Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Kiṣkindhākāṇḍa

Sarga 55: Aṃgada Prāyopaveśanam Aṅgadas Anklage gegen Sugrīva und der gemeinsame Hungertod

śrutvā hanumato vākyaṃ praśritaṃ dharmasaṃhitam | svāmisatkārasaṃyuktam aṃgado vākyam abravīt ||

Nachdem er Hanumāns Worte gehört hatte, die höflich, der Tugend gemäß und von Ergebenheit gegenüber seinem Herrn erfüllt waren, sprach Aṅgada dieses Wort.

Wort für Wort
śrutvā hanumataḥ vākyam
nachdem er Hanumāns Worte gehört hatte
praśritam dharmasaṃhitam
höflich, der Tugend gemäß
svāmisatkārasaṃyuktam
von Ergebenheit gegenüber dem Herrn erfüllt
aṃgadaḥ vākyam abravīt
sprach Aṅgada das Wort

sthairyam ātmamanaḥśaucam ānṛśaṃsyam athārjavam | vikramaś caiva dhairyaṃ ca sugrīve nopapadyate ||

Standhaftigkeit, Reinheit des eigenen Geistes, Frei-Sein von Grausamkeit, Aufrichtigkeit, Tapferkeit und Festigkeit — dies alles findet sich in Sugrīva nicht.

Wort für Wort
sthairyam ātmamanaḥśaucam
Standhaftigkeit, Reinheit des eigenen Geistes
ānṛśaṃsyam atha ārjavam
Frei-Sein von Grausamkeit und Aufrichtigkeit
vikramaḥ caiva dhairyam ca
und Tapferkeit und Festigkeit
sugrīve na upapadyate
findet sich in Sugrīva nicht

bhrātur jyeṣṭhasya yo bhāryāṃ jīvato mahiṣīṃ priyām | dharmeṇa mātaraṃ yas tu svīkaroti jugupsitaḥ || kathaṃ sa dharmaṃ jānīte yena bhrātrā durātmanā | yuddhāyābhiniyuktena bilasya pihitaṃ mukham |

Er, der, während sein älterer Bruder noch am Leben war, dessen geliebte Hauptgemahlin, die ihm rechtens wie eine Mutter war, sich aneignete — dieser Verabscheuungswürdige: wie kennt er die Tugend? Von ihm, dem bösen Bruder, der zum Kampf bestimmt war, wurde der Höhleneingang versiegelt.

Wort für Wort
bhrātuḥ jyeṣṭhasya yaḥ bhāryām
der die Gattin des älteren Bruders
jīvataḥ mahiṣīm priyām
während er lebte, die geliebte Hauptgemahlin
dharmeṇa mātaram yaḥ tu
die ihm rechtens Mutter war
svīkaroti jugupsitaḥ
sich aneignet, der Verabscheuungswürdige
katham sa dharmam jānīte
wie kennt er die Tugend
yena bhrātrā durātmanā
durch den bösen Bruder
yuddhāya abhiniyuktena
der zum Kampf bestimmt war
bilasya pihitam mukham
wurde der Höhleneingang versiegelt

satyāt pāṇigṛhītaś ca kṛtakarmā mahāyaśāḥ | vismṛto rāghavo yena sa kasya sukṛtaṃ smaret ||

Er, von dem Rāghava, dessen Hand er in Wahrheit ergriffen hatte, der seinen Teil erfüllt hatte, der hochberühmte, vergessen wurde — wessen Wohltat würde er da je erinnern?

Wort für Wort
satyāt pāṇigṛhītaḥ ca
in Wahrheit an der Hand ergriffen
kṛtakarmā mahāyaśāḥ
der seinen Teil erfüllt hatte, der hochberühmte
vismṛtaḥ rāghavaḥ yena
von dem Rāghava vergessen wurde
sa kasya sukṛtam smaret
wessen Wohltat würde er erinnern

lakṣmaṇasya bhayeneha nādharmabhayabhīruṇā | ādiṣṭā mārgituṃ sītāṃ dharmas tasmin kathaṃ bhavet ||

Aus Furcht vor Lakṣmaṇa, nicht aus Scheu vor Unrecht, wurden wir angewiesen, hier nach Sītā zu suchen — wie könnte da in ihm Tugend bestehen?

