl zum Beschützer (goptṛtvavaraṇa).] „So beschaffen und dennoch machtlos – wäre er unfähig, Schützer zu sein?“ [?] Mit dieser Einsicht wird die Darlegung der Schutzkraft dieses Gottes als das vierte Glied bezeichnet; dessen Vereitelung wiederum ist [der Gedanke] „er ist gleichgültig, weil ihm Eigenschaften fehlen“, der aus Geringachtung entsteht.
[Fünftes Glied: Meiden des Widrigen (prātikūlyavarjana).] Das Ablassen von der Herrschaft über sich selbst: das Meiden des Widrigen – das wird als fünftes Glied bezeichnet, das Vermeiden des Bruchs seiner Weisung; der Bruch davon ist das Aufsuchen dessen, was nicht in der Śāstra steht.
[Sechstes Glied: Vorsatz des Zuträglichen (ānukūlya).] „Alle beweglichen und unbeweglichen Wesen sind der Leib des Erhabenen; darum muss ich ihnen gegenüber Zuträglichkeit üben“ – das ist der Entschluss. Das sechste Glied ist damit genannt; seine Zerstörung ist das Abweisen [der Wesen]. So ist dir das vollständige Namas samt der Lehre von den Gliedern dargelegt.
[?] V.19: der Halbvers „evaṃbhūto 'py aśaktaḥ sann …“ ist syntaktisch schwierig (die Edition liest ihn mit ergänztem Verb als rhetorische Frage); die Übersetzung gibt den Wortlaut als Frage wieder. V.15: „anaiśvarya-svabhāvajāt“ (OCR „aneśvaryotsvabhāvajāt“) rekonstruiert. V.16: malāvaṣṭabdhatvāc (OCR „malāvaṣṭhitatvāc“) rekonstruiert. V.22 „pañcamam“ (OCR „prathamam“). Die sechs Glieder entsprechen der klassischen Aufzählung der Selbsthingabe (śaraṇāgati): Vorsatz des Zuträglichen, Meiden des Widrigen, Vertrauen, Wahl zum Beschützer, Hilflosigkeit, Selbsthingabe – hier in eigener Reihenfolge geordnet: Selbsthingabe (1), Hilflosigkeit (2), Vertrauen (3), Wahl zum Beschützer (4), Meiden des Widrigen (5), Zuträgliches (6). Jedes Glied wird mit einem Gegenteil (virodhin) kontrastiert.
sthūlo 'yaṃ namasaś cārthaḥ sūkṣmam atha niśāmaya |
(athanamaḥśabdasya sūkṣmārthanirūpaṇe ma ity asyāhaṃkāramamakāravācitvam)
cetanasya yadā [mamyaṃ] svasmin svīye ca vastuni ||25||
ma ity akṣaradvandvaṃ tadā [mamyasya] vācakam |
(namaḥśabdasyāhaṃtāmamatābuddhinivartakatvam)
anādivāsanādhīnamithyājñānanibandhanā ||26||
ātmātmīyapadārthasthā yā svātantryasvatāmatiḥ | na me 'ty evaṃ samīcīnabuddhyā sā 'tra nivartate ||27||
(uktārthasyaiva vivaraṇam)
nāhaṃ mama svatantro 'haṃ nāsmīyasyārtha ucyate | na me dehādikaṃ vastu sa śeṣaḥ paramātmanaḥ ||28||
iti buddhvā nivartante tās tāḥ svīyā manīṣikāḥ |
(namaḥśabdārthajñānasyāhaṃtāmamatābuddhinivartakatve upapattipradarśanam)
anādivāsanājātair bodhais tair vikalpitaiḥ ||29||
dūṣitaṃ yad dhi cittaṃ svātantryasvāmyamayam | tat tad vaiṣṇavasārvātmyapratibodhasamutthayā ||30||
namaḥ ity anayā vācā mantreṇa svasmād apohyate | iti te sūkṣma uddiṣṭaḥ param atha niśāmaya ||31||
(atha namaḥśabdasya parārthanirūpaṇam)
panthā nakāra uddiṣṭo maḥ pradhāno nirūpyate | visargaḥ parameśas tu tatrārtho 'yaṃ nirūpyate ||32||
anādiḥ parameśo yaḥ śaktimān puruṣottamaḥ | tatprāptaye pradhāno 'yaṃ panthā namananāmavān ||33||
Dies ist der grobe Sinn von „namas“; nun vernimm den feinen. Wenn das Bewusstwesen [den Gedanken „mein“ ?] auf sich selbst und auf Eigenes bezieht, dann ist das Silbenpaar „ma“ [ma-ma] der Anzeiger dieses „Meinigen“ [?]. Die aus anfangsloser Prägung, aus falschem Wissen begründete, auf Selbst und Eigenes gerichtete Vorstellung von Unabhängigkeit und Eigenbesitz schwindet hier durch die rechte Einsicht „nicht mein“ [?].
