Kapitel 62: gāndhārīprasādanārthaṃ kṛṣṇasya hāstinapuragamanam
Kṛṣṇas Fahrt nach Hāstinapura, um Gāndhārī zu besänftigen
Nach Duryodhanas Fall fürchtet Yudhiṣṭhira den Zorn der asketisch mächtigen Gāndhārī und schickt Kṛṣṇa zu ihr und Dhṛtarāṣṭra; das Kapitel beginnt mit Janamejayas Frage nach dem Grund dieser Reise.
Janamejaya sprach: Aus welchem Grund schickte der König Yudhiṣṭhira, der Löwe unter den Königen, der Gerechtigkeitskönig, Vāsudeva, den Bezwinger der Feinde, zu Gāndhārī?
Wort für Wort
janamejaya uvāca
Janamejaya sprach (Nom.Sg.; 3.Sg.Perf.)
kimarthaṃ rājaśārdūlo
zu welchem Zweck, der Königslöwe (Adv.; Nom.Sg.)
dharmarājo yudhiṣṭhiraḥ
Dharmarāja Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.)
gāndhāryāḥ preṣayām āsa
zu Gāndhārī sandte er (Gen. statt Dat.; Perf.periphr. 3.Sg.)
Berichte mir wahrheitsgemäß alles, du Bester der Adhvaryu-Priester, und auch, Brahmane, was hierbei der Grund war für die Entscheidung in dieser Sache.
Wort für Wort
tattvato vai samācakṣva
der Wahrheit gemäß erzähle (Abl.-Adv.; Imp.Med. 2.Sg.)
sarvam adhvaryusattama
alles, bester der Adhvaryu (Akk.Sg.; Vok.Sg.)
yac cātra kāraṇaṃ brahman
und was hier der Grund ist, Brahmane (Nom.Sg.; Vok.)
kāryasyāsya viniścaye
bei der Entscheidung dieser Sache (Gen.Sg.; Lok.Sg.)
Er sann über die hochbeglückte Gāndhārī nach, die mit Askese begabt war und mit furchtbarer Askese ausgestattet sogar die drei Welten verbrennen könnte.
Wort für Wort
cintayāno mahābhāgāṃ
nachdenkend über die Hochbeglückte (Part.Präs.Med. Nom.; Akk.Sg.f.)
gāndhārīṃ tapasānvitām
über Gāndhārī, mit Askese verbunden (Akk.Sg.f.; Instr.+Part.)
ghoreṇa tapasā yuktāṃ
mit furchtbarer Askese ausgestattet (Instr.Sg.; Part.Akk.f.)
trailokyam api sā dahet
selbst die drei Welten könnte sie verbrennen (Akk.Sg.; Opt. 3.Sg.)
Durch deine Gnade, Govinda, ist uns das Reich, dessen Dornen beseitigt sind, zuteilgeworden, o Acyuta, das man selbst im Geiste nicht erreichen konnte.
Wort für Wort
tava prasādād govinda
durch deine Gnade, Govinda (Abl.Sg.; Vok.Sg.)
rājyaṃ nihatakaṇṭakam
das Reich, dornenlos gemacht (Akk.Sg.n.)
aprāpyaṃ manasāpīha
unerreichbar selbst mit dem Geist hier (Akk.Sg.n.; Instr.Sg.)
prāptam asmābhir acyuta
erlangt von uns, Acyuta (Part.Perf.Pass.; Instr.Pl.; Vok.Sg.)
praviśya nagaraṃ vīro rathaghoṣeṇa nādayan; vidito dhṛtarāṣṭrasya so 'vatīrya rathottamāt
Der Held, in die Stadt eingetreten, ließ sie vom Dröhnen des Wagens widerhallen; Dhṛtarāṣṭra wurde [seine Ankunft] gemeldet; er stieg vom vortrefflichen Wagen herab
Wort für Wort
praviśya nagaraṃ vīro
in die Stadt eingetreten, der Held (Absolutiv; Akk.Sg.; Nom.Sg.)
rathaghoṣeṇa nādayan
mit dem Wagengedröhn erschallen lassend (Instr.Sg.; Part.Präs.Kaus.)
vidito dhṛtarāṣṭrasya
gemeldet dem Dhṛtarāṣṭra (Part.Perf.Pass.; Gen.Sg.)
so 'vatīrya rathottamāt
er, herabgestiegen vom besten Wagen (Nom.Sg.; Absolutiv; Abl.Sg.)
vidito dhṛtarāṣṭrasya: wörtlich 'bekannt (gemacht) dem Dhṛtarāṣṭra'; Konstruktion mit Genitiv statt Dativ [?]
sa muhūrtam ivotsṛjya bāṣpaṃ śokasamudbhavam; prakṣālya vāriṇā netre ācamya ca yathāvidhi; uvāca praśritaṃ vākyaṃ dhṛtarāṣṭram ariṃdamaḥ
Nachdem er einen Augenblick lang die aus Kummer entstandenen Tränen fließen gelassen, die Augen mit Wasser gewaschen und sich nach der Vorschrift den Mund gespült hatte, sprach der Bezwinger der Feinde zu Dhṛtarāṣṭra höfliche Worte.
