Paṭala 41: atha svarūpato'stradhāraṇa-tatprayojana-pratipipādayiṣayā madhukaiṭabhasaṃhāravarṇanaṃ nāma ekacatvāriṃśo'dhyāyaḥ
Die Schilderung der Tötung von Madhu und Kaiṭabha, zur Erläuterung des Grundes für das Tragen der Waffen in ihrer Eigengestalt (41. Kapitel)
Vollständig übersetzt (einzigartiger Mythos, pāñcarātrische Sonderfassung der Madhu-Kaiṭabha-Erzählung: Cakra/Sudarśana als Vollstrecker). Quelle: Archive.org in.ernet.dli.2015.322565, Band 2.
Śrī-Nārada [sprach]: »Diese Waffen, die von dir, o Erhabener, ihrer Gestalt nach dargelegt wurden - sie hat der Gott, wie zuvor gesagt, in ihrer Eigengestalt getragen. Bei welcher Gelegenheit, wann und wozu wurde dies dargelegt, o Weltenherrscher? Zerschneide mir diesen Zweifel, wenn du mir gnädig gesinnt bist!« Ahirbudhnya [sprach]: »Ich werde dir, der du mit Hingabe nach dem höchsten Geist fragst, o Nārada, dieses höchste, geheime, wunderbare und große [Geschehnis] darlegen. Einst, am Ende eines Weltzeitalters (kalpa), fasste der Erhabene, der höchste Puruṣa, den Entschluss zur Weltschöpfung, begierig nach dem Genuss des Spiels (līlā). Zuerst erzeugte er von sich aus Prakṛti und Puruṣa; nachdem Hari die Prinzipienreihe von Mahat bis zu den gröbsten Einzeldingen erzeugt hatte, schuf er aus all diesen Prinzipien das Welt-Ei und in ihm Brahmā. »Erschaffe die Geschöpfe!« sprach er und übergab ihm, Janārdana, die Veden.
Rahmen: Nārada fragt, wann und warum die Astras (zuvor in Kap.40 beschrieben) je ihre Eigengestalt angenommen hätten. Ahirbudhnya beginnt die Erzählung mit der kosmologischen Ausgangslage: Neuschöpfung nach einem Kalpa-Ende, Entstehung Brahmās aus dem Weltei, Übergabe der Veden an ihn zur Erschaffung der Geschöpfe.
[caturmukhasya prajāsṛṣṭyārambhaḥ] tataḥ prajāḥ sa vividhāḥ sraṣṭuṃ samupacakrame| [tatra baladarpitamadhukaiṭabhotpattiḥ] etasminnantare dehādbrahmasṛṣṭeranantaram||7|| balavantau tu tasyorvorjajñāte madhukaiṭabhau| madonmattau mahākāyau dānavau baladarpitau||8|| [tābhyāṃ caturmukhādvedāpaharaṇam] tau dṛṣṭvā sṛṣṭyupakrāntaṃ brahmāṇamamitadyutim| praviśya māyayā tasmādvedānjahratustadā||9|| [vedāpahārāccaturmukhasya sṛṣṭyasāmarthyam] tataḥ sṛṣṭuṃ prajāḥ sarvā na śaśāka prajāpatiḥ| [tato nirviṇṇasya tasya cintāprakāraḥ] paraṃ nirvedamāpanno babhūvātha prajāpatiḥ||10|| prajāḥ sṛjeti bhagavānmāmādideśa ca sa hariḥ| na śakyate vinā vedaiḥ sraṣṭuṃ nānāvidhāḥ prajāḥ|| dānavābhyāmime vedā hṛtā me tasya māyayā| kimanyatkāryamityeṣa parāṃ cintāmupeyivān||12|| [tataḥ kṛtaniścayasya prajāpateḥ kṣīrābdhigamanam] tato vidhāya viniścitya manasā kāryamātmanaḥ| kṣīrābdheruttaraṃ tīraṃ jagāma kamalodbhavaḥ||13||
Dann begann er, mancherlei Geschöpfe zu erschaffen. Unterdessen entstanden, unmittelbar nach der Brahmā-Schöpfung, aus seinem Körper die beiden kraftstrotzenden Madhu und Kaiṭabha - berauscht von Stolz, riesengestaltig, von ihrer Kraft übermütig, zwei Dānavas. Als sie den mit der Schöpfung beschäftigten, unermesslich glänzenden Brahmā erblickten, drangen sie mittels Māyā in ihn ein und raubten ihm da die Veden. Da vermochte Prajāpati keine Geschöpfe mehr zu erschaffen. Er, Prajāpati, verfiel in tiefe Verzweiflung: »Der Erhabene Hari hat mir befohlen, Geschöpfe zu erschaffen; ohne die Veden können mancherlei Geschöpfe nicht erschaffen werden. Diese meine Veden sind mir von den beiden Dānavas mittels ihrer Māyā geraubt worden. Was ist sonst zu tun?« So geriet er in tiefe Sorge. Sodann, nachdem er in Gedanken seinen nächsten Schritt festgelegt hatte, begab sich der Lotosgeborene zum nördlichen Ufer des Milchozeans.
