Kapitel 58: duryodhanāvamānanam
Bhīmas Fußtritt gegen den gefallenen Duryodhana; Yudhiṣṭhiras Tadel und Klage
Nach Duryodhanas Fall verhöhnt Bhīma den Gestürzten und tritt ihm auf das Haupt; Yudhiṣṭhira weist ihn zurecht und beklagt dann das Geschehene. Das Kapitel enthält viele Zusatzverse (Sternpassagen) der kritischen Ausgabe.
Vṛkodara [sprach], o Großkönig, ein Wortgeschoss, kaum zu ertragen:
Wort für Wort
vṛkodaro
Vṛkodara [= Bhīma] (Nom.Sg.)
mahārāja
o Großkönig (Vok.Sg.)
vākśalyam
einen Wortpfeil, Wortstachel (Akk.Sg.)
atiduḥsaham
übermäßig schwer erträglich (Akk.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; vākśalya (Wortpfeil/Wortstachel) leitet die folgende Rede ein, das Verb fehlt.
gaur gaur iti purā manda draupadīm ekavāsasam; yat sabhāyāṃ hasann asmāṃs tadā vadasi durmate; tasyāvahāsasya phalam adya tvaṃ samavāpnuhi
„‚Kuh, Kuh!‘ [sagtest du] einst, Tor, zu Draupadī im einen Gewand, weil du damals in der Versammlung lachend uns [so verhöhntest], Übelgesinnter; die Frucht jenes Hohnlachens erlange heute du!“
Wort für Wort
gaur gaur iti purā manda
„Kuh, Kuh!“ [sagtest du] einst, Tor (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
draupadīm ekavāsasam
zu Draupadī, der Einbekleideten (Akk.Sg.)
yat sabhāyāṃ hasann asmān
weil in der Versammlung lachend uns (Lok.Sg.; Part.Präs.; Akk.Pl.)
tadā vadasi durmate
damals redetest du, Übelgesinnter (2.Sg.Präs.; Vok.Sg.)
tasya avahāsasya phalam
die Frucht jenes Hohnlachens (Gen.Sg.; Akk.Sg.)
adya tvaṃ samavāpnuhi
heute erlange du (Imp.2.Sg.)
Die Konstruktion von yat … vadasi ist knapp; sinngemäß bezieht sich das Zitat auf die Verhöhnung Draupadīs beim Würfelspiel.
so 'vāpya vairasya parasya pāraṃ; vṛkodaraḥ prāha śanaiḥ prahasya; yudhiṣṭhiraṃ keśavasṛñjayāṃś ca; dhanaṃjayaṃ mādravatīsutau ca
Er, der das jenseitige Ufer der Feindschaft gegen den Gegner erreicht hatte, sprach, Vṛkodara, langsam lachend, zu Yudhiṣṭhira, Keśava und den Sṛñjayas, zu Dhanaṃjaya und den beiden Söhnen der Mādrī:
Wort für Wort
so avāpya vairasya parasya pāram
er, das Ufer der Feindschaft mit dem Gegner erreicht habend (Abs.; Gen.Sg.; Akk.Sg.)
„Die Draupadī, die Menstruierende, herbeiführten, und die sie im Saal entkleiden wollten [wörtl.: entkleidet machten] – seht diese Dhārtarāṣṭras im Kampf von den Pāṇḍavas erschlagen, durch die Askese der Yājñasenī!“
Wort für Wort
rajasvalāṃ draupadīm ānayan ye
die Draupadī, die Menstruierende, herbeiführten (Akk.Sg.; 3.Pl.Impf.)
ye ca api akurvanta sadasi avastrām
und die sie im Saal kleidlos machten (3.Pl.Impf.Med.; Lok.Sg.)
tān paśyadhvaṃ pāṇḍavair dhārtarāṣṭrān
diese seht, die Dhārtarāṣṭras, durch die Pāṇḍavas (Imp.2.Pl.; Instr.Pl.)
raṇe hatāṃs
im Kampf erschlagen (Lok.Sg.; Part.Pass.)
