Kapitel 50: sārasvatopākhyāna
Die Geschichte von Sārasvata, Sohn des Dadhīca, und der Sarasvatī; Bala besucht die Tīrtha, Vṛddhakanyā
Balarāma besucht die Tīrtha des Sārasvata; erzählt werden Dadhīcas Sohn, die Dürre, das Vajra aus Dadhīcas Knochen und Balas Weiterzug zur Tīrtha der Vṛddhakanyā.
Vaiśaṃpāyana sprach: Dort, wo der Herr der Gestirne [Soma] das Rājasūya-Opfer vollzog, o Bhārata – als dieses vollendet war, entstand dort eine gewaltige Schlacht, die um die Sterne [geführt wurde].
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
yatra ījivān uḍupatī rājasūyena bhārata
wo der Herr der Gestirne geopfert hatte (Perf.Part.) mit dem Rājasūya, o Bhārata (Vok.)
tasmin vṛtte
als dies vollendet war (Lok. abs.)
mahān āsīt saṃgrāmaḥ
es entstand eine große Schlacht (Impf.)
tārakāmayaḥ
um Tārakā [oder: durch die Sterne verursacht] (Adj.)
tārakāmaya: Anspielung auf den Kampf um Tārakā, die Gattin des Bṛhaspati (Tārakāmaya-Krieg).
Vaiśaṃpāyana sprach: Es war einst, großer König, ein weiser Muni von großer Askese, bekannt als Dadhīca, ein Keuschheitsschüler, der die Sinne bezwungen hatte.
kukṣau cāpy adadhad dṛṣṭvā tad retaḥ puruṣarṣabha; sā dadhāra ca taṃ garbhaṃ putrahetor mahānadī
Und der Fluss barg den Samen, als sie ihn sah, in ihrem Schoß, o Stier unter den Männern, und die große Strömende trug den Keim um eines Sohnes willen.
Wort für Wort
kukṣau ca api adadhat
und sie legte auch in den Leib (Impf.)
dṛṣṭvā tat retaḥ
nachdem sie diesen Samen gesehen (Abs.)
puruṣarṣabha
o Stier unter den Männern (Vok.)
sā dadhāra ca tam garbham
und sie trug diesen Keim (Perf.)
putrahetoḥ mahānadī
um eines Sohnes willen, der große Fluss (Abl./Nom.)
Als der Fluss ihn in der Versammlung der Ṛṣis, den Besten der Munis, erblickte, sprach sie darauf, o König der Könige, ihm diesen seinen Sohn übergebend: „Brahmarṣi, dieser ist dein Sohn, aus Ergebenheit zu dir von mir getragen.“
Wort für Wort
ṛṣisaṃsadi tam dṛṣṭvā
in der Ṛṣi-Versammlung ihn erblickt habend
sā nadī munisattamam
der Fluss [sah] den Besten der Munis
tataḥ provāca rājendra
darauf sprach sie, o Fürst der Könige
dadatī putram asya tam
ihm jenen Sohn gebend (Part.f.)
brahmarṣe tava putraḥ ayam
Brahmarṣi, dein Sohn ist dieser (Vok./Nom.)
tvadbhaktyā dhāritaḥ mayā
aus Ergebenheit zu dir getragen von mir (Instr./Part.)
So angesprochen, nahm er ihn an und empfand höchste Freude; und er, der beste der Zweimalgeborenen, roch mit Mantra-Spruch voll Liebe an seinem Scheitel.
