Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Kiṣkindhākāṇḍa

Sarga 61: Sampāti Pakṣa Dāha Vṛttāntaḥ Sampātis Erzählung vom Flug zur Sonne und dem Verlust der Flügel

tataḥ tad dāruṇaṃ karma duṣkaraṃ sāhasāt kṛtam | ācacakṣe muneḥ sarvaṃ sūryānugamanaṃ tathā ||

Da erzählte er dem Weisen jene furchtbare, schwer vollbringbare Tat, die aus Verwegenheit begangen worden war, und ebenso die Verfolgung der Sonne.

Wort für Wort
tataḥ tat dāruṇam karma
da jene furchtbare Tat
duṣkaram sāhasāt kṛtam
schwer vollbringbar, aus Verwegenheit begangen
ācacakṣe muneḥ sarvam
erzählte er dem Weisen alles
sūryānugamanam tathā
und ebenso die Verfolgung der Sonne

bhagavan vraṇayuktatvāl lajjayā cākulendriyaḥ | pariśrānto na śaknomi vacanaṃ paribhāṣitum ||

›Ehrwürdiger, wegen meiner Wunden und aus Scham, meine Sinne verwirrt, erschöpft, vermag ich nicht ausführlich zu sprechen.‹

Wort für Wort
bhagavan vraṇayuktatvāt
Ehrwürdiger, wegen meiner Wunden
lajjayā ca akulendriyaḥ
und aus Scham, meine Sinne verwirrt
pariśrāntaḥ na śaknomi
erschöpft vermag ich nicht
vacanam paribhāṣitum
ausführlich zu sprechen

ahaṃ caiva jaṭāyuś ca saṃgharṣād darpamohitau | ākāśaṃ patitau dūrāj jijñāsantau parākramam ||

›Jaṭāyu und ich, aus Wetteifer, von Stolz verblendet, flogen weit hinauf in den Himmel, begierig, unsere Kraft zu erproben.‹

Wort für Wort
aham caiva jaṭāyuḥ ca
Jaṭāyu und ich
saṃgharṣāt darpamohitau
aus Wetteifer, von Stolz verblendet
ākāśam patitau dūrāt
weit hinauf in den Himmel geflogen
jijñāsantau parākramam
begierig, die Kraft zu erproben

kailāsaśikhare baddhvā munīnām agrataḥ paṇam | raviḥ syād anuyātavyo yāvad astaṃ mahāgirim ||

›Auf dem Gipfel des Kailāsa hatten wir vor den Weisen eine Wette geschlossen: die Sonne sollte verfolgt werden, bis sie den großen Untergangsberg erreicht.‹

Wort für Wort
kailāsaśikhare baddhvā
auf dem Gipfel des Kailāsa geschlossen
munīnām agrataḥ paṇam
vor den Weisen eine Wette
raviḥ syāt anuyātavyaḥ
die Sonne sollte verfolgt werden
yāvat astam mahāgirim
bis zum großen Untergangsberg

api āvāṃ yugapat prāptāv apaśyāva mahītale | rathacakrapramāṇāni nagarāṇi pṛthak pṛthak ||

›Wir beide, gleichzeitig dort angekommen, sahen auf der Erdoberfläche Städte, jede nicht größer als ein Wagenrad, eine nach der anderen.‹

Wort für Wort
api āvām yugapat prāptau
wir beide, gleichzeitig angekommen
apaśyāva mahītale
sahen wir auf der Erdoberfläche
rathacakrapramāṇāni nagarāṇi
Städte von der Größe eines Wagenrads
pṛthak pṛthak
eine nach der anderen

kvacid vāditraghoṣaś ca kvacid bhūṣaṇaniḥsvanaḥ | gāyantīḥ sma aṃganā bahvīḥ paśyāvo raktavāsasaḥ ||

›Hier der Klang von Musikinstrumenten, dort das Klirren von Schmuck; wir sahen viele singende Frauen, in rote Gewänder gekleidet.‹

