Paṭala 16: Varṇotpattinirūpaṇam
Sechzehntes Kapitel – Die Bestimmung der Entstehung der Phoneme
Nārada fragt nach dem Schutz (rakṣā) und dessen Berechtigung. Ahirbudhnya legt zunächst dar, dass alle Wirkkraft von Sudarśana/Kriyā-Śakti ausgeht, dass Schriftsystem und Mantra Mittel des Schutzes sind, und dass nur qualifizierte Brahmanen zum Mantra-Schutz berechtigt sind - jedoch nur in Verbindung mit königlicher Macht, da Lakṣmī (Wohlstand/Kriyā-Śakti) allein weder bei Brahmanen noch bei Kṣatriyas dauerhaft weilt, sondern nur bei deren Vereinigung; ein abgestuftes System der Kriyā-Śakti-Berechtigung (Cakravartin/Gebietsherr/Bezirksherr) schließt diesen ersten Teil ab (V.1-29). Ab V.30 wendet sich das Kapitel der eigentlichen Lautmystik zu: die Kriyā-Śakti entfaltet sich über Nāda (Urklang) und Bindu (Punkt) zu Nāma (Wort/Śabdabrahman) und Nāmin (Bhūti); alle 14 Sanskrit-Vokale entstehen aus den drei Urlauten a/i/u; die als tanzende Kuṇḍalī vorgestellte Śakti durchläuft die vier klassischen Sprachstufen (Paśyantī im Nabel, Madhyamā im Herzen, der aushauchende Visarga in der Kehle) vom Mūlādhāra aufsteigend; schließlich entstehen die Konsonanten, zugeordnet zu den Sāṅkhya-Prinzipien (Antaḥkaraṇa-Trias, Sinnesorgane, Tanmātras, Mahābhūtas). Mehrere rein numerologische Passagen (V.67-75, V.97-99, Silben-/Kombinationszählungen) sind im Scan stark beschädigt und wurden zusammenfassend statt Vers für Vers wiedergegeben. Schlussvers: auch Rudra/Śiva waltet, auf Viṣṇus Geheiß, über die Phonem-Mutter (Varṇamātṛkā).
Om. (Zunächst darin: die Frage nach dem Schutz und dessen Berechtigung:) Śrī Nārada: „O Herr, Bezwinger der Feinde der Götter, Allwissender, Stier-Banner-Träger! Wir haben den Pramāṇārtha samt seiner Ursache und seinem Gegenteil gehört. Und was ist der Schutz für all dies, und wer ist zum Schutz berechtigt? Erkläre mir, o Herr, dieses Begriffspaar mit seinen Ausprägungen.“ (Nun der Beginn der Antwort:) Ahirbudhnya: „Der Sudarśana-geformte Schutz des Gottes, dessen Kraft Hari ist, entfaltet sich als [Teil von] Viṣṇus Willen; [seine konkreten Formen] werden anderswo dargelegt. (Dass die gegenständliche Wirkkraft Sudarśana-Natur ist:) Jene göttliche Kriyā-Śakti, aus einem Teilaspekt der Śakti Viṣṇus entstanden, die ,Sudarśana' genannte Göttin, die alles des Herrn Bewirkende – wisse, dass alle Wirkkraft, die aus jedem Gegenstand [entsteht] – der [kosmischen] Zustände, der ontologischen Prinzipien, des Bewussten wie Unbewussten, der mannigfachen Erkenntnismittel, des Seins-Nichtseins-Paares, des Dharma, Artha, Kāma, der Erlösung und der dreifachen Fesselung –, was immer die je eigene Wirkkraft eines Dinges ist, das ist die Gestalt Sudarśanas. (Dass das Schriftwerk-Geflecht ein Mittel des Schutzes ist:) Dir wurde bereits, deutlich wie undeutlich, jene Wandlungskraft von Viṣṇus Willen genannt, durch die der Weltenherr, Janārdana, sich Zeit um Zeit herabsenkend, gewiss die Geschöpfe schützt. (Dass auch die Gesamtheit der Mantras ein Mittel des Schutzes ist:) Eine andere, aus mannigfachen Mantras bestehende, durch den Schatz der Yantras vielfältig gestaltete Kraft, aus Veda und Tantra gemeinsam hervorgegangen, in vielerlei Weise besänftigend – dies ist unmittelbar Viṣṇus Kriyā-Śakti, rein bewusstseinshafter, höchster Natur. (Die alleinige Berechtigung des Brahmanen zum Mantra-Schutz:) [Nur] wer den Sinn aller Prinzipien durchdrungen hat, in allen Wissenschaften bewandert ist...“
[V.11 fortlaufend:] „...wessen Wohnstätte/Observanz nicht gebrochen ist, von reiner Herkunft anerkannt, dreifach gereinigt, frei von Zweifel und Unsicherheit, der die sechs [priesterlichen] Pflichthandlungen [ṣaṭkarma] gemeistert hat – ein solcher Brahmane, im Brahman-Ursprung gegründet, seiner eigenen Gattin treu, rein, ist zur höchsten, mantra-geformten Kriyā-Śakti Viṣṇus berechtigt. (Dass auch ein Brahmane ohne die Stütze eines Königs zum Schutz unfähig ist:) Ein Brahmane, der nicht [von königlicher Macht] gestützt wird, ist hierin nicht befähigt, mittels jener [Kraft] zu wirken; gestützt aber auf einen König, mag er um der Welt willen mittels ihr handeln. (Das Lob des Königs:) Denn der König ist das höchste Wesen, der alle Götter in sich vereinende Herr, der Sitz der vaiṣṇavischen Kriyā-Śakti, vom Herrn durchdrungen. Denn aus [seinem eigenen] Haupt hat der Herrgott einst den König erschaffen; durch diesen Akt auf dem Haupt gesalbt [mūrdhābhiṣikta], steht er über allen Wesen. Der König, ein Anteil des Zweimal-Geborenen [Brahman-Anteil], wird in Veda und Śāstra besungen. (Das Verderben derer, die den König – ob unbewusst oder bewusst – hassen:) Wer ihn aus Verblendung hasst, jener Übelgesinnte hasst Hari; wer aus Verblendung Hari hasst, jener Mensch hasst Lakṣmī; wer aber von Lakṣmī gehasst wird, jener Toren, verfällt in allem Dharma; er ist aus allen Welten verstoßen, von allen Göttern ausgeschlossen, verweilt ewige Jahre in der haltlosen, blinden Finsternis [der Hölle]. (Dass der König deshalb unbedingt hochgeachtet werden muss:) Wer daher irdisches und jenseitiges Glück zu erlangen wünscht, sei, edlen Geistes, dem König große Achtung erweisend, [ihn] als die alle Welten überragende Gottheit ansehend.“
(kevalodvahanarājasya lakṣmyā asthairyatvam) brāhmaṇe kevale lakṣmīr na vasaty acirād eva, ayogyādhibhūte kṣatre kevale necchati sthitim | (saṃsṛṣṭayos tayoḥ sthairyam) brahmakṣatre tu saṃsṛkte dvyabhrīṣomamayātmani, nivasaty atisaṃdhitā bhīṣme śīta iva hrade ||21|| (tatra hetuḥ) dve hi te bibhrataḥ lokasthitiṃ saṃbhūya tejasī, tayor ahaṃ sakalā śaktiḥ sthitā viṣṇoḥ kila ātmikā | (anvayavyatirekābhyāṃ tatra dṛṣṭāntakathanam) mahatyā hi yathā nadyā saro na dhṛteḥ kṣamam, evaṃ laghunā īśo naiva kriyāśakter ito kṣamaḥ ||23|| pārāvāro yathā dhīro mahatīṃ tāṃ dharaty icchan, mahādṛpraśāntaṃ [?] tathā kṣatraṃ kriyāśaktiṃ necchati ||24|| pūryamāṇaṃ mahānadyā kuṭṭākaṃ vidīryate, rakṣyamāṇas tathāpy eko naiva paryāpyate tayā ||25|| (rājārthaṃ prayuktāyā api kriyāśakteḥ sadṛṣṭāntaṃ sarvaprajopakārakatvakathanam) yathā samudragāminyāṃ mahatyāṃ sariti dhruvam, upasnehena pūryante sarāṃsy anyāni bhūyasā ||26|| prayuktāyāṃ kriyāśaktau cakre vai cakravartinaḥ, cakrasthā hi prajāḥ sarvāḥ samedhante tathā priyāḥ ||27|| (cakravartyādīnāṃ kriyāśaktāv adhikāratāratamyam) cakravartī caret pūrvāṃ dvitīyāṃ maṇḍaleśvaraḥ, adhikuryāt kriyāśaktiṃ tṛtīyāṃ viṣayeśvaraḥ ||28|| mahāmātro dvijātir vā yo bahvīr rakṣati prajāḥ, tām eko naraḥ syād ekasmai mānavāya tu ||29||
(Die Unbeständigkeit der Lakṣmī bei einem allein herrschenden König:) „Im Brahmanen allein weilt Lakṣmī nicht lange; im untauglichen, überwältigten Kṣatriya allein wünscht sie ebenso wenig zu verbleiben. (Die Beständigkeit bei deren Vereinigung:) Sind aber Brahmanenmacht und Kṣatriya-Macht vereint, aus der Natur von Wolke und Mond [Soma] gemischt, so weilt sie dort, aufs Engste verbunden, wie kühles [Wasser] in einem großen, kalten See. (Der Grund dafür:) Denn diese beiden, ihre Energien vereinend, tragen den Bestand der Welt; in ihnen [beiden] stehe ich, die gesamte Kraft, fürwahr von Viṣṇus eigenem Wesen. (Mit positivem und negativem Beispiel die Illustration:) Denn wie ein [kleiner] Teich einen großen Fluss nicht zu fassen vermag, so vermag ein Herrscher mit geringer [Macht] diese Kriyā-Śakti nicht [zu tragen]. Wie das standhafte Weltmeer jenen großen [Strom] zu tragen wünscht, so wünscht ein [durch Brahmanenmacht] unbesänftigtes Kṣatra die Kriyā-Śakti nicht [zu empfangen]. Ein kleines Becken, von einem großen Fluss gefüllt, birst; ebenso reicht [die Kraft], selbst wenn man sie hütet, für einen Einzelnen allein nicht aus. (Mit Beispiel: dass die auch für den König eingesetzte Kriyā-Śakti allen Untertanen zugutekommt:) Wie bei einem großen, gewiss zum Meer fließenden Strom andere Weiher durch [dessen] Durchsickern reichlich gefüllt werden, so gedeihen, wenn die Kriyā-Śakti im Reich eines Cakravartin [Weltherrschers] eingesetzt ist, alle im Reich befindlichen Untertanen, [ihm] ebenso teuer. (Der abgestufte Grad der Berechtigung zur Kriyā-Śakti bei Cakravartin usw.:) Der Cakravartin mag den ersten [höchsten Grad] ausüben, der Gebietsherr den zweiten; der Bezirksherr mag den dritten Grad der Kriyā-Śakti innehaben. Ein hoher Minister oder ein Zweimal-Geborener, der viele Untertanen schützt, [mag] diesen [ebenfalls innehaben]; ein einzelner [gewöhnlicher] Mensch [aber nur, was] für einen einzelnen Menschen [angemessen ist].“
[?] V.24 (,mahādṛpraśāntaṃ'?) ist im Scan unsicher segmentierbar; Sinn aus Kontext (,ein durch Brahmanenmacht ungezügeltes/unbesänftigtes Kṣatra') erschlossen.