Wort für Wort
iti uktaḥ pratijagrāha
so angesprochen nahm er an (Perf.)
prītim ca āvāpa uttamām
und erlangte höchste Freude (Perf.)
mantravat ca upājighrat tam
und beroch ihn mit Mantra (Impf.)
mūrdhni premṇā dvijottamaḥ
am Haupt mit Liebe, der beste der Zweimalgeborenen
tato 'bravīt surāñ śakro na me śakyā mahāsurāḥ; ṛte 'sthibhir dadhīcasya nihantuṃ tridaśadviṣaḥ
Da sprach Śakra zu den Göttern: „Die großen Asuras, die Feinde der Dreißig [Götter], sind für mich nicht zu erschlagen außer mit den Knochen des Dadhīca.“
Wort für Wort
tato 'bravīt surāñ śakro
da sprach zu den Göttern Śakra (3.Sg.Impf./Akk.Pl./Nom.Sg.)
na me śakyā mahāsurāḥ
nicht sind für mich möglich [zu töten] die großen Asuras (Nom.Pl.)
ṛte 'sthibhir dadhīcasya
außer mit den Knochen des Dadhīca (Instr.Pl./Gen.)
nihantuṃ tridaśadviṣaḥ
zu erschlagen die Feinde der Dreißig [Götter] (Inf./Akk.Pl.)
sa devair yācito 'sthīni yatnād ṛṣivaras tadā; prāṇatyāgaṃ kuruṣveti cakāraivāvicārayan; sa lokān akṣayān prāpto devapriyakaras tadā
Von den Göttern um die Knochen gebeten, tat der vortreffliche Seher damals ohne zu zögern, was sie erbaten [und sprach]: „Gebt das Leben auf!“ Und er erlangte da unvergängliche Welten, der den Göttern Liebes tat.
Wort für Wort
sa devair yācito 'sthīni
er, von den Göttern um die Knochen gebeten (Nom./Instr.Pl./Part.Pass./Akk.Pl.)
yatnād ṛṣivaras tadā
mit Eifer, der beste der Seher, damals (Abl./Nom.Sg./Adv.)
prāṇatyāgaṃ kuruṣveti
‚vollzieh die Lebensaufgabe!‘ (Akk./2.Sg.Imp.Med.)
cakāraivāvicārayan
tat es ohne zu überlegen (3.Sg.Perf./Part.Präs.)
sa lokān akṣayān prāpto
er, unvergängliche Welten erlangt habend (Akk.Pl./Part.Perf.Pass.)
devapriyakaras tadā
der den Göttern Liebes tat, damals (Nom.Sg./Adv.)
Die Reihenfolge der Wendungen im Sanskrit (prāṇatyāgaṃ kuruṣveti cakāra) ist verkürzt; gemeint ist, dass Dadhīca sein Leben hingab.
tasyāsthibhir atho śakraḥ saṃprahṛṣṭamanās tadā; kārayām āsa divyāni nānāpraharaṇāny uta; vajrāṇi cakrāṇi gadā gurudaṇḍāṃś ca puṣkalān
Aus seinen Knochen ließ nun Śakra, im Herzen hocherfreut, göttliche Waffen verschiedener Art anfertigen: Donnerkeile, Wurfscheiben, Keulen und mächtige schwere Stäbe in Menge.
Wort für Wort
tasyāsthibhir atho śakraḥ
aus seinen Knochen sodann Śakra (Instr.Pl./Nom.Sg.)
saṃprahṛṣṭamanās tadā
mit hocherfreutem Sinn damals (Bahuvrīhi Nom.Sg.)
kārayām āsa divyāni
ließ machen göttliche (Periphr.Perf.Kaus./Akk.Pl.n.)
nānāpraharaṇāny uta
Waffen mannigfacher Art, ferner (Akk.Pl.n.)
vajrāṇi cakrāṇi gadā
Donnerkeile, Wurfscheiben, Keulen (Akk.Pl./Akk.Pl. n. gadāḥ)
sa hi tīvreṇa tapasā saṃbhṛtaḥ paramarṣiṇā; prajāpatisutenātha bhṛguṇā lokabhāvanaḥ
Denn er [der Donnerkeil] wurde durch strenge Askese vom höchsten Seher Bhṛgu, dem Sohn des Prajāpati, zusammengefügt, der die Welten gedeihen lässt [?].
