Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Kiṣkindhākāṇḍa

Sarga 14: Vāli Āhvānam Sugrīva ruft Vālin zum Zweikampf heraus

sarve te tvaritam gatvā kiṣkindhām vālinaḥ pālitām | vṛkṣair ātmānam āvṛtya vyatiṣṭhan gahane vane || 4-14-1

Sie alle gingen eilends zu dem von Vālin beherrschten Kiṣkindhā und hielten sich, sich mit Bäumen verbergend, im dichten Wald verborgen.

Wort für Wort
sarve te tvaritam gatvā
sie alle, eilends gegangen
kiṣkindhām vālinaḥ pālitām
zu Kiṣkindhā, von Vālin beherrscht
vṛkṣair ātmānam āvṛtya
sich mit Bäumen verbergend
vyatiṣṭhan gahane vane
hielten sich im dichten Wald auf

visārya sarvato dṛṣṭim kānane kānana priyaḥ | sugrīvo vipula grīvaḥ krodham āhārayad bhṛśam || 4-14-2

Sugrīva mit dem breiten Nacken, der Wälder liebte, ließ seinen Blick überallhin im Wald schweifen und wurde von heftigem Zorn erfüllt.

Wort für Wort
visārya sarvato dṛṣṭim
den Blick überallhin ausbreitend
kānane kānana priyaḥ
im Wald, der den Wald liebte
sugrīvo vipula grīvaḥ
Sugrīva mit breitem Nacken
krodham āhārayad bhṛśam
brachte heftigen Zorn hervor

tataḥ tu ninadam ghoram kṛtvā yuddhāya ca āhvayat | parivāraiḥ parivṛto nādair bhindan iva aṃbaram | garjan iva mahāmegho vāyu vega purassaraḥ | 4-14-3

Da stieß er, von seinem Gefolge umgeben, ein gewaltiges Gebrüll aus und rief zum Kampf heraus, mit seinen Schreien den Himmel gleichsam zerreißend, brüllend wie eine große Gewitterwolke, der der Wind vorauseilt.

Wort für Wort
tataḥ tu ninadam ghoram kṛtvā
da ein gewaltiges Gebrüll ausstoßend
yuddhāya ca āhvayat
und zum Kampf herausrief
parivāraiḥ parivṛto nādair
vom Gefolge umgeben, mit Schreien
bhindan iva aṃbaram garjan iva mahāmegho
den Himmel gleichsam zerreißend, brüllend wie eine große Wolke

atha bālārka sadṛśo dṛpta simha gatiḥ tataḥ | dṛṣṭvā rāmam kriyā dakṣam sugrīvo vākyam abravīt | 4-14-4

Dann, der jungen Morgensonne gleich, mit dem Gang eines stolzen Löwen, sprach Sugrīva, als er Rāma, den in seinem Tun Geschickten, erblickte, folgende Worte:

Wort für Wort
atha bālārka sadṛśo
dann, der jungen Sonne gleich
dṛpta simha gatiḥ tataḥ
mit dem Gang eines stolzen Löwen, da
dṛṣṭvā rāmam kriyā dakṣam
als er Rāma, den im Handeln Geschickten, sah
sugrīvo vākyam abravīt
sprach Sugrīva das Wort

hari vāgurayā vyāptam tapta kāṃcana toraṇām | prāptāḥ sma dhvaja yaṃtra āḍhyām kiṣkindhām vālinaḥ purīm | 4-14-5

'Wir sind zu Kiṣkindhā gelangt, der Stadt Vālins, die von einem Netz aus Affen umgeben ist, mit Torbögen aus geschmolzenem Gold, reich an Bannern und Belagerungsmaschinen.'

Wort für Wort
hari vāgurayā vyāptam
von einem Netz aus Affen bedeckt
tapta kāṃcana toraṇām
mit Torbögen aus geschmolzenem Gold
prāptāḥ sma dhvaja yaṃtra āḍhyām
wir sind gelangt zu der an Bannern und Maschinen reichen
kiṣkindhām vālinaḥ purīm
zu Kiṣkindhā, Vālins Stadt

pratijñā yā kṛtā vīra tvayā vāli vadhe purā | saphalām kuru tām kṣipram latām kāla iva āgataḥ | 4-14-6

'Das Versprechen, das du, Held, einst zur Tötung Vālins gegeben hast, mache es schnell wahr, wie die rechte Zeit für eine Ranke zur Blüte gekommen ist.'