„Nicht ich bin mein [eigener Herr], nicht unabhängig bin ich; auch für das Meinige wird kein [Eigen-]Zweck genannt; nicht mein sind Leib usw.; er [der Leib?] ist Zubehör (śeṣa) des Höchsten Selbst“ [?] – indem sie dies erkennen, lassen jene eigenen Einbildungen nach. Denn das Bewusstsein (citta), das durch vielerlei aus anfangsloser Prägung geborene, ausgedachte Erkenntnisse befleckt ist und aus Unabhängigkeit und Herrentum besteht, wird durch das aus dem Erwachen zur Allselbstheit des Viṣṇu aufsteigende [Wissen] durch dieses Wort „namaḥ“, dieses Mantra, aus dem eigenen Selbst entfernt. So ist dir das Feine genannt; nun vernimm das Höchste.
Der Weg ist die Silbe „na“ genannt; „ma“ wird als das Hauptsächliche bezeichnet; der Visarga aber ist der Höchste Herr – hierauf wird dieser Sinn bezogen: der anfangslose Höchste Herr, der Machtbesitzer, der beste der Puruṣas. Um ihn zu erreichen, ist dies der Hauptweg, der den Namen „Beugen“ (namana) trägt.
[?] V.25: das Wort „mamyam/mamyasya“ ist im OCR unklar (hier als [mamyaṃ], [mamyasya] gesetzt); gemeint ist vermutlich der Gedanke „mein“ (mama), wobei das Silbenpaar „ma-ma“ Ich-Sinn und Mein-Sinn bezeichnet. V.27 „na me 'ty evam“ (OCR „me neyevaṃ“) unsicher. V.28: die Bezugnahme von „sa śeṣaḥ“ (hier auf den Leib bezogen) ist unsicher. V.31 „mantreṇa“ (OCR „mantrā“) unsicher. Die Deutung von „namaḥ“ in V.32: na = Weg (pantha), ma = das Hauptsächliche, Visarga = der Höchste Herr – eine dreiteilige Lautdeutung (die Silbe „na“ als Verneinung/Weg wird bewusst so gelesen).
iti te trividhaḥ proktaḥ namaḥśabdārtha īdṛśaḥ |
(atha viṣṇvādimantratrayasya sthūlārthanirūpaṇam)
viṣṇunārāyaṇādīnām artham atha niśāmaya ||34||
nīcabhāvena saṃyojya ātmano yat samarpaṇam | viṣṇvādisthā caturthī tat saṃpradānapradarśanī ||35||
nīcībhūto hy asāv ātmā yat saṃrakṣyatayā 'pyate | tatkartā ity apekṣāyāṃ viṣṇave sa itīṣyate ||36||
kriyākārakasaṃsargakramebhyo 'rthaḥ sthūla īritaḥ |
(atha viṣṇumantrasya sūkṣmārthanirūpaṇe viṣṇau paratvadyotakaguṇaviśeṣanirūpaṇam)
yaḥ prātipadikapekṣājanyaḥ sūkṣmaḥ sa iṣyate ||37||
vyāptikāntipraveśecchās tattaddhātunibandhanāḥ | paratvavyotakā viṣṇor devasya paramātmanaḥ ||38||
(tatra vyāptiguṇanirūpaṇam)
vyāpnoti deśakālābhyāṃ sarvaṃ yad rūpato 'pi ca | tat paraṃ gaditaṃ sadbhir viṣdhātor nirūpaṇāt ||39||
(kāntiguṇanirūpaṇam)
kāntir nāma guṇotkarṣo guṇā jñānabalādayaḥ | atibhūri prakṛṣyante yatra kāntaḥ sa īritaḥ ||40||
akāntāś cetanāḥ sarve kāntaḥ sa puruṣaḥ paraḥ | kāntir nāma guṇaḥ so 'yaṃ [vī]dhātor nirūpaṇāt ||41||