(kriyāśaktisvarūpakathanārambhaḥ) adhikāraḥ kriyāyāś ca śakteḥ te saṃpradarśitaḥ, rūpam asyā yathāvan me gadataḥ tan niśāmaya ||30|| (sāmānyataḥ śaktidvaividhyam) unmeṣaḥ paramaḥ śakter viṣṇoḥ kācid alaṅkṛtir hi, bhāvyabhāvakabhedena sa dvidhā vyavatiṣṭhate ||31|| bhāvako viṣṇusaṃkalpaḥ sudarśanasamāhvayaḥ | (śakteḥ paryāyaśabdāḥ) saiṣā devī kriyāśaktiḥ sāmyaṃ yoga ity api, pārameṣṭhyaṃ mahātejo māyāyoga itīdṛśaiḥ, śabdaiḥ prakārasāmarthyaiḥ saṃkalpaḥ so 'bhidhīyate | (bhāvyasya bhūtirūpatvam) bhāvyo nāma ya unmeṣaḥ sā bhūtir iti gīyate, śuddhāśuddhimayī seti pūrvam eva nidarśitam ||34|| īśvarasyaiva sā jvālā saṃkalpena tanyate, eṣa nāraḥ [?] evaṃ devas tasya bhāva ity udīritaḥ ||35||
(Der Beginn der Darlegung des wahren Wesens der Kriyā-Śakti:) „Die Berechtigung zur Wirk-Kraft ist dir gezeigt worden; höre nun von mir, so wie ich es darlege, ihr wahres Wesen. (Die allgemeine Zweiteilung der Śakti:) Das höchste Aufblühen [unmeṣa] von Viṣṇus Śakti, eine gewisse Zierde/Manifestation, ist zweifach eingerichtet, durch die Unterscheidung von Bhāvya [dem zu Verwirklichenden] und Bhāvaka [dem Verwirklichenden]. Der ,Verwirklichende' ist Viṣṇus Wille, auch Sudarśana genannt. (Die gleichbedeutenden Bezeichnungen der Śakti:) Eben diese Göttin ist die Kriyā-Śakti, auch ,Sāmya' [Gleichmaß] und ,Yoga' [genannt]; mit Worten wie ,Pārameṣṭhya' [Höchst-Herrschaftliches], ,Mahātejas' [Große Glut], ,Māyāyoga' – mit solchen, ihrer jeweiligen Fähigkeit entsprechenden Worten wird jener Wille [saṃkalpa] bezeichnet. (Dass das ,zu Verwirklichende' die Gestalt der Bhūti hat:) Jenes Aufblühen, das ,Bhāvya' [das zu Verwirklichende] genannt wird, das wird als Bhūti besungen; sie ist, wie bereits zuvor gezeigt, von reiner wie unreiner Art. Jene Flamme des Herrn selbst wird durch seinen Willen ausgebreitet; [so] wird dieser Gott selbst [als] ihr [eigener] Zustand [bhāva] bezeichnet.“
[Anm.: OCR-Unsicherheit] V.35 ist im Scan an einer Stelle unklar (,eṣa nāraḥ'); der Kerngedanke – die Identität von Śiva/Ahirbudhnyas eigener ,Flamme' mit dem durch Viṣṇus Willen ausgebreiteten Zustand (bhāva) – ist jedoch klar erkennbar.
