Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Kiṣkindhākāṇḍa

Sarga 20: Tārā Vilāpaḥ Dvitīyaḥ Tārās weitere Klage

rāma cāpa visṛṣṭena śareṇa aṃtakareṇa tam | dṛṣṭvā vinihatam bhūmau tārā tārādhipa ānanā || 4-20-1

Als Tārā, deren Antlitz dem Mondherrn glich, ihn, von dem aus Rāmas Bogen abgeschossenen, todbringenden Pfeil zu Boden gestreckt, erblickte,

Wort für Wort
rāma cāpa visṛṣṭena
von dem aus Rāmas Bogen abgeschossenen
śareṇa aṃtakareṇa tam
durch den todbringenden Pfeil, ihn
dṛṣṭvā vinihatam bhūmau
zu Boden gestreckt sehend
tārā tārādhipa ānanā
Tārā, deren Antlitz dem Mondherrn glich

iṣuṇā abhihatam dṛṣṭvā vālinam kuṃjaropamam || 4-20-2

— als sie Vālin, von dem Pfeil getroffen, dem Elefanten gleich, erblickte —

Wort für Wort
iṣuṇā abhihatam dṛṣṭvā
vom Pfeil getroffen sehend
vālinam kuṃjaropamam
Vālin, dem Elefanten gleich

vānaram parvata indra ābham śoka saṃtapta mānasā | tārā tarum iva unmūlam paryadevayat āturā || 4-20-3

den Affen, dem Gipfel eines gewaltigen Berges gleich, mit von Kummer gequältem Herzen beklagte Tārā, gepeinigt, ihn wie einen entwurzelten Baum:

Wort für Wort
vānaram parvata indra ābham
den Affen, dem Berggipfel gleich
śoka saṃtapta mānasā
mit von Kummer gequältem Herzen
tārā tarum iva unmūlam
Tārā, ihn wie einen entwurzelten Baum
paryadevayat āturā
beklagte sie, gepeinigt

raṇe dāruṇa vikrānta pravīra plavatām vara | kim idīnām puro bhāgām adya tvam na abhibhāṣase || 4-20-4

'O du, im Kampf furchtbar Tapferer, tapferster Held, Bester der Springenden — warum sprichst du heute nicht mehr mit deiner armen Gattin vor dir?'

Wort für Wort
raṇe dāruṇa vikrānta
im Kampf furchtbar tapfer
pravīra plavatām vara
tapferster Held, Bester der Springenden
kim idīnām puro bhāgām
warum mit dieser Armen vor dir
adya tvam na abhibhāṣase
sprichst du heute nicht mehr

uttiṣṭha hari śārdūla bhajasva śayana uttamam | na evam vidhāḥ śerate hi bhūmau nṛpati sattamāḥ || 4-20-5

'Erhebe dich, Tiger der Affen, nimm ein vortreffliches Lager ein — solche wie du, die besten unter den Königen, ruhen doch nicht so auf der Erde.'

Wort für Wort
uttiṣṭha hari śārdūla
erhebe dich, Tiger der Affen
bhajasva śayana uttamam
nimm ein vortreffliches Lager ein
na evam vidhāḥ śerate hi
solche wie du ruhen doch nicht so
bhūmau nṛpati sattamāḥ
auf der Erde, die besten der Könige

atīva khalu te kāṃtā vasudhā vasudhādhipa | gata asur api tām gātraiḥ mām vihāya niṣevase || 4-20-6

'Wahrlich, allzu lieb ist dir, o Herr der Erde, die Erde selbst geworden — selbst jetzt, deiner Lebenskraft beraubt, umarmst du sie mit deinen Gliedern und lässt mich im Stich.'

Wort für Wort
atīva khalu te kāṃtā
allzu lieb ist dir wahrlich
vasudhā vasudhādhipa
die Erde, o Herr der Erde
gata asur api tām gātraiḥ
selbst der Lebenskraft beraubt, sie mit den Gliedern
mām vihāya niṣevase
mich verlassend, umarmst du

vyaktam adya tvayā vīra dharmataḥ saṃpravartatā | kiṣkiṃdhā iva purī ramyā svarga mārge vinirmitā || 4-20-7

'Offenbar hast du, o Held, dem Dharma folgend, heute für dich in der Himmelsstraße eine liebliche Stadt errichtet, gleich Kiṣkindhā.'

Wort für Wort
vyaktam adya tvayā vīra
offenbar heute von dir, Held
dharmataḥ saṃpravartatā
dem Dharma folgend
kiṣkiṃdhā iva purī ramyā
eine liebliche Stadt, wie Kiṣkindhā
svarga mārge vinirmitā
in der Himmelsstraße errichtet

yāni asmābhiḥ tvayā sārdham vaneṣu madhu gaṃdhiṣu | vihṛtāni tvayā kāle teṣām uparamaḥ kṛtaḥ || 4-20-8

'Den Vergnügungen, die wir mit dir in den nach Honig duftenden Wäldern zu rechter Zeit genossen haben — diesen hast du nun ein Ende bereitet.'

