Quellen der Menschheit

Ahirbudhnya Saṃhitā

Paṭala 15: Adhikārinirūpaṇam Fünfzehntes Kapitel – Die Bestimmung der zum Kult Berechtigten

Nārada erbittet Aufschluss darüber, wer die vier menschlichen Ziele erlangt. Ahirbudhnya legt zunächst allgemein dar, dass alle Nachkommen Manus (die vier Stände Brāhmaṇa/Kṣatriya/Vaiśya/Śūdra) zum Sātvata-/Pāñcarātra-Kult berechtigt sind, die drei oberen über die vierstufige Lebensordnung, die Śūdras über den Weg des Dienstes (V.1-19). Es folgt eine Einordnung der fünf Lehrsysteme hinsichtlich ihrer fortbestehenden oder abgelösten vedischen Ritualpflicht: Pāśupata- und Pāñcarātra-Anhänger sind davon befreit, Sāṅkhya-Anhänger gelten generell als werkfrei, Yoga-Anhänger bleiben bis zur eigenen Vollendung verpflichtet (V.20-25). Den Hauptteil bildet eine ausführliche, klassische Darstellung der vier Stände und ihrer je eigenen Pflichten (V.26-38) sowie der vier Lebensstufen – Brahmacārin, Gṛhastha, Vānaprastha, Saṃnyāsin – mit ihren jeweiligen Pflichten, wobei durchgehend betont wird, dass begierdelose Pflichterfüllung zur endgültigen vaiṣṇavischen Erlösung, begierdegetriebene dagegen nur zur (niedrigeren) Brahma-Welt führt (V.39-75); besonders ausführlich das Ideal-Porträt des vollendeten Wandermönchs (V.60-75, mit dem berühmten Axt-und-Sandelholz-Gleichnis). Das Kapitel enthält eine hierarchische, teils sozial diskriminierende Ständeordnung; diese wird der Projektmethodik gemäß historisch-philologisch getreu, jedoch ohne inhaltliche Billigung wiedergegeben. OCR-Qualität überwiegend gut, mit vereinzelten beschädigten Stellen (V.3, V.15-16, V.66, V.69) sowie einer laut Fußnote in mehreren Handschriften fehlenden kurzen Passage um V.15/16.

Om. (adhikāriviṣayaḥ praśnaḥ) śrīḥ. dhyāto dhṛtātmabhiś cakramadhyastho madhusūdanaḥ, pāyād apāyāt saṃsārarūpakūpāt tu naḥ paraḥ. Om. devadeva namas te 'stu vṛṣaketana śaṅkara, tvatprasādāc chrutaṃ divyaṃ rahasyaṃ jñānam uttamam ||1|| prabho śeṣaṃ mama brūhi yat pṛṣṭo 'si mayā purā, puruṣārthā hi ye proktāś catvāraḥ sakalāśrayāḥ ||2|| ke hi tān adhigacchanti tasmai vistarato vada |

Om. (Die Frage nach dem Gegenstand des ,Berechtigten' [adhikārin]:) Śrī [auspiziöse Eröffnungsformel]: „Möge Madhusūdana [Viṣṇu], von den Selbstbeherrschten meditiert, inmitten des [Diskus-]Rades stehend, der Höchste, uns vor dem Verderben, der grubenförmigen Gestalt des Weltkreislaufs, bewahren!“ Om. [Śrī Nārada:] „O Gott der Götter, Verehrung dir, Stier-Banner-Träger, Śaṅkara! Durch deine Gnade habe ich das göttliche, geheime, höchste Wissen gehört. O Herr, sage mir den Rest, wonach ich dich schon früher gefragt hatte: die menschlichen Ziele [Puruṣārthas], die als vier, die Zuflucht aller [Wesen], verkündet worden sind – wer erlangt sie? Das erkläre mir ausführlich.“

Kapiteleröffnung mit einer separaten, dem Kapitel vorangestellten Segensformel (śrīḥ-Vers) an Madhusūdana/Viṣṇu, wie sie mehrfach in dieser Saṃhitā vor thematisch neuen Großabschnitten steht.

(tatprativacane prathamaṃ sāmānyarītipratipādanam) ahirbudhnyaḥ: [?, stark beschädigt] brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ śūdrā iti vibheditāḥ, mlecchāś ca ye tathā mānavamānavāḥ ||3|| mukhabāhūrupadbhyo brāhmaṇādyāḥ samutthitāḥ, brāhmaṇāḥ kṣatriyā vaiśyāḥ śūdrā ity api te smṛtāḥ | dvitaye te yathāyogam adhikurvanti tān imān | (manusantatijānāṃ pāñcarātrādhikāraḥ) ye purā kathitāḥ panthāḥ siddhāntāḥ sarvasaṃmatāḥ | manusantatijās tatra sātvataṃ sarve 'dhikurvate | (teṣāṃ tanniṣṭhayā bhagavatprāptiḥ) trayodaśavidhaṃ karma varṇaiḥ sāṃyamikair yutam ||7|| kurvāṇāḥ pañcakālasthās te yānti puruṣottamam | (teṣu traivarṇikānāṃ cāturāśramyam) vihitaṃ cāturāśramyaṃ trayāṇāṃ tatra nārada ||8|| brahmacārī gṛhastho vā vanastho bhikṣur ity api | (teṣāṃ śuśrūṣayā tv anyeṣāṃ bhagavatprāptiḥ) śūdrāḥ śuśrūṣayā teṣāṃ bhagavatkarmasādhanāt ||9|| arāgaroṣalobhāḥ sadyo yānti hareḥ padam |

