Paṭala 25: Sudarśanayantravaibhavavarṇanam
Fünfundzwanzigstes Kapitel – Die Beschreibung der Erhabenheit des Sudarśana-Yantra
Kapitel 25 (Sudarśanayantravaibhavavarṇanam) eröffnet nach dem Abschluss des Acht-Räder-Zyklus (Kap.20-24) ein neues Hauptthema: das besondere Sudarśana-Yantra und seine damit verbundenen Varianten. Nārada fragt (V.1-11), wie angesichts des bevorstehenden, in düsteren Farben geschilderten Kali-Zeitalters (Verfall der vedischen Riten, Ohnmacht der Mantra-Kräfte, geschwächte Könige, Hungersnot, Ketzerei) das königliche Schutz-Ritual noch gelingen könne. Ahirbudhnya antwortet (V.12-26) mit der Herkunftserzählung des Sudarśana-Yantra – er selbst erhielt es von Nārāyaṇa am heiligen Badarikāśrama zur Sühne der Enthauptung Brahmās (Pitāmaha) –, gefolgt von einem Fruchtkatalog des Sudarśana-Yantra sowie dreier weiterer, ausdrücklich benannter Varianten: des Sudarśana-Narasiṃha-Yantra, des Viṣṇu-Pañjara-Yantra und, als Höhepunkt, des Mahāsudarśana-Yantra, dessen Herstellung Herrschaft über die drei Welten verleiht. Kolophon: kumulativ 1470 Verse. Das folgende Kapitel 26 ('Mahāsudarśanayantralakṣaṇam') behandelt die konkreten Konstruktionsvorschriften dieses letztgenannten Yantra. Quelle: Adyar-Ausgabe (Rāmānujācārya, 1926, gemeinfrei); die OCR ist für dieses Kapitel überwiegend gut lesbar, einzelne Wörter bleiben mit [?] markiert.
Nun das fünfundzwanzigste Kapitel mit dem Namen »Die Beschreibung der Erhabenheit des Sudarśana-Yantra«.
[Eingangsvers, textlich unsicher wie zu Beginn von Kap.24:] »Einmal betrachtet, [zerstört es] die Schrecken von zehn Millionen [Feinden] ... lasst uns jene göttliche Erhabenheit des Gottes Sudarśana meditieren.« [Anm.: derselbe stark verderbte Anrufungsvers wie zu Beginn von Kap.24.]
Śrī Nārada [spricht]:
(V.1) O Herr, ausführlich und der Wahrheit gemäß wurde [mir von dir] erklärt, was Ursache, was Grundlage, was Beweisgrund dieser Welt ist; (V.2) ebenso das Wesen und die Mittel von Dharma, Artha und Kāma; ebenso die höhere Wissenschaft (paravidyā) wie auch die [niedere] Wissenschaft, sowie das, was als 'auf das Selbst bezogen' (adhyātma) bezeichnet wird. (V.3) Auch die höchste Erlösung wurde erklärt, sowie die Bindung und deren Mittel [zur Überwindung]; ebenso die Einteilung der Stände und Lebensstufen (varṇa-āśrama) und im Besonderen deren jeweilige Pflichten. (V.4) Auch das Schutz-Ritual für Angehörige aller Stände sowie für Könige [wurde erklärt]; dieses göttliche Schutz-Ritual für Könige wurde ebenso dargelegt.
Kapitelbeginn: Nārada blickt zusammenfassend auf die bisherige Lehre zurück (Weltgrund, die drei Lebensziele, höhere und niedere Wissenschaft, Erlösung und Bindung, Stände-/Lebensstufenlehre, das allgemeine wie das königliche Schutz-Ritual) und leitet damit zu seiner eigentlichen, in den folgenden Versen gestellten Frage über.
kathaṃ kila kalau prāpte rājñāṃ rakṣāvidhir bhavet | (saṃkṣepataḥ kalisvarūpakathanam) na yakṣyanti na dāsyanti na hoṣyanti dvijātayaḥ ||5|| na sve sveṣu dharmeṣu kariṣyanti matiṃ kvacit | śaktayaḥ sarvamantrāṇāṃ prayāsyanti tiraskṛtim ||6|| nirvīryāś ca bhaviṣyanti rājānaḥ svabalojjhitāḥ [?] | nirdhanā hatarājyāś ca dasyubhiḥ paripīḍitāḥ ||7|| alpakṣīrā bhaviṣyanti gāvaḥ pāpe kalau yuge | prajāḥ kṣudhārtāś ca kālāvyayarahanipīḍitāḥ [?] ||8|| pāṣaṇḍadharmaniratā bhagavantaṃ janārdanam | nindanādīn kariṣyanti tamaḥprāyā hy avedinaḥ ||9|| (tādṛśe kāle rājñāṃ rakṣāvidhyupāyapṛcchā) itthaṃ doṣāspade kāle rājñāṃ rakṣāvidhiḥ katham | sampatsyate śaktihīnair dvijaiḥ svabalavarjitaiḥ ||10|| yenopāyena rakṣā syāt taṃ me brūhi suniścitam | sarvajño vaktuṃ vahate kaḥ śaknoti maheśvara ||11||
Wie aber könnte, wenn Kali[-Yuga] eintritt, das Schutz-Ritual für Könige [noch] gelingen?
