Kapitel 63: duryodhanavilāpaḥ
Duryodhanas Klage und Botschaft am Boden liegend
Der gefallene Duryodhana klagt über den Bruch der Kampfregeln durch Bhīma, preist sein eigenes erfülltes Leben und trägt den Überlebenden Botschaften auf; Saṃjaya berichtet Dhṛtarāṣṭra.
Dhṛtarāṣṭra sprach: Der, auf dessen Haupt mit dem Fuß getreten wurde, mit zerschmetterten Schenkeln zu Boden gestürzt – mein Sohn, der sich für einen Helden hielt: Was hat er gesagt, Saṃjaya?
Wort für Wort
dhṛtarāṣṭra uvāca
Dhṛtarāṣṭra sprach (Perf.)
adhiṣṭhitaḥ padā mūrdhni
betreten mit dem Fuß auf dem Haupt (Part. Pass./Instr./Lok.)
bhagnasaktho mahīṃ gataḥ
mit zerbrochenen Schenkeln zur Erde gegangen (Bahuvrīhi/Akk./Part.)
śauṭīramānī putro me
sich für einen Helden haltend, mein Sohn (Nom.)
kāny abhāṣata saṃjaya
welche [Worte] sprach er, Saṃjaya (Akk. Pl. n./Impf. Med./Vok.)
Saṃjaya sprach: Höre, König, ich werde es berichten, wie es geschah, Herrscher der Menschen: was der König, als er zerschmettert war, sagte, als dieses Unglück eingetreten war.
Wort für Wort
saṃjaya uvāca
Saṃjaya sprach
śṛṇu rājan pravakṣyāmi
höre, König (Imp./Vok.), ich werde sagen (1.Sg.Fut.)
yathāvṛttaṃ narādhipa
wie es sich zutrug (Adv.), Herrscher der Menschen (Vok.)
rājñā yad uktaṃ bhagnena
was vom König gesagt wurde, vom Zerbrochenen (Instr./Part. Pass.)
Er stieß immer wieder beide Arme auf die Erde wie ein brünstiger Elefant, schüttelte die zerzausten Haare, biss die Zähne aufeinander, schmähte den ältesten Pāṇḍava, seufzte und sprach dann dies.
Wort für Wort
bāhū dharaṇyāṃ niṣpiṣya
beide Arme auf die Erde stoßend/zerschlagend (Akk. Du./Lok./Abs.)
muhur matta iva dvipaḥ
immer wieder wie ein brünstiger Elefant (Adv./Nom.)
prakīrṇān mūrdhajān dhunvan
die zerzausten Haare schüttelnd (Akk. Pl./Part. Präs.)
dantair dantān upaspṛśan
mit den Zähnen die Zähne berührend (Instr./Akk./Part.)
Obwohl Bhīṣma, der Śāṃtanava, mein Beschützer war, und Karṇa, der Beste der Waffenträger, und Gautama [Kṛpa], und Śakuni, und Droṇa, der Beste der Waffenträger –
Wort für Wort
bhīṣme śāṃtanave nāthe
da Bhīṣma, der Sohn Śaṃtanus, Beschützer war (Lok. abs.)
karṇe cāstrabhṛtāṃ vare
und Karṇa, dem Besten der Waffenträger (Lok./Gen. Pl.)
gautame śakunau cāpi
Gautama und auch Śakuni (Lok.)
droṇe cāstrabhṛtāṃ vare
und Droṇa, dem Besten der Waffenträger (Lok.)
Fortsetzung in den folgenden Versen; das Lok.-Absolutivum bleibt syntaktisch offen bis 63.008 (imām avasthāṃ prāpto 'smi).
und auch bei anderen Helden, hochgesinnten, war die Last abgelegt –
Wort für Wort
anyeṣv api ca śūreṣu
und auch bei anderen Helden (Lok. Pl.)
nyastabhāro mahātmasu
[ich, dem] die Last abgelegt [war], bei den Hochgesinnten (Bahuvrīhi/Lok. Pl.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzpassage (Stern); nyastabhāraḥ bezieht sich auf Duryodhana, der die Last der Kriegführung auf die Helden gelegt hatte.
kā prītiḥ sattvayuktasya kṛtvopadhikṛtaṃ jayam; ko vā samayabhettāraṃ budhaḥ saṃmantum arhati
Welche Freude hat einer, der Wahrhaftigkeit besitzt, wenn er durch Trug einen Sieg errungen hat? Oder welcher Kundige dürfte einen Vertragsbrecher [noch] beraten?
