Kapitel 59: baladevakrodhaśamanam
Baladevas Zorn über Bhīmas Schlag, Kṛṣṇas Besänftigung und Bhīmas Jubel vor Yudhiṣṭhira
Nach dem Fall Duryodhanas klagt Baladeva den Schlag unter den Nabel an und stürmt auf Bhīma los; Kṛṣṇa hält ihn zurück und verweist auf Bhīmas Gelübde und Maitreyas Fluch. Baladeva zieht grollend nach Dvārakā, Yudhiṣṭhira äußert Zwiespalt, und Bhīma feiert den Sieg.
Dhṛtarāṣṭra sprach: Als der beste der Mādhavas [Yādavas], der gewaltige Baladeva, den König auf unrechte Weise erschlagen sah, was sagte er da, o Wagenlenker?
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Perf. 3.Sg.)
adharmeṇa hataṃ dṛṣṭvā
durch Unrecht erschlagen gesehen habend (Instr./PPP Akk./Abs.)
rājānaṃ mādhavottamaḥ
den König; der Beste der Mādhavas (Akk. Sg.; Nom. Sg.)
Saṃjaya sprach: Als der Beste unter den Kämpfenden, Rāma, sah, dass dein Sohn von Bhīmasena auf den Kopf geschlagen war, geriet der Starke gewaltig in Zorn.
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Perf. 3.Sg.)
śirasy abhihataṃ dṛṣṭvā
am Kopf getroffen gesehen habend (Lok./PPP Akk./Abs.)
bhīmasenena te sutam
von Bhīmasena, deinen Sohn (Instr.; Akk. Sg.)
rāmaḥ praharatāṃ śreṣṭhaś
Rāma, der Beste der Schlagenden (Nom.; Gen. Pl./Nom. Sg.)
cukrodha balavad balī
geriet in Zorn, heftig, der Starke (Perf. 3.Sg.; Adv.; Nom. Sg.)
aho dhig yad adho nābheḥ prahṛtaṃ śuddhavikrame; naitad dṛṣṭaṃ gadāyuddhe kṛtavān yad vṛkodaraḥ
„Wehe, pfui, dass unterhalb des Nabels geschlagen wurde, wo [Duryodhana] doch lauter in seiner Tapferkeit war! Dies hat man im Keulenkampf nie gesehen, was Vṛkodara getan hat.“
Wort für Wort
aho dhig
ach, pfui (Interj.)
yad adho nābheḥ prahṛtaṃ
dass unterhalb des Nabels geschlagen wurde (Konj.; Abl. Sg.; PPP n. unpers.)
śuddhavikrame
bei dem in Tapferkeit Lauteren (Lok. Sg.)
naitad dṛṣṭaṃ gadāyuddhe
nicht dies ist gesehen im Keulenkampf (PPP n.; Lok. Sg.)
kṛtavān yad vṛkodaraḥ
getan hat, was Vṛkodara (PPA Nom. Sg.; Rel.; Nom. Sg.)
adho nābhyā na hantavyam iti śāstrasya niścayaḥ; ayaṃ tv aśāstravin mūḍhaḥ svacchandāt saṃpravartate
„Unterhalb des Nabels darf man nicht schlagen: so lautet die feste Bestimmung der Lehre. Dieser aber, ein Nichtkenner der Lehre, ein Tor, handelt nach eigener Willkür.“
Wort für Wort
adho nābhyā na hantavyam
unterhalb des Nabels ist nicht zu schlagen (Adv.; Abl./Gen.; Gerundiv n.)
iti śāstrasya niścayaḥ
so [lautet] der Lehre Entscheidung (Gen. Sg.; Nom. Sg.)
ayaṃ tv aśāstravin
dieser aber, der Lehre-Unkundige (Nom. Sg.)
mūḍhaḥ
ein Verblendeter (Nom. Sg.)
svacchandāt saṃpravartate
aus Eigenwillen verfährt er (Abl. Sg.; Präs. Med. 3.Sg.)