(praveśaguṇanirūpaṇam)
cetanācetanāḥ sarve viśanty eva yataḥ svayam | mahīyāṃsaṃ viśann eva yo 'ṇīyān aṇuṣu svayam ||42||
sa paro gaditaḥ sadbhir viśdhātor nirūpaṇāt |
(icchāguṇanirūpaṇam)
ya iṣyate sadā sarvair ātmabhāvena cetanaiḥ ||43||
sa paro gaditaḥ sadbhir iṣdhātor nirūpaṇāt |
(viṣṇuśabda ekaikavarṇalabhyārthanirūpaṇam)
viśvaṃ prajāyate vastu samaiti ca tatra hi ||44||
prasnauti ca sadā sadbhyaḥ puruṣārthaṃ caturvidham |
veḥ ṣacheś ca snuteś caiva viṣṇudhātutrayānvayāt ||45||
iti te deśataḥ sūkṣmo viṣṇuśabdārtha īritaḥ |
(atha parārthanirūpaṇam)
paras tv akṣaralabhyo 'rthas tasya tattvaṃ niśāmaya ||46||
avikuṇṭhitasarvārtho jyotistrayasamindhanaḥ | daśālayabhayam ity etat paro 'rthaḥ parikīrtitaḥ ||47||
iti te vaiṣṇave mantre trividhā gatir īritā |
(atha nārāyaṇamantrasya sūkṣmārthanirūpaṇam)
nārāyaṇe nibodhaitad rūpāṇāṃ tritayaṃ mune ||48||
So ist dir die dreifache Bedeutung des Wortes „namaḥ“ genannt. Nun vernimm den Sinn von Viṣṇu, Nārāyaṇa usw.
[Grober Sinn von „viṣṇave“:] Die Hingabe des Selbst, verbunden mit dem Zustand der Erniedrigung – die vierte Endung (der Dativ), die bei „Viṣṇu“ usw. steht, weist auf den Empfänger (saṃpradāna). Dieses erniedrigte Selbst wird als das zu Schützende [ihm] zugeführt; „wer ist dessen [Schützer]?“ – bei dieser Erwartung ist mit „viṣṇave“ [„dem Viṣṇu“] jener gemeint [?]. Der Sinn, der aus dem Zusammenhang von Handlung, Handlungsfaktor und Ordnung stammt, wird als grob bezeichnet; der aus der Bedeutung des Nominalstamms (prātipadika) erzeugte gilt als fein.
[Feiner Sinn:] Verbreitung, Glanz, Eintritt und Wunsch, gebunden an die jeweiligen Wurzeln, sind Anzeiger der Höchstheit Viṣṇus, des göttlichen Höchsten Selbst. Da er nach Raum und Zeit alles durchdringt, und auch seiner Gestalt nach, wird er von den Guten als der Höchste (para) bezeichnet, gemäß der Auslegung der Wurzel viṣ. „Kānti“ heißt Höchststand der Eigenschaften, Eigenschaften wie Wissen und Kraft; wo diese in überreichem Maße gesteigert werden, den nennt man „kānta“. Alle Bewusstwesen sind nicht-kānta; jener Puruṣa, der Höchste, ist kānta – „kānti“ ist diese Eigenschaft, gemäß der Auslegung der Wurzel [vī ?]. Da alle bewussten und unbewussten [Wesen] von selbst in ihn eintreten (viśanti), und er selbst, im Größten weilend, der Kleinste unter den Atomen ist, wird er von den Guten der Höchste genannt, gemäß der Auslegung der Wurzel viś. Er, der von allen Bewusstwesen stets als eigenes Selbst gewünscht (iṣyate) wird, wird von den Guten der Höchste genannt, gemäß der Auslegung der Wurzel iṣ.