Wort für Wort
lakṣmaṇasya bhayena iha
aus Furcht vor Lakṣmaṇa hier
na adharmabhayabhīruṇā
nicht aus Scheu vor Unrecht
ādiṣṭāḥ mārgitum sītām
angewiesen, Sītā zu suchen
dharmaḥ tasmin katham bhavet
wie könnte da Tugend in ihm sein

tasmin pāpe kṛtaghne tu smṛtibhinne calātmani | āryaḥ ko viśvaset jātu tatkulīno viśeṣataḥ ||

Welcher Edle würde je jenem Sündigen, Undankbaren, dem an Erinnerung Gebrochenen und Wankelmütigen vertrauen — zumal ein Wohlgeborener?

Wort für Wort
tasmin pāpe kṛtaghne tu
jenem Sündigen, Undankbaren
smṛtibhinne calātmani
dem an Erinnerung Gebrochenen, Wankelmütigen
āryaḥ kaḥ viśvaset jātu
welcher Edle würde je vertrauen
tatkulīnaḥ viśeṣataḥ
zumal ein Wohlgeborener

rājye putraḥ pratiṣṭhāpyaḥ sa guṇo nirguṇo'pi vā | kathaṃ śatrukulīnaṃ māṃ sugrīvo jīvayiṣyati ||

Ein Sohn ist im Königreich einzusetzen, sei er nun tugendhaft oder nicht; wie also wird Sugrīva mich, den aus der Linie seines Feindes Geborenen, am Leben lassen?

Wort für Wort
rājye putraḥ pratiṣṭhāpyaḥ
ein Sohn ist im Reich einzusetzen
sa guṇaḥ nirguṇaḥ api vā
sei er tugendhaft oder nicht
katham śatrukulīnam mām
wie mich, den aus der Feindeslinie
sugrīvaḥ jīvayiṣyati
wird Sugrīva am Leben lassen

bhinnamantro'parāddhaś ca hīnaśaktiḥ kathaṃ hy aham | kiṣkindhāṃ prāpya jīveyam anātha iva durbalaḥ ||

Wie könnte ich denn, mein Plan verraten, ein Vergehen begangen habend und nun der Kraft beraubt, nach der Ankunft in Kiṣkindhā weiterleben, schwach wie einer ohne Beschützer?

Wort für Wort
bhinnamantraḥ aparāddhaḥ ca
mein Plan verraten, ein Vergehen begangen
hīnaśaktiḥ katham hi aham
wie könnte ich, der Kraft beraubt
kiṣkindhām prāpya jīveyam
nach Kiṣkindhā gelangt, weiterleben
anāthaḥ iva durbalaḥ
schwach wie einer ohne Beschützer

upāṃśudaṇḍena hi māṃ baṃdhanenopapādayet | śaṭhaḥ krūro nṛśaṃsaś ca sugrīvo rājyakāraṇāt ||

Denn jener hinterlistige, grausame und mitleidlose Sugrīva würde mich um seines Königreichs willen gewiss heimlich mit dem Tode bestrafen oder einkerkern lassen.

Wort für Wort
upāṃśudaṇḍena hi mām
mich heimlich mit dem Tode
baṃdhanena upapādayet
oder mit Kerkerhaft würde er belegen
śaṭhaḥ krūraḥ nṛśaṃsaḥ ca
der hinterlistige, grausame, mitleidlose
sugrīvaḥ rājyakāraṇāt
Sugrīva um des Königreichs willen

baṃdhanāc cāvasādān me śreyaḥ prāyopaveśanam | anujānaṃtu māṃ sarve gṛhaṃ gacchaṃtu vānarāḥ ||

Besser als Gefangenschaft und Vernichtung ist mir der Hungertod; möget ihr alle mir die Erlaubnis geben, und die Affen sollen nach Hause gehen.

Wort für Wort
baṃdhanāt ca avasādāt
als Gefangenschaft und Vernichtung
me śreyaḥ prāyopaveśanam
ist mir der Hungertod besser
anujānaṃtu mām sarve
möget ihr alle mir die Erlaubnis geben
gṛham gacchaṃtu vānarāḥ
die Affen sollen nach Hause gehen

ahaṃ vaḥ pratijānāmi na gamiṣyāmy ahaṃ purīm | ihaiva prāyam āsiṣye śreyo maraṇam eva me ||

Ich verspreche euch: Ich werde nicht in die Stadt gehen; ebenhier werde ich den Hungertod antreten; der Tod allein ist besser für mich.

