Kapitel 29: duryodhanasya hrade nilayanam
Duryodhana verbirgt sich im See; Jäger verraten sein Versteck, die Pāṇḍavas rücken an
Nach der Vernichtung des Heeres flieht Duryodhana in den Dvaipāyana-See und hält das Wasser durch Zauber fest; seine drei überlebenden Gefährten finden ihn, Jäger belauschen sie und melden es Bhīma und Yudhiṣṭhira.
Nachdem man sich vor Nārāyaṇa verneigt hat und vor Nara, dem Besten der Männer, und ebenso vor der Göttin Sarasvatī, dann möge man den „Sieg“ [das Epos] vortragen.
Wort für Wort
nārāyaṇaṃ namaskṛtya
nachdem man sich vor Nārāyaṇa verneigt hat (Akk.; Absolutiv)
naraṃ caiva narottamam
und vor Nara, dem Besten der Männer (Akk.; Kompositum nara-uttama)
devīṃ sarasvatīṃ caiva
und vor der Göttin Sarasvatī (Akk.)
tato jayam udīrayet
dann möge man den Jaya vortragen (3.Sg.Opt.; Akk.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Bekannte Eingangsstrophe (Zusatzvers); jaya bezeichnet hier das Epos.
Saṃjaya sprach: Wie in einem Augenblick, König der Könige, erschien alles leer. Das Lager, das zuvor vom Trompeten brünstiger Elefanten erfüllt war, war, als das Heer floh, [still]; wo die großen Wagenkämpfer wegen des gewaltigen Lärms nichts [anderes] bemerkten, dort hören wir nun nicht einmal die Stimme irgendeines Menschen.
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Perf.)
muhūrtād iva rājendra
wie in einem Augenblick, König der Könige (Abl.; Vok.)
sarvaṃ śūnyam adṛśyata
alles erschien leer (Impf. Pass.)
mattavāraṇasaṃghuṣṭaṃ śibiraṃ
das von brünstigen Elefanten durchtönte Lager (Akk./Nom.; Kompositum)
vidrute bale
als das Heer geflohen war (Lok. abs.)
yatra śabdena mahatā nānvabudhyan mahārathāḥ
wo die Wagenkämpfer wegen des großen Lärms nicht [anderes] wahrnahmen (Instr.; Impf.)
tatra śabdaṃ na śṛṇumo manuṣyasyāpi kasya cit
dort hören wir keinen Laut auch nur irgendeines Menschen (1.Pl.Präs.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Text von yatra… nānvabudhyan ist knapp, Sinn sinngemäß ergänzt [?].
dhṛtarāṣṭra uvāca; hateṣu sarvasainyeṣu pāṇḍuputrai raṇājire; mama sainyāvaśiṣṭās te kim akurvata saṃjaya
Dhṛtarāṣṭra sprach: Nachdem alle Heere im Kampfplatz von den Söhnen Pāṇḍus erschlagen worden waren – was taten da meine übriggebliebenen [Krieger], Saṃjaya?
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach
hateṣu sarvasainyeṣu
als alle Heere erschlagen waren (Lok. abs., Part. Perf. Pass.)
pāṇḍuputrai raṇājire
von den Pāṇḍusöhnen auf dem Schlachtfeld (Instr.Pl.; Lok.)
Saṃjaya sprach: Als die Frauen der hochgesinnten Kṣatriya zerstreut flohen und das Lager verlassen und leer war, waren die drei Wagenkämpfer heftig erschüttert.
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach
saṃprādravatsu dāreṣu
als die Frauen davonliefen (Lok. abs., Part. Präs.)
kṣatriyāṇāṃ mahātmanām
der hochgesinnten Kṣatriya (Gen.Pl.)
vidrute śibire śūnye
als das Lager geflohen [verlassen] und leer war (Lok. abs.)
niśamya pāṇḍuputrāṇāṃ tadā vijayināṃ svanam; vidrutaṃ śibiraṃ dṛṣṭvā sāyāhne rājagṛddhinaḥ; sthānaṃ nārocayaṃs tatra tatas te hradam abhyayuḥ
Als sie das Getöse der siegreichen Pāṇḍusöhne vernommen und das Lager verlassen gesehen hatten, mochten die nach dem König Verlangenden am Abend dort nicht bleiben; da gingen sie zum See.
