Paṭala 5: Śuddhasṛṣṭivarṇanaṃ nāma pañcamo'dhyāyaḥ
Fünftes Kapitel — Die Beschreibung der reinen Schöpfung (Śuddha-sṛṣṭi)
Gegenstück zu Kap. 4: die reine (śuddha) Vyūha-Schöpfung — Aufteilung der sechs Brahman-Qualitäten in drei Paare, aus denen Saṅkarṣaṇa, Pradyumna und Aniruddha hervorgehen (mit Vāsudeva als „Vierfachem Selbst“, cāturātmya), die präzise 1600-Jahre-Emanationsfolge, die klassische Zwölf-Vyūhāntara-Lehre (Keśava-, Govinda-, Trivikrama-, Hṛṣīkeśa-Triaden) und der abschließende Katalog der 39 Vibhava-Manifestationen.
[Ahirbudhnya:] „Diese Rückauflösung der Gruppe von Ursache und Wirkung wurde [dir, Kap. 4] gezeigt; nun will ich dir, o Weiser, die aus Sudarśana bestehende Schöpfung derselben [Gruppe] darlegen. [1] Jenes, dessen sämtliche Wirkungen eingeschlafen sind, das überall zur Gleichheit gelangt ist — Nārāyaṇa, das höchste Brahman, die Wohnstatt von allem, unangefochten, [2] voll, unbewegt, [dennoch] von der vollen Sechsheit [gekennzeichnet], einem windstillen Himmel gleich —, dessen unbewegte, leerheit-förmige Kraft [3] rein aus eigener Selbstständigkeit, von irgendwoher, irgendwie, ihr Hervortreten erlangt; denn jene Kraft, die dem höchsten Brahman, Hari, eigen ist, ist [mit ihm] zu einem Selbst geworden.“ [4]
[Anm.: Eröffnung des fünften Kapitels — Gegenstück zu Kap. 4: die Beschreibung der Schöpfung (sṛṣṭi) als Umkehrung der dort geschilderten Rückauflösung.]
[V.5–14, Blitz-Gleichnis für das Hervortreten der Kraft, Katalog von Gegensatzpaaren (dvandva), Wind-Wolken-Gleichnis für Schöpfung/Auflösung]
[Anm.: Die Göttin [Śakti] blitzt, wie ein Blitz am Himmel, irgendwo auf — diese aufblitzende Kraft wird „Kraft im Firmament“ genannt [V.5]. Aus ihrer Selbstständigkeit heraus entstehen mannigfache, reine wie unreine, verkörperte Daseinszustände [V.6]; ihr eigentliches Wesensmerkmal, ein vollkommener Entschluss, heißt Sudarśana — dasselbe ist auch Haris Kriyā (Handlung), Vīrya, Tejas und Bala [V.7]. Was davon [wie] auf einer eigenen Bildfläche sichtbar gemacht wird, ist die Gestaltkraft (bhūti), ein bloßer Zehnmillionstel-Teil jener [Ur-]Kraft [V.8]. Diese Kraft-und-Gestalt-Macht steht in vielen unterschiedenen Zuständen: rein/unrein, bewusst/unbewusst, zeitgebunden/zeitlos, offenbar/unoffenbar, bezeichnet/bezeichnend [wie ein Spiegelbild], ausgedrückt/ausdrückend, genossen/genießend, Leib/Verkörperter, und durch andere solche Gegensatzpaare [V.9–11]. Diese so unterschiedene Kraft, o Gottseher, sei als der göttliche Sudarśana-Anteil (kalā) erkannt [V.12]. So wie Feuer oder eine Wolke vom Wind zusammengetrieben wird, so schreitet die Gestaltkraft (Vibhūti) allein durch Sudarśana voran — in vorwärtiger Ordnung bei der Schöpfung, in rückwärtiger bei der Auflösung [V.13–14].]
„Höre nun zunächst den reinen (śuddha) Teil der Entfaltung der Gestaltkraft. [15] Jenes, was als Sechsheit bezeichnet wird — Erkenntnis, Herrschaft, Kraft und so fort —, durch dessen drei Paare, so wird gelehrt, geschieht die reine Schöpfung. [16] Dort entsteht aus der Einheit von Erkenntnis (jñāna) und Kraft (bala) Haris Gestalt, genannt Sāṅkarṣaṇa; aus der Verbindung von Herrschaft (aiśvarya) und Tatkraft (vīrya) wird die Gestalt Prādyumna genannt. [17] Aus dem gemeinsamen Übertreffen von Vermögen (śakti) und Glanzkraft (tejas) [entsteht] Haris Leib Āniruddhī. So sind dies die aus Kraft bestehenden Vyūhas, gekennzeichnet durch das dreifache Hervortreten der [gepaarten] Erscheinungsqualitäten.“ [18]
[Anm.: Kernlehre des Kapitels — die Aufteilung der sechs Brahman-Qualitäten (aus Kap. 2) in drei Paare, aus denen die drei Vyūha-Manifestationen Saṅkarṣaṇa, Pradyumna und Aniruddha hervorgehen; Gegenstück zu deren Rückauflösung in Kap. 4.]