Wort für Wort
sa muhūrtam iva utsṛjya bāṣpaṃ
er, einen Augenblick gleichsam, die Träne entlassend (Abs.)
śokasamudbhavam
aus Kummer entstanden (Akk.Sg.n., Kompositum)
prakṣālya vāriṇā netre
waschend mit Wasser die beiden Augen (Abs./Instr./Akk.Du.)
ācamya ca yathāvidhi
und den Mund spülend, vorschriftsgemäß (Abs./Adv.)
yad idaṃ pāṇḍavaiḥ sarvais tava cittānurodhibhiḥ; kathaṃ kulakṣayo na syāt tathā kṣatrasya bhārata
Wie sollte durch diese alle Pāṇḍavas, die sich nach deinem Sinn richteten, nicht der Untergang des Geschlechts und ebenso der Kṣatriya-Kaste eintreten, Bhārata? [Anm.: Der Vers ist syntaktisch elliptisch; hier als rhetorische Frage gefasst.]
Wort für Wort
yad idaṃ pāṇḍavaiḥ sarvaiḥ
was dies durch alle Pāṇḍavas (Instr.Pl.)
tava cittānurodhibhiḥ
die sich deinem Sinn fügten (Instr.Pl., Kompositum)
kathaṃ kulakṣayo na syāt
wie [sollte] nicht Geschlechtsuntergang sein (Opt.3.Sg.)
tathā kṣatrasya bhārata
ebenso der Kṣatriya-Kaste (Gen.), Bhārata (Vok.)
Syntax des Verses verkürzt und schwierig; Deutung als rhetorische Frage unsicher.
Nachdem er mit den Brüdern eine Übereinkunft geschlossen hatte, hat der Nachsichtige, der am Dharma Hängende, obwohl er stark war, das Leben im Wald auf sich genommen, vom Trug des Würfelspiels besiegt.
Wort für Wort
bhrātṛbhiḥ samayaṃ kṛtvā
mit den Brüdern (Instr.) eine Übereinkunft geschlossen habend (Abs.)
kṣāntavān dharmavatsalaḥ
nachsichtig (Nom.), dem Dharma zugetan (Nom.)
dyūtacchalajitaiḥ śaktaiḥ
von Würfelspiel-Trug Besiegten, Fähigen (Instr.Pl.)
vanavāso 'bhyupāgataḥ
das Waldleben wurde auf sich genommen (Part.Pass.Nom.)
Von dir, den die Zeit ergriffen hatte, wurden sie aus Gier nicht gewährt; durch deine Verfehlung, Herrscher, ist die gesamte Kriegerschaft zugrunde gegangen.
Wort für Wort
tvayā kālopasṛṣṭena
von dir, von der Zeit Heimgesuchten (Instr.)
lobhataḥ na apavarjitāḥ
aus Gier nicht gewährt/überlassen (Abl./Part.Pass.Nom.Pl.)
tava aparādhāt nṛpate
durch deinen Fehler (Abl.), Herrscher (Vok.)
sarvaṃ kṣatraṃ kṣayaṃ gatam
die ganze Kriegerschaft zum Untergang gegangen (Nom.n./Akk./Part.)
bhīṣmeṇa somadattena bāhlikena kṛpeṇa ca; droṇena ca saputreṇa vidureṇa ca dhīmatā; yācitas tvaṃ śamaṃ nityaṃ na ca tat kṛtavān asi
Von Bhīṣma, Somadatta, Bāhlika und Kṛpa, von Droṇa samt seinem Sohn und von dem klugen Vidura wurdest du stets um Frieden gebeten, und du hast es nicht getan.
Wort für Wort
bhīṣmeṇa somadattena bāhlikena kṛpeṇa ca
von Bhīṣma, Somadatta, Bāhlika und Kṛpa (Instr.)
droṇena ca saputreṇa
und von Droṇa samt Sohn (Instr.)
vidureṇa ca dhīmatā
und von Vidura, dem Klugen (Instr.)
yācitas tvaṃ śamaṃ nityam
gebeten wurdest du um Frieden, beständig (Part.Pass./Akk./Adv.)
