Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Virāṭaparva

Kapitel 10: Pāṇḍavapraveśaparva (10) Arjuna als Bṛhannaḍā am Hof Virāṭas

Als Letzter der Brüder erscheint Arjuna in weiblichem Schmuck und Gewand, doch von so gewaltiger, erdbebenerregender Schritt- und Körperkraft, dass Virāṭa zunächst vorschlägt, er möge den weiblichen Schmuck ablegen und stattdessen als Krieger in seine Dienste treten - undenkbar erscheine ihm, dass ein derart kraftvoll gebauter Mann tatsächlich ein Eunuch sein könne. Arjuna bittet stattdessen darum, als Tanz- und Gesanglehrer der Prinzessin Uttarā übergeben zu werden, und gibt sich, ohne den Grund zu nennen, als geschlechtsloser Bṛhannaḍā aus, von Vater und Mutter verlassen. Virāṭa gewährt ihm diese Bitte, überzeugt sich in einer Prüfung von Bṛhannaḍās Künsten und tatsächlicher Unmännlichkeit und schickt ihn in die Frauengemächer, wo Arjuna fortan unerkannt Uttarā und ihre Gefährtinnen unterrichtet.

vaiśaṃpāyana uvāca athāparo 'dṛśyata rūpasaṃpadā; strīṇām alaṃkāradharo bṛhat pumān prākāravapre pratimucya kuṇḍale; dīrghe ca kambū parihāṭake śubhe

Vaiśampāyana sprach: Da erschien ein anderer, von überragender Schönheit, ein großer Mann, der den Schmuck von Frauen trug - Ohrringe mit wallartig geformter Fassung angelegt, sowie lange, wohlgeformte, muschelartige Armreifen.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca athāparo 'dṛśyata rūpasaṃpadā; strīṇām alaṃkāradharo bṛhat pumān prākāravapre pratimucya kuṇḍale; dīrghe ca kambū parihāṭake śubhe
Vaiśampāyana sprach: Da erschien ein anderer, von überragender Schönheit, ein großer Mann, der den Schmuck von Frauen trug - Ohrringe mit wallartig geformter Fassung angelegt, sowie lange, wohlgeformte, muschelartige Armreifen.

bahūṃś ca dīrghāṃś ca vikīrya mūrdhajān; mahābhujo vāraṇamattavikramaḥ gatena bhūmim abhikampayaṃs tadā; virāṭam āsādya sabhāsamīpataḥ

Und nachdem er sein reichliches, langes Haar hatte herabfallen lassen, näherte sich der Starkarmige, mit dem Gang eines brünftigen Elefanten, die Erde bei jedem Schritt erzittern lassend, Virāṭa in der Nähe der Versammlungshalle.

Wort für Wort
bahūṃś ca dīrghāṃś ca vikīrya mūrdhajān; mahābhujo vāraṇamattavikramaḥ gatena bhūmim abhikampayaṃs tadā; virāṭam āsādya sabhāsamīpataḥ
Und nachdem er sein reichliches, langes Haar hatte herabfallen lassen, näherte sich der Starkarmige, mit dem Gang eines brünftigen Elefanten, die Erde bei jedem Schritt erzittern lassend, Virāṭa in der Nähe der Versammlungshalle.

taṃ prekṣya rājopagataṃ sabhātale; satrapraticchannam aripramāthinam virājamānaṃ parameṇa varcasā; sutaṃ mahendrasya gajendravikramam

Als der König ihn erblickte, der sich der Halle der Versammlung genähert hatte, verhüllt in weiblicher Kleidung, den Feindevernichter, von höchstem Glanz erstrahlend, den Sohn des großen Indra, von der Kraft eines Elefantenfürsten,

Wort für Wort
taṃ prekṣya rājopagataṃ sabhātale; satrapraticchannam aripramāthinam virājamānaṃ parameṇa varcasā; sutaṃ mahendrasya gajendravikramam
Als der König ihn erblickte, der sich der Halle der Versammlung genähert hatte, verhüllt in weiblicher Kleidung, den Feindevernichter, von höchstem Glanz erstrahlend, den Sohn des großen Indra, von der Kraft eines Elefantenfürsten,

sarvān apṛcchac ca samīpacāriṇaḥ; kuto 'yam āyāti na me purā śrutaḥ na cainam ūcur viditaṃ tadā narāḥ; savismitaṃ vākyam idaṃ nṛpo 'bravīt

fragte er alle, die in seiner Nähe standen: ‚Woher kommt dieser? Von ihm habe ich zuvor nichts gehört.‘ Doch die Männer, die es nicht wussten, gaben ihm damals keine Auskunft; verwundert sprach der König dieses Wort:

