Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śalyaparva

Kapitel 58: duryodhanāvamānanam Bhīmas Fußtritt gegen den gefallenen Duryodhana; Yudhiṣṭhiras Tadel und Klage

Nach Duryodhanas Fall verhöhnt Bhīma den Gestürzten und tritt ihm auf das Haupt; Yudhiṣṭhira weist ihn zurecht und beklagt dann das Geschehene. Das Kapitel enthält viele Zusatzverse (Sternpassagen) der kritischen Ausgabe.

saṃjaya uvāca; taṃ pātitaṃ tato dṛṣṭvā mahāśālam ivodgatam; prahṛṣṭamanasaḥ sarve babhūvus tatra pāṇḍavāḥ

Saṃjaya sprach: Als sie ihn da gefällt sahen, wie einen hochragenden großen Śāla-Baum, wurden alle Pāṇḍavas dort freudigen Herzens.

Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Perf.)
taṃ pātitaṃ tato dṛṣṭvā
ihn, den Gefällten, dann gesehen habend (Akk.Sg., Part.Kaus.; Abs.)
mahāśālam iva udgatam
wie einen großen, hochgewachsenen Śāla-Baum (Akk.Sg.; Part.)
prahṛṣṭamanasaḥ sarve
freudigen Herzens, alle (Nom.Pl.; Bahuvrīhi)
babhūvus tatra pāṇḍavāḥ
wurden dort die Pāṇḍavas (3.Pl.Perf.; Nom.Pl.)

unmattam iva mātaṅgaṃ siṃhena vinipātitam; dadṛśur hṛṣṭaromāṇaḥ sarve te cāpi somakāḥ

Wie einen rasenden Elefanten, der vom Löwen niedergeworfen wurde, sahen ihn, mit vor Freude gesträubten Haaren, auch alle jene Somakas.

Wort für Wort
unmattam iva mātaṅgam
wie einen rasenden Elefanten (Akk.Sg.)
siṃhena vinipātitam
vom Löwen niedergeworfen (Instr.Sg.; Part.Kaus.)
dadṛśur
sie sahen (3.Pl.Perf.)
hṛṣṭaromāṇaḥ
mit vor Freude gesträubten Haaren (Nom.Pl.; Bahuvrīhi)
sarve te ca api somakāḥ
alle jene und auch die Somakas (Nom.Pl.)

tato duryodhanaṃ hatvā bhīmasenaḥ pratāpavān; patitaṃ kauravendraṃ tam upagamyedam abravīt

Dann, nachdem er Duryodhana erschlagen hatte, trat der gewaltige Bhīmasena an den gefallenen Fürsten der Kauravas heran und sprach dies.

Wort für Wort
tato duryodhanaṃ hatvā
dann Duryodhana erschlagen habend (Akk.Sg.; Abs.)
bhīmasenaḥ pratāpavān
Bhīmasena, der Gewaltige (Nom.Sg.)
patitaṃ kauravendraṃ tam
zu ihm, dem gefallenen Fürsten der Kauravas (Akk.Sg.)
upagamya idam abravīt
herangetreten, dies sprach er (Abs.; 3.Sg.Impf.)

vṛkodaro mahārāja vākśalyam atiduḥsaham

Vṛkodara [sprach], o Großkönig, ein Wortgeschoss, kaum zu ertragen:

Wort für Wort
vṛkodaro
Vṛkodara [= Bhīma] (Nom.Sg.)
mahārāja
o Großkönig (Vok.Sg.)
vākśalyam
einen Wortpfeil, Wortstachel (Akk.Sg.)
atiduḥsaham
übermäßig schwer erträglich (Akk.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; vākśalya (Wortpfeil/Wortstachel) leitet die folgende Rede ein, das Verb fehlt.

gaur gaur iti purā manda draupadīm ekavāsasam; yat sabhāyāṃ hasann asmāṃs tadā vadasi durmate; tasyāvahāsasya phalam adya tvaṃ samavāpnuhi

„‚Kuh, Kuh!‘ [sagtest du] einst, Tor, zu Draupadī im einen Gewand, weil du damals in der Versammlung lachend uns [so verhöhntest], Übelgesinnter; die Frucht jenes Hohnlachens erlange heute du!“

Wort für Wort
gaur gaur iti purā manda
„Kuh, Kuh!“ [sagtest du] einst, Tor (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
draupadīm ekavāsasam
zu Draupadī, der Einbekleideten (Akk.Sg.)
yat sabhāyāṃ hasann asmān
weil in der Versammlung lachend uns (Lok.Sg.; Part.Präs.; Akk.Pl.)
tadā vadasi durmate
damals redetest du, Übelgesinnter (2.Sg.Präs.; Vok.Sg.)
tasya avahāsasya phalam
die Frucht jenes Hohnlachens (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
adya tvaṃ samavāpnuhi
heute erlange du (Imp.2.Sg.)