„Diese lotusäugigen Götter/Personen, [je] den vollen Leib der Sechsheit verkörpernd, stehen jeweils bei ihrem [eigenen] Erscheinungsqualitäten-Paar, o Weiser. [19] Dort offenbart der mächtige Gott Saṅkarṣaṇa, kraft seines Erkenntnis-Wesens, den alleinigen (ekāntika) Pfad, das Mittel zur Erlangung des Herrn. [21] Der Gott Pradyumna, die höchste Person, aus Tatkraft und Herrschaft bestehend, verweilt im Zustand, der Sinngehalt der Schrift zu sein, [und ist damit] der Weg zur Erlangung des Herrn. [22] Was die Frucht des Sinngehalts der Schrift ist — nämlich der Schutz bei der Erlangung des Herrn — [dies] lässt Aniruddha, die höchste Person, die Übenden (sādhaka) erlangen. [23] Diese lotusäugigen Personen, die Vyūhas, aus Haris Kraft bestehend, sind es, die Schrift, Sinngehalt der Schrift und die durch sie erreichbare Frucht ausführen. [24] Der Herr Vāsudeva und diese drei Vyūhas, o Weiser — erkenne dies als das Vierfache Selbst (cāturātmya), gekennzeichnet durch [das Zusammenspiel von] Offenbartem und Unoffenbartem.“ [25]
[Anm.: Zentrale Vyūha-Funktionslehre: Saṅkarṣaṇa verkörpert den Erkenntnis-/Befreiungspfad, Pradyumna den Sinngehalt der Schrift, Aniruddha deren praktische Fruchtgewährung/Schutzfunktion — zusammen mit Vāsudeva als „Vierfachem Selbst“ (cāturātmya), einer Kernformel der klassischen Pāñcarātra-Theologie.]
[V.20 und V.26–29ab, kurze technische Übergangsverse zur gleichzeitigen Erscheinungsqualitäten-Entfaltung und zum Schöpfungswillen (sisṛkṣā) Vāsudevas]
[Anm.: Ein Vers (20, zwischen 19 und 21 stehend) sowie die Verse 26–29ab sind im Digitalisat stark verderbt bzw. lose technisch (die gleichzeitige, aus der Ruhe heraus tretende Entfaltung der [Paar-]Erscheinungsqualitäten als vom Willen Viṣṇus geformt) und werden hier nur dem Sinn nach zusammengefasst: Vāsudeva, aus dem Herrn und seiner alldurchdringenden Kraft (die zugleich die höchste Prakṛti der Welt ist) untrennbar bestehend, wird - obgleich Kraft und Kraftträger nur begrifflich unterschieden sind - eben als „Vāsudeva“ bezeichnet; mit dem Wunsch zu erschaffen (sisṛkṣā) beginnt er sich in der Folge durch seine Kraft (bala) selbst zu differenzieren.]
„Indem er sich selbst mittels [des Guṇas] Bala teilt, [wird] er, [der so hervortretende,] als Saṅkarṣaṇa erinnert. So wie der Glanz der Sonne sich entfaltet, wenn sie auf dem Berg ihres Aufgangs steht — [30] ebenso, wenn der Gott [Vāsudeva] am [Punkt seines] Aufgangs steht, ist der Glanz [dort] von Saṅkarṣaṇas Wesen. Diese Kraft verharrt, ihrer Erwartungszeit von sechzehnhundert Jahren entsprechend, sechzehnhundert Jahre lang unausgesprochen [verborgen]. [31] Von Saṅkarṣaṇas Wesen, unmittelbar der Ozean von Erkenntnis (vijñāna) und Kraft (bala) — der unendliche, erhabene Viṣṇu, der Kraftbegabte, die höchste Person.“ [32]
[Anm.: Sonnenaufgangs-Gleichnis für das Hervortreten Saṅkarṣaṇas aus Vāsudeva; die Zahl „sechzehnhundert Jahre“ (ṣoḍaśa śata-varṣa) als feste Wartezeit zwischen den Vyūha-Manifestationen wird im Folgenden (5.33) für alle drei Übergänge wiederholt.]