Wort für Wort
kvacit vāditraghoṣaḥ ca
hier der Klang von Musikinstrumenten
kvacit bhūṣaṇaniḥsvanaḥ
dort das Klirren von Schmuck
gāyantīḥ sma aṃganāḥ bahvīḥ
viele singende Frauen
paśyāvaḥ raktavāsasaḥ
sahen wir, in rote Gewänder gekleidet

tūrṇam utpatya cākāśam ādityapatham āsthitau | āvām ālokayāvas tad vanaṃ śādvalasaṃsthitam ||

›Rasch in den Himmel aufsteigend, folgten wir dem Pfad der Sonne; wir beide erblickten jenen Wald, mit grünen Wiesen bedeckt.‹

Wort für Wort
tūrṇam utpatya ca ākāśam
rasch in den Himmel aufsteigend
ādityapatham āsthitau
dem Pfad der Sonne folgend
āvām ālokayāvaḥ
wir beide erblickten
tat vanam śādvalasaṃsthitam
jenen Wald, mit grünen Wiesen bedeckt

upalair iva saṃchannā dṛśyate bhūḥ śilocchayaiḥ | āpagābhiś ca saṃvītā sūtrair iva vasuṃdharā ||

›Die Erde erschien wie mit Kieseln bedeckt, in Wahrheit mit Bergmassiven; und die Erde schien mit Flüssen wie mit Fäden umgürtet.‹

Wort für Wort
upalaiḥ iva saṃchannā
wie mit Kieseln bedeckt
dṛśyate bhūḥ śilocchayaiḥ
erscheint die Erde, mit Bergmassiven
āpagābhiḥ ca saṃvītā
und mit Flüssen umgürtet
sūtraiḥ iva vasuṃdharā
die Erde wie mit Fäden

himavāṃś caiva vindhyaś ca meruś ca sumahān giriḥ | bhūtale saṃprakāśante nāgā iva jalāśaye ||

›Himavat, der Vindhya und Meru, der überaus große Berg, erglänzten auf der Erdoberfläche wie Elefanten in einem Wasserbecken.‹

Wort für Wort
himavān caiva vindhyaḥ ca
Himavat und der Vindhya
meruḥ ca sumahān giriḥ
und Meru, der überaus große Berg
bhūtale saṃprakāśante
erglänzten auf der Erdoberfläche
nāgāḥ iva jalāśaye
wie Elefanten in einem Wasserbecken

tīvraḥ svedaś ca khedaś ca bhayaṃ cāsīt tadāvayoḥ | samāviśata mohaś ca tato mūrcchā ca dāruṇā ||

›Heftiger Schweiß, Erschöpfung und Furcht befielen uns beide da; Verwirrung überkam uns, und darauf furchtbare Ohnmacht.‹

Wort für Wort
tīvraḥ svedaḥ ca khedaḥ ca
heftiger Schweiß und Erschöpfung
bhayam ca āsīt tadā avayoḥ
und Furcht befiel uns beide da
samāviśata mohaḥ ca
Verwirrung überkam uns
tataḥ mūrcchā ca dāruṇā
und darauf furchtbare Ohnmacht

na ca dig jñāyate yāmyā nāgneyī na ca vāruṇī | yugānte niyato loko hato dagdha ivāgninā ||

›Keine Richtung war mehr erkennbar — weder die südliche, noch die südöstliche, noch die westliche; die Welt schien wie am Ende eines Weltzeitalters festgehalten, wie von Feuer getroffen und verbrannt.‹

Wort für Wort
na ca dik jñāyate yāmyā
keine Richtung war erkennbar, die südliche
na āgneyī na ca vāruṇī
noch die südöstliche noch die westliche
yugānte niyataḥ lokaḥ
die Welt wie am Ende eines Weltzeitalters festgehalten
hataḥ dagdhaḥ iva agninā
wie von Feuer getroffen und verbrannt

manaś ca me hataṃ bhūyaś cakṣuḥ prāpya tu saṃśrayam | yatnena mahatā hy asmin manaḥ saṃdhāya cakṣuṣī ||

›Auch mein Geist war überwältigt; doch meine Augen, einen Halt findend, und indem ich mit großer Anstrengung meinen Geist und meine Augen darauf richtete,‹

