Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Virāṭaparva

Kapitel 16: Kīcakavadhaparva (4) Draupadī weckt Bhīma

Nach dem Übergriff kehrt Draupadī, von Zorn erfüllt, in ihre Unterkunft zurück, reinigt sich und überlegt weinend, was zu tun sei; ihre Gedanken wenden sich Bhīma zu. Sie schleicht sich nachts in die Küche, weckt ihn zärtlich und mit dringlichen Worten und fordert ihn auf, den lüsternen Heerführer Kīcaka zu töten. Bhīma erwacht, erkennt ihre Erschütterung und bittet sie, ihm alles genau zu berichten, damit er das Rechte tun könne - noch in derselben Nacht, ehe jemand ihre heimliche Zusammenkunft bemerkt.

vaiśaṃpāyana uvāca sā hatā sūtaputreṇa rājaputrī samajvalat vadhaṃ kṛṣṇā parīpsantī senāvāhasya bhāminī jagāmāvāsam evātha tadā sā drupadātmajā

Vaiśampāyana sprach: Sie, von dem Wagenlenkersohn geschlagen, die Königstochter, entbrannte vor Zorn; Kṛṣṇā, die Strahlende, den Tod des Heerführers ersehnend, ging darauf zu ihrer eigenen Unterkunft, die Tochter Drupadas.

Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca sā hatā sūtaputreṇa rājaputrī samajvalat vadhaṃ kṛṣṇā parīpsantī senāvāhasya bhāminī jagāmāvāsam evātha tadā sā drupadātmajā
Vaiśampāyana sprach: Sie, von dem Wagenlenkersohn geschlagen, die Königstochter, entbrannte vor Zorn; Kṛṣṇā, die Strahlende, den Tod des Heerführers ersehnend, ging darauf zu ihrer eigenen Unterkunft, die Tochter Drupadas.

kṛtvā śaucaṃ yathānyāyaṃ kṛṣṇā vai tanumadhyamā gātrāṇi vāsasī caiva prakṣālya salilena sā

Nachdem sie sich, wie es sich geziemt, gereinigt hatte, Kṛṣṇā, die Schlankhüftige, nachdem sie ihre Glieder und ihre Gewänder mit Wasser gewaschen hatte,

Wort für Wort
kṛtvā śaucaṃ yathānyāyaṃ kṛṣṇā vai tanumadhyamā gātrāṇi vāsasī caiva prakṣālya salilena sā
Nachdem sie sich, wie es sich geziemt, gereinigt hatte, Kṛṣṇā, die Schlankhüftige, nachdem sie ihre Glieder und ihre Gewänder mit Wasser gewaschen hatte,

cintayām āsa rudatī tasya duḥkhasya nirṇayam kiṃ karomi kva gacchāmi kathaṃ kāryaṃ bhaven mama

überlegte sie, weinend, wie sie diesem Leid ein Ende bereiten könnte: ‚Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen? Wie soll mein Vorhaben gelingen?‘

Wort für Wort
cintayām āsa rudatī tasya duḥkhasya nirṇayam kiṃ karomi kva gacchāmi kathaṃ kāryaṃ bhaven mama
überlegte sie, weinend, wie sie diesem Leid ein Ende bereiten könnte: ‚Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen? Wie soll mein Vorhaben gelingen?‘

ity evaṃ cintayitvā sā bhīmaṃ vai manasāgamat nānyaḥ kartā ṛte bhīmān mamādya manasaḥ priyam

Nachdem sie so überlegt hatte, wandte sie sich in Gedanken Bhīma zu: ‚Es gibt heute keinen anderen, der ausführen könnte, was meinem Herzen lieb ist, außer Bhīma.‘

Wort für Wort
ity evaṃ cintayitvā sā bhīmaṃ vai manasāgamat nānyaḥ kartā ṛte bhīmān mamādya manasaḥ priyam
Nachdem sie so überlegt hatte, wandte sie sich in Gedanken Bhīma zu: ‚Es gibt heute keinen anderen, der ausführen könnte, was meinem Herzen lieb ist, außer Bhīma.‘

tata utthāya rātrau sā vihāya śayanaṃ svakam prādravan nātham icchantī kṛṣṇā nāthavatī satī duḥkhena mahatā yuktā mānasena manasvinī

Dann, in der Nacht aufstehend, ihr eigenes Lager verlassend, eilte Kṛṣṇā fort, einen Beschützer suchend, obwohl sie in Wahrheit Beschützer hatte, von großem seelischem Leid erfüllt, die Hochgesinnte.

Wort für Wort
tata utthāya rātrau sā vihāya śayanaṃ svakam prādravan nātham icchantī kṛṣṇā nāthavatī satī duḥkhena mahatā yuktā mānasena manasvinī
Dann, in der Nacht aufstehend, ihr eigenes Lager verlassend, eilte Kṛṣṇā fort, einen Beschützer suchend, obwohl sie in Wahrheit Beschützer hatte, von großem seelischem Leid erfüllt, die Hochgesinnte.

sā vai mahānase prāpya bhīmasenaṃ śucismitā sarvaśveteva māheyī vane jātā trihāyanī upātiṣṭhata pāñcālī vāśiteva mahāgajam

Sie, in der Küche zu Bhīmasena gelangt, die Lieblich-Lächelnde, wie eine gänzlich weiße, im Wald geborene, dreijährige Büffelkuh, näherte sich ihm, die Pāñcālī, wie eine brünftige Elefantenkuh einem großen Elefantenbullen.