„Voll, unbewegt, [von] der Sechsheit [gekennzeichnet], einem wellenlosen Ozean gleich, aus dem gleichzeitigen, selbst-angeregten Hervortreten der sechs Erscheinungsqualitäten [33] [besteht] der unendliche, erhabene, ewige Vāsudeva allein. Dort, aus dem Hervortreten von Erkenntnis und Kraft, angeregt durch seinen eigenen Entschluss, [34] [entsteht] der unendliche, erhabene, unfehlbare Gott Saṅkarṣaṇa. Nachdem er sechzehnhundert Jahre verharrt hat — der aus Kraft bestehende, unfehlbare Gott — [35] [entsteht] der unendliche, erhabene Pradyumna, die höchste Person: die aus Herrschaft und Tatkraft aufgestiegene Kraft ist Pradyumnas [Wesen], des Erhabenen Glanz. [36] Diese [Kraft] verharrt sechzehnhundert Jahre lang schweigend [verborgen]; danach [erscheint] der aus Kraft bestehende Gott Pradyumna, die höchste Person. [37] Nachdem er sechzehnhundert [Jahre] verharrt hat, angeregt durch seinen eigenen Entschluss, entsteht der unendliche, erhabene Aniruddha. [38] Die aus Vermögen (śakti) und Glanzkraft (tejas) aufgestiegene Kraft ist Aniruddhas [Wesen], Haris Glanz; diese [Kraft] verharrt sechzehnhundert Jahre lang schweigend. [39] Nachdem er sechzehnhundert [Jahre] verharrt hat, engagiert sich dieser kraftbegabte Aniruddha dann, o Nārada, zusammen mit den beiden Feststehenden (dhruva) in der Schöpfung.“ [40]
[Anm.: Präzise numerische Emanationsfolge der vier Vyūhas (Vāsudeva → Saṅkarṣaṇa → Pradyumna → Aniruddha), jeweils getrennt durch eine feste Wartezeit von 1600 Jahren — Gegenstück zur Rückauflösungsfolge in Kap. 4 (V.61–67, dort mit abweichenden, teils unsicheren Zeitangaben). Mit den „beiden Feststehenden“ (dhruvābhyām, V.40) sind vermutlich Puruṣa und Prakṛti [oder Śrī und Bhūmi] gemeint; im Digitalisat nicht eindeutig identifiziert [?].]
vyūhā ete viśālākṣāś catvāraḥ puruṣottamāḥ │ nirdoṣā niraniṣṭāś ca niravadyāḥ sanātanāḥ ‖41‖ anantam akṣaraṃ caiva cāturātmyaṃ mahāmune │ nistaraṅgadaśāyāṃ te niḥsaktāḥ saktacinmayāḥ ‖42‖ śaktyātmakā guṇonmeṣadaśāyāṃ te vyavasthitāḥ │ tatra sthūladaśāyāṃ te vyaktibhāvam upāgatāḥ ‖43‖ jagatām upakārāya saccidānandalakṣaṇāḥ │ mana ālambanīyaiṣā cāturātmyavyavasthitiḥ ‖44‖ vyūhāntaraṃ daśa dve ca keśavādyāḥ prakīrtitāḥ │ keśavāditrayaṃ tatra vāsudevād vibhajyate ‖46‖ saṅkarṣaṇāc ca govindapūrvaṃ tritayam adbhutam │ trivikramādyaṃ tritayaṃ pradyumnād uditaṃ mune ‖47‖ hṛṣīkeśādikaṃ tadvad aniruddhān mahāmune │ parāḥ svakāraṇāntasthāḥ sūkṣmās te dvibhujāḥ smṛtāḥ ‖48‖ caturbhujās te vijñeyāḥ sthūlās tribhuvaneśvarāḥ │ cakrādyāyudhavinyāso yatra tatre'bhidhāsyate ‖49‖
„Diese vier weitäugigen Vyūhas, die höchsten Personen, sind fehlerlos, frei von allem Unerwünschten, tadellos, ewig. [41] Das Vierfache Selbst (cāturātmya) ist gleichermaßen endlos und unvergänglich, o großer Weiser; im wellenlosen Zustand sind sie unangehaftet, [obgleich erscheinend als] angehaftet, aus [reinem] Bewusstsein bestehend. [42] Im Zustand des Hervortretens der Erscheinungsqualitäten stehen sie, aus Kraft bestehend, [dort] eingerichtet; im groben Zustand gelangen sie dort zur individuellen Verkörperung. [43] Zum Nutzen der Welten, gekennzeichnet durch Sein-Bewusstsein-Wonne (saccidānanda) — diese Einrichtung des Vierfachen Selbst dient dem Geist als Stütze [für die Meditation]. [44] Die Unter-Vyūhas, zwölf an der Zahl, werden, beginnend mit Keśava, verkündet: die Triade beginnend mit Keśava wird dort aus Vāsudeva ausgegliedert. [46] Und aus Saṅkarṣaṇa [geht] die wunderbare Triade beginnend mit Govinda [hervor]; die Triade beginnend mit Trivikrama geht aus Pradyumna hervor, o Weiser. [47] Ebenso [geht] die [Triade] beginnend mit Hṛṣīkeśa aus Aniruddha [hervor], o großer Weiser. Jene, die 'höchste' [Formen sind] und innerhalb ihrer je eigenen Ursache verbleiben, sind fein und gelten als zweiarmig; [48] jene, die als vieramig zu erkennen sind, sind grob, Herren der drei Welten; die Anordnung der Waffen wie des Diskus wird an gegebener Stelle [im weiteren Text] noch benannt werden.“ [49]
[Anm.: Die klassische Zwölf-Vyūhāntara-Lehre des Pāñcarātra: aus jedem der vier Hauptvyūhas (Vāsudeva, Saṅkarṣaṇa, Pradyumna, Aniruddha) geht eine Dreiergruppe weiterer Gottesnamen hervor. WICHTIG: der Quelltext NENNT an dieser Stelle nur den JEWEILS ERSTEN Namen jeder Triade (Keśava, Govinda, Trivikrama, Hṛṣīkeśa) und bezeichnet die übrigen acht Namen nur pauschal als „die Triade beginnend mit …“, ohne sie selbst aufzuzählen; die vollständigen zwölf Namen werden hier bewusst NICHT aus anderweitigem Vorwissen über die in der Pāñcarātra-Tradition sonst geläufige Liste ergänzt, sondern es wird nur das im Quelltext tatsächlich Stehende wiedergegeben.]