Geburt der Dämonen Madhu und Kaiṭabha aus Brahmās eigenem Körper unmittelbar nach dessen Erschaffung, ihr Raub der Veden mittels Māyā, Brahmās Schöpfungsunfähigkeit und Verzweiflung, sein Entschluss, Viṣṇu am Milchozean aufzusuchen.
Dort pries er den Gott der Götter, den lotusäugigen Unfehlbaren: »Oṃ, Verehrung dir, Vāsudeva, dessen Wesen reines Wissen ist, dem Ursprung grenzenloser Wonne, dem Vielgestaltigen, dem großen Wesen, dessen Kraftgestalt unfassbar ist, der die Welten trägt! Verehrung dir, von grenzenloser Herrschaft und Heldenkraft, dem Schatz der Gluten, dir, der du in Ruhe und Vermischung der Welt zugleich weilst, der einzig aus reinem Sattva bestehenden Gestalt! Verehrung, Verehrung dir, dem Träger und Schmuck makelloser Glieder, dir, der du Muschelhorn, Diskus, Keule, Schwert und den Bogen Śārṅga als Waffen trägst! Verehrung, Verehrung dir, dem glückreichen, lotusäugigen Puruṣa, dem von den mit Viṣvaksena an der Spitze stehenden himmlischen Weisen Verehrten! Verehrung, Verehrung dir, der im Himmel der göttlichen Wonne wohnt, der stets mit der Bewahrung von Schöpfung und Zwischenschöpfung spielt! Verehrung dir, der großen Herrlichkeit, dem Wesen aller Wesen, der Zuneigung zu den ihm Zugehörigen, der Herrlichkeit jener Vyūha-Manifestationen! Verehrung dir, dessen Weihe der Auflösung des [feindlichen] Universums [gilt] [?]; Verehrung dir, dessen Gedenken die durch die drei Arten von Leid Gequälten von ihrer Sündenlast befreit! Verehrung dem von unfassbarer Wesensgestalt, Viṣṇu, dem Zeugen aller Taten!« Nachdem er dieses Lobpreis gehört hatte, erschien der erhabene Puruṣottama, wohlgefällig, der Lotosäugige, vor ihm. Als er ihn, den höchst wunderbaren, erblickte, verneigte sich Brahmā hocherfreut und berichtete ihm demütig von seiner Lage [?].
Brahmās ausführlicher Lobpreis (stuti) an Viṣṇu am Ufer des Milchozeans, gefolgt von dessen persönlichem Erscheinen. V.23 (udayannijapadameyātmā...) syntaktisch unsicher rekonstruiert, mit [?] markiert.
