Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Virāṭaparva

Kapitel 14: Kīcakavadhaparva (2) Sudeṣṇā sendet Draupadī zu Kīcaka

Von Draupadī zurückgewiesen, bittet Kīcaka seine Schwester Sudeṣṇā um Hilfe. Diese lässt unter dem Vorwand eines Festes Wein und Speisen in Kīcakas Haus bereiten und befiehlt Draupadī, dorthin Trank zu holen. Draupadī bittet vergeblich, verschont zu bleiben, und erinnert an die bei ihrem Diensteintritt getroffene Abmachung; doch Sudeṣṇā besteht darauf und versichert, ihr werde nichts geschehen. Weinend und von böser Vorahnung erfüllt, macht sich Draupadī auf den Weg, ruft in einer Wahrheitsbeschwörung ihre Treue zu den Pāṇḍavas als Schutz an und betet kurz zu Sūrya, der daraufhin einen unsichtbaren Rākṣasa zu ihrem Schutz bestimmt. Kīcaka erhebt sich voller Freude, als er die verängstigte Draupadī herankommen sieht.

vaiśaṃpāyana uvāca pratyākhyāto rājaputryā sudeṣṇāṃ kīcako 'bravīt amaryādena kāmena ghoreṇābhipariplutaḥ

Vaiśampāyana sprach: Von der Königstochter zurückgewiesen, von grenzenlosem, schrecklichem Verlangen überwältigt, sprach Kīcaka zu Sudeṣṇā:

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca pratyākhyāto rājaputryā sudeṣṇāṃ kīcako 'bravīt amaryādena kāmena ghoreṇābhipariplutaḥ
Vaiśampāyana sprach: Von der Königstochter zurückgewiesen, von grenzenlosem, schrecklichem Verlangen überwältigt, sprach Kīcaka zu Sudeṣṇā:

yathā kaikeyi sairandhryā sameyāṃ tad vidhīyatām tāṃ sudeṣṇe parīpsasva māhaṃ prāṇān prahāsiṣam

‚Sorge dafür, du Kekaya-Fürstin, dass ich mit der Sairandhrī zusammenkomme; das lass geschehen. Gewinne sie für mich, Sudeṣṇā, sonst gebe ich mein Leben auf.‘

Wort für Wort
yathā kaikeyi sairandhryā sameyāṃ tad vidhīyatām tāṃ sudeṣṇe parīpsasva māhaṃ prāṇān prahāsiṣam
‚Sorge dafür, du Kekaya-Fürstin, dass ich mit der Sairandhrī zusammenkomme; das lass geschehen. Gewinne sie für mich, Sudeṣṇā, sonst gebe ich mein Leben auf.‘

tasya tāṃ bahuśaḥ śrutvā vācaṃ vilapatas tadā virāṭamahiṣī devī kṛpāṃ cakre manasvinī

Nachdem sie seine so oft wiederholten klagenden Worte gehört hatte, empfand Virāṭas Gemahlin, die hochgesinnte Fürstin, Mitleid mit ihm.

Wort für Wort
tasya tāṃ bahuśaḥ śrutvā vācaṃ vilapatas tadā virāṭamahiṣī devī kṛpāṃ cakre manasvinī
Nachdem sie seine so oft wiederholten klagenden Worte gehört hatte, empfand Virāṭas Gemahlin, die hochgesinnte Fürstin, Mitleid mit ihm.

svam artham abhisaṃdhāya tasyārtham anucintya ca udvegaṃ caiva kṛṣṇāyāḥ sudeṣṇā sūtam abravīt

Ihr eigenes Interesse bedenkend und zugleich seines erwägend, ohne Rücksicht auf Kṛṣṇās Bestürzung, sprach Sudeṣṇā zu dem Wagenlenkersohn:

Wort für Wort
svam artham abhisaṃdhāya tasyārtham anucintya ca udvegaṃ caiva kṛṣṇāyāḥ sudeṣṇā sūtam abravīt
Ihr eigenes Interesse bedenkend und zugleich seines erwägend, ohne Rücksicht auf Kṛṣṇās Bestürzung, sprach Sudeṣṇā zu dem Wagenlenkersohn:

parviṇīṃ tvaṃ samuddiṣya surām annaṃ ca kāraya tatraināṃ preṣayiṣyāmi surāhārīṃ tavāntikam

‚Unter dem Vorwand eines Festtages lass Wein und Speise bereiten; dann werde ich sie, als Weinholerin, zu dir senden.