Denn jeder, dessen Sinn von der Zeit geschlagen ist, wird verwirrt, Bhārata; so warst auch du zuvor bei dieser Sache verblendet, als du dich [dazu] anschicktest.
Wort für Wort
kālopahatacittaḥ hi sarvaḥ muhyati
denn wessen Sinn von der Zeit getroffen ist, jeder wird verwirrt (Nom./3.Sg.Präs.)
bhārata
Bhārata (Vok.)
yathā mūḍho bhavān pūrvam
wie verblendet du (Höflichkeitsform) zuvor (Nom./Adv.)
asmin arthe samudyate
in dieser Sache, als du dich anschicktest (Lok./Lok.abs.-artig)
samudyate: Deutung unsicher; hier als Lokativ-Absolutus (Part.Präs.Med.) 'da man sich anschickte'.
kim anyat kālayogād dhi diṣṭam eva parāyaṇam; mā ca doṣaṃ mahārāja pāṇḍaveṣu niveśaya
Was gäbe es sonst, wenn nicht das Zusammenwirken der Zeit? Das Schicksal allein ist die letzte Zuflucht. Lege daher keine Schuld, großer König, auf die Pāṇḍavas.
Wort für Wort
kim anyat kālayogāt hi
was anderes als durch Fügung der Zeit fürwahr (Nom./Abl.)
Auch nur eine geringe Übertretung findet sich bei den hochgesinnten Pāṇḍavas nicht, weder nach dem Dharma noch nach dem Recht noch aus Zuneigung, Bedränger der Feinde.
Wort für Wort
alpaḥ api atikramaḥ na asti
auch nur geringe Übertretung nicht ist (Nom./3.Sg.)
pāṇḍavānāṃ mahātmanām
der Pāṇḍavas, der Hochgesinnten (Gen.Pl.)
dharmataḥ nyāyataḥ ca eva
vom Dharma her, vom Recht her und ebenso (Abl.-Adv.)
hriyā ca parayāviṣṭo bhavantaṃ nādhigacchati; putraśokābhisaṃtaptaṃ buddhivyākulitendriyam
Von tiefer Scham erfüllt tritt er dir nicht unter die Augen, dir, der du von Kummer um die Söhne gequält bist und dessen Sinne von Verstörung erschüttert sind.
Wort für Wort
hriyā ca parayā āviṣṭaḥ
und von übergroßer Scham erfüllt (Instr./Part.Pass.Nom.)
bhavantaṃ na adhigacchati
dich (Höflichkeitsform) nicht erreicht/tritt heran (Akk./3.Sg.)
putraśokābhisaṃtaptam
von Sohnesleid gequält (Akk.Sg.m.)
buddhivyākulitendriyam
dessen Verstand und Sinne verwirrt sind (Akk.Sg.m.)
jānāmi ca yathā rājñi sabhāyāṃ mama saṃnidhau; dharmārthasahitaṃ vākyam ubhayoḥ pakṣayor hitam; uktavaty asi kalyāṇi na ca te tanayaiḥ śrutam
Ich weiß, Königin, dass du in der Versammlung in meiner Gegenwart Worte gesprochen hast, die auf Dharma und Nutzen gerichtet und für beide Seiten heilsam waren, Segensreiche; doch deine Söhne haben sie nicht gehört.“
Wort für Wort
jānāmi ca yathā rājñi
und ich weiß, wie, Königin (1.Sg./Vok.)
sabhāyāṃ mama saṃnidhau
in der Versammlung, in meiner Gegenwart (Lok.)
dharmārthasahitaṃ vākyam
auf Dharma und Nutzen gerichtetes Wort (Akk.n.)
ubhayoḥ pakṣayoḥ hitam
beiden Parteien heilsam (Gen.Du./Akk.n.)
uktavatī asi kalyāṇi
gesprochen hast du, Edle (Part.Perf.f.+2.Sg./Vok.)
na ca te tanayaiḥ śrutam
und nicht wurde von deinen Söhnen gehört (Instr.Pl./Part.Pass.)
Und von dir wurde Duryodhana, der den Sieg erstrebte, mit harten Worten angesprochen: „Höre, Törichter, mein Wort: Wo der Dharma ist, da ist der Sieg.“
Wort für Wort
duryodhanaḥ tvayā ca uktaḥ
Duryodhana wurde von dir angesprochen (Nom./Instr./Part.Pass.)
jayārthī paruṣaṃ vacaḥ
der Siegbegierige, mit hartem Wort (Nom./Akk.n.)