(Als erste Antwort darauf: die Darlegung der allgemeinen Methode:) Ahirbudhnya: [V.3 im Scan stark beschädigt, Kerninhalt:] „Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas und Śūdras werden [als die vier Stände] unterschieden, sowie [davon getrennt] die Mlecchas [Fremdvölker/Außenstehende] und die übrigen Menschen. Aus Mund, Armen, Schenkeln und Füßen [des Urwesens] sind Brāhmaṇa und die übrigen [Stände] hervorgegangen: Brāhmaṇas, Kṣatriyas, Vaiśyas, Śūdras – so werden sie überliefert. In zweifacher Weise sind sie, je nach [ihrer] Eignung, zu diesen [Lehren] berechtigt. (Die Berechtigung der Nachkommen des Manu zum Pāñcarātra:) Die zuvor genannten, von allen anerkannten Lehrpfade – die Nachkommen des Manu [d.h. alle im Kastensystem stehenden Menschen] sind dort alle zum Sātvata [Pāñcarātra] berechtigt. (Dass sie durch dessen Befolgung zum Herrn gelangen:) Diejenigen, die das dreizehnfache Ritual, zusammen mit den [zugehörigen] Selbstbeherrschungs-Vorschriften, in den fünf [täglichen] Zeiten stehend vollziehen, gelangen zu Puruṣottama [dem höchsten Menschen, Viṣṇu]. (Die Vier-Stufen-Ordnung für die drei [oberen] Stände darunter:) Für die drei [oberen Stände] ist dort, Nārada, die vierfache Lebensstufen-Ordnung [Cāturāśramya] vorgeschrieben: Brahmacārin [Schüler], oder Gṛhastha [Hausvater], Vānaprastha [Waldeinsiedler], oder auch Bhikṣu [Bettelmönch]. (Dass für die übrigen, d.h. die Śūdras, der Herr durch Dienst erlangt wird:) Die Śūdras gelangen, durch Dienst an jenen [drei oberen Ständen], durch das Vollbringen der Werke des Herrn [als Dienstleistung], frei von Leidenschaft, Zorn und Gier, unverzüglich zu Haris Stätte.“

[Anm.: OCR-Verderbnis und ethisch belasteter Inhalt] V.3 ist im Scan stark beschädigt; die Nennung der ,Mlecchas' (Fremdvölker) neben den vier Ständen bleibt im Detail unsicher [?]. Der Abschnitt legt eine klassische, hierarchische Varṇa-Ordnung (samt untergeordneter Stellung der Śūdras, deren einziger genannter Zugang zum Heil über Dienstleistung an den drei oberen Ständen führt) zugrunde; dies wird, der Projektmethodik gemäß, wortgetreu und ohne Beschönigung wiedergegeben, jedoch ausdrücklich nicht inhaltlich gutgeheißen, sondern lediglich als historisches Textzeugnis dokumentiert.

sadbrahmayājinas te vai śuddhāḥ svādhyāyatatparāḥ ||10|| ananyayājino viprāḥ ābhraṣṭer[?] adhikāriṇaḥ, mātāpitṛbhyāṃ taruṇāḥ prākṛddhaiḥ[?] sādhupālitāḥ | ācāryeṇopasaṃpannās te śuśrūṣaṇatatparāḥ, samyaksattvapadārthajñā niyamasthāḥ samāhitāḥ ||12|| prakṛtijñānasaṃpannāḥ pramādaparivarjitāḥ, labdhakāmāḥ sudhṛtayaḥ śucayaḥ saṃyatendriyāḥ ||13|| siddhā nāma mahābhāgāḥ samāptajñānaniścayāḥ, priyāḥ samāptakarmāṇaś caraṇair anvitāḥ śubhaiḥ ||14|| āsamāpteḥ samāsthāya caturṇām ekam āśramam, pañcakālikam acchidraṃ kurvāṇāḥ śatavārṣikam ||15|| [zwei-drei Verse im Scan nicht überliefert, laut Fußnote] ... vivekajāṃ parāṃ prāpya karmaṇo 'nte śubhāṃ dhiyam, pravartamānavijñānā niṣprakampāḥ ||16|| sahasrārciṣam īśānaṃ lakṣmīpatim anāviram, kṣetrajñaṃ sarvabhūtānāṃ vāsudevaṃ viśanti te ||17|| (gārhasthyasyāśramāntaropajīvyatvam) abhimānabahumātrāvān eka koṭumba āśramaḥ, vratādiniratāḥ śuddhās trayo 'nye 'nnamayāḥ smṛtāḥ | koṭumbam upajīvanti te trayo hy adhvaretasaḥ | (sāmānyarītivinigamanam) gaditā sāmānyā rītir iti te vedato mune ||19||