Wort für Wort
aham vaḥ pratijānāmi
ich verspreche euch
na gamiṣyāmi aham purīm
ich werde nicht in die Stadt gehen
iha eva prāyam āsiṣye
ebenhier werde ich den Hungertod antreten
śreyaḥ maraṇam eva me
der Tod allein ist besser für mich

abhivādanapūrvaṃ tu rājā kuśalam eva ca | abhivādanapūrvaṃ tu rāghavau balaśālinau || vācyas tātaḥ yavīyān me sugrīvo vānarīśvaraḥ |

›Mit vorangehender Verneigung und mit dem Wunsch nach seinem Wohlergehen soll der König gegrüßt werden; mit vorangehender Verneigung sollen die beiden mächtigen Rāghavas gegrüßt werden; zu meinem jüngeren Vater, Sugrīva, dem Herrn der Affen, soll gesagt werden:‹

Wort für Wort
abhivādanapūrvam tu rājā
mit vorangehender Verneigung der König
kuśalam eva ca
und (der Wunsch nach) Wohlergehen
abhivādanapūrvam tu rāghavau
mit vorangehender Verneigung die beiden Rāghavas
balaśālinau
die mächtigen
vācyaḥ tātaḥ yavīyān me
gesagt werden soll meinem jüngeren Vater
sugrīvaḥ vānarīśvaraḥ
Sugrīva, dem Herrn der Affen

ārogyapūrvaṃ kuśalaṃ vācyā mātā rumā ca me |

›...und meiner Mutter sowie Rumā soll zuerst der Wunsch nach Gesundheit und Wohlergehen übermittelt werden.‹

Wort für Wort
ārogyapūrvam kuśalam
zuerst der Wunsch nach Gesundheit und Wohlergehen
vācyā mātā rumā ca me
soll meiner Mutter und Rumā gesagt werden

mātaraṃ caiva me tārām āśvāsayitum arhatha | prakṛtyā priyaputrā sā sānukrośā tapasvinī || vinaṣṭaṃ mām iha śrutvā vyaktaṃ hāsyati jīvitam |

›Und ihr solltet meine Mutter Tārā trösten; sie, von Natur aus ihren Sohn liebend, mitfühlend und leidgeprüft — wenn sie hört, dass ich hier zugrunde gegangen bin, wird sie gewiss ihr Leben aufgeben.‹

Wort für Wort
mātaram caiva me tārām
und meine Mutter Tārā
āśvāsayitum arhatha
solltet ihr trösten
prakṛtyā priyaputrā sā
sie, von Natur aus ihren Sohn liebend
sānukrośā tapasvinī
mitfühlend und leidgeprüft
vinaṣṭam mām iha śrutvā
wenn sie hört, dass ich hier zugrunde gegangen bin
vyaktam hāsyati jīvitam
wird sie gewiss ihr Leben aufgeben

etāvad uktvā vacanaṃ vṛddhāṃs tān abhivādya ca | viveśāṃgado bhūmau rudan darbheṣu durmanāḥ ||

Nachdem er diese Worte gesprochen und jene Älteren gegrüßt hatte, legte sich Aṅgada, weinend und niedergeschlagen, auf dem Boden auf das Kuśa-Gras.

Wort für Wort
etāvat uktvā vacanam
nachdem er so viele Worte gesprochen hatte
vṛddhān tān abhivādya ca
und jene Älteren gegrüßt hatte
viveśa aṃgadaḥ bhūmau
legte sich Aṅgada auf den Boden
rudan darbheṣu durmanāḥ
weinend, niedergeschlagen, auf das Kuśa-Gras

tasya saṃviśatas tatra rudanto vānararṣabhāḥ | nayanebhyaḥ pramumucur uṣṇaṃ vai vāri duḥkhitāḥ ||

Als er sich dort niederlegte, vergossen die weinenden Stiere unter den Affen in ihrem Schmerz heiße Tränen aus ihren Augen.

Wort für Wort
tasya saṃviśataḥ tatra
als er sich dort niederlegte
rudantaḥ vānararṣabhāḥ
die weinenden Stiere unter den Affen
nayanebhyaḥ pramumucuḥ
ließen aus den Augen fließen
uṣṇam vai vāri duḥkhitāḥ
heißes Wasser (Tränen), im Schmerz

sugrīvaṃ caiva nindantaḥ praśaṃsantaś ca vālinam | parivāryāṃgadaṃ sarve vyavasyan prāyam āsitum ||

Sugrīva schmähend und Vālin lobpreisend, umringten sie alle Aṅgada und beschlossen, mit ihm den Hungertod anzutreten.