Wort für Wort
manaḥ ca me hatam bhūyaḥ
auch mein Geist war überwältigt
cakṣuḥ prāpya tu saṃśrayam
doch die Augen, einen Halt findend
yatnena mahatā hi asmin
mit großer Anstrengung darauf
manaḥ saṃdhāya cakṣuṣī
Geist und Augen richtend

yatnena mahatā bhūyo bhāskaraḥ pratilokitaḥ | tulyaḥ pṛthvīpramāṇena bhāskaraḥ pratibhāti nau ||

›...blickte ich mit großer Anstrengung noch einmal auf die Sonne; die Sonne erschien uns beiden gleich groß wie die Erde.‹

Wort für Wort
yatnena mahatā bhūyaḥ
mit großer Anstrengung noch einmal
bhāskaraḥ pratilokitaḥ
wurde die Sonne betrachtet
tulyaḥ pṛthvīpramāṇena
gleich groß wie die Erde
bhāskaraḥ pratibhāti nau
erschien uns beiden die Sonne

jaṭāyur mām anāpṛcchya nipapāta mahīṃ tataḥ | taṃ dṛṣṭvā tūrṇam ākāśād ātmānaṃ muktavān aham ||

›Jaṭāyu, ohne mich zu fragen, fiel darauf zur Erde hinab; als ich ihn sah, ließ ich mich rasch vom Himmel herabfallen.‹

Wort für Wort
jaṭāyuḥ mām anāpṛcchya
Jaṭāyu, ohne mich zu fragen
nipapāta mahīm tataḥ
fiel darauf zur Erde
tam dṛṣṭvā tūrṇam ākāśāt
ihn sehend, rasch vom Himmel
ātmānam muktavān aham
ließ ich mich fallen

pakṣābhyāṃ ca mayā gupto jaṭāyur na pradahyata | pramādāt tatra nirdagdhaḥ patan vāyupathād aham ||

›Jaṭāyu, von mir mit meinen Flügeln beschirmt, wurde nicht verbrannt; ich aber wurde dort durch Unachtsamkeit verbrannt, als ich vom Windpfad herabfiel.‹

Wort für Wort
pakṣābhyām ca mayā guptaḥ
von mir mit den Flügeln beschirmt
jaṭāyuḥ na pradahyata
wurde Jaṭāyu nicht verbrannt
pramādāt tatra nirdagdhaḥ
durch Unachtsamkeit dort verbrannt
patan vāyupathāt aham
ich, vom Windpfad herabfallend

āśaṃke taṃ nipatitaṃ janasthāne jaṭāyuṣam | ahaṃ tu patito vindhye dagdhapakṣo jaḍīkṛtaḥ ||

›Ich vermute, dass Jaṭāyu in Janasthāna niederfiel; ich aber fiel auf den Vindhya, meine Flügel verbrannt, hilflos gemacht.‹

Wort für Wort
āśaṃke tam nipatitam
ich vermute, dass er niederfiel
janasthāne jaṭāyuṣam
Jaṭāyu in Janasthāna
aham tu patitaḥ vindhye
ich aber fiel auf den Vindhya
dagdhapakṣaḥ jaḍīkṛtaḥ
meine Flügel verbrannt, hilflos gemacht

rājyād hīno bhrātrā ca pakṣābhyāṃ vikrameṇa ca | sarvathā martum eva icchan patiṣye śikharād gireḥ ||

›Meines Königreichs beraubt, meines Bruders, meiner Flügel und meiner Tapferkeit, nur noch zu sterben wünschend, werde ich mich vom Berggipfel hinabstürzen.‹

Wort für Wort
rājyāt hīnaḥ bhrātrā ca
meines Königreichs beraubt und meines Bruders
pakṣābhyām vikrameṇa ca
meiner Flügel und meiner Tapferkeit
sarvathā martum eva icchan
in jeder Hinsicht nur zu sterben wünschend
patiṣye śikharāt gireḥ
werde ich mich vom Berggipfel stürzen

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