„Sie, die reinen Opferer des rechten [heiligen] Brahman, den [eigenen] Studien zugetan, die ausschließlich [dem Herrn] opfernden Brahmanen, von Geburt an [oder: ,vom Sturz an', unsicher] berechtigt, in der Jugend von Vater und Mutter, [dann] von den Älteren, gut betreut; einen Lehrer aufgesucht habend, dem Dienst [an ihm] zugetan, die Wahrheit der Grundprinzipien recht erkennend, in [rituellen] Observanzen stehend, gesammelt; mit Erkenntnis des [eigenen] Wesens ausgestattet, frei von Nachlässigkeit, ihre Wünsche erlangt habend, standhaft, rein, mit gezügelten Sinnen – diese, ,Siddhas' [Vollkommene] genannt, hochgesegnet, mit vollendeter Erkenntnisgewissheit, geliebt, ihre [rituellen] Pflichten erfüllt habend, mit lauteren Wandel ausgestattet – die, bis zur Vollendung in einer der vier Lebensstufen verharrend, das fünf-tägeszeitliche [Ritual] hundert Jahre lang ohne Unterbrechung vollziehen [Anm.: hier fehlen im Scan laut Fußnote zwei bis drei Verse, in anderen Handschriften nicht überliefert] ... die, nachdem sie am Ende ihres [rituellen] Wirkens die aus Unterscheidungsvermögen entsprungene, höchste, gute Einsicht erlangt haben, deren Erkenntnis sich entfaltet, unerschütterlich – diese treten ein in den tausendstrahligen Herrn, den ungetrübten Gemahl der Lakṣmī, den Feldkenner [kṣetrajña] aller Wesen, Vāsudeva. (Dass der Hausvaterstand die übrigen Lebensstufen mitträgt:) Der Haushalt ist die eine Lebensstufe, mit vielfachem Anspruch/Verantwortung [ausgestattet]; die drei anderen, in Gelübden und dergleichen verharrenden reinen [Stufen] gelten als von der [des Hausvaters] Nahrung lebend; jene drei [anderen Stufen] leben also vom Haushalt, [selbst wenn sie] auf dem [asketischen] Pfad [stehen]. (Der Abschluss der allgemeinen Methode:) So ist dir, o Weiser, die allgemeine Methode, gemäß dem Veda, dargelegt worden.“

[Anm.: Lückenhafte Überlieferung] Eine im Scan enthaltene Fußnote vermerkt, dass ein Textabschnitt von hier an in mehreren Handschriften fehlt – die Übersetzung folgt dem vorliegenden Digitalisat, kleinere Lücken im Versübergang V.15-16 sind daher möglich.

(atha trayyādirītikathanārambhaḥ) evaṃ vistarato me 'nyāṃ rītim anyāṃ niśāmaya | (mukhabāhūrupajānāṃ trayyādyadhikāraḥ) ye hi brahmamukhādibhyo varṇāś catvāra uddhṛtāḥ ||20|| te tattatphalam ekaikaṃ prayacchanti trayyādīnāṃ catuṣṭayam | (trayīniṣṭhānāṃ phalasiddhiḥ; sāṅkhyādiniṣṭhānāṃ kramāt pāñcarātrārohaṇam) trayīsthā eva sidhyanti sāṅkhyādiṣv api ca triṣu, ārohanty icchayā te 'pi sātvataṃ śāsanaṃ param | (pāśupataniṣṭhānāṃ trayīdharmānanuṣṭhātṛtvam) prāptāḥ pāśupataṃ dharmaṃ ye hi brāhmaṇapūrvakāḥ ||22|| na dharmam anutiṣṭhanti trayīsthaṃ te punar mune, pāñcarātraṃ praviśyaiva nānyaṃ dharmaṃ vitanvate ||23|| (sāṅkhyānāṃ naiṣkarmyam) niṣkarmāṇaḥ smṛtāḥ sāṅkhyāḥ saṃkhyānaikatatparāḥ | (yoganiṣṭhānāṃ vaidikakarmānuṣṭhātṛtvam) nityanaimittikair yukto yogī yogāṅgavāñchayā ||24|| kuryād alabdhasvābhāya labdhasiddhaya eva ca, abhraṣṭho vaidikaṃ karma nityaṃ naimittikaṃ tathā ||25|| trayyādimārgagā rītir nāradaiṣā pradarśitā |

(Der Beginn der Darlegung der spezifischen Methode für Trayī usw.:) „So höre nun von mir ausführlich eine andere Methode. (Die Berechtigung der aus Mund, Armen usw. [Entstandenen] zu Trayī usw.:) Diejenigen vier Stände, die aus Brahmās Mund usw. hervorgebracht wurden – ihnen gewähren die vier [Systeme] Trayī usw. je einzeln ihre entsprechende Frucht. (Die Frucht-Erlangung der in Trayī Gefestigten; der stufenweise Aufstieg der in Sāṅkhya usw. Gefestigten zum Pāñcarātra:) Die in Trayī Gefestigten erlangen zwar Erfolg [in ihrem eigenen System]; aber auch in den drei [übrigen Systemen] Sāṅkhya usw. [Gefestigte] steigen, aus eigenem Wunsch, ebenfalls zum höchsten Sātvata-Lehrwerk [Pāñcarātra] auf. (Dass die im Pāśupata Gefestigten den Trayī-Dharma nicht [zusätzlich] befolgen müssen:) Diejenigen, die, obwohl ursprünglich Brahmanen, zum Pāśupata-Dharma gelangt sind, befolgen, o Weiser, nicht mehr den in Trayī begründeten Dharma; vielmehr, sobald sie ins Pāñcarātra eingetreten sind, üben sie keinen anderen Dharma mehr aus. (Die Werkfreiheit der Sāṅkhya-Anhänger:) Die Sāṅkhya-Anhänger gelten als frei von [ritueller] Handlungspflicht [niṣkarma], einzig der [philosophischen] Analyse [saṃkhyāna] zugetan. (Dass die im Yoga Gefestigten weiterhin die vedischen Riten befolgen müssen:) Der Yogin, dem Wunsch nach den Yoga-Gliedern verbunden mit den täglichen und gelegentlichen [Riten] zugetan, soll [diese Riten], solange er die [Yoga-]Vollkommenheit noch nicht erlangt hat, [weiter] vollziehen; hat er sie [aber bereits] erlangt, ist er, unabgefallen [von der Praxis], [dennoch weiterhin, sofern nicht vollkommen] den täglichen und gelegentlichen vedischen Riten [verpflichtet]. Dies, Nārada, ist die auf den Pfaden Trayī usw. beruhende Methode, [wie sie] dargelegt worden [ist].“

Bemerkenswerte hierarchische Einordnung: nur die Pāśupata- und Pāñcarātra-Anhänger sind von der fortlaufenden vedischen Ritualpflicht (Trayī-Dharma) freigestellt, während Sāṅkhya-Anhänger als generell ,werkfrei' gelten und Yoga-Anhänger bis zur eigenen Vollendung weiterhin an die vedischen Riten gebunden bleiben – ein weiteres Beispiel der in Kap.13 etablierten Hierarchisierung der fünf Systeme.