Aus ihm entsteht das All, ein Ding, und geht darin zusammen; er lässt den Guten stets das vierfache Menschenziel [zuströmen] (prasnauti) – aus den [Wurzeln] vī, [pac/sac ?] und snu, wegen des Zusammentreffens der drei Wurzeln im Wort „Viṣṇu“. So ist dir der feine Sinn des Wortes Viṣṇu in Kürze genannt. Den höchsten Sinn aber, der durch die Silben zu erlangen ist – dessen Wesen vernimm: „der, dessen alle Zwecke unbehindert sind, von drei Lichtern entzündet, [?]“ – dies wird als höchster Sinn verkündet [?]. So ist dir beim Viṣṇu-Mantra der dreifache Weg genannt. Nun vernimm bei „Nārāyaṇa“ die drei Gestalten [des Sinns], o Weiser:
[?] V.36 „tatkartā … viṣṇave sa itīṣyate“ unsicher. V.38–43: vier Wurzeln – viṣ (durchdringen), vī (glänzen/wünschen, vgl. Apparat der Edition), viś (eintreten), iṣ (wünschen) – werden auf den Namen Viṣṇu bezogen (Wurzeldeutung, nirvacana). V.41 [vī] unsicher (OCR „pro-dhātoḥ“). V.42 unsicher: das Verb viśanti mit Bezug auf „von selbst“ ist im OCR verderbt. V.44: der erste Halbvers wirkt im OCR unvollständig (möglicherweise fehlt eine Zeile; der Apparat verzeichnet samupaiti als Variante von samaiti). V.45 „ṣacheś ca“ ist Rekonstruktion für OCR „kṣacheś ca“ (Wurzelname unsicher; laut Randnote der Edition ist eine Wurzel „pac/saṃ-ava-√i“ gemeint, mit Randbemerkung, dass „sedh“ von anderen vorgeschlagen, aber verworfen wurde). V.47: „daśālayabhayam“ ist im OCR unverständlich; hier gebe ich nur den unsicheren Wortlaut wieder. Die Randnote der Edition verweist ferner auf die Verdoppelung des ṣ im Wort viṣṇu.
kriyākārakasaṃsargakramebhyo 'rthas tatra sthūlo nirdiṣṭaḥ |
yaḥ prātipadikastho 'rthaḥ sa sūkṣmo 'tha nirūpyate ||49||
narasaṃbandhino nārā naraḥ sa puruṣottamaḥ | nayaty akhilavijñānaṃ nāśayaty akhilaṃ tamaḥ ||50||
na riṣyati ca sarvatra naras tasmāt sanātanaḥ | narasaṃbandhinaḥ sarve cetanācetanātmakāḥ ||51||
īśitavyatayā nārā dhāryapoṣyatayā tathā | niyāmyatvena sṛjyatvapraveśaharaṇais tathā ||52||
ayate nikhilān nārān vyāpnoti kriyayā tathā | nārāś cāpyayanaṃ tasya tais tadbhāvanirūpaṇāt ||53||
nārāṇām ayanaṃ vāsas te ca tasyāyanaṃ sadā | paramā ca gatis teṣāṃ nārāṇām ātmanāṃ sadā ||54||
āpo nārā iti proktās tā apyayanam asya ca | ato nārāyaṇo nāma hetubhir īritaḥ paraḥ ||55||
iti te sūkṣma uddiṣṭaḥ paraṃ varṇāśrayaṃ śṛṇu |
(atha parārthanirūpaṇam)
akuṇṭhitaś cakrarūpaḥ samastaduritānalaḥ ||56||
vyāpakaḥ sarvaśāstreṣu prathito gopanaḥ satām | sadānandamayaḥ panthā nārāṇāṃ ca parā gatiḥ ||57||
[Nārāyaṇa.] Der Sinn, der aus dem Zusammenhang von Handlung, Handlungsfaktor und Ordnung stammt, wird dort als grob bezeichnet; der aber, der im Nominalstamm ruht, wird nun als fein dargelegt: Nāras sind die, die zum Nara gehören; Nara ist jener Puruṣottama. Er führt (nayati) alles Wissen [herbei] und vernichtet alle Finsternis; und er geht nirgends zugrunde (na riṣyati) – darum ist Nara der Ewige. Zum Nara gehörig ist alles, bewusst und unbewusst: als das zu Beherrschende, als zu Tragendes und zu Nährendes, als zu Lenkendes, als zu Erschaffendes, zu Betretendes und zu Entziehendes sind sie Nāras. Er geht (ayate) zu allen Nāras, und er durchdringt sie mit seinem Wirken; und die Nāras sind sein Ort (ayana), gemäß der Auslegung ihrer jeweiligen Zustände. Der Aufenthaltsort der Nāras ist [seine] Wohnstätte, und sie sind stets sein Ort; und für die Nāras, die Selbste, ist er stets das höchste Ziel. „Die Wasser heißen Nārā“ – auch sie sind sein Ruheplatz. Aus diesen Gründen wird der Höchste Nārāyaṇa genannt.