Die Konstruktion von yat … vadasi ist knapp; sinngemäß bezieht sich das Zitat auf die Verhöhnung Draupadīs beim Würfelspiel.

evam uktvā sa vāmena padā maulim upāspṛśat; śiraś ca rājasiṃhasya pādena samaloḍayat

Nachdem er so gesprochen hatte, berührte er mit dem linken Fuß das Haupt [Scheitel], und den Kopf des Königslöwen stieß er mit dem Fuß hin und her.

Wort für Wort
evam uktvā sa
so gesprochen habend, er (Abs.)
vāmena padā
mit dem linken Fuß (Instr.Sg.)
maulim upāspṛśat
das Haupt/den Scheitel berührte er (Akk.Sg.; 3.Sg.Impf.)
śiraś ca rājasiṃhasya
und den Kopf des Königslöwen (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
pādena samaloḍayat
mit dem Fuß wälzte/stieß er umher (Instr.Sg.; 3.Sg.Impf.Kaus.)

tathaiva krodhasaṃrakto bhīmaḥ parabalārdanaḥ; punar evābravīd vākyaṃ yat tac chṛṇu narādhipa

Ebenso sprach Bhīma, von Zorn gerötet, der Bedränger feindlicher Heere, abermals ein Wort; das höre, Herrscher der Menschen.

Wort für Wort
tathā eva krodhasaṃraktaḥ
ebenso, vom Zorn gerötet (Nom.Sg.; Tatpuruṣa)
bhīmaḥ parabalārdanaḥ
Bhīma, Bedränger fremder Heere (Nom.Sg.)
punar eva abravīd vākyam
abermals sprach er ein Wort (3.Sg.Impf.; Akk.Sg.)
yat tat śṛṇu narādhipa
das, was [folgt], das höre, Herrscher der Menschen (Imp.2.Sg.; Vok.Sg.)

ye 'smān puro 'panṛtyanta punar gaur iti gaur iti; tān vayaṃ pratinṛtyāmaḥ punar gaur iti gaur iti

„Die uns einst umtanzten mit ‚Kuh, Kuh!‘, immer wieder ‚Kuh, Kuh!‘ – die umtanzen wir nun ihrerseits, [mit] ‚Kuh, Kuh!‘, immer wieder ‚Kuh, Kuh!‘“

Wort für Wort
ye asmān puro apanṛtyanta
die, welche uns vormals umtanzten (3.Pl.Impf.Med.)
punar gaur iti gaur iti
immer wieder „Kuh, Kuh“
tān vayaṃ pratinṛtyāmaḥ
die umtanzen wir zurück (Akk.Pl.; 1.Pl.Präs.)
punar gaur iti gaur iti
immer wieder „Kuh, Kuh“

nāsmākaṃ nikṛtir vahnir nākṣadyūtaṃ na vañcanā

Nicht ist [bei] uns Betrug, nicht Feuer, nicht Würfelspiel, nicht Täuschung;

Wort für Wort
na asmākaṃ nikṛtir
nicht ist bei uns Betrug (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
vahnir
Feuer (Nom.Sg.)
na akṣadyūtaṃ
nicht Würfelspiel (Nom.Sg.)
na vañcanā
nicht Täuschung (Nom.Sg.)

vahni: wohl die Brandstiftung im Lackhaus.

na śāṭhyaṃ naiva no māyā yathāsya sudurātmanaḥ

nicht Tücke, und keine Zauberlist gibt es bei uns, wie bei diesem Bösgesinnten.

Wort für Wort
na śāṭhyaṃ
nicht Tücke (Nom.Sg.)
na eva naḥ māyā
auch nicht Zauberlist bei uns (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
yathā asya
wie bei diesem (Gen.Sg.)
sudurātmanaḥ
dem sehr Bösgesinnten (Gen.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

svabāhubalam āśritya prabādhāmo vayaṃ ripūn

Auf die Kraft der eigenen Arme gestützt, bedrängen wir die Feinde.

