Paṭala 45: atha sudarśanaprabhāveṇa prārabdhakarmaṇāmapi nāśo vaktuṃ kṛśadhvajopākhyānavarṇanaṃ nāma pañcacatvāriṃśo'dhyāyaḥ
Um, durch Sudarśanas Macht, die Vernichtbarkeit selbst des prārabdha-Karma zu lehren: die Erzählung von Kṛśadhvaja (45. Kapitel)
Vollständig übersetzt. Doktrinäre Einleitung zu adhyātma-vidyā/avidyā/para-vidyā und der Sonderstellung des prārabdha-Karma (nur durch Erleben, nicht durch Erkenntnis vernichtbar), gefolgt von der Beispielerzählung König Kṛśadhvajas (Befreiung von einer karmisch bedingten Besessenheit durch ein zehntägiges Sudarśana-Homa-Ritual unter Yājñavalkyas Leitung, mit ausführlicher Pavillon- und Ritualbeschreibung). Quelle: Archive.org in.ernet.dli.2015.322565, Band 2.
[Die Frage nach dem, was durch adhyātma-vidyā, avidyā und para-vidyā jeweils bewirkt bzw. beseitigt wird] Śrī-Nārada [sprach]: Herr, dies wurde früher [von dir] dargelegt, höchster Gebieter: adhyātma-vidyā [die Selbst-Erkenntnis], avidyā [die Unwissenheit] und para-vidyā [die höchste Erkenntnis], ihrem Wesen nach. Was wird durch sie bewirkt, Gott, was wird durch sie beseitigt? Du allein kennst dies – lege es mir ausführlich dar. [Zunächst, um die Verwerflichkeit der avidyā zu zeigen, die Darlegung dessen, was durch avidyā bewirkt bzw. beseitigt wird] Ahirbudhnya [sprach]: Ich sage dir dies höchst Geheime – höre, wie [es sich verhält]. Durch avidyā wird die höhere Wesensform von Einzelseele und höchster Seele verhüllt; durch die Wahrheitserkenntnis [aber] wird [diese Verhüllung] beseitigt. [Um die Ewigkeit der Kaivalya-Erlösung zu zeigen, die Darlegung dessen, was durch adhyātma-vidyā bewirkt bzw. beseitigt wird] Durch die Erlangung des Selbst-Yoga entsteht die höhere Erkenntnis; dadurch wird das beginnenlose, aus Bindung bestehende Saṃsāra beseitigt. [Um zu zeigen, dass para-vidyā das höchst Erstrebenswerte ist, die Darlegung dessen, was sie bewirkt] Aus der Erkenntnis des Wesens des Höchsten [entsteht] der Schutz vor Wiedergeburt; die höchste Befreiung, deren Frucht ewige Wonne ist, wird [dadurch] bewirkt, Makelloser. [Die Darlegung, dass frühere und künftige [Karman], mit Ausnahme des prārabdha, durch dieses [Wissen] beseitigt werden] Die von anfangsloser Zeit her feststehenden früheren und künftigen Karmans werden durch dieses, samt ihren [karmischen] Neigungen, vollständig vernichtet. [Dass das prārabdha-Karma allein durch Erfahrung vernichtet werden kann] [Nur] dasjenige Karma, das ,in Gang gesetzt' (prārabdha) ist, wird nicht ohne [tatsächliches] Erleben vernichtet. Dies alles habe ich dir zusammenfassend dargelegt. [Die Frage, ob es eine besondere Handlung gibt, die prārabdha-Karma vernichtet, oder nicht] Śrī-Nārada [sprach]: Herr, durch welche Handlung wird das prārabdha-Karma vernichtet? Oder wird dieses durch gar keine Handlung vernichtet?