Wort für Wort
kā prītiḥ sattvayuktasya
welche Freude für einen mit Wesenskraft/Rechtschaffenheit Ausgestatteten (Nom./Gen.)
kṛtvopadhikṛtaṃ jayam
nachdem er einen durch Trug bewirkten Sieg gemacht hat (Abs./Akk.)
ko vā samayabhettāraṃ
oder wer den Abmachungsbrecher (Akk.)
budhaḥ saṃmantum arhati
als Kundiger zu beraten verdient/vermag (Inf./3.Sg.Präs.)
saṃmantum arhati: wörtlich „sich mit ihm beraten dürfte“; Sinn: mit einem Vertragsbrecher kann sich kein Kluger einlassen.
abhijñau kṣatradharmasya mama mātā pitā ca me; tau hi saṃjaya duḥkhārtau vijñāpyau vacanān mama
Meine Mutter und mein Vater kennen die Pflicht des Kriegerstandes. Diesen beiden, Saṃjaya, die von Leid gequält sind, ist in meinem Namen [Botschaft] zu melden.
Wort für Wort
abhijñau kṣatradharmasya
kundig der Kriegerpflicht (Nom. Du.)
mama mātā pitā ca me
meine Mutter und mein Vater (Nom.)
tau hi saṃjaya duḥkhārtau
diese beiden ja, Saṃjaya, leidgeplagt (Nom. Du./Vok.)
vijñāpyau vacanān mama
sind zu benachrichtigen auf mein Wort hin (Gerundiv/Abl.)
Geopfert habe ich, die Diener wurden gut unterhalten, die Erde mitsamt den Meeren wurde beherrscht, und [ich stand] auf dem Haupt der Feinde, während sie noch lebten, Saṃjaya.
Wort für Wort
iṣṭaṃ bhṛtyā bhṛtāḥ samyag
geopfert, die Diener wurden gut unterhalten (Part. Pass./Nom. Pl.)
bhūḥ praśāstā sasāgarā
die Erde wurde regiert samt den Meeren (Nom./Part. Pass.)
mūrdhni sthitam amitrāṇāṃ
auf dem Haupt der Feinde gestanden (Lok./Part./Gen. Pl.)
jīvatām eva saṃjaya
während sie eben noch lebten, Saṃjaya (Gen. abs./Vok.)
mānitā bāndhavāḥ sarve mānyaḥ saṃpūjito janaḥ; tritayaṃ sevitaṃ sarvaṃ ko nu svantataro mayā
Alle Verwandten wurden geehrt, Ehrwürdige und das Volk wurden gebührend geachtet, die Dreiheit [der Lebensziele] wurde ganz gepflegt: Wer ist da glücklicher als ich?
Wort für Wort
mānitā bāndhavāḥ sarve
geehrt wurden alle Verwandten (Part. Pass.)
mānyaḥ saṃpūjito janaḥ
der Ehrwürdige [und] das Volk wurden verehrt (Nom.)
tritayaṃ sevitaṃ sarvaṃ
die ganze Dreiheit wurde gepflegt (Nom./Part. Pass.)
ājñaptaṃ nṛpamukhyeṣu mānaḥ prāptaḥ sudurlabhaḥ; ājāneyais tathā yātaṃ ko nu svantataro mayā
Unter den ersten der Könige wurde Befehl erteilt, sehr schwer erreichbare Ehre erlangt, und auf edlen Rossen wurde gefahren: Wer ist da glücklicher als ich?
Wort für Wort
ājñaptaṃ nṛpamukhyeṣu
Befehl erteilt unter den Königsfürsten (Part. Pass./Lok.)
mānaḥ prāptaḥ sudurlabhaḥ
Ehre erlangt, sehr schwer zu erlangen (Nom.)