(atha varṇāśramataddharmāṇāṃ nirūpaṇam) varṇāśramavibhāgaṃ me dharmaḥ saha niśāmaya ||26|| (catvāro varṇāḥ) varṇāś catvāra udiṣṭā brāhmaṇādikrameṇa ye | (ādyānāṃ trayāṇām adhyayanaṃ dvijātitvaṃ ca) adhīyīraṃs trayo varṇāḥ pūrve bhūtvā dvijātayaḥ ||27|| (caturthasya dvijādyabhāvaikajātitvaṃ ca) caturthaḥ ekajātis tu śuśrūṣetānahaṃkṛtaḥ | (yājanādhyāpanapratigrahā brāhmaṇasyaiva) brāhmaṇo nāma yo varṇa ādyo brahmamukhoddhṛtaḥ, sa trīn adhyāpayed etān brāhmaṇādīn anukramāt, yājayec ca yathākāmaṃ vācyam anasūyayā ||29|| tribhyaś ca pratigṛhṇīyād eṣa vaiśeṣiko vidhiḥ | (astradhāraṇādikaṃ kṣatriyasya) astraṃ dhāraṇaṃ nityaṃ kṣatrajāter viśeṣaṇam ||30|| kṣatrāṇaṃ yathāśakti prajānāṃ paripālanam | (kṛṣyādikaṃ vaiśyasya) vaiśo vaiśeṣikī vṛttiḥ kṛṣigorakṣavāṇijam ||31||

(Nun die Bestimmung der Stände [Varṇa], der Lebensstufen [Āśrama] und deren Pflichten:) „Höre nun von mir die Gliederung von Stand und Lebensstufe samt [ihren] Pflichten. (Die vier Stände:) Die vier Stände werden, in der Reihenfolge Brāhmaṇa usw., genannt. (Das Studium der ersten drei und deren Zweimal-Geboren-Sein:) Die drei [oberen] Stände sollen [den Veda] studieren, nachdem sie zuvor ,Zweimal-Geborene' [dvijāti, durch die Initiation] geworden sind. (Dass der vierte Stand kein zweites-Geboren-Sein hat, sondern nur eine Geburt:) Der vierte [Stand, der Śūdra] aber hat nur eine Geburt; sein [Dharma] ist der Dienst [śuśrūṣā] an jenen [drei oberen], frei von Selbstüberhebung. (Lehren, Opfern-Ausführen und Annehmen-von-Gaben allein für den Brahmanen:) Der ,Brāhmaṇa' genannte, erste Stand, aus Brahmās Mund hervorgebracht – er soll diese drei [übrigen Stände], Brāhmaṇa usw., der Reihe nach [im Veda] unterrichten, und er soll, wie gewünscht, für sie opfern, [ihnen den Veda] vortragen, ohne Missgunst; und er darf von den drei [übrigen Ständen] Gaben annehmen – dies ist die ihm eigentümliche Vorschrift. (Das Waffentragen usw. für den Kṣatriya:) Das ständige Tragen von Waffen ist das Kennzeichen des Kṣatriya-Standes; [ebenso] der Schutz der Untertanen, nach [seinem] Vermögen. (Ackerbau usw. für den Vaiśya:) Die dem Vaiśya eigentümliche Erwerbstätigkeit ist Ackerbau, Viehzucht und Handel.“

(iṣṭyadhyayanadānaṃ trayāṇāṃ tulyam) iṣṭyadhyayanadānaṃ tu dvijātīnām idaṃ samam, nityaṃ dharmārtham evaitat tatra hiṃsādivarjanam ||32|| (śuśrūṣā śūdrasya dharmo vṛttyartho ca) śuśrūṣaiva tu śūdrasya dharmo vṛttyartham eva ca | (brāhmaṇetaraśuśrūṣayoḥ śreṣṭhāniṣṭhatve) śreṣṭhā brāhmaṇaśuśrūṣā kaniṣṭhe tv apare smṛte ||33|| (caturṇāṃ sāmānyadharmāḥ) ahiṃsā satyam akrodhaḥ svadāraniratir dayā, caturṣv eteṣu dharmo 'yaṃ sāmānyena vidhīyate ||34|| (brāhmaṇottamakṣatriyayoś cāturāśramyam) brāhmaṇasya cāturāśramyaṃ kṣatrasya tu kathañcana, (kṣatriyavaiśyayor āśramatrayam) trayaṃ cāyaṃ kṣatraviśor niyataṃ dharmalakṣaṇam ||35|| (traivarṇikānāṃ prāgupanayanāt kāmacāraḥ) ācāryajanmanaḥ pūrvam avaśās te dvijātayaḥ | (upanayane dvitīyaṃ janma) ācāryajanma sāvitryāṃ dvitīyaṃ divyam iṣyate | (yajñadīkṣāyāṃ tṛtīyam) te trayo yajñadīkṣāyāṃ janma prāpya tṛtīyakam | (teṣāṃ svādhyāyaniṣṭhānāṃ devatulyatvam) brāhmaṇāḥ savanasthās te savanānte yathākramam, svādhyāye vartamānās te devāḥ sarve 'pi te 'rṣayaḥ | (atha āśramadharmāḥ) iti te kathitā varṇā āśramān api me śṛṇu |