Wort für Wort
yāni asmābhiḥ tvayā sārdham
die (Vergnügungen), die wir zusammen mit dir
vaneṣu madhu gaṃdhiṣu
in den nach Honig duftenden Wäldern
vihṛtāni tvayā kāle
genossen haben, von dir, zur rechten Zeit
teṣām uparamaḥ kṛtaḥ
diesen wurde nun ein Ende bereitet

nirānaṃdā nirāśā aham nimagnā śoka sāgare | tvayi paṃcatvam āpanne mahāyūthapa yūthape || 4-20-9

'Freudlos und hoffnungslos, versunken im Ozean des Kummers bin ich, da du, der Anführer der großen Affenschar, dahingeschieden bist.'

Wort für Wort
nirānaṃdā nirāśā aham
freudlos, hoffnungslos bin ich
nimagnā śoka sāgare
versunken im Ozean des Kummers
tvayi paṃcatvam āpanne
da du dahingeschieden bist
mahāyūthapa yūthape
o Anführer der großen Affenschar

hṛdayam susthiram mahyam dṛṣṭvā vinihatam bhuvi | yan na śoka abhisaṃtaptam sphuṭate adya sahasradhā || 4-20-10

'Wie standhaft ist doch mein Herz, dass es, dich zu Boden gestreckt sehend, nicht heute, von Kummer entflammt, in tausend Stücke zerspringt.'

Wort für Wort
hṛdayam susthiram mahyam
standhaft ist mein Herz
dṛṣṭvā vinihatam bhuvi
dich zu Boden gestreckt sehend
yan na śoka abhisaṃtaptam
dass es, von Kummer entflammt, nicht
sphuṭate adya sahasradhā
heute in tausend Stücke zerspringt

sugrīvasya tvayā bhāryā hṛtā sa ca vivāsitaḥ | yat tat tasya tvayā vyuṣṭiḥ prāptā iyam plavagādhipa || 4-20-11

'Sugrīvas Gattin wurde von dir geraubt und er selbst vertrieben — nun ist diese Vergeltung durch dich eingetreten, o Herr der Affen.'

Wort für Wort
sugrīvasya tvayā bhāryā
Sugrīvas Gattin von dir
hṛtā sa ca vivāsitaḥ
geraubt, und er selbst vertrieben
yat tat tasya tvayā vyuṣṭiḥ
was jenes, seine Folge, von dir
prāptā iyam plavagādhipa
erlangt wurde, o Herr der Affen

niḥśreyasa parā mohāt tvayā ca aham vigarhitā | yā eṣā abruvam hitam vākyam vānarendra hita eṣiṇī || 4-20-12

'Durch Verblendung über das höchste Heil wurde ich von dir getadelt, ich, die ich dir ein heilsames Wort sagte, o Herr der Affen, um dein Wohl bemüht.'

Wort für Wort
niḥśreyasa parā mohāt
aus Verblendung über das höchste Heil
tvayā ca aham vigarhitā
wurde ich von dir getadelt
yā eṣā abruvam hitam vākyam
ich, die ein heilsames Wort sagte
vānarendra hita eṣiṇī
o Herr der Affen, um dein Wohl bemüht

rūpa yauvana dṛptānām dakṣiṇānām ca mānada | nūnam apsarasām ārya cittāni pramathiṣyasi || 4-20-13

'Gewiss wirst du, edler Ehrenspender, die Herzen der Apsaras, die stolz auf Schönheit und Jugend und liebreizend sind, erregen.'

Wort für Wort
rūpa yauvana dṛptānām
die auf Schönheit und Jugend stolz sind
dakṣiṇānām ca mānada
und der Liebreizenden, o Ehrenspender
nūnam apsarasām ārya
gewiss der Apsaras, o Edler
cittāni pramathiṣyasi
wirst du die Herzen erregen

kālo niḥsaṃśayo nūnam jīvita aṃtakaraḥ tava | balāt yena avapanno asi sugrīvasya avaśo vaśam || 4-20-14

'Die Zeit, ohne Zweifel, hat gewiss deinem Leben ein Ende gesetzt, durch die du mit Gewalt, gegen deinen Willen, in Sugrīvas Gewalt geraten bist.'