Wort für Wort
pratijñā yā kṛtā vīra
das Versprechen, das gegeben wurde, Held
tvayā vāli vadhe purā
von dir zur Tötung Vālins einst
saphalām kuru tām kṣipram
mache es schnell erfolgreich
latām kāla iva āgataḥ
wie für eine Ranke die Zeit gekommen ist

evam uktaḥ tu dharmātmā sugrīveṇa sa rāghavaḥ | tam eva uvāca vacanam sugrīvam śatru sūdanaḥ | 4-14-7

So von Sugrīva angesprochen, erwiderte der rechtschaffene Rāghava, der Feindevernichter, dem Sugrīva folgende Worte:

Wort für Wort
evam uktaḥ tu dharmātmā
so angesprochen, der Rechtschaffene
sugrīveṇa sa rāghavaḥ
von Sugrīva, jener Rāghava
tam eva uvāca vacanam
sprach eben dieses Wort
sugrīvam śatru sūdanaḥ
zu Sugrīva, der Feindevernichter

kṛta abhijñāna cihnaḥ tvam anayā gaja sāhvayā | lakṣmaṇena samutpāṭya eṣā kaṇṭhe kṛtā tava | 4-14-8

'Du trägst nun das Erkennungszeichen, das dir mit dieser Gajapuṣpī-Blume gegeben wurde, die Lakṣmaṇa ausgerissen und dir um den Hals gelegt hat.'

Wort für Wort
kṛta abhijñāna cihnaḥ tvam
du bist mit einem Erkennungszeichen versehen
anayā gaja sāhvayā
durch diese Gajapuṣpī
lakṣmaṇena samutpāṭya
von Lakṣmaṇa ausgerissen
eṣā kaṇṭhe kṛtā tava
diese wurde an deinen Hals gelegt

sobhāse api adhikam vīra latayā kaṇṭhasaktayā | viparīta iva ākāśe sūryo nakṣatra mālayā | 4-14-9

'Du erstrahlst noch schöner, Held, mit der um den Hals geschlungenen Ranke, wie umgekehrt am Himmel die Sonne mit einer Girlande aus Sternen.'

Wort für Wort
sobhāse api adhikam vīra
du erstrahlst noch mehr, Held
latayā kaṇṭhasaktayā
mit der am Hals haftenden Ranke
viparīta iva ākāśe
wie umgekehrt am Himmel
sūryo nakṣatra mālayā
die Sonne mit einer Sternengirlande

adya vāli samuttham te bhayam vairam ca vānara | ekena aham pramokṣyāmi bāṇa mokṣeṇa saṃyuge | 4-14-10

'Heute werde ich, o Affe, die von Vāli aufsteigende Furcht und Feindschaft mit einem einzigen abgeschossenen Pfeil im Kampf beenden.'

Wort für Wort
adya vāli samuttham te
heute das von Vāli aufsteigende, deine
bhayam vairam ca vānara
Furcht und Feindschaft, o Affe
ekena aham pramokṣyāmi
werde ich mit einem einzigen befreien
bāṇa mokṣeṇa saṃyuge
durch das Abschießen eines Pfeils im Kampf

mama darśaya sugrīva vairiṇam bhrātṛ rūpiṇam | vālī vinihato yāvad vane pāṃsuṣu ceṣṭate | 4-14-11

'Zeige mir, Sugrīva, den Feind in Brudergestalt, bis Vālī, getötet, sich im Staub des Waldes wälzt.'