tato rājānam ālokya roṣasaṃraktalocanaḥ; baladevo mahārāja tato vacanam abravīt; na caiṣa patitaḥ kṛṣṇa kevalaṃ matsamo 'samaḥ; āśritasya tu daurbalyād āśrayaḥ paribhartsyate
Da blickte Baladeva den König an, die Augen vor Zorn gerötet, und sprach dann, o Großkönig, diese Worte: „Nicht allein ist dieser gefallen, Kṛṣṇa – [auch] mir Gleicher, [auf] ungleiche [Weise] [?]. Wegen der Schwäche des Schutzsuchenden aber wird der Schutzgeber geschmäht werden.“
Wort für Wort
tato rājānam ālokya
dann den König anblickend (Adv.; Akk.; Abs.)
roṣasaṃraktalocanaḥ
mit vor Zorn geröteten Augen (Nom. Sg.)
baladevo mahārāja tato vacanam abravīt
Baladeva, Großkönig, dann Rede sprach er (Nom.; Vok.; Akk.; Impf. 3.Sg.)
na caiṣa patitaḥ kṛṣṇa kevalaṃ
und nicht dieser gefallen, Kṛṣṇa, allein (PPP Nom.; Vok.; Adv.)
matsamo 'samaḥ
der mir Gleiche, der Ungleiche (Nom. Sg.)
āśritasya tu daurbalyād
des Schutzsuchenden aber wegen der Schwäche (Gen.; Abl. Sg.)
āśrayaḥ paribhartsyate
der Schutzgeber wird geschmäht werden (Nom.; Fut. Pass. 3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage. „kevalaṃ matsamo 'samaḥ“ ist unklar (etwa: der mir Ebenbürtige [ist] unredlich [behandelt worden]); der Schlusssatz ist wohl sprichwörtlich gemeint.
Als Madhusūdana ihn, der zornentbrannt emporsprang, erkannte –
Wort für Wort
tam utpatantaṃ saṃkruddhaṃ
ihn, den Emporspringenden, den Erzürnten (PPräs. Akk.; PPP Akk.)
vijñāya madhusūdanaḥ
erkannt habend, Madhusūdana (Abs.; Nom.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; der Satz bricht ab bzw. setzt sich in der nächsten regulären Zeile fort.
tam utpatantaṃ jagrāha keśavo vinayānataḥ; bāhubhyāṃ pīnavṛttābhyāṃ prayatnād balavad balī
Keśava, in Bescheidenheit gebeugt, ergriff ihn, den Emporspringenden, mit anstrengungsvoller Kraft mit seinen beiden kräftigen, runden Armen – der Starke [den Starken].
Wort für Wort
tam utpatantaṃ jagrāha
ihn, den Emporspringenden, ergriff er (Akk.; PPräs.; Perf. 3.Sg.)
keśavo vinayānataḥ
Keśava, in Bescheidenheit gebeugt (Nom.)
bāhubhyāṃ pīnavṛttābhyāṃ
mit den beiden Armen, kräftigen, gerundeten (Instr. Du.)
prayatnād balavad balī
mit Anstrengung, kraftvoll, der Starke (Abl.; Adv.; Nom.)
Und Keśava sprach zu ihm, dem Aufgebrachten, gleichsam beschwichtigend: „Eigenes Wachstum, Wachstum der Freunde und das Emporkommen der Freunde der Freunde – das Umgekehrte bei den Feinden: so ist das Wachstum des Selbst sechsfach.“
Wort für Wort
uvāca cainaṃ saṃrabdhaṃ
und sprach zu ihm, dem Erregten (Perf. 3.Sg.; Akk.; PPP Akk.)
ātmany api ca mitreṣu viparītaṃ yadā bhavet; tadā vidyān manojyānim āśu śāntikaro bhavet
„Wenn aber bei einem selbst und bei den Freunden das Gegenteil eintritt, dann erkenne man darin eine Kränkung des Gemüts; rasch werde man zum Beschwichtiger.“
Wort für Wort
ātmany api ca mitreṣu
und bei sich selbst und bei Freunden (Lok. Sg.; Lok. Pl.)
viparītaṃ yadā bhavet
das Gegenteil, wenn es einträte (Nom. n.; Opt. 3.Sg.)
tadā vidyān manojyānim
dann erkenne man Seelenschaden (Opt. 3.Sg.; Akk. Sg.)