tapasā yājñasenyāḥ
durch die Askese der Yājñasenī (Instr.Sg.; Gen.Sg.)
ye cāpy akurvanta sadasy avastrām: wörtlich „die sie im Saal kleidlos machten“; der Vers rechnet den Frevel den Tätern insgesamt an.
ye naḥ purā ṣaṇḍhatilān avocan; krūrā rājño dhṛtarāṣṭrasya putrāḥ; te no hatāḥ sagaṇāḥ sānubandhāḥ; kāmaṃ svargaṃ narakaṃ vā vrajāmaḥ
„Die uns einst ‚Sesam ohne Kern‘ nannten, die grausamen Söhne des Königs Dhṛtarāṣṭra – sie sind von uns erschlagen samt ihren Scharen und ihrer Gefolgschaft; nach Belieben mögen wir in den Himmel oder in die Hölle gehen.“
Wort für Wort
ye naḥ purā ṣaṇḍhatilān avocan
die uns einst „kernlose Sesamkörner“ nannten (Akk.Pl.; 3.Pl.Aor.)
krūrā rājño dhṛtarāṣṭrasya putrāḥ
die grausamen Söhne des Königs Dhṛtarāṣṭra (Nom.Pl.; Gen.Sg.)
te no hatāḥ
sie sind von uns erschlagen (Nom.Pl.; Instr./Gen.Pl.)
sagaṇāḥ sānubandhāḥ
samt Scharen, samt Anhang (Nom.Pl.)
kāmaṃ svargaṃ narakaṃ vā vrajāmaḥ
nach Belieben in Himmel oder Hölle mögen wir gehen (Akk.Sg.; 1.Pl.Präs./Opt.)
ṣaṇḍhatila (wörtl. „Sesam eines Impotenten“, d. h. tauber, kernloser Sesam) ist ein Schimpfwort.
punaś ca rājñaḥ patitasya bhūmau; sa tāṃ gadāṃ skandhagatāṃ nirīkṣya; vāmena pādena śiraḥ pramṛdya; duryodhanaṃ naikṛtikety avocat
Und wieder sagte er zu dem am Boden liegenden König Duryodhana „Betrüger!“, nachdem er jene auf der Schulter [liegende] Keule angesehen und ihm mit dem linken Fuß den Kopf zertreten hatte.
Wort für Wort
punaś ca rājñaḥ patitasya bhūmau
und wieder, dem König, der am Boden gefallen war (Gen.Sg.; Part.; Lok.Sg.)
sa tāṃ gadāṃ skandhagatāṃ nirīkṣya
er, jene auf der Schulter befindliche Keule angesehen habend (Akk.Sg.; Abs.)
vāmena pādena śiraḥ pramṛdya
mit dem linken Fuß den Kopf zertreten habend (Instr.Sg.; Abs.)
duryodhanaṃ naikṛtika iti avocat
sagte er zu Duryodhana: „Betrüger!“ (Akk.Sg.; Vok.Sg.; 3.Sg.Aor.)
skandhagatām: unklar, ob die Keule auf Duryodhanas oder Bhīmas Schulter liegt [?].
Als sie sahen, o König, dass vom freudig erregten, kleingesinnten Bhīmasena der Fuß auf das Haupt des Kuru-Fürsten gesetzt worden war, billigten es die rechtschaffenen Vornehmsten der Somakas nicht.
Wort für Wort
hṛṣṭena rājan kurupārthivasya
vom Freudigen, o König, [auf den Kopf] des Kuru-Fürsten (Instr.Sg.; Vok.Sg.; Gen.Sg.)
kṣudrātmanā bhīmasenena pādam
vom Kleingesinnten, von Bhīmasena, den Fuß (Instr.Sg.; Akk.Sg.)
dṛṣṭvā kṛtaṃ mūrdhani
gesehen, dass er gesetzt worden war, auf das Haupt (Abs.; Part.Pass.; Lok.Sg.)
na abhyanandan
billigten nicht (3.Pl.Impf.)
dharmātmānaḥ somakānāṃ prabarhāḥ
die rechtschaffenen Besten der Somakas (Nom.Pl.; Gen.Pl.)