Wort für Wort
niśamya pāṇḍuputrāṇāṃ
nachdem sie [das Getöse] der Pāṇḍusöhne gehört hatten (Absolutiv; Gen.Pl.)
tadā vijayināṃ svanam
damals der Siegreichen Getöse (Gen.Pl.; Akk.)
vidrutaṃ śibiraṃ dṛṣṭvā
das Lager verlassen erblickt habend (Akk.; Absolutiv)
sāyāhne rājagṛddhinaḥ
am Abend, nach dem König begierig (Lok.; Nom.Pl.)
sthānaṃ nārocayaṃs tatra
fanden dort am Bleiben [Ort] keinen Gefallen (3.Pl.Impf.)
Duryodhana sprach: „Zum Glück sehe ich euch, ihr Stiere unter den Männern, heil aus einem solchen Gemetzel an Menschen, aus dem Zusammenprall der Pāṇḍavas und Kauravas, lebend hervorgegangen.“
Wort für Wort
duryodhana uvāca
Duryodhana sprach
diṣṭyā paśyāmi vo muktān
zum Glück sehe ich euch befreit (Instr. als Adv.; Akk.Pl.)
īdṛśāt puruṣakṣayāt
aus einem solchen Menschenverderben (Abl.)
pāṇḍukauravasaṃmardāj
aus dem Zermalmen zwischen Pāṇḍavas und Kauravas (Abl.)
vijeṣyāmo vayaṃ sarve viśrāntā vigataklamāḥ; bhavantaś ca pariśrāntā vayaṃ ca bhṛśavikṣatāḥ; udīrṇaṃ ca balaṃ teṣāṃ tena yuddhaṃ na rocaye
„Wir werden alle siegen, ausgeruht und frei von Ermattung. Ihr seid erschöpft, und wir sind schwer verwundet; und ihr Heer ist gestärkt; darum gefällt mir der Kampf [jetzt] nicht.“
Wort für Wort
vijeṣyāmo vayaṃ sarve
wir alle werden siegen (1.Pl.Fut.)
viśrāntā vigataklamāḥ
ausgeruht, ohne Erschöpfung (Nom.Pl.; Bahuvrīhi)
bhavantaś ca pariśrāntāḥ
und ihr seid erschöpft (Nom.Pl.)
vayaṃ ca bhṛśavikṣatāḥ
und wir sind stark verwundet (Nom.Pl.)
udīrṇaṃ ca balaṃ teṣām
und ihr Heer ist emporgekommen [gestärkt] (Part. Perf. Pass.; Gen.)
tena yuddhaṃ na rocaye
deshalb gefällt mir der Kampf nicht (Instr. als „deshalb“; 1.Sg.Präs.)
Die Aussage viśrāntā… vijeṣyāmaḥ ist als Bedingung zu verstehen: nach Ruhe wird man siegen.
na tv etad adbhutaṃ vīrā yad vo mahad idaṃ manaḥ; asmāsu ca parā bhaktir na tu kālaḥ parākrame
„Das ist aber nicht erstaunlich, ihr Helden, dass euer Sinn so hochgesinnt ist und ihr große Zuneigung zu uns habt; doch ist [jetzt] nicht die Zeit für Tapferkeit.“
Wort für Wort
na tv etad adbhutaṃ vīrāḥ
das ist aber nicht wunderbar, ihr Helden (Nom.; Vok.)
yad vo mahad idaṃ manaḥ
dass euer Sinn so groß ist (Gen./Dat. Pl.; Nom.)
asmāsu ca parā bhaktiḥ
und höchste Ergebenheit zu uns (Lok.Pl.; Nom.)
na tu kālaḥ parākrame
aber nicht ist die Zeit für Tapferkeit (Nom.; Lok.)