(Kurze Schilderung des Wesens des Kali[-Zeitalters])
(V.5) Die Zweimalgeborenen werden nicht mehr opfern, nicht mehr geben (Almosen), nicht mehr Feueropfer darbringen; (V.6) sie werden ihren eigenen Stands-Pflichten in keiner Weise mehr Aufmerksamkeit schenken; die Kräfte aller Mantras werden in Verachtung geraten. (V.7) Die Könige werden kraftlos und ihrer eigenen Stärke beraubt sein, mittellos, ihres Reiches beraubt und von Räubern bedrängt. (V.8) Die Kühe werden im sündigen Kali-Zeitalter nur wenig Milch geben; die Untertanen werden von Hunger geplagt und [durch unzeitigen Tod (?)] bedrängt sein. (V.9) Den häretischen Lehren (pāṣaṇḍa-dharma) ergeben, werden [die Menschen] den erhabenen Janārdana schmähen und dergleichen [tun], zumeist in Finsternis und ohne rechtes Wissen.
(Frage nach dem Mittel des Königsschutz-Rituals in solcher Zeit)
(V.10) Wie also könnte in solch einer fehlerbehafteten Zeit das Schutz-Ritual für Könige durch machtlose, ihrer eigenen Stärke beraubte Zweimalgeborene gelingen? (V.11) Sage mir mit Gewissheit das Mittel, durch das Schutz dennoch möglich wäre – wer außer dem Allwissenden, großen Herrn, vermag dies zu erklären?
Nāradas eigentliche Frage: eine düstere Schilderung des bevorstehenden Kali-Zeitalters (Vernachlässigung der vedischen Riten und Stände-Pflichten, Ohnmacht der Mantra-Kräfte, geschwächte und beraubte Könige, Hungersnot, Ketzerei und Gotteslästerung) mündet in die dringliche Frage, wie unter solchen Umständen das Schutz-Ritual für Könige überhaupt noch wirksam sein könne.
(tatprativacanārambhaḥ) ahirbudhnyaḥ | sādhu sādhu yad etat tvaṃ pṛṣṭavān asi nārada | satyam etat karaṃ rakṣāvidhimantreṇa yujyate ||12|| tathāpi bhakta iti te kathayāmi śṛṇuṣva tat | sarveṣām eva bhūtānāṃ rājñāṃ caiva viśeṣataḥ ||13|| rakṣāvidhiṃ paraṃ yadyaṃ [?] tantrāṇāṃ sāram uttamam | (ahirbudhnyasya svakṛtapitāmahaśiraśchedamahāpāpapraśamāya nārāyaṇāt sudarśanayantraprāptiḥ) mama nārāyaṇenoktaṃ puṇye badarikāśrame ||14|| pitāmahaśiraśchedamahāpātakaśāntaye | sarvabādhāpaśamanaṃ sarvaduḥkhanivāraṇam ||15||
(Beginn der Antwort darauf)
Ahirbudhnya [spricht]:
(V.12) Gut, gut, dass du dies gefragt hast, Nārada! Wahrlich, dieses wirksame Schutz-Ritual ist [tatsächlich mit] Mantra [verbunden]. (V.13) Dennoch, da du mir ergeben bist, will ich es dir sagen; höre es – jenes Schutz-Ritual, das für alle Wesen, und ganz besonders für Könige [gilt]. (V.14a) Dies ist das höchste Schutz-Ritual, die vortrefflichste Essenz der Tantras.
(Wie Ahirbudhnya das Sudarśana-Yantra von Nārāyaṇa erhielt, zur Tilgung der großen Sünde der von ihm selbst verübten Enthauptung Brahmās/des Pitāmaha)
(V.14b-15) Mir wurde es von Nārāyaṇa am heiligen Badarikāśrama verkündet, zur Beschwichtigung der großen Sünde der Enthauptung des Pitāmaha (Brahmā) – als Beschwichtigung aller Bedrängnisse, als Abwendung alles Leids.
Ahirbudhnya lobt Nāradas Frage und beginnt seine Antwort mit der Herkunftserzählung des Sudarśana-Yantra: Er selbst erhielt es von Nārāyaṇa am heiligen Badarikāśrama als Sühnemittel für die schwere Sünde, die er durch die Enthauptung Brahmās (Pitāmaha) auf sich geladen hatte – vgl. die in früheren Kapiteln dieser Saṃhitā berichtete Vorgeschichte dieser Enthauptung.