„Höre nun den mantra-geformten Bestand jener Göttin, der Kriyā-Śakti. (Dass die aufsteigende Kriyā-Śakti Nāda-Natur annimmt:) Jene Kriyā-Śakti, im Aufsteigen, nimmt den Zustand des Nāda [Urklangs] an. (Nādas Ähnlichkeit mit dem langen Klang einer Glocke:) Wisse, jener höchste Nāda gleicht dem langen Nachklingen einer Glocke. (Dass er ein Gegenstand unmittelbarer Wahrnehmung im Geist der Yogis ist:) Er wird von den dem höchsten Herrn hingegebenen Yogis unmittelbar in ihrem eigenen Inneren selbst verwirklicht. (Dass er an einem gewissen Punkt des Aufblühens die Form des Bindu annimmt:) Er gelangt, wie eine Blase im Ozean, an einem gewissen Punkt zum [weiteren] Aufblühen; dann, von unaufgeregter Bewegung, wird er von den Yogis ,Bindu' [Punkt] genannt. (Die Zweiteilung des Bindu in Nāma und Nāmin:) Dieser Bindu teilt sich zweifach, in der Form von Nāma [dem ,Namen', dem Wort-Aspekt] und Nāmin [dem ,Benannten']. (Dass Nāma Śabdabrahman, das Wort-Absolute, ist:) Nachdem er das Erscheinen dieses Nāma erlangt hat, tritt das Śabdabrahman hervor. (Dass Nāmin die Gestalt der Bhūti hat:) Nachdem er das Erscheinen dieses Nāmin erlangt hat, tritt die zuvor beschriebene Bhūti hervor. (Zur weiteren Entfaltung des Mantra-Pfades in der besonderen Gestalt der Wandlung des Nāma: der Beginn der Darlegung der Entstehung der Phoneme:) Höre nun von mir, o Weiser, das Erscheinen des Nāma [als] den Pfad des Mantra. Denn jene Bindu-bestehende Śakti gelangt, aus eigenem Willen, zum Zustand des Nāma; [obwohl] lautlos, war sie zuvor auf einfache Weise von der Natur des ,Anuttara' [des Unübertroffenen, d.h. des Lautes A]. (Die Zweiteilung des Bindu:) Er ist zweifach eingerichtet, nach der Unterscheidung von Vokal [svara] und Konsonant [vyañjana]; höre nun noch ausführlicher über diese Kraft des Bindu. Diese höchste, ,Visarga' [Aushauchung] genannte, aus der Erschaffung des Lautes bestehende [Kraft] erhebt sich: von einfacher und vielfältig-mannigfacher Bedeutung, mannigfache Phoneme hervorbringend. Sie, unmittelbar von der Natur des Soma, der lautgeformte Leib der Lakṣmī, gelangt, in der Form von Vokal und Konsonant, zu ihrer [weiteren] Wandlung [vivarta].“
Kernstück der Kapitel-Lehre: die klassische Nāda-Bindu-Nāma/Nāmin-Emanationskette der tantrischen Lautmystik (Kuṇḍalinī-/Mātṛkā-Theorie), hier in vaiṣṇavisch-pāñcarātrischer Terminologie (Sudarśana-Willen, Bhūti/Kriyā-Polarität) gefasst.
(akārātmanā tasya samunmeṣaḥ) a ity ādisamunmeṣaḥ so 'nuttara udīryate | (akārasya sarvavāṅmayatvam) sarvā vāg ayam eva ekas tattadākārabhedavān ||45|| sa u chandobhidho vyakta unmiṣann ūriti svarataḥ | (yathoktavarṇatrayasya sarvasvaravibhāvakatvam) eta eva trayo varṇāḥ sarvasvaravibhāvanāḥ ||46|| (teṣāṃ dīrghatāpattiḥ) anuttaraḥ sa ānanda ābhāvaṃ pratipadyate, icchayā sa īśānaḥ ībhāvaṃ pratipadyate, u unmiṣann ūnarūpa ūbhāvaṃ pratipadyate ||47|| (ecāyutpattiḥ) anuttarecchāsaṃdhānād ekāro nāma jāyate ||48|| anuttarād bhavan bhūya aibhāvaṃ pratipadyate, divyād anuttaronmeṣād okāro nāma jāyate ||49|| anuttarād bhavan bhūya aubhāvaṃ pratipadyate | (teṣāṃ saṃdhyakṣaratvam) saṃdhyātmāna ime kūṭāś catvāraḥ samudāhṛtāḥ ||50|| [V.51-53: teṣām avayavārthaviṣkaraṇam - die genaue Ableitungsmechanik der vier Verbindungslaute e/ai/o/au aus den Kombinationen a+i/ī bzw. a+u/ū sowie die Herleitung von ṛ/ṝ und ḷ/ḹ, im Scan an mehreren Stellen stark beschädigt, hier zusammengefasst statt Vers für Vers übersetzt] evaṃ caturdaśa yogān nānākāravibhāvinī ||54||
(Sein volles Aufblühen in der Natur des Lautes A:) „Das anfängliche Aufblühen, [beginnend] mit ,a', wird ,Anuttara' [das Unübertroffene] genannt. (Dass A alle Rede umfasst:) Alle Rede ist eben dieser eine [Laut], nur durch je verschiedene Erscheinungsformen unterschieden. Er [entfaltet sich weiter] als der ,Chandas' genannte, offenbare, aufblühende [Laut] ,ū', gemäß seinem Klang. (Dass diese drei genannten Laute [a, i, u] die Erzeuger aller Vokale sind:) Eben diese drei Phoneme sind die Hervorbringer aller Vokale. (Ihr Übergang in die Langform:) Der Anuttara [a], [als] Wonne, nimmt den Zustand des [langen] ,ā' an; durch [seinen eigenen] Wunsch [icchā] nimmt Īśāna [i] den Zustand des [langen] ,ī' an; das aufblühende ,u', in unvollständiger Form, nimmt den Zustand des [langen] ,ū' an. (Die Entstehung des Diphthongs E:) Aus der Verbindung von Anuttara [a] und Icchā [i] entsteht der Laut ,E'. Aus Anuttara [a] wiederum entstehend, nimmt es den Zustand von ,AI' an. Aus dem göttlichen Aufblühen von Anuttara [mit u] entsteht der Laut ,O'. Aus Anuttara wiederum entstehend, nimmt es den Zustand von ,AU' an. (Dass diese die ,Verbindungssilben' sind:) Diese vier werden als ,Verbindungs-Knoten' [saṃdhi-kūṭa] bezeichnet. [V.51-53: die genaue innere Ableitungsmechanik dieser vier Verbindungslaute sowie die Herleitung der Laute ṛ/ṝ und ḷ/ḹ aus weiteren Kombinationen ist im Scan an mehreren Stellen stark beschädigt und wird hier zusammenfassend wiedergegeben statt Vers für Vers rekonstruiert.] So entsteht, durch vierzehn [derartige] Verbindungen, die vielfach different-gestaltige [Gesamtheit der vierzehn Vokale a ā i ī u ū ṛ ṝ ḷ ḹ e ai o au].“
[Anm.: OCR-Verderbnis] Die Verse 51-53 (Detailmechanik der ṛ/ḷ- und Diphthong-Ableitung) sind im vorliegenden Scan an mehreren Stellen stark beschädigt bzw. mit unklaren Zeichenfolgen durchsetzt; da eine sichere Vers-für-Vers-Rekonstruktion hier nicht zu verantworten ist, wird der Gesamtinhalt (Herleitung aller 14 Vokale aus den drei Grundlauten a/i/u) zusammenfassend wiedergegeben, dem Präzedenzfall dieses Projekts bei beschädigten Quellstellen folgend.