Wort für Wort
svabāhubalam āśritya
auf die Kraft der eigenen Arme gestützt (Akk.Sg.; Abs.)
prabādhāmo vayaṃ ripūn
bedrängen wir die Feinde (1.Pl.Präs.; Nom.Pl.; Akk.Pl.)

so 'vāpya vairasya parasya pāraṃ; vṛkodaraḥ prāha śanaiḥ prahasya; yudhiṣṭhiraṃ keśavasṛñjayāṃś ca; dhanaṃjayaṃ mādravatīsutau ca

Er, der das jenseitige Ufer der Feindschaft gegen den Gegner erreicht hatte, sprach, Vṛkodara, langsam lachend, zu Yudhiṣṭhira, Keśava und den Sṛñjayas, zu Dhanaṃjaya und den beiden Söhnen der Mādrī:

Wort für Wort
so avāpya vairasya parasya pāram
er, das Ufer der Feindschaft mit dem Gegner erreicht habend (Abs.; Gen.Sg.; Akk.Sg.)
vṛkodaraḥ prāha śanaiḥ prahasya
Vṛkodara sprach, langsam lachend (3.Sg.Perf.; Abs.)
yudhiṣṭhiraṃ keśavasṛñjayāṃś ca
zu Yudhiṣṭhira, Keśava und den Sṛñjayas (Akk.)
dhanaṃjayaṃ mādravatīsutau ca
und zu Dhanaṃjaya und den beiden Mādrī-Söhnen (Akk.Sg.; Akk.Du.)

rajasvalāṃ draupadīm ānayan ye; ye cāpy akurvanta sadasy avastrām; tān paśyadhvaṃ pāṇḍavair dhārtarāṣṭrān; raṇe hatāṃs tapasā yājñasenyāḥ

„Die Draupadī, die Menstruierende, herbeiführten, und die sie im Saal entkleiden wollten [wörtl.: entkleidet machten] – seht diese Dhārtarāṣṭras im Kampf von den Pāṇḍavas erschlagen, durch die Askese der Yājñasenī!“

Wort für Wort
rajasvalāṃ draupadīm ānayan ye
die Draupadī, die Menstruierende, herbeiführten (Akk.Sg.; 3.Pl.Impf.)
ye ca api akurvanta sadasi avastrām
und die sie im Saal kleidlos machten (3.Pl.Impf.Med.; Lok.Sg.)
tān paśyadhvaṃ pāṇḍavair dhārtarāṣṭrān
diese seht, die Dhārtarāṣṭras, durch die Pāṇḍavas (Imp.2.Pl.; Instr.Pl.)
raṇe hatāṃs
im Kampf erschlagen (Lok.Sg.; Part.Pass.)
tapasā yājñasenyāḥ
durch die Askese der Yājñasenī (Instr.Sg.; Gen.Sg.)

ye cāpy akurvanta sadasy avastrām: wörtlich „die sie im Saal kleidlos machten“; der Vers rechnet den Frevel den Tätern insgesamt an.

ye naḥ purā ṣaṇḍhatilān avocan; krūrā rājño dhṛtarāṣṭrasya putrāḥ; te no hatāḥ sagaṇāḥ sānubandhāḥ; kāmaṃ svargaṃ narakaṃ vā vrajāmaḥ

„Die uns einst ‚Sesam ohne Kern‘ nannten, die grausamen Söhne des Königs Dhṛtarāṣṭra – sie sind von uns erschlagen samt ihren Scharen und ihrer Gefolgschaft; nach Belieben mögen wir in den Himmel oder in die Hölle gehen.“

Wort für Wort
ye naḥ purā ṣaṇḍhatilān avocan
die uns einst „kernlose Sesamkörner“ nannten (Akk.Pl.; 3.Pl.Aor.)
krūrā rājño dhṛtarāṣṭrasya putrāḥ
die grausamen Söhne des Königs Dhṛtarāṣṭra (Nom.Pl.; Gen.Sg.)
te no hatāḥ
sie sind von uns erschlagen (Nom.Pl.; Instr./Gen.Pl.)
sagaṇāḥ sānubandhāḥ
samt Scharen, samt Anhang (Nom.Pl.)
kāmaṃ svargaṃ narakaṃ vā vrajāmaḥ
nach Belieben in Himmel oder Hölle mögen wir gehen (Akk.Sg.; 1.Pl.Präs./Opt.)

ṣaṇḍhatila (wörtl. „Sesam eines Impotenten“, d. h. tauber, kernloser Sesam) ist ein Schimpfwort.

punaś ca rājñaḥ patitasya bhūmau; sa tāṃ gadāṃ skandhagatāṃ nirīkṣya; vāmena pādena śiraḥ pramṛdya; duryodhanaṃ naikṛtikety avocat

Und wieder sagte er zu dem am Boden liegenden König Duryodhana „Betrüger!“, nachdem er jene auf der Schulter [liegende] Keule angesehen und ihm mit dem linken Fuß den Kopf zertreten hatte.