Saṃjaya sprach: So angesprochen sagte der Sohn Droṇas zum König, der im Kampf schwer zu bändigen war: „Steh auf, König, Heil dir! Wir werden die Feinde im Kampf besiegen.“
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach
evam ukto 'bravīd drauṇī
so angesprochen sprach der Drauṇi (Part.; Impf.)
rājānaṃ yuddhadurmadam
zum König, im Kampf rasend [unbändig] (Akk.; Kompositum)
uttiṣṭha rājan bhadraṃ te
steh auf, König, Heil dir (Imp.; Vok.)
vijeṣyāmo raṇe parān
wir werden im Kampf die Feinde besiegen (1.Pl.Fut.)
mā sma yajñakṛtāṃ prītiṃ prāpnuyāṃ sajjanocitām; yadīmāṃ rajanīṃ vyuṣṭāṃ na nihanmi parān raṇe
„Möge ich die Freude derer, die Opfer dargebracht haben und den Guten gebührt, nicht erlangen, wenn ich diese Nacht, wenn sie vergangen ist [Morgen graut], die Feinde im Kampf nicht erschlage.“
Wort für Wort
mā sma yajñakṛtāṃ prītiṃ
nicht möge ich die Freude der Opfernden (Prohibitiv; Gen.Pl.; Akk.)
prāpnuyāṃ sajjanocitām
erlangen, die Guten gebührende (1.Sg.Opt.; Akk.)
yadīmāṃ rajanīṃ vyuṣṭām
wenn diese Nacht, wenn sie aufgehellt [vorüber] ist (Akk.; Part.)
na nihanmi parān raṇe
ich die Feinde im Kampf nicht erschlage (1.Sg.Präs.)
Der Sinn von vyuṣṭām ist „(bis) diese Nacht vorüber ist“; die Konstruktion ist etwas locker [?].
nāhatvā sarvapāñcālān vimokṣye kavacaṃ vibho; iti satyaṃ bravīmy etat tan me śṛṇu janādhipa
„Ich werde den Panzer nicht ablegen, Herr, ehe ich nicht alle Pāñcālas erschlagen habe; so spreche ich diese Wahrheit – höre sie von mir, Herr der Menschen.“
Wort für Wort
nāhatvā sarvapāñcālān
nicht, ohne alle Pāñcālas erschlagen zu haben (Absolutiv)
vimokṣye kavacaṃ vibho
werde ich den Panzer lösen, Herr (1.Sg.Fut.; Vok.)
teṣāṃ śrutvā ca saṃvādaṃ rājñaś ca salile sataḥ; vyādhābhyajānan rājendra salilasthaṃ suyodhanam
und als sie die Unterredung jener gehört hatten und [auch] die des Königs, der im Wasser weilte, erkannten die Jäger, König der Könige, Suyodhana, der im Wasser stand.
Wort für Wort
teṣāṃ śrutvā ca saṃvādaṃ
und nachdem sie ihr Gespräch gehört (Absolutiv)
rājñaś ca salile sataḥ
und des Königs, der im Wasser war (Gen.; Lok.; Part. von as)
vyādhābhyajānan rājendra
die Jäger erkannten, König der Könige (3.Pl.Impf.; Vok.)
ariśeṣe bhavati tu saṃdigdho vijayo bhavet; rājyaṃ labhe kathaṃ tad dhi pūjitaṃ vijayādibhiḥ
„Bleibt ein Feind übrig, so bliebe der Sieg zweifelhaft; wie erlange ich die Herrschaft, die doch von Siegen [?] geehrt wird?“
Wort für Wort
ariśeṣe bhavati tu
wenn ein Rest des Feindes vorhanden ist (Lok.Abs.)