[tacchrutvā bhagavatā madhukaiṭabhasmaraṇam] etaṃ dānavayoḥ śrutvā vyatikramamariṃdamaḥ||24|| prahasanbhagavānsasāra madhukaiṭabhau| [smṛtimātreṇa tayostatrāgamanam] tau tasya smṛtimātreṇa dvāramājagmatustadā||25|| [tau prati bhagavadvacanam] tataḥ samāgatau dṛṣṭvā tatraiva baladarpitau| meghagambhīranirghoṣamuvāca madhusūdanaḥ||26|| yuvābhyāmāhṛtā vedā maharṣerbrahmaṇo mukhāt| māyayā iti śrutaṃ naivaṃ yujyate kartumatra vai||27|| tattasmai sakalā vedā dīyantāṃ parameṣṭhine| [bhagavadvacanatiraskaraṇapūrvakaṃ tayoḥ prativacanam] evamukto bhagavatā durmadāndhau mahāsurau||28|| pratyūcaturimāṃ tasmai dāsyāvo naiva vedān| āvāmevācirātsarvāḥ srakṣyāvo vividhāḥ prajāḥ| vedairvinā bhagavankimatra parameṣṭhinā||29|| [tataḥ kruddhena bhagavatā tayorhananāya viṣvaksenāya ādeśanam] sa tayorvacanaṃ śrutvā kopasaṃraktalocanaḥ||30|| durātmānau tu tau hantuṃ matiṃ cakre jagatpatiḥ| etau nihatya durāntau pāpāvetau madoddhatau| ādāya vedānetasmai brahmaṇe pratipādaya|| iti viṣvaksenaṃ devo vyādideśa kṛtāñjalim| [tatastena samarasaṃnahanam] sa tatheti samānīya sarvāḥ senāśca vaiṣṇavīḥ| nirjagāma tato yoddhum| [sannaddhābhyāṃ tābhyāṃ ca māyayā mahāsenānirmāṇam] saṃnaddhau tau ca dānavau||33|| nirmimāte tadā senāṃ mahatīṃ tau ca māyayā|
Als der Feindebezwinger von dieser Übertretung der beiden Dānavas hörte, gedachte der Erhabene lächelnd Madhus und Kaiṭabhas. Durch bloßes Gedenken kamen die beiden sogleich an seiner Tür an. Als er sie dort ankommen sah, von ihrer Kraft übermütig, sprach Madhusūdana mit einer Stimme, tief wie Donnergrollen: »Von euch beiden wurden dem großen Seher Brahmā mittels Māyā die Veden aus seinem Munde geraubt - so habe ich gehört; dies geziemt sich hier keineswegs zu tun. So sollen ihm, dem Höchstthronenden, alle Veden zurückgegeben werden.« So von dem Erhabenen angesprochen, erwiderten ihm die beiden großen, von Übermut verblendeten Asuras: »Wir werden dir die Veden keinesfalls geben! Wir beide werden in Kürze selbst alle mancherlei Geschöpfe erschaffen. Was braucht es hier, o Erhabener, den Höchstthronenden ohne die Veden?« Als er ihre Worte hörte, mit zornrot geröteten Augen, fasste der Herr der Welt den Entschluss, die beiden Bösgesinnten zu töten: »Töte diese beiden bösartigen, von Übermut aufgeblähten Sünder und bringe, nachdem du ihnen die Veden abgenommen hast, sie diesem Brahmā zurück!« - So befahl der Gott dem mit gefalteten Händen dastehenden Viṣvaksena. Dieser antwortete »So sei es«, versammelte alle vaiṣṇavischen Heere und zog sodann zur Schlacht aus. Auch die beiden gerüsteten Dānavas errichteten mittels Māyā ein gewaltiges Heer.
Viṣṇu ruft Madhu und Kaiṭabha durch bloßes Gedenken herbei, fordert die Rückgabe der Veden; die Dämonen weisen ihn trotzig zurück und drohen, die Schöpfung selbst zu übernehmen. Viṣṇu entsendet daraufhin Viṣvaksena mit dem vaiṣṇavischen Heer gegen sie.