Wort für Wort
punaś ca rājñaḥ patitasya bhūmau
und wieder, dem König, der am Boden gefallen war (Gen.Sg.; Part.; Lok.Sg.)
sa tāṃ gadāṃ skandhagatāṃ nirīkṣya
er, jene auf der Schulter befindliche Keule angesehen habend (Akk.Sg.; Abs.)
vāmena pādena śiraḥ pramṛdya
mit dem linken Fuß den Kopf zertreten habend (Instr.Sg.; Abs.)
duryodhanaṃ naikṛtika iti avocat
sagte er zu Duryodhana: „Betrüger!“ (Akk.Sg.; Vok.Sg.; 3.Sg.Aor.)

skandhagatām: unklar, ob die Keule auf Duryodhanas oder Bhīmas Schulter liegt [?].

hṛṣṭena rājan kurupārthivasya; kṣudrātmanā bhīmasenena pādam; dṛṣṭvā kṛtaṃ mūrdhani nābhyanandan; dharmātmānaḥ somakānāṃ prabarhāḥ

Als sie sahen, o König, dass vom freudig erregten, kleingesinnten Bhīmasena der Fuß auf das Haupt des Kuru-Fürsten gesetzt worden war, billigten es die rechtschaffenen Vornehmsten der Somakas nicht.

Wort für Wort
hṛṣṭena rājan kurupārthivasya
vom Freudigen, o König, [auf den Kopf] des Kuru-Fürsten (Instr.Sg.; Vok.Sg.; Gen.Sg.)
kṣudrātmanā bhīmasenena pādam
vom Kleingesinnten, von Bhīmasena, den Fuß (Instr.Sg.; Akk.Sg.)
dṛṣṭvā kṛtaṃ mūrdhani
gesehen, dass er gesetzt worden war, auf das Haupt (Abs.; Part.Pass.; Lok.Sg.)
na abhyanandan
billigten nicht (3.Pl.Impf.)
dharmātmānaḥ somakānāṃ prabarhāḥ
die rechtschaffenen Besten der Somakas (Nom.Pl.; Gen.Pl.)

tava putraṃ tathā hatvā katthamānaṃ vṛkodaram; nṛtyamānaṃ ca bahuśo dharmarājo 'bravīd idam

Zu deinem Sohn – nachdem er ihn so erschlagen hatte – und zu dem prahlenden, vielfach tanzenden Vṛkodara sprach der Dharmakönig dies:

Wort für Wort
tava putraṃ tathā hatvā
deinen Sohn, so erschlagen habend (Akk.Sg.; Abs.)
katthamānaṃ vṛkodaram
den prahlenden Vṛkodara (Akk.Sg.; Part.Präs.Med.)
nṛtyamānaṃ ca bahuśaḥ
und vielfach tanzenden (Part.Präs.Med.; Adv.)
dharmarājo abravīd idam
der Dharmakönig sprach dies (Nom.Sg.; 3.Sg.Impf.)

gato 'si vairasyānṛṇyaṃ pratijñā pūritā tvayā; śubhenaivāśubhenātha karmaṇā viramādhunā

„Du hast die Schuld der Feindschaft abgetragen, dein Gelübde ist von dir erfüllt; mit gutem oder schlechtem Tun höre nun auf!“

Wort für Wort
gato asi vairasya anṛṇyam
gelangt bist du zur Schuldenfreiheit der Feindschaft (Part.+2.Sg.; Gen.Sg.; Akk.Sg.)
pratijñā pūritā tvayā
das Gelübde ist von dir erfüllt (Nom.Sg.; Part.Pass.; Instr.Sg.)
śubhena eva aśubhena atha karmaṇā
sei es durch gutes oder schlechtes Tun (Instr.Sg.)
viram adhunā
höre nun auf (Imp.2.Sg.; Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

mā śiro 'sya padā mardīr mā dharmas te 'tyagān mahān

„Zertritt nicht sein Haupt mit dem Fuß; nicht möge dich das große Dharma verlassen.“

Wort für Wort
mā śiro asya
nicht sein Haupt (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
padā mardīr
mit dem Fuß zertritt (Instr.Sg.; Aor.inj.2.Sg.)
mā dharmas te atyagān mahān
nicht möge das große Dharma dich verlassen (Nom.Sg.; Aor.inj.3.Sg.)

mā dharmas te ’tyagān mahān: wörtlich „nicht gehe das große Dharma an dir vorüber“ (aor. mit mā).