Wort für Wort
sarvān apṛcchac ca samīpacāriṇaḥ; kuto 'yam āyāti na me purā śrutaḥ na cainam ūcur viditaṃ tadā narāḥ; savismitaṃ vākyam idaṃ nṛpo 'bravīt
fragte er alle, die in seiner Nähe standen: ‚Woher kommt dieser? Von ihm habe ich zuvor nichts gehört.‘ Doch die Männer, die es nicht wussten, gaben ihm damals keine Auskunft; verwundert sprach der König dieses Wort:

sarvopapannaḥ puruṣo manoramaḥ; śyāmo yuvā vāraṇayūthapopamaḥ vimucya kambū parihāṭake śubhe; vimucya veṇīm apinahya kuṇḍale

‚Dieser Mann, mit allem ausgestattet, bezaubernd, dunkel, jung, einem Elefantenherdenführer vergleichbar - lege die wohlgeformten muschelartigen Armreifen ab, löse den Zopf, entferne die Ohrringe,

Wort für Wort
sarvopapannaḥ puruṣo manoramaḥ; śyāmo yuvā vāraṇayūthapopamaḥ vimucya kambū parihāṭake śubhe; vimucya veṇīm apinahya kuṇḍale
‚Dieser Mann, mit allem ausgestattet, bezaubernd, dunkel, jung, einem Elefantenherdenführer vergleichbar - lege die wohlgeformten muschelartigen Armreifen ab, löse den Zopf, entferne die Ohrringe,

śikhī sukeśaḥ paridhāya cānyathā; bhavasva dhanvī kavacī śarī tathā āruhya yānaṃ paridhāvatāṃ bhavān; sutaiḥ samo me bhava vā mayā samaḥ

trage stattdessen einen Haarschopf, gepflegtes Haar, anders gekleidet; werde ein Bogenschütze, gepanzert, ebenso ein Pfeilträger; auf einen Wagen steigend, sei einer von denen, die umherfahren; sei meinen Söhnen gleich, oder mir selbst gleich.

Wort für Wort
śikhī sukeśaḥ paridhāya cānyathā; bhavasva dhanvī kavacī śarī tathā āruhya yānaṃ paridhāvatāṃ bhavān; sutaiḥ samo me bhava vā mayā samaḥ
trage stattdessen einen Haarschopf, gepflegtes Haar, anders gekleidet; werde ein Bogenschütze, gepanzert, ebenso ein Pfeilträger; auf einen Wagen steigend, sei einer von denen, die umherfahren; sei meinen Söhnen gleich, oder mir selbst gleich.

vṛddho hy ahaṃ vai parihārakāmaḥ; sarvān matsyāṃs tarasā pālayasva naivaṃvidhāḥ klībarūpā bhavanti; kathaṃ caneti pratibhāti me manaḥ

Denn ich bin alt und wünsche Entlastung; beschütze du rasch alle Matsyas. Menschen von solcher Gestalt werden niemals zu Eunuchen - so, in keiner Weise, scheint es meinem Sinn.‘

Wort für Wort
vṛddho hy ahaṃ vai parihārakāmaḥ; sarvān matsyāṃs tarasā pālayasva naivaṃvidhāḥ klībarūpā bhavanti; kathaṃ caneti pratibhāti me manaḥ
Denn ich bin alt und wünsche Entlastung; beschütze du rasch alle Matsyas. Menschen von solcher Gestalt werden niemals zu Eunuchen - so, in keiner Weise, scheint es meinem Sinn.‘

arjuna uvāca gāyāmi nṛtyāmy atha vādayāmi; bhadro 'smi nṛtte kuśalo 'smi gīte tvam uttarāyāḥ paridatsva māṃ svayaṃ; bhavāmi devyā naradeva nartakaḥ

‚Ich singe, ich tanze, und ich spiele auch Instrumente; trefflich bin ich im Tanz, geschickt im Gesang. Übergib mich selbst der Uttarā; ich werde, Menschengott, der Tanzlehrer der Prinzessin sein.‘

Wort für Wort
arjuna uvāca gāyāmi nṛtyāmy atha vādayāmi; bhadro 'smi nṛtte kuśalo 'smi gīte tvam uttarāyāḥ paridatsva māṃ svayaṃ; bhavāmi devyā naradeva nartakaḥ
‚Ich singe, ich tanze, und ich spiele auch Instrumente; trefflich bin ich im Tanz, geschickt im Gesang. Übergib mich selbst der Uttarā; ich werde, Menschengott, der Tanzlehrer der Prinzessin sein.‘

idaṃ tu rūpaṃ mama yena kiṃ nu tat; prakīrtayitvā bhṛśaśokavardhanam bṛhannaḍāṃ vai naradeva viddhi māṃ; sutaṃ sutāṃ vā pitṛmātṛvarjitām

‚Doch was diese meine Gestalt betrifft - was nützte es, ihren Grund zu verkünden, der nur tiefen Kummer mehren würde? Als Bṛhannaḍā, Menschengott, kenne mich - sei es Sohn oder Tochter -, von Vater und Mutter verlassen.‘