āśu śāntikaro bhavet
rasch Beschwichtiger werde man (Adv.; Nom.; Opt. 3.Sg.)
Der zweite Halbvers ist knapp; „śāntikara“ hier als Friedensstifter/Beschwichtiger gefasst [?].
„Die Pāṇḍavas, von makelloser Manneskraft, sind unsere angeborene Freundschaft; sie, die eigenen Söhne der Vaterschwester, wurden von den Feinden schwer betrogen.“
Wort für Wort
asmākaṃ sahajaṃ mitraṃ
unser angeborener Freund (Gen. Pl.; Nom. n.)
pāṇḍavāḥ śuddhapauruṣāḥ
die Pāṇḍavas, von reiner Manneskraft (Nom. Pl.)
svakāḥ pitṛṣvasuḥ putrās
eigene Söhne der Vaterschwester (Nom. Pl.; Gen. Sg.; Nom. Pl.)
te parair nikṛtā bhṛśam
sie von Feinden betrogen, sehr (PPP Nom. Pl.; Instr. Pl.; Adv.)
„Das Erfüllen eines Gelübdes ist die Pflicht eines Kṣatriya, das weißt du ja. ‚Ich werde Suyodhanas Schenkel mit der Keule in der großen Schlacht zerschmettern‘ – so wurde es früher von Bhīma in der Versammlungshalle gelobt.“
Wort für Wort
pratijñāpāraṇaṃ dharmaḥ
das Erfüllen des Gelübdes ist Pflicht (Nom.; Nom.)
kṣatriyasyeti vettha ha
des Kṣatriya; so weißt du ja (Gen.; Perf. 2.Sg.)
suyodhanasya gadayā
Suyodhanas mit der Keule (Gen.; Instr.)
bhaṅktāsmy ūrū mahāhave
zerschmettern werde ich die Schenkel in der großen Schlacht (Peri. Fut. 1.Sg.; Akk. Du.; Lok.)
maitreyeṇābhiśaptaś ca pūrvam eva maharṣiṇā; ūrū bhetsyati te bhīmo gadayeti paraṃtapa; ato doṣaṃ na paśyāmi mā krudhas tvaṃ pralambahan
„Und schon zuvor wurde er vom großen Seher Maitreya verflucht: ‚Bhīma wird dir mit der Keule die Schenkel spalten‘, o Bezwinger der Feinde. Darum sehe ich keinen Fehler; zürne nicht, Pralamba-Töter.“
Wort für Wort
maitreyeṇābhiśaptaś ca
und von Maitreya verflucht (Instr.; PPP Nom.)
pūrvam eva maharṣiṇā
schon früher, vom großen Seher (Adv.; Instr.)
ūrū bhetsyati te bhīmo
die Schenkel wird spalten dir Bhīma (Akk. Du.; Fut. 3.Sg.; Dat./Gen.; Nom.)
gadayeti paraṃtapa
mit der Keule, Feindbedränger (Instr.; Vok.)
ato doṣaṃ na paśyāmi
daher Fehler nicht sehe ich (Abl.-Adv.; Akk.; Präs. 1.Sg.)
mā krudhas tvaṃ pralambahan
zürne nicht du, Pralamba-Töter (Prohib. Aor.; Nom.; Vok.)
ye jñātibāndhavebhyaś ca śreṣṭhā vai snehabāndhavāḥ; pāṇḍavāś cābhavañ śreṣṭhāḥ snehāt saṃbandhatas tathā
„Die aber, die höher stehen als Verwandte und Sippenangehörige, die Besten sind die Liebesverwandten; und die Pāṇḍavas sind aus Zuneigung wie aus Verwandtschaft die Besten geworden.“
Wort für Wort
ye jñātibāndhavebhyaś ca
und die, [die] als Sippen- und Blutsverwandte (Rel.; Abl. Pl.)
śreṣṭhā vai snehabāndhavāḥ
die Besten sind die Verwandten aus Zuneigung (Nom. Pl.)
pāṇḍavāś cābhavañ śreṣṭhāḥ
und die Pāṇḍavas wurden die Besten (Nom.; Impf. 3.Pl.; Nom.)
snehāt saṃbandhatas tathā
aus Zuneigung und durch Verwandtschaft ebenso (Abl.; Adv.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage; die Wendung im ersten Halbvers ist knapp und nur sinngemäß wiedergegeben [?].