„Wie eine Tänzerin entfaltet sich die Kuṇḍalī-Śakti aus Viṣṇus Mund; ihre zwei feinstofflichen Formen sind die Ursache von Schöpfung und Auflösung. Jene unbenennbare, große Wirklichkeit [mahāsattā], die Kriyā-Śakti, der Reihe nach, wie ein Juwel aufleuchtend, gelangt sie zum Zustand der Schöpfung [sṛṣṭi]: ,Sṛṣṭi', ,Sarga', ,Visarga' und ,Visarjana' – mit solchen [Worten wird sie bezeichnet]. (Dass die Nāda-Form der Kuṇḍalī die Stufe ,Paśyantī' ist:) Vom Wurzelstützpunkt [Mūlādhāra] aufsteigend, sie, friedvoll, makellos, sich zusammenziehend durch jene unbewussten [d.h. unwillkürlichen] Prägungen [saṃskāra], zusammen mit dem Anuttara [a-Laut], den Zustand des Herzens der Anschauung erlangend, sich in Wort und Bedeutung wandelnd – sie, ,Paśyantī' [die ,Schauende'] genannt, im Nabel zu einem nur für Yogis sichtbaren Erscheinen gelangt: jene vaiṣṇavische Kraft, [höchste] Wirklichkeit, die Mutter der Mantras, ist [so] zu erkennen. Yogis, die zu ihr, der Geliebten, gelangt sind, gehen zur Erschöpfung [aller karmischen] Bindung ein. (Ihre Ausbreitung im Lotus des Herzens:) Lakṣmī, zur Entfaltung bereit, jene Paśyantī, von Kriyā-Natur, ihren Zustand durch [weitere] Prägungen verfeinernd, [zur Stufe] der eigenen, ,Bedeutung' genannten Wandlung [übergehend], summend wie eine Biene, gelangt zur Ausbreitung im Lotus des Herzens. Durch den Zustand der Rede der [Nāḍī-]Kanäle zu ,Madhyamā' [der ,Mittleren'] geworden, von Kriyā-Natur, nähren dann alle Prägungen die in ihrem Bezeichneten ruhenden Erinnerungen. (Ihre Wandlung, im Bereich der Kehle, zur Natur des Visarga:) So gestaltet, durch das Verlangen, je Verschiedenes zu bezeichnen, die Wortform annehmend, unveränderlich, ohne [feste] Einzelgestalt – eben diese, deutlich geworden, gelangt zum Anuttara [a] in der Kehle, die aushauchende Kraft; sie, im Anuttara verweilend, entfaltet sich vierfach. Vom Anuttara weiter aufsteigend, gelangt sie in der Kehle zum Aufblühen als ,H'; dann, süßlich geworden, lieblich, konsonantenreich, wieder von Anuttara-Natur, kommt sie schließlich im Bindu zur Ruhe. Der Bindu wird ,Auflösung' [saṃhāra], der Visarga ,Schöpfung' [sṛṣṭi] genannt. Diese beiden, Schöpfung und Auflösung, sind dir andeutungsweise gezeigt worden; höre von mir nun weiter die mannigfache Ausbreitung der Vokale.“
Die berühmte vierstufige Sprachtheorie (Paśyantī → Madhyamā → [Vaikharī, hier als kehlständiger Visarga] aus dem Mūlādhāra über Nabel und Herz zur Kehle aufsteigend) erscheint hier in enger Parallele zur Kashmir-Śaiva-Sprachphilosophie, jedoch konsequent vaiṣṇavisch als Entfaltung von Lakṣmīs/Kriyā-Śaktis eigenem Aufstieg gefasst.
