Kapitel 51: vṛddhakanyākathā
Die Geschichte von der alten Jungfrau und Balarāmas Vernehmen des Kurukṣetra-Verdienstes
Auf Janamejayas Frage erzählt Vaiśaṃpāyana von der Tochter des Kuṇi Gārgya, die in strenger Askese alt wird, von Nārada auf ihre Ehelosigkeit hingewiesen wird und schließlich Śṛṅgavān heiratet. Am Ende hört Baladeva vom Tod Śalyas und fragt die Weisen nach dem Verdienst des Kurukṣetra.
Sehr schwer zu vollbringen ist dies, o Brahmane, das ich von dir als Unübertroffenes vernommen habe. Berichte die ganze Wahrheit darüber, wie sie in der Askese verharrte.
Wort für Wort
suduṣkaram idaṃ brahman
sehr schwer zu tun [ist] dies, o Brahmane (Nom./Akk.Sg.n./Vok.)
tvattaḥ śrutam anuttamam
von dir gehört, unübertroffen (Abl./Part.Pass. Nom.Sg.n.)
ākhyāhi tattvam akhilam
berichte die Wahrheit, vollständig (Imp. 2.Sg./Akk.Sg.n.)
yathā tapasi sā sthitā
wie sie in der Askese feststand (Lok.Sg./Part.Pass. Nom.Sg.f.)
vaiśaṃpāyana uvāca; ṛṣir āsīn mahāvīryaḥ kuṇir gārgyo mahāyaśāḥ; sa taptvā vipulaṃ rājaṃs tapo vai tapatāṃ varaḥ; mānasīṃ sa sutāṃ subhrūṃ samutpāditavān vibhuḥ
Vaiśaṃpāyana sprach: Es war ein Seher von großer Kraft, Kuṇi Gārgya, von großem Ruhm. Nachdem er, o König, gewaltige Askese geübt hatte, er, der Beste unter den Asketen, brachte der Allmächtige aus dem Geist eine Tochter mit schönen Brauen hervor.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
ṛṣir āsīn mahāvīryaḥ
ein Seher war da, von großer Kraft (Nom.Sg.m., Impf.)
kuṇir gārgyo mahāyaśāḥ
Kuṇi Gārgya, von großem Ruhm (Nom.Sg.m.)
sa taptvā vipulaṃ rājan tapo
er, nachdem er gewaltige Askese geübt hatte, o König (Abs./Vok.)
tapatāṃ varaḥ
der Beste der Asketen (Gen.Pl./Nom.Sg.m.)
mānasīṃ sa sutāṃ subhrūṃ samutpāditavān vibhuḥ
eine geistgeborene Tochter mit schönen Brauen brachte er hervor, der Allmächtige (Akk.Sg.f./Part.Perf.Akt.)
Und als Kuṇi Gārgya, von großem Ruhm, sie sah, war er überaus erfreut; er ging, o König, nachdem er hier den Körper verlassen hatte, in den dritten Himmel.
Wort für Wort
tāṃ ca dṛṣṭvā bhṛśaṃ prītaḥ
und sie erblickt habend, überaus erfreut (Abs./Part.Pass. Nom.Sg.m.)
kuṇir gārgyo mahāyaśāḥ
Kuṇi Gārgya, von großem Ruhm (Nom.Sg.m.)
jagāma tridivaṃ rājan
ging zum Himmel, o König (Perf. 3.Sg./Akk.Sg.n./Vok.)
Auch als sie vom Vater [einem Gatten] gegeben werden sollte, wollte sie, die Untadelige, keinen Ehemann. Einen Gatten, der ihr selbst entsprach, fand sie aber nicht.
Wort für Wort
sā pitrā dīyamānāpi
sie, auch wenn vom Vater gegeben werdend (Instr.Sg.m./Part.Pass.Präs. Nom.Sg.f.)
bhartre naicchad aninditā
wollte keinen Gatten, die Untadelige (Dat.Sg.m./Impf. 3.Sg.)
ātmanaḥ sadṛśaṃ sā tu
einen ihr selbst Entsprechenden, sie aber (Gen.Sg.m./Akk.Sg.m.)
bhartāraṃ nānvapaśyata
sah keinen Gatten (Akk.Sg.m./Impf. 3.Sg.Med.)
Der Text sagt nur „vom Vater gegeben werdend“; der Vater ist nach 051.004 bereits gestorben, gemeint ist wohl frühere Absicht oder ein Vorgriff [?].
und sie gelangte ins Greisenalter, [sie,] die von Jugend an Keuschheit übende.