So ist dir das Feine genannt; nun vernimm das Höchste, das in den Silben ruht: unbehindert, in der Gestalt des Diskus (cakra), Feuer aller Sünden, alldurchdringend, in allen Śāstras gerühmt, Beschützer der Guten, stets aus Wonne bestehend, Weg und höchstes Ziel der Nāras.
[?] V.50 „nayaty akhilavijñānam“ – OCR „nayaty akhilavijñānam“, Sinn „führt alles Wissen (herbei/heran)“ unsicher. V.55: „āpo nārā iti proktāḥ“ ist die klassische Erklärung des Namens (vgl. die bekannte Nirukti). V.56 „akuṇṭhitaś cakrarūpaḥ“: der Apparat der Edition verzeichnet „akuṇṭhīkṛtarūpaś ca“ als Variante. Die Namensdeutung von Nārāyaṇa entfaltet die Wortglieder nāra + ayana (Standort) und nara (Puruṣa) in mehreren Weisen.
Damit ist der höchste Sinn [für Nārāyaṇa] genannt; [nun] vernimm ihn für Vāsudeva. Der Sinn, der aus Handlung und Handlungsfaktoren stammt, der grobe, ist eben der zuvor genannte. Der feine Sinn im Mantra namens Vāsudeva stützt sich auf die einzelnen Wortglieder: „Bhagavān“ – dieses Wort bedeutet im Ganzen „der zu Verehrende“.
[„Bha“:] Er trägt (dhārayati) das ganze All und nährt es zugleich stets; er birgt/erhält (bharate) es im Untergang und hält es durch sich selbst zusammen: als das Feine, das in Werk und Wissen der drei Veden (trayī) besteht – so wird der Sinn von „bha“ dargelegt. [„Ga“:] Er wird von allen Worten besungen und von den Sehern gesungen; aus sich erkennt er alles, durchdringt die ganze Welt und ist der Lenker dieses Ganzen: das ist, o Weiser, der Sinn von „ga“. [„Vat“:] Er wählt (vṛṇute) das All als sein Eigenes, waltet in Herrschergestalt und lässt jeden Wunsch wachsen: so wird der Sinn von „vat“ genannt.
[„Vāsu“:] Er bedeckt (chādayati) das All mit seinem eigenen Wesen aus Wissen und Wonne, makellos; wie Brennholz, von Feuer durchdrungen, feuerhaft wird, so ist auch das All, von ihm bedeckt, ganz von ihm durchdrungen; weil das All in ihm wohnt (vasati) und er auch in ihm wohnt. Als Sinn des Wortes „vāsu“ wird genannt: „vā“ ist der Gehende (gantṛ); wie ein Faden durchwebt er alle Dinge – daher „vāḥ“ genannt. „Su“: er bringt alle Wesen hervor (prasūyate), er regt an (sauti), und er wird in den Mantras von den Guten gepriesen – so wird der Sinn von „su“ genannt [?]. [„Deva“:] Er leuchtet (dyotate) von selbst, spielt selbst in Schöpfung usw. und wird stets von den Göttern gepriesen – so wird „deva“ erklärt. „De“: Geber aller Wünsche, Läuterer aller Verkörperten, Beschützer aller Wesen – so wird „de“ genannt. „Va“: von allen zu verehren und Träger aller Selbste – dies ist der Sinn von „va“. So ist der feine Weg.
[?] V.66 „vāsuśabdārtha uddiṣṭo vā gantā parikīrtyate“: der Halbvers ist im OCR durch eine Zwischenüberschrift unterbrochen; „vā“ = „Gehender“ (√vā) gemäß dem Kontext. V.67 „iti svartho 'yam ucyate“ unsicher (vermutlich „su-artha“; die Randnote der Edition nennt „mantraikadeśānukaraṇatvāt su-tvam“). V.64 „amalātmanā“ (OCR „amarātmanā“). Die Silbenerklärung von Bhagavat (bha-ga-va-t) und Vāsudeva (vā-su-de-va) folgt dem Wortglied-Prinzip des Textes; sie stützt sich auf Wurzelanklänge (dhṛ/bhṛ, gai/ge, vṛ, chad, vas, vā, sū, div/dyut, dā, vah), nicht auf Sprachgeschichte.