[V.67-79: eine dichte numerologische Aufzählung der Vokal-Kombinationen und -Gesamtzahlen (u.a. eine Zahl von »pañcasahasrāṇi śatāny aṣṭāv anuṣṭubhām«, fünftausendachthundert Anuṣṭubh-Silben-Kombinationen) sowie der Bezeichnungen »ramya«, »gaura«, »yama« für bestimmte Vokal-Klassen ist im Scan an mehreren Stellen unsicher und wird hier zusammengefasst statt Zahl für Zahl übersetzt.] (svarāṇāṃ sūryacandrakiraṇātmakatā) raveḥ sapta svarāḥ sūryakiraṇāḥ parikīrtitāḥ ||76|| somasya kiraṇā jñeyā ākārādaya uttare | (tayor ahorātrapravartakatvam) ahnaḥ eti sūryas tu svaraiḥ piṅgalayā caran ||77|| rātriṃ sṛjati somas tu svaraiḥ svair iḍayā caran | (paraśakteḥ suṣumnāsaṃcāritvam) svarāṇāṃ yā parā viṣṇoḥ kūṭasthā śaktir ujjvalā, suṣumnayā saṃcarate śabdabrahma vitanvatī | iti te leśataḥ proktā svarāṇāṃ gatir uttamā ||79||
[V.67-75: eine dichte numerologische Aufzählung der Vokal-Kombinationen und ihrer Gesamtzahlen, im beschädigten Scan nur bruchstückhaft rekonstruierbar - zusammengefasst statt Zahl für Zahl übersetzt, s. Anm.] (Dass die Vokale von der Natur der Sonnen- und Mondstrahlen sind:) „Von der Sonne [her] werden sieben Vokale als Sonnenstrahlen verkündet; die Mondstrahlen sind als die mit [dem Laut] A beginnenden, übrigen [Vokale] zu erkennen. (Dass diese beiden Tag und Nacht hervorbringen:) Die Sonne durchmisst den Tag, mit [jenen sieben] Vokalen, durch die Piṅgalā [den rechten Energiekanal] wandelnd; der Mond erschafft die Nacht, mit seinen [übrigen] Vokalen, durch die Iḍā [den linken Kanal] wandelnd. (Dass die höchste Kraft durch die Suṣumnā wandelt:) Die höchste, unveränderliche, strahlende Kraft der Vokale, [welche] Viṣṇus [eigene ist], wandelt durch die Suṣumnā [den mittleren Kanal], das Śabdabrahman ausbreitend. So ist dir andeutungsweise der höchste Gang der Vokale dargelegt worden.“
[Anm.: OCR-Verderbnis, Zahlenangaben] Die Verse 67-75 enthalten eine dichte, an mehreren Stellen beschädigte numerologische Aufzählung (Gesamtzahlen der Vokal-Kombinationen nach verschiedenen Klassifikationen, u.a. Silbenzahlen im Anuṣṭubh-Versmaß); sie wird hier, der Projektmethodik bei beschädigten Zahlenpassagen folgend, zusammengefasst statt Zahl für Zahl übersetzt. Die abschließende Zuordnung der Vokale zu Sonne/Mond und den drei Yoga-Kanälen (Piṅgalā/Iḍā/Suṣumnā) ist dagegen klar lesbar und direkt übersetzt.
(Der Beginn der Darlegung der Konsonanten-Schöpfung:) „Nun erkläre ich dir die Konsonanten-Schöpfung, o Weiser, höre. (Dass der Visarga die Körpergestalt des Vāyudeva ist:) Jene Schöpfung, die von Anuttara [a] aufwärts [entsteht] – sie wurde zuvor als [der Laut] ,H' bezeichnet; sie ist der Leib des Ur-Vyūha-Gottes, des Vāyudeva [Windgottes]. Der Unfehlbare [Acyuta], mit dem Bindu verbunden, [bildet] die erste Stütze des Durchgangs-Kanals [randhra-nāḍī]. Er entzündet damit den Nāda, den Beginn des Yoga für die Yogis. Der Unfehlbare, mit der Schöpfung verbunden, bewirkt sowohl die aufwärtsgerichtete Schöpfung als auch, der Unfehlbare, mit der Schöpfung verbunden, die nach außen gerichtete Schöpfung. (Die Entstehung der Zischlaute [Ūṣman] daraus und deren Vierfältigkeit:) ,Hā', ,Sā', ,Ṣā', ,Śā' – daraus werden ,ŚA' [Ś] und die Kraft-Zischlaute [Ūṣmans] verkündet; diese Vierfältigkeit wird als ,vierfaches Brahman' bezeichnet. (Dass diese, zusammen mit ,Kṣa', als ,Brahman'-Wort bezeichnet werden:) Durch die Verbindung mit dem ,Kṣa'-Knoten wird [die Fünfheit] als ,fünffaches Brahman' bezeichnet. ,Kṣa' aber wird als der Same der [göttlichen] Versammlung [sadas] auf dem Lehrsitz erklärt; [manche nennen] den ,Kakṣa'-Knoten auf der Brust, [als] dessen ständiges Abbild.“
Die vier Zischlaute (h/ś/ṣ/s) plus kṣa als ,fünffaches Brahman' aus dem Visarga (H-Laut, Vāyudeva-Körper) hervorgehend - eine für Pāñcarātra-Texte charakteristische Ergänzung des sonst meist vierfachen (nicht fünffachen) klassischen Ūṣman-Schemas.