ājāneyais tathā yātaṃ
auf edlen Rossen ebenso gefahren (Instr. Pl./Part.)
adhītaṃ vidhivad dattaṃ prāptam āyur nirāmayam; svadharmeṇa jitā lokāḥ ko nu svantataro mayā
Ich habe studiert, wie es sich gehört, gegeben, ein gesundes langes Leben erreicht, durch die eigene Pflicht wurden Welten gewonnen: Wer ist da glücklicher als ich?
Wort für Wort
adhītaṃ vidhivad dattaṃ
studiert nach Vorschrift, gegeben (Part. Pass./Adv.)
prāptam āyur nirāmayam
erreicht das Leben, krankheitsfrei (Part./Nom.)
svadharmeṇa jitā lokāḥ
durch die eigene Pflicht gewonnen die Welten (Instr./Part. Pass.)
diṣṭyā nāhaṃ jitaḥ saṃkhye parān preṣyavad āśritaḥ; diṣṭyā me vipulā lakṣmīr mṛte tv anyaṃ gatā vibho
Zum Glück wurde ich nicht im Kampf besiegt, [so dass ich] die Feinde wie ein Diener [hätte] aufsuchen müssen; zum Glück war mein Reichtum groß und ging erst nach meinem Tod, Herr, zu einem anderen.
Wort für Wort
diṣṭyā nāhaṃ jitaḥ saṃkhye
zum Glück wurde ich nicht besiegt im Kampf (Instr. Adv./Part.)
parān preṣyavad āśritaḥ
die Feinde wie ein Diener [angehend]/zu ihnen Zuflucht genommen (Akk. Pl./Adv./Part.)
diṣṭyā me vipulā lakṣmīr
zum Glück war mein reiches Glück/Königsglanz (Nom.)
mṛte tv anyaṃ gatā vibho
erst nach [meinem] Tod zu einem anderen gegangen, Herr (Lok. abs./Part./Vok.)
Konstruktion von parān preṣyavad āśritaḥ knapp: „nicht besiegt und [nicht] als Diener bei den Feinden Zuflucht suchend“ [?].
diṣṭyā nāhaṃ parāvṛtto vairāt prākṛtavaj jitaḥ; diṣṭyā na vimatiṃ kāṃ cid bhajitvā tu parājitaḥ
Zum Glück bin ich nicht aus Feindschaft [oder Furcht] umgekehrt und wie ein gemeiner Mensch besiegt worden; zum Glück wurde ich nicht besiegt, nachdem ich irgendeine Verzagtheit gezeigt hätte.
Wort für Wort
diṣṭyā nāhaṃ parāvṛtto
zum Glück bin ich nicht abgewandt/geflohen (Part.)
vairāt prākṛtavaj jitaḥ
aus Feindschaft, wie ein gewöhnlicher Mensch besiegt (Abl./Adv./Part.)
diṣṭyā na vimatiṃ kāṃ cid
zum Glück nicht irgendeine Verzagtheit/Missmut (Akk.)
bhajitvā tu parājitaḥ
nachdem ich [sie] gezeigt hätte, besiegt (Abs./Part.)
vairāt und vimatim: Text/Sinn nicht ganz sicher [?].
duḥśāsanapurogāṃś ca bhrātṝn ātmasamāṃs tathā; dauḥśāsaniṃ ca vikrāntaṃ lakṣmaṇaṃ cātmajāv ubhau
und die Brüder mit Duḥśāsana an der Spitze, die mir selbst gleich sind, und den tapferen Sohn Duḥśāsanas, und Lakṣmaṇa, [meinen Sohn], beide meine Söhne –
Wort für Wort
duḥśāsanapurogāṃś ca bhrātṝn
und die Brüder mit Duḥśāsana als Vorkämpfer (Akk. Pl.)
ātmasamāṃs tathā
die mir selbst gleich sind, ebenso (Akk. Pl.)
dauḥśāsaniṃ ca vikrāntaṃ
und den Duḥśāsana-Sohn, den Tapferen (Akk.)
lakṣmaṇaṃ cātmajāv ubhau
und Lakṣmaṇa, beide [als] Söhne (Akk./Akk. Du.)
ātmajāv ubhau „beide Söhne“: gemeint Lakṣmaṇa und der Sohn Duḥśāsanas als Nachkommen [?].