Rāma sprach: „Der Dharma, von den Guten recht geübt, hält [beide anderen] zusammen mit zweien im Zaum [?]; Artha [schadet] dem übermäßig Gierigen, und Kāma dem allzu Anhänglichen.“
Wort für Wort
rāma uvāca
Rāma sprach (Perf. 3.Sg.)
dharmaḥ sucaritaḥ sadbhiḥ
der Dharma, gut geübt, von den Guten (Nom.; PPP; Instr. Pl.)
saha dvābhyāṃ niyacchati
zusammen mit beiden hält im Zaum (Instr. Du.; Präs. 3.Sg.)
arthaś cātyarthalubdhasya
und Artha des übermäßig Gierigen (Nom.; Gen. Sg.)
kāmaś cātiprasaṅginaḥ
und Kāma des allzu Anhänglichen (Nom.; Gen. Sg.)
Der Vers ist elliptisch und im Sinn unsicher; der zweite Halbvers verlangt ein Verb (etwa „bändigt/schadet“) zu ergänzen.
dharmārthau dharmakāmau ca kāmārthau cāpy apīḍayan; dharmārthakāmān yo 'bhyeti so 'tyantaṃ sukham aśnute
„Wer Dharma und Artha, Dharma und Kāma sowie Kāma und Artha [jeweils] nicht beeinträchtigt, wer sich Dharma, Artha und Kāma [alle drei] zuwendet, der genießt äußerstes Glück.“
Wort für Wort
dharmārthau dharmakāmau ca
Dharma und Artha, Dharma und Kāma (Nom./Akk. Du.)
kāmārthau cāpy apīḍayan
und Kāma und Artha, ohne zu beeinträchtigen (Akk. Du.; PPräs. Nom.)
dharmārthakāmān yo 'bhyeti
Dharma, Artha, Kāma, wer sich zuwendet (Akk. Pl.; Rel.; Präs. 3.Sg.)
so 'tyantaṃ sukham aśnute
der genießt äußerst Glück (Nom.; Adv.; Akk.; Präs. Med. 3.Sg.)
tad idaṃ vyākulaṃ sarvaṃ kṛtaṃ dharmasya pīḍanāt; bhīmasenena govinda kāmaṃ tvaṃ tu yathāttha mām
„Dies alles hier ist nun in Verwirrung geraten, weil Bhīmasena den Dharma bedrängt hat, Govinda. Meinetwegen: Du aber [magst] zu mir [reden], wie du [eben] gesprochen hast [?].“
Wort für Wort
tad idaṃ vyākulaṃ sarvaṃ
dies also, verwirrt, alles (Nom. n.)
kṛtaṃ dharmasya pīḍanāt
gemacht durch Bedrängung des Dharma (PPP; Gen.; Abl.)
bhīmasenena govinda
von Bhīmasena, Govinda (Instr.; Vok.)
kāmaṃ tvaṃ tu
meinetwegen, du aber (Adv.; Nom.; Part.)
yathāttha mām
wie du sagtest, mir (Perf. 2.Sg.; Akk.)
Der zweite Halbvers ist knapp; Sinn etwa: Kṛṣṇa möge ruhig weiterreden, ändere aber nichts an Rāmas Urteil.
Vāsudeva sprach: „Du bist ja zornlos, im Wesen dharmagetreu und stets dem Dharma zugetan; so wirst du in der Welt gerühmt. Darum beruhige dich; zürne nicht.“
Wort für Wort
vāsudeva uvāca
Vāsudeva sprach (Perf. 3.Sg.)
aroṣaṇo hi dharmātmā
zornlos ja, dharmagesinnt (Nom. Sg.)
satataṃ dharmavatsalaḥ
stets dem Dharma zugeneigt (Adv.; Nom.)
bhavān prakhyāyate loke
du wirst gerühmt in der Welt (Nom.; Präs. Pass. 3.Sg.; Lok.)
tasmāt saṃśāmya mā krudhaḥ
darum beruhige dich, zürne nicht (Abl.; Imp. 2.Sg.; Prohib.)