Wort für Wort
sugrīvam caiva nindantaḥ
Sugrīva schmähend
praśaṃsantaḥ ca vālinam
und Vālin lobpreisend
parivārya aṃgadam sarve
alle Aṅgada umringend
vyavasyan prāyam āsitum
beschlossen sie, den Hungertod anzutreten

tad vākyaṃ vāliputrasya vijñāya plavagarṣabhāḥ | upaspṛśyodakaṃ sarve prāṅmukhāḥ samupāviśan | dakṣiṇāgreṣu darbheṣūdaktīraṃ samāśritāḥ || mumūrṣavo hariśreṣṭhā etat kṣamam iti sma ha |

Als sie die Worte von Vālins Sohn vernommen hatten, berührten die Stiere unter den Affen alle Wasser und setzten sich, nach Osten gewandt, auf Kuśa-Gras mit nach Süden gerichteten Spitzen nieder, sich am nördlichen Ufer niederlassend; jene besten der Affen, todesbereit, sprachen: ›Dies ist recht.‹

Wort für Wort
tat vākyam vāliputrasya
dieses Wort des Sohnes Vālins
vijñāya plavagarṣabhāḥ
erkennend, die Stiere unter den Affen
upaspṛśya udakam sarve
alle Wasser berührend
prāṅmukhāḥ samupāviśan
setzten sie sich nach Osten gewandt nieder
dakṣiṇāgreṣu darbheṣu
auf Kuśa-Gras mit nach Süden gerichteten Spitzen
udaktīram samāśritāḥ
sich am nördlichen Ufer niederlassend
mumūrṣavaḥ hariśreṣṭhāḥ
todesbereit, die besten der Affen
etat kṣamam iti sma ha
sprachen: dies ist recht

rāmasya vanavāsaṃ ca kṣayaṃ daśarathasya ca | janasthānavadhaṃ caiva vadhaṃ caiva jaṭāyuṣaḥ | haraṇaṃ caiva vaidehyā vālinaś ca vadhaṃ tathā | rāmakopaṃ ca vadatāṃ harīṇāṃ bhayam āgataḥ |

Während sie von Rāmas Waldverbannung, dem Tod des Daśaratha, dem Blutbad in Janasthāna und dem Tod Jaṭāyus sprachen, von der Entführung Vaidehīs und ebenso von der Tötung Vālins und von Rāmas Zorn, befiel die Affen, während sie so sprachen, Furcht.

Wort für Wort
rāmasya vanavāsam ca
und Rāmas Waldverbannung
kṣayam daśarathasya ca
und den Tod des Daśaratha
janasthānavadham caiva
und das Blutbad in Janasthāna
vadham caiva jaṭāyuṣaḥ
und den Tod Jaṭāyus
haraṇam caiva vaidehyā
und die Entführung Vaidehīs
vālinaḥ ca vadham tathā
und ebenso die Tötung Vālins
rāmakopam ca vadatām
und Rāmas Zorn, während sie sprachen
harīṇām bhayam āgataḥ
befiel die Affen Furcht

sa saṃviśadbhir bahubhir mahīdharo mahādrikūṭapramitaiḥ plavaṃgamaiḥ | babhūva sannāditanirdarāṃtaro bhṛśaṃ nadadbhir jaladair ivāṃbaram ||

Jener Berg, mit den vielen sich niederlegenden Affen, Affen von der Größe der Gipfel großer Berge, wurde in seinen Höhlen und Schluchten widerhallend, wie der Himmel von laut donnernden Wolken.

Wort für Wort
sa saṃviśadbhiḥ bahubhiḥ
jener, mit den vielen sich niederlegenden
mahīdharaḥ mahādrikūṭapramitaiḥ
der Berg, mit den den Gipfeln großer Berge gleichenden
plavaṃgamaiḥ
Affen
babhūva sannāditanirdarāṃtaraḥ
wurde widerhallend in seinen Schluchten
bhṛśam nadadbhiḥ jaladaiḥ iva aṃbaram
wie der Himmel von heftig donnernden Wolken

Interaktive Leseansicht des ganzen Werks