Kapitel 46: varuṇābhiṣeka-tīrthayātrā
Varuṇas Weihe zum Herrn der Gewässer und Balarāmas Wallfahrt zu Agnitīrtha, Brahmayoni und Kubera-Tīrtha
Auf Janamejayas Bitte berichtet Vaiśaṃpāyana, wie die Götter Varuṇa zum Herrn der Wasser weihten; daran schließen sich Balarāmas Besuche heiliger Badeorte (Agni, Brahmā, Kubera) mit den zugehörigen Legenden bis zum Badarapācana.
Vaiśaṃpāyana sprach: „Höre, König, dies Wunderbare, wie es sich der Wahrheit gemäß in der früheren Weltperiode zutrug: Am Anfang, als das Kṛtayuga regelgerecht bestand, kamen alle Götter bei Varuṇa zusammen und sprachen dann dies.“
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach (Perf.)
śṛṇu rājann idaṃ citram
höre, König, dies Wunderbare (Imp./Vok./Akk.)
pūrvakalpe yathātatham
in der früheren Weltperiode, der Wirklichkeit gemäß (Lok./Adv.)
ādau kṛtayuge tasmin
am Anfang, in jenem Kṛtayuga (Lok.)
vartamāne yathāvidhi
als es bestand, regelgerecht (Part.Präs.Lok./Adv.)
varuṇaṃ devatāḥ sarvāḥ sametya
zu Varuṇa alle Gottheiten, zusammengekommen (Akk./Nom.Pl./Ger.)
Darauf versammelten sich alle bei Varuṇa, dem Bewohner des Meeres, und machten ihn durch einen nach der Vorschrift vorgesehenen Ritus zum Herrn der Gewässer.
Wort für Wort
samāgamya tataḥ sarve
zusammengekommen sodann alle (Ger./Adv./Nom.Pl.)
varuṇaṃ sāgarālayam
Varuṇa, den Meeresbewohner (Akk.)
apāṃ patiṃ pracakruḥ hi
zum Herrn der Gewässer machten sie (Gen.Pl./Akk./3.Pl.Perf./Partikel)
vidhidṛṣṭena karmaṇā
durch einen nach der Vorschrift geschauten Ritus (Instr.)
abhiṣicya tato devā varuṇaṃ yādasāṃ patim; jagmuḥ svāny eva sthānāni pūjayitvā jaleśvaram
Nachdem die Götter dann Varuṇa, den Herrn der Wassertiere, geweiht hatten, gingen sie, den Herrn der Wasser verehrt habend, in ihre eigenen Wohnstätten.
Wort für Wort
abhiṣicya tato devāḥ
geweiht habend, sodann die Götter (Ger./Adv./Nom.Pl.)
varuṇaṃ yādasāṃ patim
Varuṇa, den Herrn der Wassertiere (Akk./Gen.Pl./Akk.)
jagmuḥ svāny eva sthānāni
gingen in die eigenen Wohnstätten (3.Pl.Perf./Akk.Pl.)
Von den Göttern geweiht, schützte dann auch der überaus ruhmreiche Varuṇa die Flüsse, die Meere, die Ströme und die Seen regelgerecht, wie [es] der Hundertopferer [Indra bei] den Göttern [tut].
Wort für Wort
abhiṣiktas tato devaiḥ
geweiht sodann von den Göttern (Part./Adv./Instr.Pl.)
varuṇo 'pi mahāyaśāḥ
auch Varuṇa, der sehr Ruhmreiche (Nom.)
saritaḥ sāgarāṃś ca
die Flüsse und die Meere (Akk.Pl.)
nadāṃś caiva sarāṃsi ca
und die Ströme und die Seen (Akk.Pl.)
pālayām āsa vidhinā
schützte er nach Vorschrift (Periphr.Perf./Instr.)
yathā devāñ śatakratuḥ
wie die Götter der Hundertopferer (Adv./Akk.Pl./Nom.)
tatas tatrāpy upaspṛśya dattvā ca vividhaṃ vasu; agnitīrthaṃ mahāprājñaḥ sa jagāma pralambahā; naṣṭo na dṛśyate yatra śamīgarbhe hutāśanaḥ
Dann badete [Balarāma], der Pralamba-Töter, auch dort, spendete mannigfaches Gut und ging, der sehr Weise, zum Agnitīrtha, wo der Opferverzehrer [Agni] verschwunden, nicht sichtbar, im Schoß der Śamī[-Pflanze] war.