Wort für Wort
parviṇīṃ tvaṃ samuddiṣya surām annaṃ ca kāraya tatraināṃ preṣayiṣyāmi surāhārīṃ tavāntikam
‚Unter dem Vorwand eines Festtages lass Wein und Speise bereiten; dann werde ich sie, als Weinholerin, zu dir senden.

tatra saṃpreṣitām enāṃ vijane niravagrahām sāntvayethā yathākāmaṃ sāntvyamānā ramed yadi

Wenn sie dorthin geschickt worden ist, allein und ohne Beschützer, magst du nach Belieben um sie werben; sollte sie sich, umworben, gefallen finden, so mag es geschehen.‘

Wort für Wort
tatra saṃpreṣitām enāṃ vijane niravagrahām sāntvayethā yathākāmaṃ sāntvyamānā ramed yadi
Wenn sie dorthin geschickt worden ist, allein und ohne Beschützer, magst du nach Belieben um sie werben; sollte sie sich, umworben, gefallen finden, so mag es geschehen.‘

kīcakas tu gṛhaṃ gatvā bhaginyā vacanāt tadā surām āhārayām āsa rājārhāṃ suparisrutām

Kīcaka aber ging nach Hause und ließ, dem Wort seiner Schwester gemäß, königswürdigen, wohlgeklärten Wein herbeischaffen.

Wort für Wort
kīcakas tu gṛhaṃ gatvā bhaginyā vacanāt tadā surām āhārayām āsa rājārhāṃ suparisrutām
Kīcaka aber ging nach Hause und ließ, dem Wort seiner Schwester gemäß, königswürdigen, wohlgeklärten Wein herbeischaffen.

ājaurabhraṃ ca subhṛśaṃ bahūṃś coccāvacān mṛgān kārayām āsa kuśalair annapānaṃ suśobhanam

Reichlich Ziegen- und Schaffleisch sowie mancherlei Arten von Wildbret ließ er von geschickten Köchen zubereiten - vortreffliche Speise und Trank.

Wort für Wort
ājaurabhraṃ ca subhṛśaṃ bahūṃś coccāvacān mṛgān kārayām āsa kuśalair annapānaṃ suśobhanam
Reichlich Ziegen- und Schaffleisch sowie mancherlei Arten von Wildbret ließ er von geschickten Köchen zubereiten - vortreffliche Speise und Trank.

tasmin kṛte tadā devī kīcakenopamantritā sudeṣṇā preṣayām āsa sairandhrīṃ kīcakālayam

Als dies geschehen war, sandte Königin Sudeṣṇā, von Kīcaka gedrängt, die Sairandhrī zu Kīcakas Wohnstatt.

Wort für Wort
tasmin kṛte tadā devī kīcakenopamantritā sudeṣṇā preṣayām āsa sairandhrīṃ kīcakālayam
Als dies geschehen war, sandte Königin Sudeṣṇā, von Kīcaka gedrängt, die Sairandhrī zu Kīcakas Wohnstatt.

sudeṣṇovāca uttiṣṭha gaccha sairandhri kīcakasya niveśanam pānam ānaya kalyāṇi pipāsā māṃ prabādhate

‚Steh auf, geh, Sairandhrī, zu Kīcakas Wohnstatt; bring mir Trank, du Anmutige - Durst plagt mich.‘

Wort für Wort
sudeṣṇovāca uttiṣṭha gaccha sairandhri kīcakasya niveśanam pānam ānaya kalyāṇi pipāsā māṃ prabādhate
‚Steh auf, geh, Sairandhrī, zu Kīcakas Wohnstatt; bring mir Trank, du Anmutige - Durst plagt mich.‘

draupady uvāca na gaccheyam ahaṃ tasya rājaputri niveśanam tvam eva rājñi jānāsi yathā sa nirapatrapaḥ

‚Nicht möchte ich zu seiner Wohnstatt gehen, Königstochter; du selbst, Königin, weißt doch, wie schamlos er ist.