Wort für Wort
jagāma vṛddhabhāvaṃ ca
und ging ins Greisenalter (Perf. 3.Sg./Akk.Sg.m.)
kaumārabrahmacāriṇī
von Jugend an Keuschheit übend (Nom.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
sā nāśakad yadā gantuṃ padāt padam api svayam; cakāra gamane buddhiṃ paralokāya vai tadā
Als sie nicht mehr imstande war, selbst auch nur einen Schritt vor den anderen zu gehen, fasste sie damals den Entschluss zum Aufbruch in die andere Welt.
Wort für Wort
sā nāśakad yadā gantum
sie vermochte nicht, als, zu gehen (Aor. 3.Sg./Inf.)
padāt padam api svayam
von Schritt zu Schritt auch nur, selbst (Abl./Akk.Sg.n.)
cakāra gamane buddhim
fasste in Bezug auf das Gehen den Entschluss (Perf. 3.Sg./Lok.Sg.n./Akk.Sg.f.)
tan nāradavacaḥ śrutvā sābravīd ṛṣisaṃsadi; tapaso 'rdhaṃ prayacchāmi pāṇigrāhasya sattamāḥ
Als sie diese Rede Nāradas gehört hatte, sprach sie in der Versammlung der Seher: „Die Hälfte meiner Askese gebe ich dem, der meine Hand ergreift, ihr Besten.“
Wort für Wort
tan nāradavacaḥ śrutvā
diese Rede Nāradas gehört habend (Akk.Sg.n./Abs.)
sābravīd ṛṣisaṃsadi
sie sprach in der Seherversammlung (Impf. 3.Sg./Lok.Sg.f.)
tapaso 'rdhaṃ prayacchāmi
die Hälfte der Askese gebe ich (Gen.Sg.n./Akk.Sg.n./Präs. 1.Sg.)
pāṇigrāhasya sattamāḥ
dem Hand-Ergreifer, ihr Besten (Dat./Gen.Sg.m./Vok.Pl.m.)
Nach der gesehenen [d. h. überlieferten] Vorschrift, nachdem er das Feuer regelgemäß mit Opfergaben bedacht hatte,
Wort für Wort
yathādṛṣṭena vidhinā
nach dem wie gesehenen Ritus (Instr.Sg.m.)
hutvā cāgniṃ vidhānataḥ
und Opfer ins Feuer dargebracht habend, regelgemäß (Abs./Akk.Sg.m./Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften).
sā rātrāv abhavad rājaṃs taruṇī devavarṇinī; divyābharaṇavastrā ca divyasraganulepanā
In der Nacht wurde sie, o König, zu einer jungen Frau von götterhafter Gestalt, mit himmlischem Schmuck und Gewändern, mit himmlischen Girlanden und Salben.
Wort für Wort
sā rātrāv abhavad rājan
sie wurde in der Nacht, o König (Lok.Sg.f./Impf. 3.Sg./Vok.)
taruṇī devavarṇinī
eine junge Frau, götterfarbig/götterhaft (Nom.Sg.f.)
divyābharaṇavastrā ca
und mit himmlischem Schmuck und Gewändern (Bahuvrīhi Nom.Sg.f.)
divyasraganulepanā
mit himmlischen Girlanden und Salben (Bahuvrīhi Nom.Sg.f.)
yas tvayā samayo vipra kṛto me tapatāṃ vara; tenoṣitāsmi bhadraṃ te svasti te 'stu vrajāmy aham
„Die Bedingung, die du, o Brahmane, mit mir gemacht hast, du Bester der Asketen: gemäß ihr habe ich [hier] gewohnt. Heil dir, Glück sei dir; ich gehe.“
Wort für Wort
yas tvayā samayo vipra kṛto me
die Bedingung, die von dir, o Brahmane, mir gemacht wurde (Instr.Sg./Vok./Part.Pass./Dat.Sg.)
tapatāṃ vara
du Bester der Asketen (Gen.Pl./Vok.Sg.m.)
tenoṣitāsmi
dadurch habe ich gewohnt (Part.Pass. + Präs. 1.Sg.)
Nachdem er Erlaubnis erhalten hatte, sprach sie weiter: „Wer an dieser Furt gesammelten Geistes eine Nacht verweilen wird, nachdem er die Himmelsbewohner [mit Wasser] gelabt hat,
Wort für Wort
sānujñātābravīd bhūyaḥ
sie, entlassen, sprach weiter (Part.Pass. Nom.Sg.f./Impf./Adv.)
yo 'smiṃs tīrthe samāhitaḥ
wer an dieser Furt, gesammelt (Lok.Sg.n./Nom.Sg.m.)
vatsyate rajanīm ekām
wird verweilen eine Nacht (Fut. 3.Sg./Akk.Sg.f.)
tarpayitvā divaukasaḥ
gelabt habend die Himmelsbewohner (Abs./Akk.Pl.m.)