(Opferhandlung, Studium und Schenken gleichermaßen für die drei [oberen Stände]:) „Opferhandlung [iṣṭi], Studium und Schenken aber sind für die Zweimal-Geborenen gleichermaßen [Pflicht]; dies ist ständig, um des Dharma willen, [zu üben], wobei dabei Gewaltlosigkeit und dergleichen zu wahren ist. (Dass Dienst die Pflicht des Śūdra ist, auch zum Lebensunterhalt:) Für den Śūdra aber ist einzig der Dienst [seine] Pflicht, auch zum Zweck des Lebensunterhalts. (Dass der Dienst an einem Brahmanen der höchste, [Dienst] an anderen der niedrigste ist:) Der Dienst an einem Brahmanen gilt als der beste, der an anderen als der niedrigste. (Die allgemeinen Pflichten für alle vier [Stände]:) Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Freiheit von Zorn, Treue zur eigenen Gattin, Mitgefühl – diese Pflicht wird für alle vier [Stände] gemeinsam vorgeschrieben. (Die vierfache Lebensstufen-Ordnung für Brahmanen [und ranghöchste Kṣatriyas]; für [gewöhnliche] Kṣatriyas nur bedingt:) Für den Brahmanen [gilt] die vierfache Lebensstufen-Ordnung, für den Kṣatriya jedoch nur unter Umständen; (die dreifache Lebensstufen-Ordnung für Kṣatriya und Vaiśya:) diese Dreiheit [der ersten drei Stufen] ist für Kṣatriya und Vaiśya das feststehende Merkmal ihrer Pflicht. (Dass die drei [oberen Stände] vor der [zweiten] Initiation frei nach eigenem Belieben handeln dürfen:) Vor der ,Lehrer-Geburt' [ācāryajanma, d.h. der Initiation] handeln jene Zweimal-Geborenen [noch] nicht unter [entsprechenden] Verpflichtungen. (Bei der Initiation [upanayana] die zweite Geburt:) Die ,Lehrer-Geburt' in der Sāvitrī [dem Gāyatrī-Mantra] gilt als die zweite, göttliche Geburt. (Bei der Opfer-Weihe die dritte:) Diese drei [oberen Stände] erlangen, bei der Opfer-Weihe [yajñadīkṣā], die dritte Geburt. (Dass die dem [eigenen] Studium Ergebenen unter ihnen den Göttern gleichkommen:) Die Brahmanen, die, in den [drei täglichen] Preßrunden [savana] stehend, am Ende jeder Preßrunde der Reihe nach ihrem [Veda-]Studium obliegen – sie sind, allesamt, Götter, sie sind Seher [ṛṣi]. (Nun die Pflichten der Lebensstufen:) So sind dir die Stände dargelegt worden; höre nun von mir auch die Lebensstufen.“

(tatra prathamam upakurvāṇabrahmacāridharmaḥ) ācāryajanma saṃprāpya tadante niyataṃ vasan, tadbhaktikārī tanniṣṭhas tadbhaktas tatparāyaṇaḥ ||39|| tanniveditasarvārthaḥ bhikṣārthī tatsukhāvahaḥ, karmaśeṣeṇa cācāryād icchan svādhyāyam atvaraḥ ||40|| upāsīta bahiḥ sandhye nityasnāyy anasūyakaḥ, sarvendriyasaṃrodhaṃ bhūtānām anukampakaḥ ||41|| vahniṃ samiddhim indhānaḥ ubhe sandhye samāhitaḥ, dharmajñasamayasthaṃ cāpy ācarann ātmano vratam ||42|| upakurvāṇako nāma svādhyāye sidhyati dvijaḥ | (samāptabrahmacaryasyecchayāśramāntarāptiḥ) nedaṃ vratasnāyī gurave dakṣiṇāṃ dadat ||43|| prāpyānujñāṃ guror icchet caturṇām ekam āśramam | (atha naiṣṭhikabrahmacāriṇo dharmāḥ) yadīcched brahmacaryaṃ sa brahmacārī svam āśramam ||44|| ācāryam eva seveta yukta ādehapātanāt, jijñāsuḥ brahmacārī sa labheta jñānam uttamam ||45|| anyathā puṇyaropaḥ syād iti vedānuśāsanam |

(Zunächst darin: die Pflicht des ,unterstützenden' [d.h. auf Rückkehr zielenden] Brahmacārin [Schülers]:) „Nachdem er die Lehrer-Geburt erlangt hat und danach fest [beim Lehrer] wohnt, [dem Lehrer] Hingabe erweisend, ihm treu ergeben, ihn liebend, ihm ganz zugewandt; ihm alle [seine] Anliegen mitteilend, um Almosen bittend, ihm Freude bereitend; mit dem übrigen [seiner] Pflicht, vom Lehrer [aus], nach [dessen] Studium verlangend, unbeeilt; er soll außerhalb [der Wohnstätte] die beiden Dämmerungszeiten verehren, sich täglich waschen, frei von Missgunst; alle Sinne bezähmend, mitfühlend gegenüber [allen] Wesen; das [Opfer-]Feuer entzündend, indem er es nährt, in beiden Dämmerungszeiten gesammelt, und auch das in der Überlieferung der Dharma-Kenner begründete eigene Gelübde befolgend – ein solcher ,unterstützender' [upakurvāṇaka] Zweimal-Geborener gelangt zur Vollendung im [Veda-]Studium. (Dass der, dessen Schülerzeit beendet ist, nach Wunsch eine andere Lebensstufe erlangen kann:) Dieser, [nach Ablauf des] Gelübdes gebadet, dem Lehrer die [Abschluss-]Gabe [dakṣiṇā] gebend, mag, nachdem er dessen Erlaubnis erlangt hat, eine der vier Lebensstufen wählen. (Nun die Pflichten des ,lebenslangen' [naiṣṭhika] Brahmacārin:) Wenn er [jedoch] die Schülerschaft [weiter] wünscht, [bleibt] er Brahmacārin – [dies ist dann] seine [dauerhafte] Lebensstufe. Er soll, [seinem Lehrer] hingegeben, bis zum Fall des Leibes [d.h. bis zum Tod] einzig dem Lehrer dienen; ein solcher wissbegieriger Brahmacārin erlangt die höchste Erkenntnis. Andernfalls, so die Weisung des Veda, käme es [nur] zur Anhäufung von [gewöhnlichem] Verdienst [nicht aber zur höchsten Erkenntnis].“