[Zur Beantwortung dessen die Beispielerzählung von Kṛśadhvaja] Ahirbudhnya [sprach]: Höre diese im Tretā-Zeitalter geschehene Geschichte. Es gab einen König namens Kṛśadhvaja unter den Janakas [Königen von Mithilā], kenntnisreich in Brahman, überaus edelmütig, der Fürsorge für seine Untertanen zugetan. [Auch ihm widerfährt, als Frucht seines prārabdha-Karma, heftige Qual durch eine große Besessenheit] Während er als Erdenherrscher den gesamten Erdkreis beherrschte, erschien ihm eines Tages, brennend, eine große Verwirrung/Besessenheit (mahāmoha). Der Erdenherrscher, obwohl davon gequält, versicherte sich selbst, dem Feindebezwinger, [dass] dies wie ein anderer Weltzeitalter-Zyklus vergehen werde. Doch wieder und wieder wurde der Herr des Wissens davon gequält. [Über sein wiederholtes Leiden, auch bei innerer Gelassenheit] Da dachte er, überaus gequält: ,Wie kommt es, dass mich diese plötzliche Besessenheit, wie ein Waisenkind, bedrängt, obwohl ich doch in meinem eigenen Selbst wie ein Freund [ruhend] verweile? Aus welchem Grund ist dies gekommen, und wird von selbst nicht zur Ruhe kommen?' [Darauf sein fester Entschluss, zu seinem Familienguru Yājñavalkya zu gehen] So sorgenvoll, begab sich der König zum Haus des Gurus, dem heiligen, vom Veda-Rezitieren erfüllten, von dem vortrefflichen Zweifachgeborenen bewohnten [Ort]; er sah den in Wissenschaft versunken im Feuerhaus sitzenden Schatz der Askese, von Brahman-Kennern umgeben, wie eine zweite Sonne – den Familienguru Yājñavalkya, demütig. [Nach der Verneigung teilt er dort sein eigenes Anliegen mit] Nachdem er sich vor dem Großmütigen verneigt hatte, sprach er dieses Wort: ,Von dir allein habe ich die höhere und ebenso die niedere Wissenschaft erlangt; durch das Feuer der höheren Wissenschaft wurde all mein Karma verbrannt. Es ist [aber auch] gehört [worden], dass Karma ohne Früheres und Späteres [d.h. ein bereits einzeln in Gang gesetztes Karma] ,prārabdha' heißt; die Erlangung der Königsherrschaft habe ich als Frucht ebendieses prārabdha-Karma erhalten. So [war] ich gegenwärtig [zufrieden] – [doch nun] entstand eine unerträgliche, das Gedächtnis zerschlagende große Verwirrung, die meine Glieder quält. Woher ist diese Not gekommen, und wodurch wird sie, sage mir, beruhigt?'
[Yājñavalkyas Antwort] So von ihm angesprochen, sagte der Herr [Yājñavalkya] zu Kṛśadhvaja: [Dass die Erschaffung des Körpers dem Erleben der Frucht dient] ,Für Verkörperte wird der Körper zum Erleben von Glück und Leid ersonnen. [Dass dies auch für den Körper eines Brahman-Kenners gilt] Auch die Körper der Brahman-Kenner sind ebenso [beschaffen] – das wisse. Auch von diesem [Körper] muss die Frucht des Karma erlebt werden; die Handlungen, die durch den Körper vollzogen werden, [auch] deine – deren Früchte werden erlebt, niemals bloß [unwirksam vergehen sie]. [Dass die große Besessenheit die Frucht einer Sünde ist] Daher wisse, dieser [dich] Ergreifende ist die Frucht einer Sünde, Erdenherrscher. [Das Versprechen, die Ursache dieser [scheinbar] nicht-geschehenen Sünde darzulegen] Höre, wodurch die Verwirrung gekommen ist – das werde ich dir sagen. [Die acht aus großer Sünde entstehenden Fehler, beginnend mit Wahnsinn] Wahnsinn (unmāda), großer Wahnsinn (mahonmāda), Geistesverwirrung (cittākṣepa), Ohnmacht (mūrchana), Bewusstseinsverlust (saṃjñāntakārin), Erschütterung (vikṣobha), [ein weiterer, unsicherer Zustand] und Gedächtniszerstörung (smṛtibhañjaka) – diese acht Fehler entstehen aus großen, lebewesenschädigenden Sünden. [Die Darlegung der Ursachen, aus denen bei Königen die Fehler wie Wahnsinn u.a. entstehen] Aus der Unterlassung der Bestrafung eines Brahmanenmörders, aus einem in der Unwahrheit feststehenden Sinn, aus der Vernachlässigung des Bildnisses der eigenen zu verehrenden Gottheit, aus der [ungerechten] Tötung eines Königs, aus dem Raub einer Brahmanenschenkung, aus Ursachen, die Brahmanen Not bereiten, aus dem Brechen von Grenzen/Normen, sowie aus dem Verkehr mit einer unzulässigen [Frau] – aus diesen Ursachen entstehen bei Königen jene Fehler, o Fürst. [Die Erklärung, dass Kṛśadhvaja die große Besessenheit durch die Tötung eines Königs außerhalb der Schlacht erlangt hat] Du hast einst, nicht in der Schlacht, einen großen, überaus rechtschaffenen König getötet, Erdenherrscher; durch diese Sünde, die durch diesen Körper erlebt werden muss, ist diese furchtbare, dich erschreckende Besessenheit erlangt worden. [Dass durch Sudarśanas Macht auch diese acht Fehler mit Gewissheit vernichtet werden] Durch die Macht Sudarśanas werden diese acht Arten von Fehlern gewiss vernichtet, ohne Zweifel; dadurch wird auch jenes [Übel] gänzlich vernichtet.