Wort für Wort
sa hi tīvreṇa tapasā
denn er durch strenge Askese (Nom./Instr.Sg.)
saṃbhṛtaḥ paramarṣiṇā
zusammengefügt/genährt vom höchsten Seher (Part.Pass./Instr.Sg.)
prajāpatisutenātha bhṛguṇā
vom Sohn des Prajāpati, ferner von Bhṛgu (Instr.Sg.)
lokabhāvanaḥ
Welten hervorbringend/gedeihen lassend (Nom.Sg.)
Bezug von sa und lokabhāvanaḥ unsicher: entweder der Donnerkeil oder Dadhīca bzw. Bhṛgu.
Riesenleibig war er, strahlend, aus dem Kern der Welten gebildet; geboren wurde er schwer wie ein Berg, hochragend, durch seine Größe berühmt, ein Herr. Vor seinem Glanz erschrickt der Bezwinger des Pāka stets.
Wort für Wort
atikāyaḥ sa tejasvī
übergroß von Leib, er, glanzvoll (Nom.Sg.)
lokasāravinirmitaḥ
aus dem Kern der Welten gebildet (Part.Pass.)
jajñe śailaguruḥ prāṃśur
wurde geboren, schwer wie ein Berg, hochragend (3.Sg.Perf.Med./Nom.Sg.)
mahimnā prathitaḥ prabhuḥ
durch Größe berühmt, mächtig (Instr.Sg./Part.Pass./Nom.Sg.)
nityam udvijate cāsya
stets erschrickt und vor seinem (3.Sg.Präs.Med./Gen.Sg.)
tejasā pākaśāsanaḥ
durch/vor Glanz der Bezwinger des Pāka [Indra] (Instr.Sg./Nom.Sg.)
tena vajreṇa bhagavān mantrayuktena bhārata; bhṛśaṃ krodhavisṛṣṭena brahmatejobhavena ca; daityadānavavīrāṇāṃ jaghāna navatīr nava
Mit diesem Donnerkeil, o Bhārata, der mit Zaubersprüchen geladen war, in heftigem Zorn geschleudert und aus der Glut des Brahman entstanden, erschlug der Erhabene neunmal neunzig [?] der Helden der Daityas und Dānavas.
Wort für Wort
tena vajreṇa bhagavān
mit diesem Donnerkeil der Erhabene (Instr.Sg./Nom.Sg.)
mantrayuktena bhārata
mit Spruch verbunden, Bhārata (Instr.Sg./Vok.Sg.)
bhṛśaṃ krodhavisṛṣṭena
heftig in Zorn geschleudert (Adv./Instr.Sg.)
brahmatejobhavena ca
und aus dem Glanz des Brahman entstanden (Instr.Sg.)
daityadānavavīrāṇāṃ
der Helden der Daityas und Dānavas (Gen.Pl.)
jaghāna navatīr nava
erschlug neun Neunziger (3.Sg.Perf./Akk.Pl.)
„navatīr nava“ wörtlich neun Neunziger, d. h. 810; Sinn nicht ganz sicher.
In dieser zwölfjährigen Dürre liefen die großen Seher, vom Hunger gequält, um ihren Lebensunterhalt zu finden, nach allen Himmelsrichtungen auseinander, o König.
Wort für Wort
tasyāṃ dvādaśavārṣikyām
in dieser zwölfjährigen (Lok.Sg.f.)
anāvṛṣṭyāṃ maharṣayaḥ
in der Dürre, die großen Seher (Lok.Sg./Nom.Pl.)
vṛttyarthaṃ prādravan
um des Lebensunterhalts willen liefen sie auseinander (Adv./3.Pl.Impf.)
teṣāṃ kṣudhāparītānāṃ naṣṭā vedā vidhāvatām; sarveṣām eva rājendra na kaś cit pratibhānavān
Bei ihnen allen, die, vom Hunger überwältigt, umhergelaufen waren, waren die Vedas verloren gegangen, o Herr der Könige; keiner war [des Wortes] mächtig.