[V.50–59, Katalog der 39 „Vibhavas“ (sekundäre Manifestationsgestalten) samt Ursprungs-, Waffen- und Kleidungszuordnung]
[Anm.: Es folgt ein Namenskatalog von neununddreißig „Vibhavas“ (weiteren, den Vyūhas nachgeordneten Erscheinungsgestalten Viṣṇus), beginnend mit Padmanābha: u. a. Padmanābha, Dhruva, Ananta, der kraftgestaltige Madhusūdana, Vidyādhideva, Kapila, Viśvarūpa, Vihaṅgama, Kroḍātmā (Eberwesen), Vaḍavāvaktra (Stutenmaul-Feuer), Dharma, Vāgīśvara, der auf dem Milchozean ruhende Kamaleśvara, Varāha, Narasiṃha, der Nektar-Raubende (Mohinī-Bezug), Śrīpati, der Nektarkrug-Tragende, der Rāhu-Bezwinger Kālanemighna, der Pārijāta-Räuber, der friedvolle Lokanātha Dattātreya, der auf dem Banyan-Blatt ruhende Einhorn-Leibige, der Zwerg-Leibige, der alldurchdringende Trivikrama, Nara-Nārāyaṇa, Hari-Kṛṣṇa, der Bogenträger Paraśurāma bzw. Rāma, der schriftkundige Kalki, und der im Unterweltmeer Ruhende (Śeṣaśāyī). Für jeden dieser Vibhavas werden [V.57–59] jeweils Ursprung, Tätigkeit, Waffe, Gestalt, Kleidung sowie die Dreiergruppe äußerer und innerer Sinnes-/Handlungsorgane als „vom [göttlichen] Entschluss geformte, ihrer jeweiligen Funktion entsprechende Kräfte“ bezeichnet, deren Einzelheiten jeweils in der zugehörigen Schriftstelle (śāsana) dargelegt seien. Wegen der stark katalogartigen Form und einzelner unsicherer OCR-Stellen (insbesondere bei der genauen Zuordnung einzelner Doppelnamen) wird der Abschnitt hier zusammenfassend referiert.]
itīyaṃ śuddhasṛṣṭir viṣṇoḥ saṃkalpakalpitā │ bhūyaś ca te 'khilāśeṣataḥ proktā śṛṇu sṛṣṭim anyatām ‖60‖
„So wurde dir diese reine Schöpfung Viṣṇus, durch [seinen] Entschluss gestaltet, vollständig und ohne Rest dargelegt; höre nun die andere [d. h. unreine] Schöpfung.“ [60]
[Anm.: Überleitung zu Kap. 6, „Śuddhetara-sṛṣṭi-varṇanam“ (Beschreibung der unreinen/materiellen Schöpfung), dem Gegenstück zur hier abgeschlossenen reinen (śuddha) Vyūha-Schöpfung.]
So endet im heiligen Pāñcarātra, dem Tantra-Geheimnis, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā, das fünfte Kapitel, genannt „Die Beschreibung der reinen Schöpfung“. Om. (Vom Anfang [des Werkes] an: 330 Verse.)
[Anm.: 330 − 270 (Ende Kap. 4) = 60 Verse in diesem Kapitel, in Übereinstimmung mit der fortlaufenden Verszählung. Kap. 6 beginnt unmittelbar mit „atha śuddhetarasṛṣṭivarṇanaṃ nāma ṣaṣṭho'dhyāyaḥ“.]