[?] Unter den acht ,doṣas' ist ,prajāpī' (V.26) unsicher gelesen und die genaue Bedeutung nicht restlos zu klären; sinngemäß als eine Art psychischer Erschütterung wiedergegeben.
[Die Anweisung, sich um die Erlangung von Sudarśanas Gnade zu bemühen] ,Bemühe dich daher um deren Erlangung, ohne über den Zweifel [weiter] nachzugrübeln. [Zunächst die Errichtung des Pavillons u.a.] Errichte zuerst einen hohen, mit allem Heilvollen ausgestatteten Pavillon (maṇḍapa). [Die Merkmale des Pavillons] [Er sei] reich an zahlreichen Säulen, mit hohen Torbögen geschmückt, mit einem weißseidenen Baldachin versehen, mit einem Glöckchennetz geschmückt, mit Banner-Tüchern reich versehen, mit Standarten geschmückt, mit Perlenschnüren reich versehen, mit vielen Girlanden verziert, die Säulen mit Seide umwickelt, mit Lampen geschmückt, sechsunddreißig Einheiten breit und vierundfünfzig Einheiten lang bemessen, reizvoll, mit den acht Heilszeichen versehen, mit Sandelholz- und Agaru-Räucherwerk allseits wohlriechend gemacht, heilvoll. [Die Vorschrift, den beschriebenen Pavillon am Ufer der Sarasvatī zu errichten] Ebenso [errichte ihn] am reinen Ufer der Sarasvatī, [fern] vom [gewohnten] Haus – tu dies rasch, Heilvoller, fürchte dich nicht, grüble nicht. [Sein Versprechen, selbst dorthin zu kommen] Ich selbst werde dorthin kommen und das Friedens-Ritual (śānti-karma) vollziehen.' [Der König handelt der Unterweisung entsprechend] Als der weise Guru so gesprochen hatte, [handelte] der König demütig; überaus erfreut, rief er seine Diener herbei und ließ dort den Pavillon nach den beschriebenen Merkmalen errichten. [Yājñavalkyas Gang zu jenem Pavillon in der hellen Monatshälfte] Obwohl der Weise imstande gewesen wäre, jene Qual durch seine eigene Macht zu stillen, erwog er dennoch in seinem Sinn, dies sei die Pflicht eines Königs [d.h. das vorgeschriebene Ritual solle dennoch vollzogen werden], und begab sich zu jenem Pavillon in der hellen Monatshälfte, an einem günstigen Tag.
[Die Errichtung des königlichen Sitzes im westlichen Teil des dreigeteilten Pavillons] Er berief Handwerker herbei und ließ den königlichen Sitz errichten, im dritten, westlichen, reich geschmückten Abschnitt. [Die Errichtung der Homa-Feuergruben zwischen den beiden östlichen Abschnitten] Zwischen den beiden östlichen Abschnitten ließ er sorgfältig die Homa-Feuergruben anlegen, an Altarstätten mit vimāna-artigen Merkmalen, radförmig gestaltet. [Die Anlage von zwei weiteren Gruben in der Mitte sowie acht in den Himmelsrichtungen] Nachdem er ein solches Grubenpaar auch in der Mitte angelegt hatte, ließ er ebenso außerhalb, in den acht Himmelsrichtungen, [weitere] Gruben anlegen. [Die Aufstellung je eines Gefäßes bei jeder Grube, zweier in der Mitte] Nachdem er jede Grube [rituell] umsäumt hatte, ließ er der Reihe nach angemessen gewichtete Gefäße (kumbhas) bei den Gruben aufstellen, ringsum, beginnend im Osten – acht silberne, [dazu] die beiden mittleren aus Gold. [Die Füllung der Gefäße mit duftendem Wasser samt Edelsteinen] [Sie waren] gefüllt mit duftendem Wasser und mit neun Edelsteinen versehen. [Yājñavalkyas eigene Verehrung der Gefäße] Dann umwickelte der Weise selbst, zusammen mit dem weisen Śatānanda, [die Gefäße] mit seidenen Fäden, mit duftenden Blumen und ungebrochenem Reis, schmückte die Gefäße, rief mit Ehrerbietung den Gott [in sie] herbei und verehrte [ihn] mit