(Kurze Darlegung seiner Erhabenheit)
(V.16) Es ist Verleiher aller Vollkommenheiten (siddhi), die einzige Ursache alles Wohlstands, Beschwichtiger feindlicher Verwünschung (abhicāra), Verleiher der Herrschaft über fremde Reiche, heilbringend. (V.17) Es ist Vertreiber der Übel [der bösen Zeit] [?], Vernichter aller Feinde – allein durch dessen Erinnerung gehen den Menschen ihre Feinde zugrunde. (V.18) Räuber, all ihrer bösen Absichten beraubt, fliehen in alle zehn Himmelsrichtungen; in wessen Haus auch immer dieses Yantra aufgestellt ist, dem gelingt alles. (V.19) Welcher König dieses Yantra ehrfürchtig in seinem Haus anfertigen lässt, dessen gesamter Erdkreis wird ihm zweifellos untertan. So habe ich die Erhabenheit des Sudarśana-Yantra geschildert.
Katalog der allgemeinen Wirkungen (Früchte) des Sudarśana-Yantra: Vollkommenheiten, Wohlstand, Schutz vor feindlicher Verwünschung, Erlangung fremder Reiche, Vertreibung von Feinden und Räubern, universale Untertänigkeit für den König, der es errichten lässt.
(Darlegung der Frucht des Sudarśana-Narasiṃha-Yantra)
(V.20-21) Wer das mit Sudarśana verbundene Narasiṃha-Yantra anfertigen lässt, dem wird sogar eine andere Welt [ein fremdes Reich] untertan; allein schon durch das bloße Einzeichnen dieses Yantra wird den Menschen alles zuteil.
(Darlegung der Frucht des Viṣṇu-Pañjara-Yantra)
(V.22) Allein durch die Herstellung des Viṣṇu-Pañjara-Yantra sind stets die eigenen Haus-Gottheiten [dem Erbauer] gnädig gesinnt – wieviel mehr erst Reichtum und dergleichen für die Menschen!
(Dass die zusammengefasste Frucht aller drei genannten Yantras unmöglich vollständig zu beschreiben ist)
(V.23) Die Gesamtheit der Wirkung dieser drei Yantras vermag selbst der Allwissende nicht vollständig zu beschreiben, Nārada.
Fruchtbeschreibung zweier weiterer, speziell benannter Yantras – des Sudarśana-Narasiṃha-Yantra (Unterwerfung fremder Reiche) und des Viṣṇu-Pañjara-Yantra (Wohlwollen der Hausgottheiten, Reichtum) – mit der abschließenden captatio, dass selbst der Allwissende die volle Wirkung dieser drei Yantras zusammen nicht erschöpfend darlegen könne.
(Die Frucht des Mahāsudarśana-Yantra)
(V.24) Durch die Herstellung allein dieses Mahāsudarśana-Yantra erlangt ein Zweimalgeborener schon die drei Welten – wieviel mehr erst den bloßen Erdkreis! (V.25) An einer Stelle [dieses Yantra] gestaltet mit Sudarśana und Narasiṃha vereint, an anderer Stelle mit dem allein strahlenden Sudarśana-Leib; mit beiderseits zugewandtem Antlitz gedacht, mit einem Netz aus Waffen versehen, im ehrwürdigen Viṣṇu-Pañjara eingefügt, mit einem Netz von Mantras verbunden. (V.26) Das Mahāsudarśana[-Yantra] – für Menschen sündigen Handelns unerreichbar, doch beständiges Glück verleihend, das einzigartige, aus reinem Glanz (tejas) bestehende Yantra, von der gesamten Welt verehrt – dieses lasse man anfertigen, wenn man den Sieg über die gesamte Welt begehrt.
So endet im ehrwürdigen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā das fünfundzwanzigste Kapitel mit dem Namen 'Die Beschreibung der Erhabenheit des Sudarśana-Yantra'. Oṃ. (Von Anfang an gezählt: 1470 Verse)
Höhepunkt und Abschluss des Kapitels: die Frucht des Mahāsudarśana-Yantra – Herrschaft über die drei Welten –, gefolgt von einer knappen Beschreibung seiner zusammengesetzten Gestalt (Vereinigung von Sudarśana-Narasiṃha- und reinem Sudarśana-Leib, beiderseits gewandtes Antlitz, Waffennetz, eingebettet im Viṣṇu-Pañjara mit Mantra-Netz) und einer letzten Preisung als unerreichbar für Sünder, aber siegverleihend für den würdigen Erbauer. Kolophon bestätigt kumulativ 1470 Verse.