Wort für Wort
kālo niḥsaṃśayo nūnam
die Zeit, gewiss, ohne Zweifel
jīvita aṃtakaraḥ tava
hat deinem Leben ein Ende gesetzt
balāt yena avapanno asi
durch die du mit Gewalt geraten bist
sugrīvasya avaśo vaśam
gegen deinen Willen in Sugrīvas Gewalt

asthāne vālinam hatvā yudhyamānam pareṇa ca | na saṃtapyati kākutsthaḥ kṛtvā sugarhitam || 4-20-15

'Vālin getötet zu haben, während er mit einem anderen kämpfte, obwohl er selbst nicht der rechte Gegner war — dass Kākutstha, nachdem er eine so schwer zu tadelnde Tat begangen hat, keine Reue empfindet —'

Wort für Wort
asthāne vālinam hatvā
Vālin an unrechter Stelle getötet habend
yudhyamānam pareṇa ca
der mit einem anderen kämpfte
na saṃtapyati kākutsthaḥ
empfindet Kākutstha keine Reue
kṛtvā sugarhitam
nachdem er eine tadelnswerte Tat begangen hat

vaidhavyam śoka saṃtāpam kṛpaṇam akṛpaṇā satī | aduhkha upacitā pūrvam vartayiṣyāmi anāthavat || 4-20-16

'Die Witwenschaft, den Kummer, den erbärmlichen Zustand werde ich, die ich früher, ohne selbst erbärmlich zu sein, kein Leid kannte, nun wie eine Herrenlose ertragen müssen.'

Wort für Wort
vaidhavyam śoka saṃtāpam
die Witwenschaft, den Kummer
kṛpaṇam akṛpaṇā satī
den erbärmlichen Zustand, ich, die Nicht-Erbärmliche
aduhkha upacitā pūrvam
früher ohne Leid aufgewachsen
vartayiṣyāmi anāthavat
werde ich wie eine Herrenlose ertragen

lālitaḥ ca aṃgado vīraḥ sukumāraḥ sukhocitaḥ | vatsyate kām avasthām me pitṛvye krodha mūrcchite || 4-20-17

'Und der zärtlich gepflegte, tapfere, zarte, an Wohlleben gewöhnte Aṅgada — in welchem Zustand wird er verbleiben, während sein Onkel vom Zorn übermannt ist?'

Wort für Wort
lālitaḥ ca aṃgado vīraḥ
und der gepflegte, tapfere Aṅgada
sukumāraḥ sukhocitaḥ
zart, an Wohlleben gewöhnt
vatsyate kām avasthām me
in welchem Zustand wird er verbleiben
pitṛvye krodha mūrcchite
während der Onkel vom Zorn übermannt ist

kuruṣva pitaram putra sudṛṣṭam dharma vatsalam | durlabham darśanam tasya tava vatsa bhaviṣyati || 4-20-18

'Betrachte, mein Sohn, deinen dharma-liebenden Vater noch einmal genau — dieser Anblick wird für dich, mein Kind, künftig unerreichbar sein.'

Wort für Wort
kuruṣva pitaram putra
betrachte, mein Sohn, den Vater
sudṛṣṭam dharma vatsalam
gut angesehen, den dharma-liebenden
durlabham darśanam tasya
dieser Anblick von ihm wird schwer erreichbar
tava vatsa bhaviṣyati
für dich, mein Kind, künftig sein

samāśvāsaya putram tvam saṃdeśam saṃdiśasva me | mūrdhni ca enam samāghrāya pravāsam prasthito hi asi || 4-20-19

'Tröste deinen Sohn und gib mir noch eine Botschaft mit; küsse ihn auf das Haupt, denn du machst dich auf zur letzten Reise.'

Wort für Wort
samāśvāsaya putram
tröste den Sohn
tvam saṃdeśam saṃdiśasva me
gib mir eine Botschaft mit
mūrdhni ca enam samāghrāya
und küsse ihn auf das Haupt
pravāsam prasthito hi asi
denn du machst dich auf zur Reise

rāmeṇa hi mahat karma kṛtam tvām abhinighnatā | ānṛṇyam tu gatam tasya sugrīvasya pratiśrave || 4-20-20

'Denn Rāma hat eine große Tat vollbracht, indem er dich getötet hat; er hat damit sein Versprechen an Sugrīva eingelöst.'

Wort für Wort
rāmeṇa hi mahat karma
denn von Rāma wurde eine große Tat
kṛtam tvām abhinighnatā
vollbracht, indem er dich tötete
ānṛṇyam tu gatam tasya
und er ist schuldenfrei geworden
sugrīvasya pratiśrave
in Bezug auf sein Versprechen an Sugrīva

sakāmo bhava sugrīva rumām tvam pratipatsyase | bhuṃkṣva rājyam anudvignaḥ śasto bhrātā ripuḥ tava || 4-20-21

'Erfülle dein Verlangen, Sugrīva — du wirst Rumā wiedererlangen; genieße unbesorgt das Königreich, dein Bruder, dein Feind, ist erschlagen.'

