Paṭala 21: Jyotirmayarakṣānirūpaṇam
Einundzwanzigstes Kapitel – Die Beschreibung des leuchtenden Schutzes
Nārada fragt Ahirbudhnya nach der Art des mantrischen Schutzes; dieser lehrt eine zweifache Form: zuerst den 'leuchtenden' (jyotirmaya), dann den 'verbalen' (vācya, Gegenstand von Kap.22). Meditation über die unvergängliche Licht-Silbe und den Nabel als Sitz der Śakti/Śrī, beschrieben in einem dichten, apophatischen Eigenschafts-Hymnus (V.7-11); Konstruktion eines kosmischen Schutz-Rades mit Speichen (die fünf Śakti-Wirkweisen: Schöpfung/Erhaltung/Auflösung/Verhüllung/Gnade) und Felge (die Vyūha-Anordnungen), ebenfalls hymnisch-paradox beschrieben (V.12-21, V.20 im Original stark verderbt); abschließend der Fruchtkatalog dieser Meditation (Schutz vor Sünde/Feinden, Königssieg, sozialer Zusammenhalt, Erfüllung der drei Lebensziele, Erlösung als Hauptfrucht). Quelle: archive.org/DLI in.ernet.dli.2015.487334 (Adyar, Rāmānujācārya 1926).
Oṃ. Nun [folgt] das einundzwanzigste Kapitel mit dem Namen 'Die Beschreibung des leuchtenden Schutzes'. Einmal betrachtet, vertreibt er, o Hari, zehnmillionenfache Scharen [von Übeln] [?] – jenen göttlichen Glanz des Herrn Sudarśana wollen wir erschauen [Anm.: wiederkehrende, im OCR verderbte Dhyāna-Formel, s. Kap.18-20]. (Die Frage nach der Art des Schutzes) Śrī-Nārada [sprach]: Verehrung dir, der du allen Scharen der Himmlischen Wohlergehen verleihst; Verehrung dir, Feind der drei Städte, wiederum Verehrung dir, vor Gaurī [gestellt, d.h. ihrem Gemahl]. (V.1) Wunderbar ist dies, o Göttlicher, selbst in den Vedānta-Schriften schwer zu erlangen; gehört habe ich das Wort des Erhabenen – erfüllt bin ich dadurch meines Zieles. (V.2) Wiederum möchte ich den vortrefflichen Nektar deiner Worte hören: Welcher Schutz, von welcher Art, soll vom Mantra-Kundigen mit dem Mantra bewirkt werden? (V.3) (Die Zweifachheit des Schutzes) Ahirbudhnya [sprach]: Der auf das Mantra bezogene Schutz aber ist zweifach, [gelehrt] vom weisen Mantra-Kenner: Zuerst soll der leuchtende [Schutz] bewirkt werden, danach der darin begründete verbale (vācya). (V.4) (Die Gestaltung der unvergänglichen Silbe) Jenes göttliche, große, unvergängliche Licht, offenbar und ewig zugleich – das, was jenseits der Sonne ist, selbst gleichsam Sonne, das, was jenseits des Mondes ist, selbst gleichsam Mond, (V.5) das, was jenseits des Feuers ist, selbst gleichsam Feuer, jenseits der Lampe, der Glanz selbst noch dieses Glanzes; die Wohnstatt, gesättigt, voll ewiger Wonne, frei von Aufgang und Untergang – (V.6) jene göttliche, unvergängliche Silbe gestalte man, und sodann gedenke der Weise des Nabels.
Nāradas Frage nach der Art des Schutzes und Ahirbudhnyas Antwort: der Schutz durch das Mantra ist zweifach – zuerst der 'leuchtende' (jyotirmaya), dann der 'verbale' (vācya) Schutz. Beginn der Meditation über die unvergängliche Licht-Silbe (akṣara).