**** **** ekādaśacamūpateḥ; pañcānām api yo bhartā na sā prakṛtir mānuṣī

[Lücke im Text] des Herrn über elf Heere; der auch von Fünfen der Gebieter ist – das ist nicht menschliche Natur [?].

Wort für Wort
**** ****
[Lücke im Text]
ekādaśacamūpateḥ
des Herrn über elf Heeresabteilungen (Gen.Sg.)
pañcānām api yo bhartā
der auch von Fünfen Gebieter/Gatte ist (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
na sā prakṛtir mānuṣī
das ist nicht menschliche Natur (Nom.Sg.) [?]

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Text ist lückenhaft („****“) und verderbt; der Sinn von pañcānām api yo bhartā ist unklar (eventuell: Herr auch über fünf [Brüder/Reiche]).

rājā jñātir hataś cāyaṃ naitan nyāyyaṃ tavānagha

Der König und Verwandte ist hier erschlagen; das ist von dir nicht recht, Makelloser.

Wort für Wort
rājā jñātir hataś ca ayam
König, Verwandter und erschlagen ist dieser (Nom.Sg.; Part.Pass.)
na etan nyāyyaṃ tava anagha
dies ist nicht recht von dir, Makelloser (Nom.Sg.n.; Gen.Sg.; Vok.Sg.)

āgacchet tvāṃ mahābāho vācyaṃ cādharmasaṃhitam; mā śiro 'sya padā mṛdnā ekādaśacamūpateḥ; na naśyetāṃ ca dharmasya tyāgāt kīrtir mahad yaśaḥ; nihatasya padāghāto naitan nyāyyaṃ tavānagha

Es kommt zu dir, Starkarmiger, ein dharmawidriges Wort [der Tadel]; zertritt nicht sein Haupt mit dem Fuß, [dem] Herrn über elf Heere; nicht sollen durch das Verlassen des Dharma Ruhm und großer Glanz zugrunde gehen [?]. Der Fußtritt gegen einen Erschlagenen ist von dir nicht recht, Makelloser.

Wort für Wort
āgacchet tvāṃ mahābāho
es käme zu dir, Starkarmiger (Opt.3.Sg.; Akk.Sg.; Vok.Sg.)
vācyaṃ ca adharmasaṃhitam
und ein dharmawidriges Wort/ein Tadel (Nom.Sg.n.; Adj.)
mā śiro asya padā mṛdnā
nicht sein Haupt mit dem Fuß zertritt (Instr.Sg.; Inj.2.Sg.)
ekādaśacamūpateḥ
des Herrn über elf Heere (Gen.Sg.)
na naśyetāṃ ca dharmasya tyāgāt
und nicht sollen zugrunde gehen durch das Aufgeben des Dharma (Opt.3.Du.; Abl.Sg.)
kīrtir mahad yaśaḥ
Ruhm, großer Glanz (Nom.Sg.)
nihatasya padāghāto
der Fußtritt gegen den Erschlagenen (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
na etan nyāyyaṃ tava anagha
dies ist von dir nicht recht, Makelloser

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, syntaktisch und textlich unsicher; āgacchet und na naśyetām sind im Kontext schwer zu fassen.

ekādaśacamūnāthaṃ kurūṇām adhipaṃ tathā; mā sprākṣīr bhīma pādena rājānaṃ jñātim eva ca; hatabandhur hatāmātyo bhraṣṭasainyo hato mṛdhe; sarvākāreṇa śocyo 'yaṃ nāvahāsyo 'yam īśvaraḥ

„Den Herrn der elf Heere, ebenso den Herrscher der Kurus, berühre nicht mit dem Fuß, Bhīma – den König und Verwandten. Der seiner Angehörigen beraubt ist, seiner Minister beraubt, dessen Heer zerstört ist, im Kampf erschlagen – in jeder Hinsicht ist dieser zu beklagen, nicht zu verlachen ist dieser Herr.“

Wort für Wort
ekādaśacamūnāthaṃ kurūṇām adhipaṃ tathā
den Herrn der elf Heere, ebenso den Herrscher der Kurus (Akk.Sg.; Gen.Pl.)
mā sprākṣīr bhīma pādena
berühre nicht, Bhīma, mit dem Fuß (Aor.inj.2.Sg.; Vok.Sg.; Instr.Sg.)
rājānaṃ jñātim eva ca
den König und eben den Verwandten (Akk.Sg.)
hatabandhur hatāmātyo
dessen Angehörige, dessen Minister erschlagen sind (Bahuvrīhi)
bhraṣṭasainyo hato mṛdhe
dessen Heer zerstört ist, im Kampf erschlagen (Bahuvrīhi; Part.; Lok.Sg.)
sarvākāreṇa śocyo ayaṃ na avahāsyo ayam īśvaraḥ
in jeder Hinsicht ist dieser zu beklagen, nicht zu verlachen dieser Herr (Instr.Sg.; Gerundiv)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

vidhvasto 'yaṃ hatāmātyo hatabhrātā hataprajaḥ; utsannapiṇḍo bhrātā ca naitan nyāyyaṃ kṛtaṃ tvayā