Wort für Wort
sakāmo bhava sugrīva
erfülle dein Verlangen, Sugrīva
rumām tvam pratipatsyase
du wirst Rumā wiedererlangen
bhuṃkṣva rājyam anudvignaḥ
genieße unbesorgt das Königreich
śasto bhrātā ripuḥ tava
dein Bruder, dein Feind, ist erschlagen

kim mām evam pralapatīm priyām tvam na abhibhāṣase | imāḥ paśya varā bahvayaḥ bhāryāḥ te vānareśvara || 4-20-22

'Warum sprichst du nicht zu mir, deiner geliebten Frau, die ich so klage? Sieh, hier sind deine vielen vortrefflichen Gattinnen, o Herr der Affen.'

Wort für Wort
kim mām evam pralapatīm
warum mich, so klagend
priyām tvam na abhibhāṣase
deine Geliebte, sprichst du nicht an
imāḥ paśya varā bahvayaḥ
sieh diese vielen vortrefflichen
bhāryāḥ te vānareśvara
deine Gattinnen, o Herr der Affen

tasyā vilapitam śrutvā vānaryaḥ sarvataḥ ca tāḥ | parigṛhya aṃgadam dīnā duhkha ārtāḥ paricukruśuḥ || 4-20-23

Als sie ihre Klage hörten, umringten die Affenfrauen von allen Seiten Aṅgada und stießen, elend und von Schmerz gequält, Klagerufe aus.

Wort für Wort
tasyā vilapitam śrutvā
ihre Klage gehört habend
vānaryaḥ sarvataḥ ca tāḥ
die Affenfrauen von allen Seiten
parigṛhya aṃgadam dīnā
Aṅgada umringend, elend
duhkha ārtāḥ paricukruśuḥ
von Schmerz gequält, stießen sie Klagerufe aus

kim aṃgadam sa aṃgada vīra bāho vihāya yāto asi adya ciram pravāsam | na yuktam evam guṇa saṃnikṛṣṭam vihāya putram priya putram priya cāru veṣam || 4-20-24

'Warum bist du, o Held mit den Aṅgada-Armreifen an den Armen, heute deinen Sohn Aṅgada verlassend, in die lange Ferne gegangen? Es ziemt sich nicht, dass du so den mit Tugenden begabten, geliebten, lieblich geschmückten Sohn verlässt.'

Wort für Wort
kim aṃgadam sa aṃgada vīra bāho
warum, o Held mit den Aṅgada-Armreifen, Aṅgada
vihāya yāto asi adya ciram pravāsam
verlassend, bist du heute in die lange Ferne gegangen
na yuktam evam guṇa saṃnikṛṣṭam
es ziemt sich nicht, so den mit Tugenden Begabten
vihāya putram priya putram priya cāru veṣam
zu verlassen, den geliebten, lieblich geschmückten Sohn

yadi apriyam kiṃcid asaṃpradhārya kṛtam mayā syāt tava dīrgha bāho | kṣamasva me tat hari vaṃśa nātha vrajāmi mūrdhnā tava vīra pādau || 4-20-25

'Wenn ich, o Langarmiger, unbedacht irgendetwas Unliebsames getan habe, so verzeih mir das, o Herr des Affengeschlechts — ich neige mein Haupt zu deinen Füßen, o Held.'

Wort für Wort
yadi apriyam kiṃcid
wenn irgendetwas Unliebsames
asaṃpradhārya kṛtam mayā syāt tava dīrgha bāho
unbedacht von mir getan wurde, o Langarmiger
kṣamasva me tat hari vaṃśa nātha
verzeih mir das, o Herr des Affengeschlechts
vrajāmi mūrdhnā tava vīra pādau
ich neige das Haupt zu deinen Füßen, Held

tathā tu tārā karuṇam rudaṃtī bhartuḥ samīpe saha vānarībhiḥ | vyavasyata prāyam anindya varṇā upopaveṣṭum bhuvi yatra vālī || 4-20-26

So aber, kläglich weinend, in der Nähe ihres Gatten, mit den Affenfrauen, entschloss sich Tārā, die von makelloser Schönheit, sich dort zu Boden zu setzen, um dort zu fasten, wo Vālī lag.

Wort für Wort
tathā tu tārā karuṇam rudaṃtī
so aber Tārā, kläglich weinend
bhartuḥ samīpe saha vānarībhiḥ
in der Nähe des Gatten, mit den Affenfrauen
vyavasyata prāyam anindya varṇā
entschloss sich zum Fasten, die von makelloser Schönheit
upopaveṣṭum bhuvi yatra vālī
sich niederzusetzen dort, wo Vālī war

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