Mantra, Blumen, Lampe und Pfeilen [den rituellen Gaben]. [Die Aufstellung des Yantra und dessen Zeichnung u.a.] Der Guru errichtete das große Yantra zwischen den beiden mittleren Gefäßen – ein großes, alle Mantras enthaltendes Yantra ohne [bildliche Darstellung] des Gottes, auf Tuch gezeichnet wie zuvor beschrieben, mit allen göttlichen Astras versehen; dieses breitete er auf dem königlichen Sitz aus und bedeckte es mit einem oberen Tuch; darauf ließ er den König von unermesslichem Glanz Platz nehmen; er machte über ihm einen mit dem Yantra-Tuch verbundenen Baldachin. Und er ließ ein aus Gold gefertigtes, mit einem Juwelennetz verziertes Yantra der vorgeschriebenen Form anfertigen und in einen Spiegel einsetzen; ebenso [ein weiteres,] mit Gorocanā [gelber Farbe] auf geräuchertem Birkenrindenpapier, mit einer goldenen Nadel gezeichnet, ohne alle göttlichen Astras [eine einfachere Form] – dieses wohlkonsekrierte Yantra ließ er dem König auf dem Haupt anbringen; auch ein Sudarśana-Stirnmal (tilaka) ließ er mit Asche anfertigen. Dann berief er acht in den Mantras gefestigte, selbstbeherrschte vaiṣṇavische Brahmanen herbei und stellte sie an den Himmelsrichtungs-Feuergruben auf.
Dann, nachdem er ringsum den Pavillon mit einem Vorhang versehen hatte, bei den geschmückten Feuergruben, mit goldenen Ritualgeräten, und den vorgeschriebenen Eingang bereitet hatte, opferte der Guru, zusammen mit den Brahmanen und mit Śatānanda, eilig im Feuer – begleitet von Tanz und Musik, erfüllt vom Vedarezitieren; zuvor hatte er, gesammelten Sinnes, das Segenstags-Ritual (puṇyāha) und dann das Homa-Werk vollzogen. Śatānanda, der Guru, mit der Hauptzeremonie betraut, und ebenso alle jene Brahmanen, mit den Richtungsgruben-Oblationen betraut, vollzogen, nachdem sie die Oblationen mit reinem Ghee mit Ehrerbietung beschlossen hatten, [diese] fortwährend – so wurde es zehn Tage lang vollzogen. Täglich vom Guru durch die mit Mantra konsekrierten Gefäßwasser [geprüft/gereinigt], wurde [der König], von der Besessenheit befreit, reinen Sinnes, fieberfrei, frohen Gemüts. Am Ende des zehnten Tages ehrte der König den Guru mit Juwelen und reichlich Gold, sowie den Pavillon mit seinen Geräten. Nachdem er dem Guru [Gaben] dargebracht hatte, stellte er alle Opferpriester mit vielem Reichtum und Getreide zufrieden, [sie] in ihren Ämtern bestätigend. Danach beherrschte er diese Erde wie Indra den Himmel. [Dass dieselbe Vorschrift auch für andere Wesen gilt] Diese selbe Vorschrift gilt auch für andere Wesen als erinnert; im Dvāpara[-Zeitalter] wird sie mit zweinächtigen Homas vollzogen, und im Kali[-Zeitalter] gilt diese Vorschrift für Könige mit einem Koṭi-Homa [zehnmillionenfacher Oblation]. So muss selbst von Brahman-Kennern das prārabdha-Karma erlebt [durchlitten] werden [bis es durch ein solches, von Sudarśanas Gnade getragenes Ritual aufgehoben wird]. So im ehrwürdigen Pāñcarātra, im Tantra-Geheimnis, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das Kapitel betitelt ,Um, durch Sudarśanas Macht, die Vernichtbarkeit selbst des prārabdha-Karma zu lehren: die Erzählung von Kṛśadhvaja' – das fünfundvierzigste Kapitel. Om. (Von Anfang an Verse: 2837)
[?] Die Verszählung ist im letzten Kapitelabschnitt (ca. V.62-65) im Quelltext unregelmäßig/teilweise doppelt vergeben; die Gesamtzahl von 65 Versen ist jedoch durch das Kolophon (kumulativ 2837 = 2772+65) gesichert.