(atha gṛhasthadharmāḥ) atha ced rocayet kartuṃ gārhasthyaṃ dharmam uttamam ||46|| labdhānujño guroḥ snātvā saṃprāpya vidhivat striyam, tayā saha caret dharmaṃ nityaṃ svādhyāyatatparaḥ ||47|| śrāddhaṃ satyavādī ca nityaṃ caivātithipriyaḥ, saṃkocinīṃ caran vṛttim anasūyur akhaṇḍakaḥ[?] ||48|| snātakavrataśālī ca pañcayajñaparāyaṇaḥ | (gṛhasthasyāpi pāñcarātradharmāvaśyakatā) bhaktacārarataḥ nityaṃ dayākṣāntidhṛtisthitiḥ ||49|| akrodhasaṃgrahavijayāśocāsteyadamasthitaḥ, anāyāso hy akṛpaṇaḥ śāstrīye mārge rataḥ ||50|| manasā karmaṇā vāpi yajñān sarvān samācaret | (niṣkāmasya gṛhasthasyāpi mokṣaprāptiḥ) akāmahatayā buddhyā muktāhaṃkāralobhayā ||51|| śrautasmārtakriyānityo nityanaimittike rataḥ ||52|| kṛtagṛhastho jijñāsuḥ prāpya jñānam anuttamam, prāptavedāntavijñāno vaiṣṇavaṃ śrayate padam ||53|| (sakāmasya gṛhasthasya brahmalokaprāptiḥ) kevalo dharmanityo 'sau brahmaloke mahīyate |

(Nun die Pflichten des Hausvaters:) „Wenn er nun aber [statt der Schülerschaft] die höchste Hausvater-Pflicht auszuüben wünscht, so soll er, nach Erlangung der Erlaubnis des Lehrers, sich waschen, vorschriftsmäßig eine Frau erlangen und mit ihr zusammen den [Hausvater-]Dharma ausüben, stets dem [Veda-]Studium zugetan; die Ahnenopfer [darbringend], wahrhaftig redend, stets gastfreundlich, einen bescheidenen Lebenswandel führend, frei von Missgunst, [in seinem Handeln] ungeteilt; dem Bad-Gelübde [des Snātaka] treu und den fünf großen Opfern zugetan. (Die Notwendigkeit des Pāñcarātra-Dharma auch für den Hausvater:) Beständig der [rechten] Verehrung [des Herrn] zugetan, in Mitgefühl, Geduld, Standhaftigkeit gefestigt; frei von Zorn, [zugleich] besonnen im [rechten] Zurückhalten und [rechten] Erlangen, ohne Kummer, ohne Diebstahl, in Selbstbeherrschung stehend; ohne [übermäßige] Anstrengung, nicht geizig, dem schriftgemäßen Pfad zugetan; er soll, sei es mit dem Geist oder mit der Tat, alle Opfer vollziehen. (Dass auch der begierdelose Hausvater die Erlösung erlangt:) Mit einem Verstand, der von Begierde unberührt, von Ich-Sucht und Gier befreit ist, beständig den [vorgeschriebenen] śrauta- und smārta-Riten obliegend, den täglichen und gelegentlichen [Riten] zugetan – ein solcher, [obwohl] Hausvater, [aber dennoch] nach [Erkenntnis] verlangender, der die höchste Erkenntnis erlangt und zur Vedānta-Einsicht gelangt ist, erreicht die vaiṣṇavische Stätte. (Die Erlangung der Brahma-Welt für den begierdegetriebenen Hausvater:) Der aber, der lediglich [äußerlich] dem Dharma treu ist [aber noch von Begierde bewegt wird], wird [nur] in der Brahma-Welt geehrt.“

Bemerkenswert: bereits hier (V.49, Überschrift ,gṛhasthasyāpi pāñcarātradharmāvaśyakatā') wird ausdrücklich festgehalten, dass auch der Hausvaterstand zur Pāñcarātra-Verehrung verpflichtet ist – ein Beleg dafür, dass diese Saṃhitā die eigene, sektenspezifische Kultpraxis nicht auf Asketen beschränkt, sondern für alle Lebensstufen als notwendig ansieht.