„Dieser ist vernichtet, seiner Minister beraubt, seiner Brüder beraubt, seiner Söhne beraubt, seine Totenopfer-Linie ist erloschen, und [er ist dein] Bruder; das ist von dir nicht recht getan.“

Wort für Wort
vidhvasto ayaṃ hatāmātyo
vernichtet ist dieser, dessen Minister erschlagen sind (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
hatabhrātā hataprajaḥ
dessen Brüder, dessen Nachkommen erschlagen sind (Bahuvrīhi)
utsannapiṇḍo
dessen Totenopfer erloschen sind (Bahuvrīhi)
bhrātā ca
und [er ist dein] Bruder (Nom.Sg.)
na etan nyāyyaṃ kṛtaṃ tvayā
dies ist nicht recht von dir getan (Part.Pass.; Instr.Sg.)

utsannapiṇḍa: dessen Ahnenopfer (piṇḍa) abgebrochen sind, d. h. ohne Nachkommen.

dhārmiko bhīmaseno 'sāv ity āhus tvāṃ purā janāḥ; sa kasmād bhīmasena tvaṃ rājānam adhitiṣṭhasi

„‚Ein Rechtschaffener ist dieser Bhīmasena‘, so sagten dich die Leute einst; warum, Bhīmasena, trittst du auf den König?“

Wort für Wort
dhārmiko bhīmaseno asau iti
„rechtschaffen ist dieser Bhīmasena“ so (Nom.Sg.)
āhus tvāṃ purā janāḥ
sagten von dir einst die Leute (3.Pl.Perf.; Akk.Sg.; Nom.Pl.)
sa kasmād bhīmasena tvam
er, warum, Bhīmasena, du (Abl.; Vok.Sg.)
rājānam adhitiṣṭhasi
trittst auf den König (2.Sg.Präs.)

dṛṣṭvā duryodhanaṃ rājā kuntīputras tathāgatam; netrābhyām aśrupūrṇābhyām idaṃ vacanam abravīt

Als der König, der Sohn der Kuntī, Duryodhana in solchem Zustand [gekommen] sah, sprach er mit tränenerfüllten Augen dieses Wort.

Wort für Wort
dṛṣṭvā duryodhanaṃ rājā
gesehen habend Duryodhana, der König (Abs.; Akk.Sg.)
kuntīputras tathāgatam
der Sohn der Kuntī, [ihn] so gekommen (Nom.Sg.; Part.)
netrābhyām aśrupūrṇābhyām
mit beiden tränenvollen Augen (Instr.Du.)
idaṃ vacanam abravīt
dieses Wort sprach er (Akk.Sg.; 3.Sg.Impf.)

ity uktvā bhīmasenaṃ tu sāśrukaṇṭho yudhiṣṭhiraḥ; upasṛtyābravīd dīno duryodhanam ariṃdamam

Nachdem er so zu Bhīmasena gesprochen hatte, trat Yudhiṣṭhira mit tränenerstickter Kehle, elend, heran und sprach zu Duryodhana, dem Feindebezwinger:

Wort für Wort
ity uktvā bhīmasenaṃ tu
so gesprochen habend zu Bhīmasena (Abs.; Akk.Sg.)
sāśrukaṇṭho yudhiṣṭhiraḥ
mit tränenerstickter Kehle, Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
upasṛtyābravīd dīno
herangetreten sprach er, elend (Abs.; 3.Sg.Impf.; Nom.Sg.)
duryodhanam ariṃdamam
zu Duryodhana, dem Feindebezwinger (Akk.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

tāta manyur na te kāryo nātmā śocyas tvayā tathā; nūnaṃ pūrvakṛtaṃ karma sughoram anubhūyate

„Lieber, du sollst nicht zürnen, und du sollst dich selbst nicht beklagen; gewiss wird eine früher getane, sehr schreckliche Tat [jetzt] erlitten.“