Zwischen beiden Heeren entbrannte ein tosendes Getümmel; insbesondere entfesselte sich diese Schlacht ungemein heftig. Nachdem er nach langer Zeit die Unbesiegbarkeit der beiden bösen Dānavas im Kampf erkannt hatte, meldete Viṣvaksena dies, von der Front zurückkehrend, dem Gott. Da zog der überaus zornige Janārdana selbst aus. Als er die beiden Kämpfenden erblickte, nahm Hari selbst, dessen Wesen das Cakra ist, mit zweiundsechzig ausgestreckten Armen die Gesamtheit der himmlischen Waffen an. Ihn erblickend, überaus zornig, dem Glanz von tausend Sonnen gleich, umgeben von lodernden, hellen, getragenen Gluten, mit aufwärtsgerichteten, goldbraunen Haaren, überaus furchterregend, dessen Leib das Welt-Ei durchdringt, einer Hibiskusblüte gleich, mit drei goldbraun rollenden, grimmig kreisenden Augen versehen, geschmückt mit einem von zornig gerunzelten Brauen umschlossenen, furchterregenden Antlitz, mit gebissener Lippe, aus dessen lodernden Fangzähnen hervorbrechendes, herabtropfendes Feuer strömt, einem großen Ozean gleich, mit dem Käfig seiner zweiundsechzig Arme, ein rotes Gewand tragend, furchtbar, in erhabener Haltung geschmückt, versehen mit Halsketten, Armreifen, Ohrgehängen und Fußreifen u.a., von einem klingelnden Glöckchennetz umgeben, das ertönt - eine erstaunliche, unvergleichliche, hochglänzende Gestalt von solcher Art. Die Dämonenkrieger, zuvor einem am Ende eines Weltzeitalters aufgewühlten Ozean gleich, gingen, sobald sie diese Gestalt erblickten, vollständig zugrunde.
Höhepunkt der Erzählung: Viṣṇu selbst zieht in den Kampf und nimmt, ausgestattet mit 62 Armen, die Gesamtheit aller himmlischen Waffen in EIGENER (nicht nur Mantra-)Gestalt an - genau die im Kapiteltitel angekündigte Begründung für das reale Erscheinen der Astras. Die detaillierte Furcht-Ikonographie entspricht der in Kap.37 beschriebenen 16-armigen Kriegsform, hier auf 62 Arme gesteigert.
Nur die beiden Dānavas blieben übrig. Als der hochglänzende Gott sie herankommen sah, die Arme erhoben, die Waffen bereit, entsandte er das furchtbare Cakra zu ihrer Tötung. Das höchste Cakra trennte im selben Augenblick ihre beiden Häupter ab; nachdem es ihnen die Veden abgenommen hatte, überbrachte es diese dem Gott. Auch der Gott, Hari, übergab die Veden Brahmā und verschwand darauf wieder. Dieser, nun wieder im Besitz der Veden, begann von neuem, wie zuvor, Geschöpfe zu erschaffen. So ist die Gestalt des Erhabenen, dessen Wesen das Cakra ist, des Cakra-Trägers, dargelegt. So [endet] in der ehrwürdigen Pāñcarātra-Tantrarahasya, der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das Kapitel mit dem Namen ›Die Schilderung der Tötung von Madhu und Kaiṭabha, zur Erläuterung des Grundes für das Tragen der Waffen in ihrer Eigengestalt‹, das 41. Kapitel. Oṃ. (Von Anfang an: 2591 Verse.)
Abschluss: das Cakra selbst (nicht Viṣṇu persönlich) enthauptet Madhu und Kaiṭabha und bringt die geraubten Veden zurück; Brahmā setzt die Schöpfung fort. Bemerkenswerte, spezifisch pāñcarātrische Variante des bekannten Madhu-Kaiṭabha-Mythos (vgl. Devī-Māhātmya/Purāṇa-Fassungen), hier als Ätiologie für das reale Erscheinen der Astras in Eigengestalt (Rahmenfrage aus 41.1) sowie für die Zentralrolle des Cakra/Sudarśana selbst als Vollstrecker. Kolophon bestätigt 2591 Verse seit Werksbeginn (47 Verse in diesem Kapitel).