(Die Gestaltung des Nabels) Man gedenke dort jener Kraft (śakti), die zugleich Träger und Trägerin des göttlichen Eigenwesens (dharma) ist, die vom Brahman niemals weicht, (V.7) die gestaltlos und unvergleichlich ist, die stets die Welt wahrnehmend kennzeichnet; (Daß diese Kraft mit dem Wort 'Śrī' bezeichnet wird, und dessen Erklärung) die Zuflucht gewährt und selbst Zuflucht findet, die hört und auch gehört wird, (V.8) die große Wonne, der große Glanz, die Unveränderliche, die alles Betrachtende – (Śrī als Trägerin der sechs Herrlichkeits-Eigenschaften) die von Erkenntnis, Kraft, Stärke, Herrschermacht, Tatkraft und Glanz erfüllt ist, (V.9) die unendliche, zugleich endlichgestaltige, die unteilbare, alles Teilende; die Freudige, die Heilvolle, die Siegreiche, die Volle, ebenso die Leere und die Unsterbliche, Verführerische [?], (V.10) die dreigestaltige und die nicht-dreigestaltige zugleich, die von allen als unmittelbar wahrnehmbar anerkannte; die durch keine Verbote zu verbieten und durch keine Regelvorschriften zu gebieten ist. (V.11) [Anm.: V.7-11 sind ein dicht gedrängter, apophatischer Hymnus auf die Śakti/Śrī (die göttliche Kraft, mit der Glücksgöttin Śrī gleichgesetzt), der sie in Paaren scheinbar widersprüchlicher Eigenschaften beschreibt (endlich/unendlich, voll/leer, gestaltet/gestaltlos); einzelne Wortformen sind OCR-technisch unsicher, der hymnische Grundcharakter jedoch deutlich erkennbar.]
Die Nabel-Meditation: Beschreibung der göttlichen Kraft (śakti)/Śrī in einem dichten, paradoxalen Eigenschafts-Hymnus (endlich-unendlich, voll-leer, gestaltet-gestaltlos), Trägerin der sechs Herrlichkeits-Eigenschaften (ṣāḍguṇya).
(Die Gestaltung der Speichen) Die fünf Speichen jener Kraft soll man entsprechend ihren Erscheinungsweisen gestalten [?]: Verhüllung (tirobhāva), sodann Erhaltung (sthiti), Auflösung (saṃhṛti) und Gnade (anugraha) [– als vierte bzw. fünfte der klassischen 'fünf Handlungen', wobei die Schöpfung hier stillschweigend vorausgesetzt wird]. (V.12) (Die Gestaltung der Felge) Die göttliche Anordnung (vyūha) und die andere Anordnung [die Untervyūhas] gestalte man sodann als das Wesen der Felge. (V.13) Man meditiere über das Rad als eine Anhäufung von Sein, Bewusstsein und Wonne, gekennzeichnet durch bewegungslose Bewegung; als den Sitz aller Handlung, und doch zugleich rein und im Sitz der Nicht-Handlung weilend; (V.14) als in Aufgang und Untergang verweilend, und doch zugleich von Aufgang und Untergang befreit; frei von der Unruhe der wechselnden Zustände, ewig, und doch zugleich beständig in vier Zuständen verharrend; (V.15) als fußlos und ohne zeitliche Abfolge, und doch zugleich mit vier in Abfolge stehenden Füßen; als waffenlos und gewaltlos, und doch zugleich mit allen Waffen ausgestattet; (V.16) als kundig den Unterschied von Ast und Ast-Bedeutung unterscheidend, kundig in Frucht und Blüte; mit tausend-zehnmillionenfach-zehnmillionenfachen Monden, Sonnen und Feuern gleich, (V.17) durch die Fülle des eigenen Glanzes den Aufgang alles Übels vernichtend. (Die Anordnung der Vibhaveśas u.a. am Rand außerhalb der Felge) Man gedenke der außerhalb der Felge stehenden Flammen als der 'Herren der Herrlichkeit' (Vibhaveśa). (V.18) Man gedenke ihrer als tausend Monden, Sonnen und Feuern gleißend, gekennzeichnet durch Bewusstsein und Wonne; aller Gestalten und zugleich gestaltlos, alle erwünschten Früchte gewährend, (V.19) als jener, deren von Glanzflammen durchwühlte Zungen die Fürsten der Rākṣasas, Daityas und Dānavas verzehren [?]; und den rauchigen, aus der Flammenmasse entstandenen, unreinen Aspekt erblickend, gedenke man des reinen [Aspekts]. [?] (V.20) Die drei Welten, die Erde, das Rad, oder ein Maṇḍala von eben dieser Gestalt stelle man sich, wenn man etwas mit dem Geiste zu schützen wünscht, in sich selbst befindlich vor. (V.21) [Anm.: Die Verse 12-20 entfalten einen dichten, paradox strukturierten Hymnus auf das kosmische Rad (cakra) als Sitz der Śakti, mit klassischen Speichen-/Felgen-/Naben-Bildern (die fünf 'Handlungen' Verhüllung/Erhaltung/Auflösung/Gnade/Schöpfung); Vers 20 ist im Original besonders stark verderbt und nur sinngemäß wiedergegeben.]
Die Konstruktion des kosmischen Schutz-Rades (Speichen als die fünf Śakti-Wirkweisen, Felge als die Vyūha-Anordnungen) in einem dichten, paradoxalen Hymnus; Anweisung, sich die drei Welten bzw. ein entsprechendes Maṇḍala zum Schutz im eigenen Selbst vorzustellen.