Wort für Wort
tāta manyur na te kāryo
Lieber, Zorn ist von dir nicht zu hegen (Vok.Sg.; Nom.Sg.; Gerundiv)
na ātmā śocyas tvayā tathā
und nicht ist du selbst von dir zu beklagen (Gerundiv; Instr.Sg.)
nūnaṃ pūrvakṛtaṃ karma
gewiss eine früher getane Tat (Nom.Sg.)
sughoram anubhūyate
sehr schrecklich, wird erlitten (Adj.; 3.Sg.Pass.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

nūnam etad balavatā dhātrādiṣṭaṃ mahātmanā; yad vayaṃ tvāṃ jighāṃsāmas tvaṃ cāsmān kurusattama

„Gewiss ist dies vom mächtigen, großen Schöpfer so angeordnet worden: dass wir dich töten wollten und du uns, o Bester der Kurus.“

Wort für Wort
nūnam etad balavatā
gewiss ist dies vom Mächtigen (Instr.Sg.)
dhātrā ādiṣṭaṃ mahātmanā
vom Schöpfer, vom Hochgesinnten angeordnet (Instr.Sg.; Part.Pass.)
yad vayaṃ tvāṃ jighāṃsāmas
dass wir dich töten wollten (1.Pl.Präs.Desid.)
tvaṃ ca asmān kurusattama
und du uns, Bester der Kurus (Vok.Sg.)

ātmano hy aparādhena mahad vyasanam īdṛśam; prāptavān asi yal lobhān madād bālyāc ca bhārata

„Durch eigene Schuld hast du solch großes Unglück erlangt, aus Gier, Rausch und Torheit [wörtl.: Kindlichkeit], o Bhārata.“

Wort für Wort
ātmano hi aparādhena
denn durch eigene Schuld (Gen.Sg.; Instr.Sg.)
mahad vyasanam īdṛśam
großes, solches Unglück (Akk.Sg.)
prāptavān asi
hast du erlangt (Part.Perf.+2.Sg.)
yal lobhān madād bālyāc ca bhārata
weil aus Gier, Rausch und Torheit, Bhārata (Abl.Sg.; Vok.Sg.)

ghātayitvā vayasyāṃś ca bhrātṝn atha pitṝṃs tathā; putrān pautrāṃs tathācāryāṃs tato 'si nidhanaṃ gataḥ

„Nachdem du Freunde, Brüder, Väter, Söhne, Enkel und Lehrer hattest töten lassen, bist du danach in den Tod gegangen.“

Wort für Wort
ghātayitvā vayasyāṃś ca
töten lassen habend die Freunde (Abs.Kaus.; Akk.Pl.)
bhrātṝn atha pitṝṃs tathā
Brüder, ferner Väter (Akk.Pl.)
putrān pautrāṃs tathā ācāryāṃs
Söhne, Enkel und Lehrer (Akk.Pl.)
tato asi nidhanaṃ gataḥ
dann bist du zum Tod gegangen (2.Sg.; Part.Pass.)

tavāparādhād asmābhir bhrātaras te mahārathāḥ

„Durch deine Schuld [wurden] von uns deine Brüder, die Großwagenkämpfer, [erschlagen].“

Wort für Wort
tava aparādhād
durch deine Schuld (Abl.Sg.)
asmābhir
von uns (Instr.Pl.)
bhrātaras te
deine Brüder (Nom.Pl.)
mahārathāḥ
die Großwagenkämpfer (Nom.Pl.)

Das Verb fehlt im Text und ist zu ergänzen.

ātmā na śocanīyas te ślāghyo mṛtyus tavānagha; vayam evādhunā śocyāḥ sarvāvasthāsu kaurava; kṛpaṇaṃ vartayiṣyāmas tair hīnā bandhubhiḥ priyaiḥ; bhrātṝṇāṃ caiva putrāṇāṃ tathā vai śokavihvalāḥ; kathaṃ drakṣyāmi vidhavā vadhūḥ śokapariplutāḥ; tvam ekaḥ susthito rājan svarge te nilayo dhruvaḥ; vayaṃ narakasaṃjñā vai duḥkhaṃ bhokṣyāma dāruṇam

„Um dich ist nicht zu trauern, preisenswert ist dein Tod, Makelloser; wir vielmehr sind jetzt zu bejammern, in allen Lebenslagen, o Kaurava. Elend werden wir hinleben, dieser lieben Verwandten beraubt, und wegen der Brüder und Söhne kummerverwirrt. Wie werde ich die verwitweten, in Kummer versunkenen Schwiegertöchter ansehen? Du allein stehst gut da, König; dein Wohnsitz im Himmel ist gewiss; wir aber, der Hölle gleichgenannt, werden grausames Leid erfahren.“