Wort für Wort
tatas tatrāpy upaspṛśya
dann dort auch die Reinigung vollzogen habend (Adv./Ger.)
dattvā ca vividhaṃ vasu
und gegeben habend mannigfaches Gut (Ger./Akk.)
agnitīrthaṃ mahāprājñaḥ
zum Agnitīrtha, der sehr Weise (Akk./Nom.)
sa jagāma pralambahā
er ging, der Pralamba-Töter (Nom./3.Sg.Perf./Nom.)
naṣṭo na dṛśyate yatra
verschwunden nicht gesehen wird, wo (Part./Präs.Pass./Rel.Adv.)
śamīgarbhe hutāśanaḥ
im Schoß der Śamī der Opferverzehrer (Lok./Nom.)
Subjekt des Verses (Balarāma) nur durch das Epitheton pralambahā angezeigt; Ergänzung in Klammern. Zum Bezug von naṣṭo … hutāśanaḥ auf die Rückblende siehe folgende Verse.
sie traten heran an den Hochgesinnten (3.Pl.Perf./Akk.)
sarvalokapitāmaham
den Großvater aller Welten (Akk.)
lokāloka-vināśa unsicher: „Untergang von Welt und Nicht-Welt“ bzw. „der Welten“; gemeint ist offenbar der drohende Weltuntergang wegen Agnis Verschwinden.
agniḥ pranaṣṭo bhagavān kāraṇaṃ ca na vidmahe; sarvalokakṣayo mā bhūt saṃpādayatu no 'nalam
„Der Gott Agni ist verschwunden, und den Grund kennen wir nicht. Der Untergang aller Welten möge nicht geschehen; er möge uns das Feuer wieder herstellen.“
Wort für Wort
agniḥ pranaṣṭo bhagavān
Agni verschwunden, der Erhabene (Nom.)
kāraṇaṃ ca na vidmahe
und den Grund nicht wissen wir (Akk./1.Pl.Präs.)
sarvalokakṣayo mā bhūt
der Untergang aller Welten möge nicht sein (Nom./Prohib.Aor.)
saṃpādayatu no 'nalam
er möge herbeiführen uns das Feuer (Imp.3.Sg./Dat./Akk.)
janamejaya uvāca; kimarthaṃ bhagavān agniḥ pranaṣṭo lokabhāvanaḥ; vijñātaś ca kathaṃ devais tan mamācakṣva tattvataḥ
Janamejaya sprach: „Weshalb war der erhabene Agni, der Welterhalter, verschwunden, und wie wurde er von den Göttern aufgefunden? Das erzähle mir der Wahrheit gemäß.“
Wort für Wort
janamejaya uvāca
Janamejaya sprach
kimarthaṃ bhagavān agniḥ
zu welchem Zweck der erhabene Agni (Adv./Nom.)
pranaṣṭo lokabhāvanaḥ
verschwunden, der Welterhalter (Part./Nom.)
vijñātaś ca kathaṃ devaiḥ
und erkannt wie von den Göttern (Part.Pass./Adv./Instr.Pl.)
tan mamācakṣva tattvataḥ
das mir erzähle der Wahrheit gemäß (Akk./Dat./Imp.Med./Adv.)
Vaiśaṃpāyana sprach: „Aus Furcht vor Bhṛgus Fluch sehr erschrocken, war der machtvolle Jātavedas [Agni] in den Schoß der Śamī gelangt und verschwand da, der Erhabene.“
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca
Vaiśaṃpāyana sprach
bhṛgoḥ śāpād bhṛśaṃ bhītaḥ
vor Bhṛgus Fluch sehr erschrocken (Abl./Adv./Part.)
devāḥ sarve naravyāghra bṛhaspatipurogamāḥ; jvalanaṃ taṃ samāsādya prītābhūvan savāsavāḥ; punar yathāgataṃ jagmuḥ sarvabhakṣaś ca so 'bhavat
Alle Götter, Tigers unter den Männern, mit Bṛhaspati an der Spitze, wurden, jenes Feuer erreicht habend, samt Vāsava erfreut; sie gingen so, wie sie gekommen waren, zurück, und er wurde zum Allesverzehrer.
Wort für Wort
devāḥ sarve naravyāghra
die Götter alle, Tiger unter den Männern (Nom.Pl./Vok.)
bṛhaspatipurogamāḥ
mit Bṛhaspati an der Spitze (Nom.Pl.)
jvalanaṃ taṃ samāsādya
jenes Feuer erreicht habend (Akk./Ger.)
prītābhūvan savāsavāḥ
wurden erfreut samt Vāsava (3.Pl.Impf./Nom.Pl.)
punar yathāgataṃ jagmuḥ
zurück, wie gekommen gingen sie (Adv./Adv./3.Pl.Perf.)
sarvabhakṣaś ca so 'bhavat
und Allesverzehrer er wurde (Nom./Nom./3.Sg.Impf.)