(evaṃ dhyāyina ānuṣaṅgikaṃ phalam) itthaṃ vicintayed yatra mantrī mantrārthatatparaḥ | tan na naśyanti pāpmāna ādhayo vyādhayo'pi vā ||22|| śatravo'rātayaś caiva na tatra dadhate padam | rājā vijayate nityaṃ rakṣas tiṣṭhanti mantriṇaḥ ||23|| nityaṃ modanti mitrāṇi sukhayanti suhṛdas tathā | vartante bāndhavāḥ prītyā santaḥ santi ca saṃtatam ||24|| poṣyāḥ puṣyanti cānyonyaṃ śrayanti śriyam eva ca | ṛdhnuvanti prajā nityaṃ prasīdanty anyaḥ parasparam ||25|| kāmair dharmān nibadhnanti dharmān dharmān ekaśaḥ | arthaiḥ kāmān nibadhnanti tathā dharmān adoṣataḥ ||26|| dharmārthān nibadhnanti tathā kāmān adoṣataḥ | dharmārthābhyāṃ tathā kāmaṃ kāmārthābhyāṃ tathetaram ||27|| arthaṃ ca dharmakāmābhyāṃ saṃcinvanti sadā narāḥ | (atha mukhyaphalakathanam) sve svadharmaniratās tathā kalyāṇabhāginaḥ ||28|| samprāpya bhagavajjñānaṃ prāpnuvanti paraṃ padam | (adhyāyārthanigamanam) iti jyotirmayī rakṣā he tāta te niditā [?] | rakṣāṃ tu vācyāṃ proktāṃ śṛṇu tan me niśāmaya ||29|| iti śrīpāñcarātre tantrarahasye ahirbudhnyasaṃhitāyāṃ jyotirmayarakṣānirūpaṇaṃ nāmaikaviṃśo'dhyāyaḥ | oṃ | (āditaḥ ślokāḥ 1256)
(Die begleitende Frucht für den, der so meditiert) Wo immer ein solcher, dem Sinn des Mantra hingegebener Mantra-Kundiger so meditiert, dort können Sünden, seelische Nöte und Krankheiten ihn nicht vernichten. (V.22) Feinde und Widersacher fassen dort keinen Fuß; der König ist beständig siegreich, die Wächter des Reichs stehen fest. (V.23) Beständig freuen sich die Freunde und erfreuen ihrerseits die Wohlgesinnten; die Verwandten verhalten sich liebevoll, und die Guten sind in seiner Nähe beständig zugegen. (V.24) Die zu Versorgenden gedeihen miteinander und finden Zuflucht beim Glück (śrī); die Untertanen gedeihen beständig, und einer ist dem anderen wohlgesonnen. (V.25) Durch erfüllte Wünsche binden sie sich rechte Taten, rechte Taten auf mannigfache Weise; durch Reichtum binden sie sich Wünsche, ebenso, ohne Fehl, rechte Taten. (V.26) Durch Rechtschaffenheit und Reichtum binden sie sich, ohne Fehl, Wünsche; durch Rechtschaffenheit und Reichtum ebenso den Wunsch, durch Wunsch und Reichtum ebenso das andere, die Rechtschaffenheit. (V.27) Und Reichtum erwerben die Menschen stets durch Rechtschaffenheit und Wunsch zusammen. (Nun die Nennung der Hauptfrucht) Ihrer je eigenen Pflicht (svadharma) treu ergeben, teilhaftig des Heils, (V.28) gelangen sie, nachdem sie die Erkenntnis des Erhabenen (bhagavaj-jñāna) erlangt haben, zum höchsten Zustand (paramaṃ padam). (Der Abschluss des Kapitelinhalts) So, o Kind, ist dir der leuchtende Schutz verkündet worden [?]; höre nun von mir und vernimm den im Folgenden verkündeten verbalen Schutz. (V.29) So endet im ehrwürdigen Pāñcarātra, im Tantrarahasye, in der Ahirbudhnya-Saṃhitā das einundzwanzigste Kapitel mit dem Namen 'Die Beschreibung des leuchtenden Schutzes'. Oṃ. (Von Anfang an gezählt: 1256 Verse)
Die aus dieser Meditation fließenden Früchte: Schutz vor Sünde, Leid und Feinden, Königssieg, sozialer Zusammenhalt, gegenseitige Verwirklichung der drei Lebensziele (dharma/artha/kāma), und als Hauptfrucht die Erlösung (paramaṃ padam) durch Gotteserkenntnis. Übergang zum folgenden Kapitel über den 'verbalen' (vācya) Schutz. Kapitelende bei kumulativ 1256 Versen.