Wort für Wort
ātmā na śocanīyas te
du selbst bist nicht zu beklagen (Nom.Sg.; Gerundiv; Gen.Sg.)
ślāghyo mṛtyus tava anagha
preisenswert ist dein Tod, Makelloser (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
vayam eva adhunā śocyāḥ
wir vielmehr sind jetzt zu beklagen (Nom.Pl.; Gerundiv)
sarvāvasthāsu kaurava
in allen Lagen, Kaurava (Lok.Pl.; Vok.Sg.)
kṛpaṇaṃ vartayiṣyāmas
elend werden wir leben (Adv.; 1.Pl.Fut.Kaus.)
tair hīnā bandhubhiḥ priyaiḥ
von jenen lieben Verwandten verlassen (Instr.Pl.; Part.)
bhrātṝṇāṃ caiva putrāṇāṃ tathā vai śokavihvalāḥ
und der Brüder und Söhne wegen kummerverwirrt (Gen.Pl.; Nom.Pl.)
kathaṃ drakṣyāmi vidhavā vadhūḥ śokapariplutāḥ
wie werde ich die verwitweten, kummerüberfluteten Schwiegertöchter sehen (1.Sg.Fut.; Akk.Pl.)
tvam ekaḥ susthito rājan svarge te nilayo dhruvaḥ
du allein stehst gut, König; im Himmel ist dein Wohnsitz gewiss (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
vayaṃ narakasaṃjñā vai duḥkhaṃ bhokṣyāma dāruṇam
wir, hölle-benannt, werden grausames Leid genießen/erleiden (Nom.Pl.; 1.Pl.Fut.Med.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; das Wortspiel narakasaṃjñā (‚die Hölle heißend‘) ist wörtlich wiedergegeben; Konstruktion von vadhūḥ śokapariplutāḥ im Plural gegenüber vidhavā im Singular [?].

nihatā jñātayaś cānye diṣṭaṃ manye duratyayam

Erschlagen sind auch andere Verwandte; das Schicksal halte ich für schwer zu überwinden.

Wort für Wort
nihatā jñātayaś ca anye
erschlagen sind auch andere Verwandte (Nom.Pl.)
diṣṭaṃ manye duratyayam
das Geschick halte ich für schwer überwindlich (Akk.Sg.; 1.Sg.Präs.)

snuṣāś ca prasnuṣāś caiva dhṛtarāṣṭrasya vihvalāḥ; garhayiṣyanti no nūnaṃ vidhavāḥ śokakarśitāḥ

„Die Schwiegertöchter und Enkelschwiegertöchter des Dhṛtarāṣṭra, verstört, verwitwet und vom Kummer abgezehrt, werden uns gewiss schmähen.“

Wort für Wort
snuṣāś ca prasnuṣāś ca eva
die Schwiegertöchter und die Enkelschwiegertöchter (Nom.Pl.)
dhṛtarāṣṭrasya vihvalāḥ
des Dhṛtarāṣṭra, verstört (Gen.Sg.; Nom.Pl.)
garhayiṣyanti no nūnam
werden uns gewiss tadeln (3.Pl.Fut.; Akk.Pl.)
vidhavāḥ śokakarśitāḥ
verwitwet, vom Kummer abgezehrt (Nom.Pl.; Part.Pass.)

evam uktvā suduḥkhārto niśaśvāsa sa pārthivaḥ; vilalāpa ciraṃ cāpi dharmaputro yudhiṣṭhiraḥ

Nachdem er so gesprochen hatte, seufzte der König, aufs Tiefste schmerzgequält; und lange klagte auch Yudhiṣṭhira, der Sohn des Dharma.

Wort für Wort
evam uktvā suduḥkhārto
so gesprochen habend, tief schmerzgequält (Abs.; Nom.Sg.)
niśaśvāsa sa pārthivaḥ
seufzte dieser König (3.Sg.Perf.; Nom.Sg.)
vilalāpa ciraṃ ca api
und klagte lange auch (3.Sg.Perf.; Adv.)
dharmaputro yudhiṣṭhiraḥ
der Dharma-Sohn Yudhiṣṭhira (Nom.Sg.)

vilalāpa mahīyān saḥ prakṛtyā karuṇāparaḥ

Er klagte, der Hochgewaltige, der von Natur aus dem Mitleid zugewandt ist.

Wort für Wort
vilalāpa
er klagte (3.Sg.Perf.)
mahīyān saḥ
er, der Hochgewaltige (Nom.Sg.; Komp.)
prakṛtyā karuṇāparaḥ
von Natur aus dem Mitleid zugewandt (Instr.Sg.; Nom.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.

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