Wort für Wort
idaṃ tu rūpaṃ mama yena kiṃ nu tat; prakīrtayitvā bhṛśaśokavardhanam bṛhannaḍāṃ vai naradeva viddhi māṃ; sutaṃ sutāṃ vā pitṛmātṛvarjitām
‚Doch was diese meine Gestalt betrifft - was nützte es, ihren Grund zu verkünden, der nur tiefen Kummer mehren würde? Als Bṛhannaḍā, Menschengott, kenne mich - sei es Sohn oder Tochter -, von Vater und Mutter verlassen.‘

virāṭa uvāca dadāmi te hanta varaṃ bṛhannaḍe; sutāṃ ca me nartaya yāś ca tādṛśīḥ idaṃ tu te karma samaṃ na me mataṃ; samudranemiṃ pṛthivīṃ tvam arhasi

‚Wohlan, ich gewähre dir eine Gabe, Bṛhannaḍā; unterrichte meine Tochter und solche wie sie im Tanz. Doch halte ich diese Aufgabe für nicht angemessen für dich - die vom Ozean umgürtete Erde würdest du verdienen.‘

Wort für Wort
virāṭa uvāca dadāmi te hanta varaṃ bṛhannaḍe; sutāṃ ca me nartaya yāś ca tādṛśīḥ idaṃ tu te karma samaṃ na me mataṃ; samudranemiṃ pṛthivīṃ tvam arhasi
‚Wohlan, ich gewähre dir eine Gabe, Bṛhannaḍā; unterrichte meine Tochter und solche wie sie im Tanz. Doch halte ich diese Aufgabe für nicht angemessen für dich - die vom Ozean umgürtete Erde würdest du verdienen.‘

vaiśaṃpāyana uvāca bṛhannaḍāṃ tām abhivīkṣya matsyarāṭ; kalāsu nṛtte ca tathaiva vādite apuṃstvam apy asya niśamya ca sthiraṃ; tataḥ kumārīpuram utsasarja tam

Nachdem der Matsya-König jene Bṛhannaḍā in den Künsten, im Tanz und ebenso im Instrumentenspiel geprüft und sich von seiner feststehenden Unmännlichkeit überzeugt hatte, entsandte er ihn darauf in die Gemächer der Prinzessin.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca bṛhannaḍāṃ tām abhivīkṣya matsyarāṭ; kalāsu nṛtte ca tathaiva vādite apuṃstvam apy asya niśamya ca sthiraṃ; tataḥ kumārīpuram utsasarja tam
Nachdem der Matsya-König jene Bṛhannaḍā in den Künsten, im Tanz und ebenso im Instrumentenspiel geprüft und sich von seiner feststehenden Unmännlichkeit überzeugt hatte, entsandte er ihn darauf in die Gemächer der Prinzessin.

sa śikṣayām āsa ca gītavāditaṃ; sutāṃ virāṭasya dhanaṃjayaḥ prabhuḥ sakhīś ca tasyāḥ paricārikās tathā; priyaś ca tāsāṃ sa babhūva pāṇḍavaḥ

Und er, der Gebieter Dhanaṃjaya, unterrichtete Virāṭas Tochter in Gesang und Instrumentenspiel, ebenso ihre Freundinnen und Dienerinnen; und jener Pāṇḍava wurde ihnen lieb und teuer.

Wort für Wort
sa śikṣayām āsa ca gītavāditaṃ; sutāṃ virāṭasya dhanaṃjayaḥ prabhuḥ sakhīś ca tasyāḥ paricārikās tathā; priyaś ca tāsāṃ sa babhūva pāṇḍavaḥ
Und er, der Gebieter Dhanaṃjaya, unterrichtete Virāṭas Tochter in Gesang und Instrumentenspiel, ebenso ihre Freundinnen und Dienerinnen; und jener Pāṇḍava wurde ihnen lieb und teuer.

tathā sa satreṇa dhanaṃjayo 'vasat; priyāṇi kurvan saha tābhir ātmavān tathāgataṃ tatra na jajñire janā; bahiścarā vāpy athavāntarecarāḥ

So lebte Dhanaṃjaya, in weiblicher Verkleidung, selbstbeherrscht, ihnen Gefälliges erweisend; und niemand dort erkannte, wer er in Wahrheit war, weder die, die draußen, noch die, die drinnen verkehrten.

Wort für Wort
tathā sa satreṇa dhanaṃjayo 'vasat; priyāṇi kurvan saha tābhir ātmavān tathāgataṃ tatra na jajñire janā; bahiścarā vāpy athavāntarecarāḥ
So lebte Dhanaṃjaya, in weiblicher Verkleidung, selbstbeherrscht, ihnen Gefälliges erweisend; und niemand dort erkannte, wer er in Wahrheit war, weder die, die draußen, noch die, die drinnen verkehrten.

Dieses Kapitel in der Leseansicht