Wort für Wort
mama darśaya sugrīva
zeige mir, Sugrīva
vairiṇam bhrātṛ rūpiṇam
den Feind in Brudergestalt
vālī vinihato yāvad
bis Vālī, getötet
vane pāṃsuṣu ceṣṭate
sich im Staub des Waldes regt

yadi dṛṣṭi patham prāpto jīvan sa vinivartate | tato doṣeṇa mā gacchet sadyo garhecca mām bhavān | 4-14-12

'Sollte er, in mein Blickfeld geraten, lebend wieder umkehren, so soll dies nicht als mein Versagen gelten, und du mögest mich nicht sogleich deswegen tadeln.'

Wort für Wort
yadi dṛṣṭi patham prāpto
wenn er in den Pfad meines Blickes gelangt
jīvan sa vinivartate
lebend zurückkehrt
tato doṣeṇa mā gacchet
so möge dies nicht als Fehler gelten
sadyo garhecca mām bhavān
und du mögest mich nicht sogleich tadeln

pratyakṣam sapta te sālā mayā bāṇena dāritāḥ | tato vetsi balena adya vālinam nihatam mayā | 4-14-13

'Vor deinen Augen habe ich die sieben Sāla-Bäume mit einem Pfeil durchbohrt; daher weißt du, dass Vālin heute durch meine Kraft erschlagen sein wird.'

Wort für Wort
pratyakṣam sapta te sālā
vor deinen Augen die sieben Sāla-Bäume
mayā bāṇena dāritāḥ
von mir mit dem Pfeil durchbohrt
tato vetsi balena adya
daher weißt du heute durch (meine) Kraft
vālinam nihatam mayā
dass Vālin von mir erschlagen ist

anṛtam na ukta pūrvam me ciram kṛcchre api tiṣṭhatā | dharma lobha parītena na ca vakṣye kathaṃcana | 4-14-14

'Nie zuvor habe ich, selbst in langer Bedrängnis, eine Unwahrheit gesprochen, vom Verlangen nach Dharma erfüllt, und niemals werde ich es tun.'

Wort für Wort
anṛtam na ukta pūrvam me
von mir wurde zuvor keine Unwahrheit gesprochen
ciram kṛcchre api tiṣṭhatā
selbst wenn ich lange in Bedrängnis stand
dharma lobha parītena
vom Verlangen nach Dharma erfüllt
na ca vakṣye kathaṃcana
und ich werde es niemals sprechen

saphalām ca kariṣyāmi pratijñām jahi saṃbhramam | prasūtam kalamakṣetre varṣeṇa iva śatakratuḥ | 4-14-15

'Ich werde mein Versprechen wahr machen — leg deine Aufregung ab —, wie Indra mit Regen das im Reisfeld Aufgegangene zur Reife bringt.'

Wort für Wort
saphalām ca kariṣyāmi
und ich werde erfüllen
pratijñām jahi saṃbhramam
das Versprechen, leg die Aufregung ab
prasūtam kalamakṣetre
das im Reisfeld Aufgegangene
varṣeṇa iva śatakratuḥ
wie Indra mit Regen

tad āhvāna nimittam ca vālino hemamālinaḥ | sugrīva kuru tam śabdam niṣpated yena vānaraḥ | 4-14-16

'Stoße nun, o Sugrīva, jenen Schrei aus, der den Anlass zur Herausforderung des goldbekränzten Vālin bildet, durch den der Affe hervortreten wird.'

Wort für Wort
tad āhvāna nimittam ca
und jenen Anlass zur Herausforderung
vālino hemamālinaḥ
des goldbekränzten Vālin
sugrīva kuru tam śabdam
stoße, Sugrīva, jenen Schrei aus
niṣpated yena vānaraḥ
durch den der Affe hervortreten wird

jitakāśī jayaślāghī tvayā ca adharṣitaḥ purāt | niṣpatiṣyati asaṃgena vālī sa priyasamyugaḥ | 4-14-17

'Siegesgewiss, mit dem Sieg prahlend und von dir seit jeher unangefochten, wird jener kampflustige Vālī ohne Zögern hervortreten.'