„Wisse: Das Kali-Zeitalter ist angebrochen, und [ebenso] das Gelübde des Pāṇḍava. Der Pāṇḍava möge von der Feindschaft und von seinem Gelübde schuldenfrei werden.“
Wort für Wort
prāptaṃ kaliyugaṃ viddhi
eingetreten das Kali-Zeitalter, wisse (PPP Nom. n.; Nom.; Imp. 2.Sg.)
pratijñāṃ pāṇḍavasya ca
und das Gelübde des Pāṇḍava (Akk.; Gen.)
ānṛṇyaṃ yātu vairasya
Schuldenfreiheit möge er erlangen von der Feindschaft (Akk.; Imp. 3.Sg.; Gen.)
pratijñāyāś ca pāṇḍavaḥ
und vom Gelübde, der Pāṇḍava (Gen.; Nom.)
„pratijñām“ steht wohl elliptisch: das Gelübde [ist zur Erfüllung gekommen].
ataḥ puruṣaśārdūlo hatvā naikṛtikaṃ raṇe; nikṛtyā nikṛtiprajñaṃ yo hanyād vairiṇaṃ raṇe; adharmo vidyate nātra yad bhīmo hatavān ripum; yudhyantaṃ samare vīraṃ kuruvṛṣṇiyaśaskaram; anena karṇaḥ saṃdiṣṭaḥ pratīto dhanur acchinat; tataḥ saṃchinnadhanvānaṃ virathaṃ pauruṣe sthitam; vyāyudhīkṛtya hatavān saubhadram apalāyinam; janmaprabhṛti lubdhaś ca pāpaś caiṣa durātmavān; nihato bhīmasenena durbuddhiḥ kulapāṃsanaḥ; pratijñāṃ bhīmasenasya trayodaśasamārjitām; kimarthaṃ nābhijānāti yudhyamāno hi viśrutām; ūrdhvam utkramya vegena jighāṃsantaṃ vṛkodaraḥ; babhañja gadayā corū na ca sthāne ca maṇḍale
Daher: Der Tigerheld [Bhīma], der im Kampf den Betrüger erschlagen hat – wer im Kampf durch Betrug den betrugskundigen Feind tötet, bei dem besteht hier kein Adharma darin, dass Bhīma den Feind erschlagen hat. [Duryodhana], der den im Kampf streitenden Helden, den Ruhmesmehrer der Kurus und Vṛṣṇis [Abhimanyu], von diesem [Duryodhana] angestiftet, hat Karṇa, [ihm] vertrauend, den Bogen zerschnitten; dann, als dessen Bogen zerschnitten, er wagenlos [war] und in Mannhaftigkeit standhielt, hat er den Saubhadra, der nicht floh, waffenlos gemacht und erschlagen. Von Geburt an ist dieser Übelgesinnte gierig und bösartig; erschlagen ist von Bhīmasena der Böswillige, der Schandfleck der Familie. Das dreizehn Jahre lang genährte, berühmte Gelübde Bhīmasenas – warum erkennt er [Duryodhana] es nicht, während er kämpfte? Als er [Duryodhana] mit Schwung emporsprang, um [ihn] zu töten, zerbrach der Wolfsbauch [Bhīma] ihm mit der Keule die Schenkel, und [zwar] nicht am festen Standort und nicht im Kreis [?].
Wort für Wort
ataḥ puruṣaśārdūlo hatvā naikṛtikaṃ raṇe
daher der Tiger unter den Männern, im Kampf den Betrüger erschlagen habend (Nom.Sg.; Abs.Ger.; Akk.; Lok.)
nikṛtyā nikṛtiprajñaṃ yo hanyād vairiṇaṃ raṇe
wer durch Betrug den betrugskundigen Feind im Kampf töten sollte (Instr.; Akk.; Opt.3.Sg.)
adharmo vidyate nātra yad bhīmo hatavān ripum
Adharma besteht hier nicht, dass Bhīma den Feind erschlagen hat (Nom.Sg.; 3.Sg.Pass.; Part.Perf.)