[Höchster Sinn, im Mantra Vāsudeva:] Der höchste [Sinn] wird aber durch die Silben erschlossen – seine Gestalt vernimm: [„bha“] die feststehende [?], vorausgehende Grenze ist zu erkennen, die als Stoffursache (upādāna) genannt wird: „die ewige Stoffursache der Welt“ – so lautet die Betrachtung der Silbe „bha“. [„Ga“:] Er lässt die wahre Lehre (śāstra) kennen und findet [die Rede/Erde?] am Anfang von selbst – Govinda heißt dieser Gott; der Sinn von „ga“ ist Saṃkarṣaṇa, o Weiser. [„Va“:] Er bedeckt/wählt das All, das aus dem Werk der drei Veden und beidem besteht; er „bedeckt und macht“ das All – so wird der Sinn von „va“ dargelegt. [„T“:] Was geschaffen und wieder eingezogen wird, dessen Träger heißt „Girlandenträger“ (sragdhāra): Beides trägt der Gott in seinem Nabellotos-Schoß; darum wird hier Aniruddha als „Girlandenträger“ bezeichnet. So ist durch vier Silben die Lehre von den vier Vyūhas dargelegt.
[Vāsudeva.] Durch „va“ wird Vāsudeva dargelegt, der den [Halt] des Ganzen trägt; durch „ā“ wird der Urgott Saṃkarṣaṇa bezeichnet – jener Vāsudeva, der Erhabene, Grund der Erlösung, der Ewige, ist eben Saṃkarṣaṇa: so wird der Sinn von „vā“ bestimmt. [„Su“:] Der Ewige, der zu Anfang die Welt und das Werk hervorbrachte, wird „Soma“ genannt; dadurch [ist] Pradyumna, der Puruṣottama, [bezeichnet]. „Udāma“ und „udaya“ (Aufgang) heißen hier Saṃkarṣaṇa; denn im Zustand des Saṃkarṣaṇa ist der volle Aufgang Haris; der Vāsudeva-hafte heißt Saṃkarṣaṇa; auch Pradyumna ist eben er – so wird der Sinn von „su“ bestimmt. [„De“:] Er, der große Geist, der im Wasser ruht, gab [Raum] – im Nabellotos-Schoß dem Feld und dem Feldkenner [Materie und Seele] Raum gebend [?] wird er Aniruddha genannt. Durch „e“ wird der Urquell der Welt [Puruṣa ?] genannt; der Saṃkarṣaṇa-hafte heißt Pradyumna; „Aniruddha ist eben er“ – so wird der Sinn von „de“ dargelegt. So ist durch drei Laute die höchste Wesenseinheit der Vyūhas gesagt. Zusammenfassend wird wiederum [„va“] genannt. In Kürze ist dir der höchste Sinn im Vāsudeva-Mantra gezeigt worden. Nun vernimm von mir, für das Jitantā[-Mantra], dessen eigenen Sinn.
[?] V.71: der Halbvers „[dhruvaḥ] pūrvo 'vadhir jñeyo“ ist im OCR stark verderbt; nur der Sinn (bha = Stoffursache der Welt) ist gesichert. V.72 „gāṃ vedayati sacchāstram“ (OCR „kṣacchāstram“) rekonstruiert; die Etymologie Govinda: go + vid („kennen lassen/finden“). V.75: „sragdhāra“ = „Girlandenträger“ als Name Aniruddhas (Ordnung der Śṛṣṭi und Saṃhāra im Nabellotos). V.82 [dasyāḥ]: OCR-Wort „dasyāḥ“ unklar, nicht übersetzt. V.83 [puruṣaḥ]: OCR „paryuḥ“. V.85: der Schluss (V.84–85) umfasst mehr Halbverse als vier; Zählung nach der Kolophon-Summe 3402 (3317 + 85). Kolophon-Ziffer im OCR fehlerhaft gelesen (mit „2“ statt „3“ in der Tausenderstelle), durch Rechnung 3317 + 85 = 3402 bestätigt. Das Mantra „jitaṃ te“ (Jitantā) folgt in Kap. 53.