**** **** ekādaśacamūpateḥ; pañcānām api yo bhartā na sā prakṛtir mānuṣī
[Lücke im Text] des Herrn über elf Heere; der auch von Fünfen der Gebieter ist – das ist nicht menschliche Natur [?].
Wort für Wort
**** ****
[Lücke im Text]
ekādaśacamūpateḥ
des Herrn über elf Heeresabteilungen (Gen.Sg.)
pañcānām api yo bhartā
der auch von Fünfen Gebieter/Gatte ist (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
na sā prakṛtir mānuṣī
das ist nicht menschliche Natur (Nom.Sg.) [?]
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Text ist lückenhaft („****“) und verderbt; der Sinn von pañcānām api yo bhartā ist unklar (eventuell: Herr auch über fünf [Brüder/Reiche]).
Es kommt zu dir, Starkarmiger, ein dharmawidriges Wort [der Tadel]; zertritt nicht sein Haupt mit dem Fuß, [dem] Herrn über elf Heere; nicht sollen durch das Verlassen des Dharma Ruhm und großer Glanz zugrunde gehen [?]. Der Fußtritt gegen einen Erschlagenen ist von dir nicht recht, Makelloser.
Wort für Wort
āgacchet tvāṃ mahābāho
es käme zu dir, Starkarmiger (Opt.3.Sg.; Akk.Sg.; Vok.Sg.)
vācyaṃ ca adharmasaṃhitam
und ein dharmawidriges Wort/ein Tadel (Nom.Sg.n.; Adj.)
mā śiro asya padā mṛdnā
nicht sein Haupt mit dem Fuß zertritt (Instr.Sg.; Inj.2.Sg.)
ekādaśacamūpateḥ
des Herrn über elf Heere (Gen.Sg.)
na naśyetāṃ ca dharmasya tyāgāt
und nicht sollen zugrunde gehen durch das Aufgeben des Dharma (Opt.3.Du.; Abl.Sg.)
kīrtir mahad yaśaḥ
Ruhm, großer Glanz (Nom.Sg.)
nihatasya padāghāto
der Fußtritt gegen den Erschlagenen (Gen.Sg.; Nom.Sg.)
na etan nyāyyaṃ tava anagha
dies ist von dir nicht recht, Makelloser
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage, syntaktisch und textlich unsicher; āgacchet und na naśyetām sind im Kontext schwer zu fassen.
„Den Herrn der elf Heere, ebenso den Herrscher der Kurus, berühre nicht mit dem Fuß, Bhīma – den König und Verwandten. Der seiner Angehörigen beraubt ist, seiner Minister beraubt, dessen Heer zerstört ist, im Kampf erschlagen – in jeder Hinsicht ist dieser zu beklagen, nicht zu verlachen ist dieser Herr.“
Wort für Wort
ekādaśacamūnāthaṃ kurūṇām adhipaṃ tathā
den Herrn der elf Heere, ebenso den Herrscher der Kurus (Akk.Sg.; Gen.Pl.)
mā sprākṣīr bhīma pādena
berühre nicht, Bhīma, mit dem Fuß (Aor.inj.2.Sg.; Vok.Sg.; Instr.Sg.)
rājānaṃ jñātim eva ca
den König und eben den Verwandten (Akk.Sg.)
hatabandhur hatāmātyo
dessen Angehörige, dessen Minister erschlagen sind (Bahuvrīhi)
bhraṣṭasainyo hato mṛdhe
dessen Heer zerstört ist, im Kampf erschlagen (Bahuvrīhi; Part.; Lok.Sg.)
sarvākāreṇa śocyo ayaṃ na avahāsyo ayam īśvaraḥ
in jeder Hinsicht ist dieser zu beklagen, nicht zu verlachen dieser Herr (Instr.Sg.; Gerundiv)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers.