yudhyantaṃ samare vīraṃ kuruvṛṣṇiyaśaskaram
den im Kampf streitenden Helden, den Ruhmesmehrer der Kurus und Vṛṣṇis (Part.Präs.Akk.; Komp.)
anena karṇaḥ saṃdiṣṭaḥ pratīto dhanur acchinat
von diesem angestiftet, Karṇa, vertrauend, zerschnitt den Bogen (Instr.; Part.Pass.Nom.; Impf.3.Sg.)
tataḥ saṃchinnadhanvānaṃ virathaṃ pauruṣe sthitam
dann den mit zerschnittenem Bogen, wagenlosen, in Mannhaftigkeit Stehenden (Akk.Sg.)
vyāyudhīkṛtya hatavān saubhadram apalāyinam
waffenlos gemacht habend, erschlug er den Saubhadra, den nicht Fliehenden (Abs.Ger.; Part.Perf.; Akk.)
janmaprabhṛti lubdhaś ca pāpaś caiṣa durātmavān
von Geburt an gierig und böse ist dieser Übelgesinnte (Nom.Sg.)
nihato bhīmasenena durbuddhiḥ kulapāṃsanaḥ
erschlagen von Bhīmasena der Böswillige, Schandfleck der Familie (Part.Pass.; Instr.; Nom.Sg.)
pratijñāṃ bhīmasenasya trayodaśasamārjitām
das Gelübde Bhīmasenas, dreizehn Jahre lang erworben (Akk.Sg.; Gen.; Part.Pass.)
kimarthaṃ nābhijānāti yudhyamāno hi viśrutām
warum erkennt er nicht, kämpfend, das berühmte (3.Sg.Präs.; Part.Med.; Akk.Sg.)
ūrdhvam utkramya vegena jighāṃsantaṃ vṛkodaraḥ
nach oben mit Schwung springend, den Tötungswilligen, [der] Wolfsbauch (Abs.Ger.; Instr.; Part.Desid.Akk.; Nom.)
babhañja gadayā corū na ca sthāne ca maṇḍale
zerbrach mit der Keule die Schenkel, nicht am Standort und nicht im Kreis [?] (Perf.3.Sg.; Instr.; Akk.Du.; Lok.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Der Vers ist stark verkürzt bzw. syntaktisch unvollständig (Zusatzpassage): Der Relativsatz um yudhyantaṃ … kuruvṛṣṇiyaśaskaram hat kein klares Prädikat; die letzte Zeile (na ca sthāne ca maṇḍale) ist unsicher.
saṃjaya uvāca; dharmacchalam api śrutvā keśavāt sa viśāṃ pate; naiva prītamanā rāmo vacanaṃ prāha saṃsadi
Saṃjaya sprach: Auch als er von Keśava die List im Rahmen des Dharma gehört hatte, o Herr der Menschen, war Rāma nicht erfreut im Herzen und sprach [diese] Rede in der Versammlung.
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach (Perf.3.Sg.)
dharmacchalam api śrutvā keśavāt
auch die Dharma-List gehört habend von Keśava (Akk.; Abs.Ger.; Abl.)
sa viśāṃ pate
er, o Herr der Menschen (Nom.; Vok.)
naiva prītamanā rāmo
nicht erfreuten Sinnes Rāma (Nom.Sg.; Bahuvrīhi)
vacanaṃ prāha saṃsadi
die Rede sprach in der Versammlung (Akk.; Perf.3.Sg.; Lok.)
„Nachdem er den dharmagesinnten König Suyodhana gegen den Dharma erschlagen hat, wird der Pāṇḍava in dieser Welt als einer berühmt werden, der krumm kämpft.“
Wort für Wort
hatvādharmeṇa rājānaṃ
erschlagen habend gegen den Dharma den König (Abs.Ger.; Instr.; Akk.)
dharmātmānaṃ suyodhanam
den dharmagesinnten Suyodhana (Akk.Sg.)
jihmayodhīti loke 'smin
„krumm Kämpfender“ in dieser Welt (Nom.; Lok.)
khyātiṃ yāsyati pāṇḍavaḥ
Ruhm wird gelangen der Pāṇḍava (Akk.; 3.Sg.Fut.; Nom.)