Der Satz setzt sich in der folgenden Einheit fort.
catvāriṃśatam aṣṭau ca dve cāṣṭau samyag ācaret; yo brahmacaryaṃ varṣāṇi phalaṃ tasya labheta saḥ; evam uktvā tataḥ sādhvī dehaṃ tyaktvā divaṃ gatā
der erlangt den Lohn dessen, der acht und vierzig, und zwei und acht Jahre lang recht die Keuschheit geübt hat.“ Nachdem die Tugendhafte so gesprochen hatte, verließ sie den Körper und ging zum Himmel.
Wort für Wort
catvāriṃśatam aṣṭau ca
achtundvierzig und (Akk.)
dve cāṣṭau samyag ācaret
zwei und acht, recht geübt haben mag (Opt. 3.Sg.)
yo brahmacaryaṃ varṣāṇi
wer Keuschheit Jahre lang (Nom.Sg.m./Akk.Sg.n./Akk.Pl.n.)
phalaṃ tasya labheta saḥ
den Lohn dessen erlange er (Akk.Sg.n./Gen./Opt.Med.)
evam uktvā tataḥ sādhvī
so gesprochen habend, dann die Tugendhafte (Abs./Nom.Sg.f.)
dehaṃ tyaktvā divaṃ gatā
den Leib verlassen habend, zum Himmel gegangen (Abs./Akk.Sg.m./Part.Pass. Nom.Sg.f.)
Die Zahl ist als 48 plus 2 plus 8, also 58 Jahre, aufgefasst [?].
sādhayitvā tadātmānaṃ tasyāḥ sa gatim anvayāt; duḥkhito bharataśreṣṭha tasyā rūpabalātkṛtaḥ; etat te vṛddhakanyāyā vyākhyātaṃ caritaṃ mahat
Nachdem er sich dann selbst [durch Askese] bereitet hatte, folgte er ihrem Weg, betrübt, o Bester der Bharata, überwältigt von ihrer Schönheit. Dies ist dir die große Geschichte von der alten Jungfrau berichtet.
Wort für Wort
sādhayitvā tadātmānam
sich bereitet/vollendet habend, dann sich selbst (Abs.Kaus./Akk.Sg.m.)
tasyāḥ sa gatim anvayāt
ihrem Weg folgte er (Gen.Sg.f./Akk.Sg.f./Aor. 3.Sg.)
duḥkhito bharataśreṣṭha
betrübt, o Bester der Bharata (Nom.Sg.m./Vok.)
tasyā rūpabalātkṛtaḥ
von ihrer Schönheit überwältigt (Gen./Bahuvrīhi/Part.Pass. Nom.Sg.m.)
etat te vṛddhakanyāyā
dies dir von der alten Jungfrau (Nom.Sg.n./Dat.Sg./Gen.Sg.f.)
vyākhyātaṃ caritaṃ mahat
berichtet, die Geschichte, groß (Part.Pass. Nom.Sg.n.)
„sādhayitvā ātmānam“ ist unsicher; auch „nachdem er sich vollendet hatte“ möglich [?].
Ebenso [ist berichtet] die Keuschheit und der glückliche Weg zum Himmel.
Wort für Wort
tathaiva brahmacaryaṃ ca
ebenso und die Keuschheit (Nom.Sg.n.)
svargasya ca gatiḥ śubhā
und der Weg des Himmels, glücklich (Gen.Sg.m./Nom.Sg.f.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzzeile der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften); Bezug elliptisch.
Als er dort weilte, hörte der Pflugbewaffnete auch, dass Śalya erschlagen war. Auch dort gab er den Zweimalgeborenen Gaben, o Bezwinger der Feinde, und trauerte um Śalya, der damals im Kampf von den Pāṇḍavas getötet worden war.
Wort für Wort
tatrasthaś cāpi śuśrāva
und dort weilend hörte auch (Nom.Sg.m./Perf. 3.Sg.)
hataṃ śalyaṃ halāyudhaḥ
Śalya erschlagen, der Pflugbewaffnete (Part.Pass. Akk.Sg.m./Nom.Sg.m.)
tatrāpi dattvā dānāni
auch dort Gaben gegeben habend (Abs./Akk.Pl.n.)
dvijātibhyaḥ paraṃtapa
den Zweimalgeborenen, o Feindebezwinger (Dat.Pl.m./Vok.)
śuśoca śalyaṃ saṃgrāme
trauerte um Śalya im Kampf (Perf. 3.Sg./Lok.Sg.m.)
nihataṃ pāṇḍavais tadā
getötet von den Pāṇḍavas damals (Part.Pass./Instr.Pl.)