Wort für Wort
draupady uvāca na gaccheyam ahaṃ tasya rājaputri niveśanam tvam eva rājñi jānāsi yathā sa nirapatrapaḥ
‚Nicht möchte ich zu seiner Wohnstatt gehen, Königstochter; du selbst, Königin, weißt doch, wie schamlos er ist.

na cāham anavadyāṅgi tava veśmani bhāmini kāmavṛttā bhaviṣyāmi patīnāṃ vyabhicāriṇī

Und ich werde, du Makellosgliedrige, Strahlende, in deinem Haus nicht zu einer von Begierde Getriebenen werden, die ihren Gatten untreu wird.

Wort für Wort
na cāham anavadyāṅgi tava veśmani bhāmini kāmavṛttā bhaviṣyāmi patīnāṃ vyabhicāriṇī
Und ich werde, du Makellosgliedrige, Strahlende, in deinem Haus nicht zu einer von Begierde Getriebenen werden, die ihren Gatten untreu wird.

tvaṃ caiva devi jānāsi yathā sa samayaḥ kṛtaḥ praviśantyā mayā pūrvaṃ tava veśmani bhāmini

Und du selbst, Königin, kennst die Abmachung, die ich getroffen habe, als ich einst in dein Haus eintrat, du Strahlende.

Wort für Wort
tvaṃ caiva devi jānāsi yathā sa samayaḥ kṛtaḥ praviśantyā mayā pūrvaṃ tava veśmani bhāmini
Und du selbst, Königin, kennst die Abmachung, die ich getroffen habe, als ich einst in dein Haus eintrat, du Strahlende.

kīcakaś ca sukeśānte mūḍho madanadarpitaḥ so 'vamaṃsyati māṃ dṛṣṭvā na yāsye tatra śobhane

Und Kīcaka, du Schönhaarige, verblendet, von Lust aufgebläht, wird mich, sobald er mich erblickt, entehren wollen; dorthin werde ich nicht gehen, du Schöne.

Wort für Wort
kīcakaś ca sukeśānte mūḍho madanadarpitaḥ so 'vamaṃsyati māṃ dṛṣṭvā na yāsye tatra śobhane
Und Kīcaka, du Schönhaarige, verblendet, von Lust aufgebläht, wird mich, sobald er mich erblickt, entehren wollen; dorthin werde ich nicht gehen, du Schöne.

santi bahvyas tava preṣyā rājaputri vaśānugāḥ anyāṃ preṣaya bhadraṃ te sa hi mām avamaṃsyate

Es gibt viele Dienerinnen von dir, Königstochter, die deinem Willen gehorchen; sende eine andere - Segen sei mit dir -, denn mich wird er entehren wollen.‘

Wort für Wort
santi bahvyas tava preṣyā rājaputri vaśānugāḥ anyāṃ preṣaya bhadraṃ te sa hi mām avamaṃsyate
Es gibt viele Dienerinnen von dir, Königstochter, die deinem Willen gehorchen; sende eine andere - Segen sei mit dir -, denn mich wird er entehren wollen.‘

sudeṣṇovāca naiva tvāṃ jātu hiṃsyāt sa itaḥ saṃpreṣitāṃ mayā

‚Niemals würde er dir Leid zufügen, wenn du von mir hierher gesandt wirst.‘

Wort für Wort
sudeṣṇovāca naiva tvāṃ jātu hiṃsyāt sa itaḥ saṃpreṣitāṃ mayā
‚Niemals würde er dir Leid zufügen, wenn du von mir hierher gesandt wirst.‘

vaiśaṃpāyana uvāca ity asyāḥ pradadau kāṃsyaṃ sapidhānaṃ hiraṇmayam sā śaṅkamānā rudatī daivaṃ śaraṇam īyuṣī prātiṣṭhata surāhārī kīcakasya niveśanam