(atha vānaprasthadharmāḥ) gārhasthyād athavā dharmaṃ vānaprasthyaṃ vrayet padam ||54|| gṛhasthas tu yadā paśyed valīpalitam ātmanaḥ, apatyasyaiva cāpatyaṃ vanaṃ cātha samāśrayet ||55|| grāmyāhāraṃ parityajya vanyāhāropayogavān, bahir agnau vāpy abhiṃ juhvad yajñaparāyaṇaḥ ||56|| sarve vatsare trīṇi tapāṃsi vidhivac caret | (vānaprasthasyāpi niṣkāmakarmaṇo mokṣaprāptiḥ) kurvan vanasthaḥ śāstrārthān akāmahatayā dhiyā ||57|| sevamāno vrataṣṭhaś ca tās tā dīkṣāḥ samāhitaḥ, vṛttisaṃkocaśuddhas tu svanajijñāsayā yutaḥ ||58|| saṃprāpya tacchivijñānaṃ vaiṣṇavaṃ śrayate padam | (sakāmasya tasya brahmalokaprāptiḥ) kevalo dharmanityaś ca mahāsthānam ācaran ||59|| vītaśokabhayo vanyo brahmaloke mahīyate |

(Nun die Pflichten des Waldeinsiedlers [Vānaprastha]:) „Oder er möge, von der Hausvater-Pflicht aus, die Stufe des Waldeinsiedlers antreten. Wenn nämlich der Hausvater an sich selbst Falten und graue Haare bemerkt, und wenn seiner Nachkommenschaft [wiederum] Nachkommenschaft [geboren ist], soll er sich in den Wald begeben. Die dörfliche Nahrung aufgebend, sich von Waldnahrung ernährend, sei es im äußeren [Wald-]Feuer opfernd oder im [eigenen, mitgeführten Opfer-]Feuer, dem Opfer zugetan, soll er jedes Jahr die drei [vorgeschriebenen] Askesen vorschriftsmäßig ausüben. (Dass auch der begierdelos handelnde Waldeinsiedler die Erlösung erlangt:) Der im Wald Weilende, der die Lehren der Schrift mit von Begierde unberührtem Verstand vollzieht, [ihnen] dienend, in Gelübden verharrend, gesammelt jene [entsprechenden] Weihen [empfangend], durch Einschränkung seines Lebenswandels gereinigt, dem Verlangen nach Erkenntnis des eigenen [Selbst] hingegeben – ein solcher gelangt, nachdem er jene erhabene Erkenntnis erlangt hat, zur vaiṣṇavischen Stätte. (Die Erlangung der Brahma-Welt für den begierdegetriebenen [Waldeinsiedler]:) Der aber, der [nur] äußerlich dem Dharma treu ist, den erhabenen [asketischen] Stand ausübend, wird, von Kummer und Furcht befreit, im Wald weilend, in der Brahma-Welt geehrt.“

(atha saṃnyāsidharmāḥ) kāṣāyavasanaṃ prāpya dvābhyām āsāditaḥ eva vā ||60|| dvayor ekasya vā paścāt pārivrājyaṃ samācaret, prājāpatyāṃ niruṣyeṣṭiṃ sarvavedasadakṣiṇām ||61|| labdhānujño guror vāpi karmaśrānto mahāvrataḥ, samāropyābhimānam agnau iṣṭvā caturthāśramam ārabhet ||62|| vimuktaḥ sarvadoṣebhyo virakto viṣayeṣu ca, uccāvacāṃ vicinvaṃś ca gatim asyāntarātmanaḥ ||63|| anvīkṣamāṇaḥ sūkṣmaṃ ca paramātmānam ātmanā, prasaṃkhyānaparo nityaṃ vedāntajñānatatparaḥ ||64|| samādhistaś ca satataṃ dhyāyan matparo 'pi vā, vāsy aikaṃ takṣato bāhuṃ candanenaikasiktam ||65|| vidveṣam anurāgaṃ vā dvayor avyabhicintayaḥ[?], vāyubhūtaḥ svavat svastho dhiyā sthiramanā muniḥ ||66|| vārivac cārdracetāstu gāṅgo hradaḥ ivākṣobhyaḥ, śūnyāgārasamākṛtiḥ | dhiyāvalokitasarvārthaḥ dhiyā tṛptaḥ suśuddhayā, dattasarvābhayo yogī sarvair dattābhayas tathā | svādhyāyād yogam āsīno yogāt svādhyāyam āvrajet | abruvan kenacit kiṃcit spṛśann api ca kāle 'py avindan[?], samaḥ sarveṣu bhūteṣu mātṛvat pitṛvat sadā ||70|| ātmajyotir ātmaratiḥ prasīdann ātmani svayam, prajñāprāsādam ārūḍho vimuktaḥ sarvato janaiḥ ||71|| bhūmiṣṭhān iva śailasthaḥ paśyan sarvān avasthitān, kaiścin mūḍha iti proktaḥ kaiścid dhīra itīpsitaḥ, upekṣākaruṇāmaitrīmuditābhir līṅgitaḥ sadā ||73|| vivekabodhasaṃtoṣair niṣparijanavṛttitaḥ, bhaikṣācārī dṛṣṭisaṃpūrṇo dhairyair īdṛgguṇair yutaḥ ||74|| (saṃnyāsinaḥ paramapuruṣopāsanān mokṣaprāptiḥ) pradīpa iva śāntārciḥ pañcadhyānam āsthitaḥ, dehasaṃskāranādena vaiṣṇavaṃ śrayate padam ||75||