„Dieser ist vernichtet, seiner Minister beraubt, seiner Brüder beraubt, seiner Söhne beraubt, seine Totenopfer-Linie ist erloschen, und [er ist dein] Bruder; das ist von dir nicht recht getan.“
Wort für Wort
vidhvasto ayaṃ hatāmātyo
vernichtet ist dieser, dessen Minister erschlagen sind (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
hatabhrātā hataprajaḥ
dessen Brüder, dessen Nachkommen erschlagen sind (Bahuvrīhi)
utsannapiṇḍo
dessen Totenopfer erloschen sind (Bahuvrīhi)
bhrātā ca
und [er ist dein] Bruder (Nom.Sg.)
na etan nyāyyaṃ kṛtaṃ tvayā
dies ist nicht recht von dir getan (Part.Pass.; Instr.Sg.)
utsannapiṇḍa: dessen Ahnenopfer (piṇḍa) abgebrochen sind, d. h. ohne Nachkommen.
ātmā na śocanīyas te ślāghyo mṛtyus tavānagha; vayam evādhunā śocyāḥ sarvāvasthāsu kaurava; kṛpaṇaṃ vartayiṣyāmas tair hīnā bandhubhiḥ priyaiḥ; bhrātṝṇāṃ caiva putrāṇāṃ tathā vai śokavihvalāḥ; kathaṃ drakṣyāmi vidhavā vadhūḥ śokapariplutāḥ; tvam ekaḥ susthito rājan svarge te nilayo dhruvaḥ; vayaṃ narakasaṃjñā vai duḥkhaṃ bhokṣyāma dāruṇam
„Um dich ist nicht zu trauern, preisenswert ist dein Tod, Makelloser; wir vielmehr sind jetzt zu bejammern, in allen Lebenslagen, o Kaurava. Elend werden wir hinleben, dieser lieben Verwandten beraubt, und wegen der Brüder und Söhne kummerverwirrt. Wie werde ich die verwitweten, in Kummer versunkenen Schwiegertöchter ansehen? Du allein stehst gut da, König; dein Wohnsitz im Himmel ist gewiss; wir aber, der Hölle gleichgenannt, werden grausames Leid erfahren.“
Wort für Wort
ātmā na śocanīyas te
du selbst bist nicht zu beklagen (Nom.Sg.; Gerundiv; Gen.Sg.)
ślāghyo mṛtyus tava anagha
preisenswert ist dein Tod, Makelloser (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
vayam eva adhunā śocyāḥ
wir vielmehr sind jetzt zu beklagen (Nom.Pl.; Gerundiv)
sarvāvasthāsu kaurava
in allen Lagen, Kaurava (Lok.Pl.; Vok.Sg.)
kṛpaṇaṃ vartayiṣyāmas
elend werden wir leben (Adv.; 1.Pl.Fut.Kaus.)
tair hīnā bandhubhiḥ priyaiḥ
von jenen lieben Verwandten verlassen (Instr.Pl.; Part.)
bhrātṝṇāṃ caiva putrāṇāṃ tathā vai śokavihvalāḥ
und der Brüder und Söhne wegen kummerverwirrt (Gen.Pl.; Nom.Pl.)
kathaṃ drakṣyāmi vidhavā vadhūḥ śokapariplutāḥ
wie werde ich die verwitweten, kummerüberfluteten Schwiegertöchter sehen (1.Sg.Fut.; Akk.Pl.)
tvam ekaḥ susthito rājan svarge te nilayo dhruvaḥ
du allein stehst gut, König; im Himmel ist dein Wohnsitz gewiss (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
vayaṃ narakasaṃjñā vai duḥkhaṃ bhokṣyāma dāruṇam
wir, hölle-benannt, werden grausames Leid genießen/erleiden (Nom.Pl.; 1.Pl.Fut.Med.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; das Wortspiel narakasaṃjñā (‚die Hölle heißend‘) ist wörtlich wiedergegeben; Konstruktion von vadhūḥ śokapariplutāḥ im Plural gegenüber vidhavā im Singular [?].