„Auch Duryodhana, der Dharma-gesinnte, wird den ewigen Weg gehen; er, der gerade kämpfte, ist erschlagen, der König, der Dhṛtarāṣṭra-Sohn, Herrscher der Menschen.“
Wort für Wort
duryodhano 'pi dharmātmā
auch Duryodhana, dharmagesinnt (Nom.Sg.)
gatiṃ yāsyati śāśvatīm
den ewigen Weg wird gehen (Akk.Sg.; 3.Sg.Fut.)
ṛjuyodhī hato rājā
der gerade Kämpfer, erschlagen, der König (Nom.; Part.Pass.)
dhārtarāṣṭro narādhipaḥ
der Dhṛtarāṣṭra-Sohn, Herrscher der Menschen (Nom.Sg.)
„Er trat in die Weihe des Kampfes ein, breitete im Gefecht das Kampfopfer aus, opferte sich selbst in das Feuer der Feinde und erlangte als Schlussbad Ruhm.“
Wort für Wort
yuddhadīkṣāṃ praviśyājau
die Kampfweihe betreten habend im Gefecht (Akk.; Abs.Ger.; Lok.)
raṇayajñaṃ vitatya ca
und das Kampfopfer ausgebreitet habend (Akk.; Abs.Ger.)
hutvātmānam amitrāgnau
sich selbst geopfert habend im Feuer der Feinde (Abs.Ger.; Akk.; Lok.)
prāpa cāvabhṛthaṃ yaśaḥ
erlangte und als Schlussbad den Ruhm (Perf.3.Sg.; Akk.)
pāñcālāś ca savārṣṇeyāḥ pāṇḍavāś ca viśāṃ pate; rāme dvāravatīṃ yāte nātipramanaso 'bhavan
Die Pāñcālas mit den Vṛṣṇis und die Pāṇḍavas, o Herr der Menschen, waren, als Rāma nach Dvāravatī gegangen war, nicht sehr niedergedrückt im Sinn [?].
Wort für Wort
pāñcālāś ca savārṣṇeyāḥ
die Pāñcālas samt den Vṛṣṇis (Nom.Pl.)
pāṇḍavāś ca viśāṃ pate
und die Pāṇḍavas, o Herr der Menschen (Nom.Pl.; Vok.)
rāme dvāravatīṃ yāte
als Rāma nach Dvāravatī gegangen war (Lok.abs.; Akk.; Part.Pass.)
nātipramanaso 'bhavan
waren nicht sehr [in Stimmung] (Nom.Pl.; Impf.3.Pl.)
nātipramanas: entweder „nicht sehr froh“ oder „nicht sehr bedrückt“; wörtlich „nicht überaus gehobenen Sinnes“ – Deutung nach Kontext (Erleichterung nach Rāmas Abzug) unsicher.
tato yudhiṣṭhiraṃ dīnaṃ cintāparam adhomukham; śokopahatasaṃkalpaṃ vāsudevo 'bravīd idam
Darauf sprach Vāsudeva zu dem niedergeschlagenen, in Sorge versunkenen, mit gesenktem Gesicht [dasitzenden] Yudhiṣṭhira, dessen Entschluss vom Kummer getroffen war, dies:
Wort für Wort
tato yudhiṣṭhiraṃ dīnaṃ
darauf zu dem niedergeschlagenen Yudhiṣṭhira (Akk.Sg.)
cintāparam adhomukham
sorgenvollen, mit gesenktem Gesicht (Akk.Sg.; Bahuvrīhi)
śokopahatasaṃkalpaṃ
dessen Entschluss vom Kummer geschlagen ist (Akk.Sg.; Bahuvrīhi)
yudhiṣṭhira uvāca; na mamaitat priyaṃ kṛṣṇa yad rājānaṃ vṛkodaraḥ; padā mūrdhny aspṛśat krodhān na ca hṛṣye kulakṣaye
Yudhiṣṭhira sprach: „Nicht lieb ist mir dies, Kṛṣṇa, dass Vṛkodara den König im Zorn mit dem Fuß am Haupt berührte; und ich freue mich nicht über den Untergang der Sippe.