(Nun die Pflichten des Wandermönchs [Saṃnyāsin]:) „Nachdem er das ockerfarbene Gewand angenommen hat – [entweder] von beiden [vorausgehenden Lebensstufen] oder von nur einer aus –, danach möge er das Wandermönchtum [pārivrājya] antreten, [zuvor] ein Prājāpatya-Opfer vollzogen habend, mit dem gesamten [eigenen] Vedenwissen als Priestergabe. Nachdem er die Erlaubnis des Lehrers erlangt hat, oder [wenn er], seiner [rituellen] Pflichten müde, das große Gelübde [auf sich nimmt], soll er, sein Ich-Bewusstsein dem [Opfer-]Feuer übertragend, nach vollzogenem Opfer, die vierte Lebensstufe beginnen: befreit von allen Fehlern, den Sinnesobjekten entsagend, das Auf und Ab der Wege seines inneren Selbst erforschend, mit dem [eigenen] Selbst das feine höchste Selbst betrachtend, stets der [philosophischen] Betrachtung [prasaṃkhyāna] zugetan, der Vedānta-Erkenntnis ergeben, beständig in Versenkung [samādhi], stets meditierend, mir [dem Herrn] hingegeben – [gleichmütig] wie einer, dem mit einer Axt der eine Arm abgehauen und mit Sandelholz der andere gesalbt wird, ohne zwischen Hass und Zuneigung gegenüber diesen beiden zu unterscheiden [berühmtes Gleichnis]; windgleich, in sich selbst ruhend, mit gefestigtem Geist, ein Schweigender [muni]; wassergleich von feuchtem [d.h. mitfühlendem] Gemüt, doch unerschütterlich wie ein Gaṅgā-Weiher, gestaltet wie ein leeres Haus [ohne Ich-Anhaftung]; mit [seinem] Verstand alle Dinge betrachtend, mit reinstem Verstand gesättigt; allen [Wesen] Sicherheit gewährend, von allen [Wesen] Sicherheit empfangend; vom [Veda-]Studium zur [Yoga-]Versenkung übergehend und von der Versenkung wieder zum Studium; mit niemandem sprechend, nichts [an sich] fühlend, [gleichsam] auch die Zeit nicht [mehr] wahrnehmend, allen Wesen gegenüber stets gleich, wie eine Mutter, wie ein Vater; sich selbst erleuchtend, an sich selbst erfreut, in sich selbst ruhend, auf den Palast der Weisheit [prajñā] emporgestiegen, von allen [weltlichen] Menschen [innerlich] gelöst; wie einer, der von einem Berggipfel aus alle unten auf der Erde Stehenden betrachtet – von manchen als ,Narr' bezeichnet, von manchen als ,Standhafter' begehrt; stets von Gleichmut, Mitgefühl, Freundlichkeit und Mitfreude [den vier ,brahmavihāras'] umfangen; mit Unterscheidungsvermögen, Erkenntnis und Zufriedenheit, ohne Gefolge lebend, vom Betteln lebend, in [seiner] Einsicht vollkommen, mit Standhaftigkeit und derartigen Tugenden ausgestattet. (Die Erlangung der Erlösung des Wandermönchs durch die Verehrung des höchsten Puruṣa:) Wie eine Lampe mit erloschener Flamme, in der fünffachen Meditation verharrend, gelangt er, beim Verklingen der [letzten] Leibesverrichtung [d.h. im Augenblick des Todes], zur vaiṣṇavischen Stätte.“

[?] Mehrere Wortformen in diesem Abschnitt (u.a. V.66, V.69) sind im beschädigten Scan unsicher segmentierbar; der Gesamtsinn – ein klassisches, an die Bhagavadgītā (bes. das Axt-und-Sandelholz-Gleichnis, vgl. BhG 12,18f. u.ä. Stellen) und die allgemeine indische Asketenliteratur erinnerndes Ideal-Porträt des vollendeten Saṃnyāsin – ist jedoch deutlich erkennbar.

(adhyāyārthanigamanam) iti varṇāśramā ye te tulyaviśeṣikais tathā, dharmās te deśataḥ proktāḥ kiṃ bhūyaḥ śrotum icchasi ||76||

(Die Zusammenfassung des Kapitelinhalts:) „So sind dir die Stände und Lebensstufen, samt ihren gemeinsamen und ihren besonderen Pflichten, im Überblick dargelegt worden. Was möchtest du weiterhin noch hören?“

iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahirbudhnyasaṃhitāyām adhikārinirūpaṇaṃ nāma pañcadaśo'dhyāyaḥ. Om. (āditaḥ ślokāḥ 900)

So [endet] im glorreichen Pāñcarātra, im Tantrarahasya, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das fünfzehnte Kapitel, genannt ,Die Bestimmung der [zum Kult] Berechtigten'. Om. (Verse von Anfang an: 900)

900 − 825 (Ende Kap. 14) = 75 Verse in Kapitel 15, das damit das bisher längste Kapitel des Werks ist. Inhaltlich ein umfassender Traktat zur klassischen Varṇāśrama-Dharma-Lehre (vier Stände, vier Lebensstufen) mit deren Einordnung in die Pāñcarātra-Theologie: alle Nachkommen Manus (d.h. alle im Kastensystem stehenden Menschen, einschließlich der Śūdras über den Weg des Dienstes) gelten als zum Sātvata-Kult berechtigt; die fünf Systeme (Trayī, Sāṅkhya, Yoga, Pāśupata, Pāñcarātra) werden hinsichtlich ihrer fortbestehenden oder aufgehobenen vedischen Ritualpflicht hierarchisiert; die vier Stände und ihre jeweiligen Pflichten sowie die vier Lebensstufen (Brahmacārin, Gṛhastha, Vānaprastha, Saṃnyāsin) werden im Detail beschrieben, mit dem durchgehenden Prinzip, dass sowohl begierdelose Pflichterfüllung in jeder Stufe zur endgültigen vaiṣṇavischen Erlösung, begierdegetriebene Pflichterfüllung dagegen nur zur (niedrigeren) Brahma-Welt führt. Das Kapitel enthält eine hierarchische, teils sozial diskriminierende Ständeordnung (insbesondere die untergeordnete Stellung der Śūdras); diese wird, der Projektmethodik gemäß, historisch-philologisch getreu übersetzt, jedoch nicht inhaltlich gebilligt.

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