Der Fluch des Bhṛgu, der Agni zum Allesverzehrer machte, ist hier als Folge vorausgesetzt.
sasarja bhagavān yatra sarvalokapitāmahaḥ; tatrāplutya tato brahmā saha devaiḥ prabhuḥ purā; sasarja cānnāni tathā devatānāṃ yathāvidhi
Wo der erhabene Großvater aller Welten [einst] schuf, dort badete dann Brahmā, der Herr, mit den Göttern vor Zeiten und schuf die Speisen sowie die Gottheiten, regelgerecht.
Wort für Wort
sasarja bhagavān yatra
schuf der Erhabene, wo (3.Sg.Perf./Nom./Rel.Adv.)
sarvalokapitāmahaḥ
der Großvater aller Welten (Nom.)
tatrāplutya tato brahmā
dort untergetaucht dann Brahmā (Ger./Adv./Nom.)
saha devaiḥ prabhuḥ purā
mit den Göttern, der Herr, vor Zeiten (Instr.Pl./Nom./Adv.)
sasarja cānnāni tathā
und schuf die Speisen ebenso (3.Sg.Perf./Akk.Pl.)
devatānāṃ yathāvidhi
der Gottheiten, regelgerecht (Gen.Pl./Adv.)
Vers ist syntaktisch locker; „devatānām“ hängt vermutlich von einem ausgefallenen Objekt ab (hier: „die Gottheiten“ frei ergänzt).
tatra snātvā ca dattvā ca vasūni vividhāni ca; kauberaṃ prayayau tīrthaṃ tatra taptvā mahat tapaḥ; dhanādhipatyaṃ saṃprāpto rājann ailabilaḥ prabhuḥ
Dort badete er und spendete vielerlei Güter, und er zog zum Tīrtha des Kubera, wo Ailabila, der Herr, große Askese übte und die Herrschaft über die Schätze erlangte, o König.
Wort für Wort
tatra snātvā ca dattvā ca
dort gebadet habend und gegeben habend (Adv./Ger.)
vasūni vividhāni ca
und mannigfache Güter (Akk.Pl.)
kauberaṃ prayayau tīrtham
zum Kubera-Tīrtha zog er (Akk./3.Sg.Perf./Akk.)
tatra taptvā mahat tapaḥ
wo er geübt habend große Askese (Adv./Ger./Akk.)
dhanādhipatyaṃ saṃprāpto
die Schatzherrschaft erlangt habend (Akk./Part.Nom.)
tatrastham eva taṃ rājan dhanāni nidhayas tathā; upatasthur naraśreṣṭha tat tīrthaṃ lāṅgalī tataḥ; gatvā snātvā ca vidhivad brāhmaṇebhyo dhanaṃ dadau
Ihm, der dort weilte, o König, Bester der Männer, traten die Schätze und Fundstätten [des Reichtums] ebenfalls nahe; und der Pflugträger [Balarāma] ging zu jenem Tīrtha, badete dort und gab den Brahmanen Reichtum, wie es sich gehört.
Wort für Wort
tatrastham eva taṃ rājan
ihn, der dort weilte, o König (Akk./Vok.)
dhanāni nidhayas tathā
die Schätze und die Vorratsstätten ebenso (Nom.Pl.)
upatasthur naraśreṣṭha
traten heran, Bester der Männer (3.Pl.Perf./Vok.)
tat tīrthaṃ lāṅgalī tataḥ
zu jenem Tīrtha der Pflugträger dann (Akk./Nom./Adv.)
gatvā snātvā ca vidhivat
gegangen, gebadet, regelgerecht (Ger./Ger./Adv.)
brāhmaṇebhyo dhanaṃ dadau
den Brahmanen Reichtum gab er (Dat.Pl./Akk./3.Sg.Perf.)
Der Bezug von „taṃ … tatrastham“ (Kubera) und der Anschluss des zweiten Halbverses sind unsicher; hier als Rückblende auf Kubera gedeutet.
abhiṣiktaś ca tatraiva samāgamya marudgaṇaiḥ; vāhanaṃ cāsya tad dattaṃ haṃsayuktaṃ manoramam; vimānaṃ puṣpakaṃ divyaṃ nairṛtaiśvaryam eva ca
Und dort wurde er geweiht, nachdem er mit den Marut-Scharen zusammengekommen war; auch wurde ihm dort sein Fahrzeug gegeben, von Schwänen gezogen und herzerfreuend: der göttliche Wagen Puṣpaka und die Herrschaft über die Nairṛtas.
Wort für Wort
abhiṣiktaś ca tatraiva
und geweiht eben dort (Part./Adv.)
samāgamya marudgaṇaiḥ
zusammengekommen mit den Marut-Scharen (Ger./Instr.Pl.)