(antaḥsthānām utpattis teṣāṃ saṃjñātrayaṃ ca) yādṛśas tasmāc cha udiṣṭo yādo rāyaḥ prajāyate, dhāraṇā nāma vijñeyā dhāryā viśvasya dhāraṇāt ||86|| antasthā iti ca proktā antasthapuruṣeśayāḥ, avasthā iti ca proktā idāvataraṇakrame ||87|| (makārotpattiḥ) yakārādīdāvaktisthān makāro nāma jāyate, anuttarottaro bindur ma iti pratipādyate ||88|| (tasya sarvacetanasamaṣṭirūpatvaṃ jīvavācitvaṃ ca) cetanānāṃ tu sarveṣāṃ samaṣṭiḥ sā nigadyate, asadartho 'yam udiṣṭaḥ so 'bhayam uttamapūruṣaḥ ||89|| (bhakārotpattis tasya ca prakṛtivācitvam) sūkṣmekṣayābhinudrā sā prakṛtyā bhogarūpayā, bha ity eva makārāt sā punaḥ sthūlā vivicyate |
(Die Entstehung der antaḥstha-Konsonanten [y, r, l, v] und deren dreifache Bezeichnung:) „Von jener [Kraft], wie sie ist, wird ,Cha' verkündet, aus dem Reichtum entsteht; ,Dhāraṇā' [das Tragende] ist als [ihr] Name zu erkennen, [weil sie] vom Tragen des Alls das zu Tragende [dhārya ist]. Sie werden ,antaḥstha' [zwischen-stehend] genannt, im Purūṣa liegend zwischen [den Vokalen und Konsonanten]; sie werden auch ,avasthā' [Zustände] genannt, im [fortschreitenden] Herabkunfts-Vorgang [von I zu A]. (Die Entstehung des Lautes M:) Aus dem an vierter Stelle des Zwischenstands [d.h. nach Y, R, L] Befindlichen entsteht der Laut ,Ma'; der von Anuttara aufsteigende Bindu wird als ,M' bezeichnet. (Dass er die Gesamtheit aller bewussten Wesen darstellt und die individuelle Seele bezeichnet:) Er wird als die Gesamtheit aller bewussten [Wesen] erklärt; er wird als der ,Asat'-Sinn [d.h. das noch Unmanifeste] bezeichnet, dieser furchtlose, höchste Puruṣa. (Die Entstehung des Lautes BH und dass er die Urnatur [Prakṛti] bezeichnet:) Jene [Kraft], durch die feine [Erkenntnis-]Betrachtung angetrieben, mit genussförmiger Natur [prakṛti] - eben diese wird, aus ,Ma', als ,Bha' bezeichnet, wiederum in grober [materieller] Form unterschieden.“
[?] Die genaue morphologische Herleitung der Antaḥstha-Laute (V.86-87) bleibt im Detail unsicher; der Grundgedanke - dass y/r/l/v als ,Zwischenstand'-Laute zwischen Vokal- und Konsonantenreihe eine vermittelnde Funktion einnehmen - ist jedoch klar.
(Die Entstehung der dreizehn Laute von Vā bis Ta:) „Von genussvermittelnder Gestalt, durch äußere und innere Verfassung, entfaltet sich dreizehnfach, o großer Weise, [die Konsonantenreihe] von ,Va' bis ,Ta'. (Dass diese Dreiheit Buddhi, Ahaṃkāra und Manas bezeichnet:) Buddhi [Intellekt], Ahaṃkāra [Ich-Bewusstsein] und Manas [Denksinn] - dies wird von den Weisen als die Dreiheit von ,Va' bis ... erklärt. (Dass die Ta-Reihe die Erkenntnisorgane bezeichnet:) Die Reihe von ,Na' bis ,Ta' [bezeichnet] die Erkenntnisorgane [des Verstandes]. (Dass die Śa-Reihe die Handlungsorgane bezeichnet:) Die Reihe von ,Ṇa' bis [ebenfalls ,Ta'] wird als die Handlungsorgane bezeichnet. (Nun die Entstehung der Ca-Reihe und dass sie die Tanmātras bezeichnet:) Nun ist die Entstehung des Genossenen [bhogya] zweifach: die Reihe von ,Ca' bis ,Ña' entfaltet sich gesondert als die [fünf] Tanmātras [subtilen Elemente]. (Die Entstehung der Ka-Reihe und dass sie die Grobelemente bezeichnet:) Von ,Ḍa' [wohl: Ka] an [entfalten sich] die fünf Grobelemente [Mahābhūta], die übrige Lautfolge ist [entsprechend zuzuordnen]; aus welchem [Prinzip] jeweils welcher Laut entsteht, dieses [jeweilige] Prinzip [tattva] merke man sich dazu. (Die Entstehung des Lautes Cha:) Aus eben jenem ,Cha', in seiner Verschiedenheit der Ursachen, entsteht der Laut ,Cha' [d.h. als eigene Kategorie]. (Die Vielfalt der Konsonanten:) Diese Laute, konsonantischer Natur, werden als vierfach [klassifiziert] bezeichnet.“
[Anm.: hoher technischer Schwierigkeitsgrad] Dieser Abschnitt (V.90-96) enthält das klassische tantrische Schema der Zuordnung der Konsonantenklassen zu den Sāṅkhya-Prinzipien (Antaḥkaraṇa-Trias Buddhi/Ahaṃkāra/Manas, Erkenntnis- und Handlungsorgane, Tanmātras, Mahābhūtas); die genaue Silbe-zu-Silbe-Zuordnung ist im beschädigten Scan an mehreren Stellen unsicher (u.a. fehlt im vorliegenden Text die genaue Benennung der einzelnen Silbengrenzen zwischen den Gruppen), das Gesamtschema selbst ist jedoch aus Parallelen der tantrischen Mātṛkā-Literatur (u.a. auch der bereits übersetzten Lakṣmī-Tantra dieses Korpus) klar identifizierbar und wird entsprechend wiedergegeben.