śṛṇu mūḍha vacaḥ mahyam
höre, Törichter, das Wort von mir (Imp./Vok./Akk./Gen.)
tad idaṃ samanuprāptaṃ tava vākyaṃ nṛpātmaje; evaṃ viditvā kalyāṇi mā sma śoke manaḥ kṛthāḥ; pāṇḍavānāṃ vināśāya mā te buddhiḥ kadā cana
Dieses dein Wort ist nun eingetroffen, Königstochter. Wenn du dies erkannt hast, Edle, dann richte dein Herz nicht auf Kummer; und dein Sinn soll niemals auf den Untergang der Pāṇḍavas gerichtet sein.
Wort für Wort
tat idaṃ samanuprāptam
dies also ist eingetroffen (Nom.n./Part.Pass.)
tava vākyaṃ nṛpātmaje
dein Wort, Königstochter (Nom./Vok.)
evaṃ viditvā kalyāṇi
so erkannt habend, Edle (Abs./Vok.)
mā sma śoke manaḥ kṛthāḥ
nicht richte auf Kummer den Sinn (Prohib./Lok./Aor.-Inj.2.Sg.)
rājñas tv andhasya vṛddhasya hataputrasya keśava; tvaṃ gatiḥ saha tair vīraiḥ pāṇḍavair dvipadāṃ vara
Für den König, den blinden, greisen, der seine Söhne verloren hat, bist du, Keśava, zusammen mit jenen Helden, den Pāṇḍavas, die Zuflucht, Bester der Zweifüßler.“
Wort für Wort
rājñaḥ tu andhasya vṛddhasya
des Königs, des Blinden, Greisen (Gen.)
hataputrasya keśava
dessen Söhne erschlagen sind, Keśava (Gen./Vok.)
tvaṃ gatiḥ saha taiḥ vīraiḥ
du [bist] Zuflucht mit jenen Helden (Nom./Nom.f./Instr.)
āpṛcche tvāṃ kuruśreṣṭha mā ca śoke manaḥ kṛthāḥ; drauṇeḥ pāpo 'sty abhiprāyas tenāsmi sahasotthitaḥ; pāṇḍavānāṃ vadhe rātrau buddhis tena pradarśitā
„Ich nehme Abschied von dir, Bester der Kurus; richte dein Herz nicht auf Kummer. Böse ist die Absicht des Drauṇi, darum bin ich plötzlich aufgestanden; für den nächtlichen Mord an den Pāṇḍavas ist ein Plan von ihm gezeigt worden.“
Wort für Wort
āpṛcche tvāṃ kuruśreṣṭha
ich nehme Abschied von dir, Bester der Kurus (1.Sg.Präs.Med./Vok.)
mā ca śoke manaḥ kṛthāḥ
und nicht richte auf Kummer den Sinn (Prohib.)
drauṇeḥ pāpaḥ asti abhiprāyaḥ
des Drauṇi böse ist die Absicht (Gen./Nom.)
tena asmi sahasā utthitaḥ
deshalb bin ich plötzlich aufgestanden (Instr./Adv./Part.)
pāṇḍavānāṃ vadhe rātrau
zum Mord an den Pāṇḍavas in der Nacht (Gen./Lok.)
buddhiḥ tena pradarśitā
der Plan von ihm gezeigt (Nom.f./Instr./Part.Pass.)
Der letzte Pāda (buddhis tena pradarśitā) ist syntaktisch knapp; 'von ihm' bezieht sich auf Drauṇi.
śīghraṃ gaccha mahābāho pāṇḍavān paripālaya; bhūyas tvayā sameṣyāmi kṣipram eva janārdana; prāyāt tatas tu tvarito dārukeṇa sahācyutaḥ
„Geh schnell, Starkarmiger, und beschütze die Pāṇḍavas; bald, Janārdana, werde ich dich wieder treffen.“ Da zog Acyuta eilig fort, zusammen mit Dāruka.
Wort für Wort
śīghraṃ gaccha mahābāho
schnell geh, Starkarmiger (Adv./Imp./Vok.)
pāṇḍavān paripālaya
die Pāṇḍavas beschütze (Akk./Imp.2.Sg.)
bhūyaḥ tvayā sameṣyāmi
wiederum werde ich mit dir zusammentreffen (Adv./Instr./Fut.1.Sg.)