Wort für Wort
teṣāṃ kṣudhāparītānāṃ
bei ihnen, vom Hunger Überwältigten (Gen.Pl.)
naṣṭā vedā vidhāvatām
verloren waren die Vedas, bei den Umherlaufenden (Nom.Pl./Gen.Pl.Part.)
sarveṣām eva rājendra
bei allen, o Herr der Könige (Gen.Pl./Vok.)
na kaś cit pratibhānavān
keiner war geistesgegenwärtig/fähig (Nom.Sg.)
„pratibhānavān“: geistesgegenwärtig, im Gedächtnis fest; hier: keiner konnte die Texte vortragen.
na hāyanair na palitair na vittena na bandhubhiḥ; ṛṣayaś cakrire dharmaṃ yo 'nūcānaḥ sa no mahān
„Nicht durch Jahre, nicht durch graue Haare, nicht durch Reichtum, nicht durch Verwandte machten die Seher das Dharma [aus]; wer das Veda-Wissen besitzt, der ist für uns groß.“
Wort für Wort
na hāyanair na palitair
nicht durch Jahre, nicht durch graue Haare (Instr.Pl.)
na vittena na bandhubhiḥ
nicht durch Vermögen, nicht durch Verwandte (Instr.Sg./Instr.Pl.)
ṛṣayaś cakrire dharmaṃ
die Seher setzten fest das Dharma (Nom.Pl./3.Pl.Perf.Med./Akk.)
yo 'nūcānaḥ sa no mahān
wer Veda-Kundiger ist, der ist uns groß (Nom./Nom./Gen.Pl./Nom.)
„dharmaṃ cakrire“: eine Regel aufstellen, festsetzen; Sinn: der Rang bemisst sich nach Vedakenntnis.
Jeder brachte da eine Handvoll Darbha-Gras nach der anderen als Sitz für den Brahmanen-Seher herbei; obwohl er noch ein Knabe war, standen sie in seiner Gewalt.
Wort für Wort
muṣṭiṃ muṣṭiṃ tataḥ sarve
Handvoll um Handvoll, da alle (Akk.Sg./Adv./Nom.Pl.)
darbhāṇāṃ te 'bhyupāharan
von Darbha-Gras brachten sie herbei (Gen.Pl./3.Pl.Impf.)
tasyāsanārthaṃ viprarṣer
für seinen Sitz, den Brahmanen-Seher (Adv./Gen.Sg.)
bālasyāpi vaśe sthitāḥ
auch eines Knaben, in der Gewalt stehend (Gen.Sg./Lok.Sg./Nom.Pl.Part.)
Auch dort gab Rauhiṇeya [Baladeva], der Starkarmige, der ältere Bruder Keśavas, Reichtum und zog dann froh der Reihe nach zu dem berühmten großen Tīrtha, wo das Vṛddhakanyā [Ereignis stattfand] [?].
Wort für Wort
tatrāpi dattvā vasu
auch dort, Reichtum gegeben habend (Adv./Abs./Akk.)
rauhiṇeyo mahābalaḥ
Rauhiṇeya, der Starke (Nom.Sg.)
keśavapūrvajo 'tha
der ältere Bruder Keśavas, dann (Nom.Sg.)
jagāma tīrthaṃ muditaḥ krameṇa
ging zum Tīrtha, froh, der Reihe nach (3.Sg.Perf./Akk./Nom./Instr.)
khyātaṃ mahad vṛddhakanyā sma yatra
berühmt, groß; Vṛddhakanyā war [?] wo (Akk.n./Nom.f./Part./Adv.)
Der Vers bricht syntaktisch ab: „yatra vṛddhakanyā sma“ ist unvollständig; „sma“ und die Verbindung sind unsicher (Fortsetzung im nächsten Vers).