saṃdigdho vijayo bhavet
zweifelhaft wäre der Sieg (Nom.Sg./3.Sg.Opt.)
rājyaṃ labhe kathaṃ
die Herrschaft erlange ich, wie? (1.Sg.Präs.Med./Adv.)
tad dhi pūjitaṃ
denn diese [ist] geehrt (Nom.Sg.n. Part.Pass.)
vijayādibhiḥ
von Siegen und dergleichen (Instr.Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; Text und Syntax unsicher (vijayādibhiḥ, rājyaṃ labhe), Wiedergabe sinngemäß.
uttamaujā yudhāmanyuḥ sātyakiś cāparājitaḥ; pāñcālānāṃ ca ye śiṣṭā draupadeyāś ca bhārata; hayāś ca sarve nāgāś ca śataśaś ca padātayaḥ
Uttamaujas, Yudhāmanyu und Sātyaki, der Unbesiegte, und die übrigen Pāñcālas sowie die Draupadeyas, o Bhārata, alle Pferde und Elefanten und Hunderte von Fußsoldaten.
Wort für Wort
uttamaujā yudhāmanyuḥ
Uttamaujas, Yudhāmanyu (Nom.Sg.)
sātyakiś cāparājitaḥ
und Sātyaki, der Unbesiegte (Nom.Sg.)
pāñcālānāṃ ca ye śiṣṭāḥ
und von den Pāñcālas die, die übrig sind (Gen.Pl./Nom.Pl.)
Durch eine überaus wunderbare Fügung, durch Schicksalsfügung, o Bhārata, liegt er im Wasser, für keinen Menschen zu sehen, o Herr; o Herr der Menschen, der Fürst mit der Keule in der Hand.
Wort für Wort
atyadbhutena vidhinā
durch überaus wunderbare Fügung (Instr.Sg.)
daivayogena bhārata
durch Schicksalsfügung, o Bhārata (Instr.Sg./Vok.)
salilāntargataḥ śete
ins Wasser gegangen, liegt er (Nom.Sg./3.Sg.Präs.Med.)
durdarśaḥ kasya cit prabho
schwer zu sehen für irgendwen, o Herr (Nom.Sg./Gen./Vok.)
mānuṣasya manuṣyendra
für einen Menschen, o Fürst der Menschen (Gen.Sg./Vok.)
gadāhasto janādhipaḥ
die Keule in der Hand, der Herr der Menschen (Bahuvrīhi Nom.Sg.)
te tv anujñāpya rājānaṃ bhṛśaṃ śokaparāyaṇāḥ; jagmur dūraṃ mahārāja kṛpaprabhṛtayo rathāḥ
Jene aber, nachdem sie sich vom König die Erlaubnis geholt hatten, von Kummer stark ergriffen, gingen weit fort, o Großkönig, die Wagenkämpfer mit Kṛpa an der Spitze.
Wort für Wort
te tv anujñāpya rājānaṃ
sie aber, den König um Erlaubnis gebeten habend (Nom.Pl./Abs./Akk.)
te gatvā dūram adhvānaṃ nyagrodhaṃ prekṣya māriṣa; nyaviśanta bhṛśaṃ śrāntāś cintayanto nṛpaṃ prati
Nachdem sie weit des Weges gegangen waren und einen Nyagrodha-Baum erblickt hatten, o Ehrwürdiger, ließen sie sich, sehr erschöpft, nieder und dachten an den König.
Wort für Wort
te gatvā dūram adhvānaṃ
sie, weit den Weg gegangen (Nom.Pl./Abs./Akk.)
nyagrodhaṃ prekṣya māriṣa
einen Feigenbaum erblickt habend, o Ehrwürdiger (Akk./Abs./Vok.)
nyaviśanta bhṛśaṃ śrāntāḥ
ließen sich nieder, sehr erschöpft (3.Pl.Impf.Med./Nom.Pl.)