[V.97-99: eine weitere dichte numerologische Passage über die Gesamtzahl der Konsonanten-Kombinationen (u.a. »catuḥpañcāśad udiṣṭāḥ kakārās« - »vierundfünfzig ka-Laute werden verkündet« - sowie Aufzählungen für ki-, ku-, kṛ- und weitere Silbenklassen) ist im Scan stark beschädigt und wird hier zusammengefasst statt Zahl für Zahl übersetzt.]
[Zusammenfassung statt Vers-für-Vers-Übersetzung:] Die Verse 97-99 setzen die numerologische Aufzählung der Konsonanten-Vokal-Kombinationen fort (u.a. wird für die Ka-Reihe eine Gesamtzahl von 54 Kombinationsformen genannt), in einer im Scan stark beschädigten Passage mit zahlreichen unklaren Zeichenfolgen.
[Anm.: OCR-Verderbnis] Wie bereits bei V.67-75 wird diese rein numerologische, im vorliegenden Scan stark korrumpierte Passage zusammengefasst statt Silbe für Silbe rekonstruiert, um keine geratene Übersetzung als vermeintlich sicheren Wortlaut auszugeben.
(Die Zusammenfassung des Kapitelinhalts:) „Eben diese Zahl der übrigen Konsonanten [ergibt], nach Leib, Bedeutung und Gliedern unterschieden, zusammen mit den [bereits genannten] Zahlen, o Weiser, [die Gesamtsumme]. Aus der Verbindung von Vokal und Konsonant wird diese Zahl [insgesamt] genannt. (Dass die Phonem-Mutter [Varṇamātṛkā] die Gestalt von Gottes Kraft ist:) Sie, gekennzeichnet durch die vielfachen Stufen von Wort, Satz und Erkenntnismittel und dergleichen, die Stütze der Phoneme, die Wurzel der Erkenntnis, ist fürwahr die vaiṣṇavische Wortkraft [Śabda-Śakti]; von Viṣṇu, dem Gott der Götter, eben, dem Kraftbegabten selbst, ist diese ganze Lautfolge, in grober wie feiner, höchster Form, hervorgebracht. (Dass, auf des Herrn Geheiß, auch der Rudra-Anteil über die Phonem-Mutter waltet:) Auf sein Geheiß hin waltet diese Göttin, die Quelle der Mantras, die Mātṛkā, stets auch durch unsere [d.h. Rudras/Śivas] mannigfachen Anteile, [neben Viṣṇus eigenem Walten].“
Bemerkenswerter Schlussakzent: obwohl das gesamte Kapitel die Lautschöpfung als ureigene vaiṣṇavische Śakti (Sudarśana/Kriyā-Śakti) darstellt, betont der letzte Vers ausdrücklich, dass auch Rudra/Śiva (der Sprecher Ahirbudhnya selbst) - auf Viṣṇus Geheiß und ihm untergeordnet - über die Phonem-Mutter mitwaltet, ein weiterer Beleg der durchgehenden, hier aber explizit hierarchisch untergeordneten Selbstidentifikation des Erzählers mit Śiva.
So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das sechzehnte Kapitel, genannt ,Die Bestimmung der Entstehung der Phoneme'. Om. (Verse von Anfang an: 1004)
1004 − 900 (Ende Kap. 15) = 104 Verse in Kapitel 16. Zweigeteiltes Kapitel: zunächst eine politisch-theologische Lehre über Schutz (rakṣā), Kriyā-Śakti und die notwendige Symbiose von Brahmanenmacht und Königtum (V.1-29); dann, ab V.30, ein Übergang zur klassischen tantrischen Mātṛkā-/Nāda-Bindu-Lautmystik: die Emanation von Nāda über Bindu zu Nāma/Nāmin (Śabdabrahman/Bhūti), die Entstehung aller 14 Vokale aus den drei Urlauten a/i/u, der vierstufige Sprachaufstieg (Paśyantī-Madhyamā-Visarga/Vaikharī) der als tanzende Kuṇḍalī vorgestellten Śakti durch Mūlādhāra-Nabel-Herz-Kehle, und schließlich die Entstehung der Konsonanten samt ihrer Zuordnung zu den Sāṅkhya-Prinzipien (Antaḥkaraṇa, Sinnesorgane, Tanmātras, Mahābhūtas). Mehrere rein numerologische Passagen (V.67-75, V.97-99) sind im Scan stark beschädigt und wurden zusammenfassend statt Vers für Vers wiedergegeben. Bemerkenswerter Schlussvers: auch Rudra/Śiva waltet, auf Viṣṇus Geheiß, über die Phonem-Mutter.