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
na mamaitat priyaṃ kṛṣṇa
nicht mir dies lieb, Kṛṣṇa (Gen./Dat.; Nom.; Vok.)
yad rājānaṃ vṛkodaraḥ
dass den König Vṛkodara (Akk.; Nom.)
padā mūrdhny aspṛśat krodhāt
mit dem Fuß am Haupt berührte aus Zorn (Instr.; Lok.; Impf.3.Sg.; Abl.)
na ca hṛṣye kulakṣaye
und ich freue mich nicht am Untergang der Sippe (1.Sg.Präs.; Lok.)
nikṛtyā nikṛtā nityaṃ dhṛtarāṣṭrasutair vayam; bahūni paruṣāṇy uktvā vanaṃ prasthāpitāḥ sma ha
Durch Betrug wurden wir von den Söhnen Dhṛtarāṣṭras stets betrogen; nachdem sie viele harte Worte gesprochen hatten, wurden wir in den Wald fortgeschickt.
Wort für Wort
nikṛtyā nikṛtā nityaṃ
durch Betrug betrogen stets (Instr.; Part.Pass.Nom.Pl.; Adv.)
dhṛtarāṣṭrasutair vayam
von den Söhnen Dhṛtarāṣṭras wir (Instr.Pl.; Nom.Pl.)
bahūni paruṣāṇy uktvā
viele harte [Worte] gesagt habend (Akk.Pl.n.; Abs.Ger.)
vanaṃ prasthāpitāḥ sma ha
in den Wald fortgeschickt wurden wir fürwahr (Akk.; Part.Kaus.Pass.; sma ha)
Darum soll der Pāṇḍava, nachdem er den Unverständigen, Gierigen, der seinen Begierden folgte, erschlagen hat, sein Verlangen erlangen, sei es im Dharma oder im Adharma getan.“
Wort für Wort
tasmād dhatvākṛtaprajñaṃ
daher erschlagen habend den Unverständigen (Abl.; Abs.Ger.; Akk.)
lubdhaṃ kāmavaśānugam
den Gierigen, der der Gewalt der Begierde folgt (Akk.Sg.)
labhatāṃ pāṇḍavaḥ kāmaṃ
soll erlangen der Pāṇḍava sein Verlangen (Imp.3.Sg.Med.; Nom.; Akk.)
dharme 'dharme 'pi vā kṛte
im Dharma oder auch im Adharma getan (Lok.; Lok.abs.)
Auch Bhīmasena, unduldsam, nachdem er im Kampf deinen Sohn erschlagen hatte, trat freudig erregt mit gefalteten Händen vor [den König], nachdem er ihn begrüßt hatte,
Wort für Wort
bhīmaseno 'pi hatvājau
auch Bhīmasena, erschlagen habend im Kampf (Nom.; Abs.Ger.; Lok.)
„Dir gehört heute die Erde, o König, friedlich und von Dornen [Feinden] befreit; regiere sie, großer König, indem du deinen Dharma [Standespflicht] bewahrst.
Wort für Wort
tavādya pṛthivī rājan
dein heute die Erde, o König (Gen.; Adv.; Nom.; Vok.)
kṣemā nihatakaṇṭakā
sicher, mit erschlagenen Dornen (Nom.Sg.f.; Bahuvrīhi)
tāṃ praśādhi mahārāja
diese regiere, großer König (Akk.; Imp.2.Sg.; Vok.)
svadharmam anupālayan
den eigenen Dharma bewahrend (Akk.; Part.Präs.Nom.)
Zum Glück bist du der Schuld ledig geworden – gegenüber der Mutter und dem Zorn, beiden; zum Glück siegst du, Unbezwingbarer; zum Glück ist der Feind gefällt.“
Wort für Wort
diṣṭyā gatas tvam ānṛṇyaṃ
zum Glück gelangt du zur Schuldlosigkeit (Adv.; Part.Pass.; Nom.; Akk.)
mātuḥ kopasya cobhayoḥ
der Mutter und dem Zorn, beiden (Gen.; Gen.; Gen.Du.)
diṣṭyā jayasi durdharṣa
zum Glück siegst du, Unbezwingbarer (2.Sg.Präs.; Vok.)
diṣṭyā śatrur nipātitaḥ
zum Glück der Feind gefällt (Nom.; Part.Kaus.Pass.)