Wort für Wort
jitakāśī jayaślāghī
siegesgewiss, mit dem Sieg prahlend
tvayā ca adharṣitaḥ purāt
und von dir seit jeher unangefochten
niṣpatiṣyati asaṃgena
wird ohne Zögern hervortreten
vālī sa priyasamyugaḥ
jener Vālī, dem der Kampf lieb ist

ripūṇām dharṣitam śrutvā marṣayanti na saṃyuge | jānantaḥ tu svakam vīryam strī samakṣam viśeṣataḥ | 4-14-18

'Wenn sie hören, dass sie von Feinden herausgefordert wurden, ertragen starke Männer dies im Kampf nicht, im Bewusstsein der eigenen Tapferkeit, besonders vor den Augen einer Frau.'

Wort für Wort
ripūṇām dharṣitam śrutvā
gehört habend, von Feinden herausgefordert
marṣayanti na saṃyuge
ertragen sie es nicht im Kampf
jānantaḥ tu svakam vīryam
im Wissen um die eigene Tapferkeit
strī samakṣam viśeṣataḥ
besonders vor den Augen einer Frau

sa tu rāma vacaḥ śrutvā sugrīvo hemapiṃgalaḥ | nanarda krūra nādena vinirbhindan iva ambaram | 4-14-19

Als der goldgelbe Sugrīva Rāmas Worte gehört hatte, brüllte er mit furchtbarem Gebrüll, den Himmel gleichsam zerreißend.

Wort für Wort
sa tu rāma vacaḥ śrutvā
er aber, Rāmas Wort gehört habend
sugrīvo hemapiṃgalaḥ
Sugrīva, der Goldgelbe
nanarda krūra nādena
brüllte mit furchtbarem Gebrüll
vinirbhindan iva ambaram
den Himmel gleichsam zerreißend

tatra śabdena vitrastā gāvo yānti hataprabhāḥ | rājadoṣa parāmṛṣṭāḥ kulastriya iva ākulāḥ | 4-14-20

Von diesem Schrei erschreckt, liefen dort die Kühe umher, ihres Glanzes beraubt, verwirrt wie Frauen guter Familie, die vom Vergehen eines Königs betroffen sind.

Wort für Wort
tatra śabdena vitrastā
dort, durch den Schrei erschreckt
gāvo yānti hataprabhāḥ
liefen die Kühe, ihres Glanzes beraubt
rājadoṣa parāmṛṣṭāḥ
vom Vergehen eines Königs berührt
kulastriya iva ākulāḥ
verwirrt wie Frauen guter Familie

dravanti ca mṛgāḥ śīghram bhagnā iva raṇe hayāḥ | patanti ca khagā bhūmau kṣīṇa puṇyā iva grahāḥ | 4-14-21

Und die Rehe liefen schnell davon wie im Kampf geschlagene Pferde, und die Vögel fielen zu Boden wie Planeten, deren Verdienst erschöpft ist.

Wort für Wort
dravanti ca mṛgāḥ śīghram
und die Rehe liefen schnell davon
bhagnā iva raṇe hayāḥ
wie im Kampf geschlagene Pferde
patanti ca khagā bhūmau
und die Vögel fielen zu Boden
kṣīṇa puṇyā iva grahāḥ
wie Planeten, deren Verdienst erschöpft ist

tataḥ sa jīmūta kṛta praṇādo nādam hi amuṃcat tvarayā pratītaḥ | sūryātmajaḥ śaurya vivṛddha tejāḥ sarit patir vā anila caṃcala ūrmiḥ || 4-14-22

Da stieß der Sohn der Sonne, dessen Glanz durch Tapferkeit gewachsen war, zuversichtlich und eilig ein Gebrüll aus, das dem Grollen einer Gewitterwolke glich, wie der Herr der Flüsse, dessen Wogen der Wind aufwühlt.

Wort für Wort
tataḥ sa jīmūta kṛta praṇādo
da er, ein Gebrüll wie eine Gewitterwolke vollführend
nādam hi amuṃcat tvarayā pratītaḥ
stieß er zuversichtlich und eilig ein Gebrüll aus
sūryātmajaḥ śaurya vivṛddha tejāḥ
der Sohn der Sonne, dessen Glanz durch Tapferkeit gewachsen war
sarit patir vā anila caṃcala ūrmiḥ
wie der Herr der Flüsse, dessen Wogen vom Wind bewegt werden

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