Vaiśampāyana sprach: So sprechend, gab sie ihr ein goldenes Gefäß aus Bronze mit einem Deckel; sie aber, voller Bangen, weinend, bei der Gottheit Zuflucht suchend, machte sich als Weinholerin auf den Weg zu Kīcakas Wohnstatt.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca ity asyāḥ pradadau kāṃsyaṃ sapidhānaṃ hiraṇmayam sā śaṅkamānā rudatī daivaṃ śaraṇam īyuṣī prātiṣṭhata surāhārī kīcakasya niveśanam
Vaiśampāyana sprach: So sprechend, gab sie ihr ein goldenes Gefäß aus Bronze mit einem Deckel; sie aber, voller Bangen, weinend, bei der Gottheit Zuflucht suchend, machte sich als Weinholerin auf den Weg zu Kīcakas Wohnstatt.

draupady uvāca yathāham anyaṃ pāṇḍubhyo nābhijānāmi kaṃ cana tena satyena māṃ prāptāṃ kīcako mā vaśe kṛthāḥ

‚So wahr ich außer den Söhnen des Pāṇḍu keinen anderen Mann kenne - bei dieser Wahrheit möge Kīcaka mich, wenn ich dort angekommen bin, nicht in seine Gewalt bringen.‘

Wort für Wort
draupady uvāca yathāham anyaṃ pāṇḍubhyo nābhijānāmi kaṃ cana tena satyena māṃ prāptāṃ kīcako mā vaśe kṛthāḥ
‚So wahr ich außer den Söhnen des Pāṇḍu keinen anderen Mann kenne - bei dieser Wahrheit möge Kīcaka mich, wenn ich dort angekommen bin, nicht in seine Gewalt bringen.‘

Eine 'Wahrheitsbeschwörung' (satyakriyā): die Kraft einer wahren Aussage wird als schützende Macht angerufen - ein im Epos häufiges Motiv.

vaiśaṃpāyana uvāca upātiṣṭhata sā sūryaṃ muhūrtam abalā tataḥ sa tasyās tanumadhyāyāḥ sarvaṃ sūryo 'vabuddhavān

Sie, die Kraftlose, wandte sich darauf für einen Augenblick betend an Sūrya; und Sūrya erkannte alles, was jene Schlankhüftige betraf.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca upātiṣṭhata sā sūryaṃ muhūrtam abalā tataḥ sa tasyās tanumadhyāyāḥ sarvaṃ sūryo 'vabuddhavān
Sie, die Kraftlose, wandte sich darauf für einen Augenblick betend an Sūrya; und Sūrya erkannte alles, was jene Schlankhüftige betraf.

antarhitaṃ tatas tasyā rakṣo rakṣārtham ādiśat tac caināṃ nājahāt tatra sarvāvasthāsv aninditām

Da bestimmte er einen unsichtbaren Rākṣasa zu ihrem Schutz; und dieser verließ sie, die Makellose, dort unter keinen Umständen.

Wort für Wort
antarhitaṃ tatas tasyā rakṣo rakṣārtham ādiśat tac caināṃ nājahāt tatra sarvāvasthāsv aninditām
Da bestimmte er einen unsichtbaren Rākṣasa zu ihrem Schutz; und dieser verließ sie, die Makellose, dort unter keinen Umständen.

tāṃ mṛgīm iva vitrastāṃ dṛṣṭvā kṛṣṇāṃ samīpagām udatiṣṭhan mudā sūto nāvaṃ labdhveva pāragaḥ

Als er Kṛṣṇā erblickte, verängstigt wie ein Reh, sich nähernd, erhob sich der Wagenlenkersohn voller Freude, wie einer, der ans andere Ufer gelangen will und plötzlich ein Boot erhalten hat.

Wort für Wort
tāṃ mṛgīm iva vitrastāṃ dṛṣṭvā kṛṣṇāṃ samīpagām udatiṣṭhan mudā sūto nāvaṃ labdhveva pāragaḥ
Als er Kṛṣṇā erblickte, verängstigt wie ein Reh, sich nähernd, erhob sich der Wagenlenkersohn voller Freude, wie einer, der ans andere Ufer gelangen will und plötzlich ein Boot erhalten hat.

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