Wort für Wort
sā vai mahānase prāpya bhīmasenaṃ śucismitā sarvaśveteva māheyī vane jātā trihāyanī upātiṣṭhata pāñcālī vāśiteva mahāgajam
Sie, in der Küche zu Bhīmasena gelangt, die Lieblich-Lächelnde, wie eine gänzlich weiße, im Wald geborene, dreijährige Büffelkuh, näherte sich ihm, die Pāñcālī, wie eine brünftige Elefantenkuh einem großen Elefantenbullen.

sā lateva mahāśālaṃ phullaṃ gomatitīrajam bāhubhyāṃ parirabhyainaṃ prābodhayad aninditā siṃhaṃ suptaṃ vane durge mṛgarājavadhūr iva

Sie, wie eine Ranke einen großen, blühenden Śāla-Baum, der am Ufer der Gomatī gewachsen ist, umschlang ihn mit beiden Armen und weckte ihn, die Makellose, wie die Gattin des Löwenkönigs den schlafenden Löwen im unwegsamen Wald weckt.

Wort für Wort
sā lateva mahāśālaṃ phullaṃ gomatitīrajam bāhubhyāṃ parirabhyainaṃ prābodhayad aninditā siṃhaṃ suptaṃ vane durge mṛgarājavadhūr iva
Sie, wie eine Ranke einen großen, blühenden Śāla-Baum, der am Ufer der Gomatī gewachsen ist, umschlang ihn mit beiden Armen und weckte ihn, die Makellose, wie die Gattin des Löwenkönigs den schlafenden Löwen im unwegsamen Wald weckt.

vīṇeva madhurābhāṣā gāndhāraṃ sādhu mūrcchitā abhyabhāṣata pāñcālī bhīmasenam aninditā

Wie eine Vīṇā, süß tönend, wohlgestimmt auf die Gāndhāra-Tonleiter, sprach die Pāñcālī, die Makellose, zu Bhīmasena.

Wort für Wort
vīṇeva madhurābhāṣā gāndhāraṃ sādhu mūrcchitā abhyabhāṣata pāñcālī bhīmasenam aninditā
Wie eine Vīṇā, süß tönend, wohlgestimmt auf die Gāndhāra-Tonleiter, sprach die Pāñcālī, die Makellose, zu Bhīmasena.

'Gāndhāra' bezeichnet hier eine der altindischen musikalischen Tonarten (svara), nicht das gleichnamige Königreich.

uttiṣṭhottiṣṭha kiṃ śeṣe bhīmasena yathā mṛtaḥ nāmṛtasya hi pāpīyān bhāryām ālabhya jīvati

‚Steh auf, steh auf! Warum liegst du da, Bhīmasena, wie ein Toter? Denn kein Bösewicht, der die Gattin eines anderen berührt hat, bleibt am Leben wie ein Unsterblicher.

Wort für Wort
uttiṣṭhottiṣṭha kiṃ śeṣe bhīmasena yathā mṛtaḥ nāmṛtasya hi pāpīyān bhāryām ālabhya jīvati
‚Steh auf, steh auf! Warum liegst du da, Bhīmasena, wie ein Toter? Denn kein Bösewicht, der die Gattin eines anderen berührt hat, bleibt am Leben wie ein Unsterblicher.

tasmiñ jīvati pāpiṣṭhe senāvāhe mama dviṣi tat karma kṛtavaty adya kathaṃ nidrāṃ niṣevase

Während jener überaus bösartige Heerführer, mein Feind, der heute diese Tat verübt hat, noch am Leben ist, wie kannst du dich da dem Schlaf hingeben?‘

Wort für Wort
tasmiñ jīvati pāpiṣṭhe senāvāhe mama dviṣi tat karma kṛtavaty adya kathaṃ nidrāṃ niṣevase
Während jener überaus bösartige Heerführer, mein Feind, der heute diese Tat verübt hat, noch am Leben ist, wie kannst du dich da dem Schlaf hingeben?‘

sa saṃprahāya śayanaṃ rājaputryā prabodhitaḥ upātiṣṭhata meghābhaḥ paryaṅke sopasaṃgrahe

Er, von der Königstochter geweckt, verließ sein Lager und erhob sich, wolkendunkel, auf dem mit Griffstützen versehenen Ruhebett.

Wort für Wort
sa saṃprahāya śayanaṃ rājaputryā prabodhitaḥ upātiṣṭhata meghābhaḥ paryaṅke sopasaṃgrahe
Er, von der Königstochter geweckt, verließ sein Lager und erhob sich, wolkendunkel, auf dem mit Griffstützen versehenen Ruhebett.

athābravīd rājaputrīṃ kauravyo mahiṣīṃ priyām kenāsy arthena saṃprāptā tvariteva mamāntikam

Da sprach der Kauravya zu der Königstochter, seiner geliebten hohen Herrin: ‚Aus welchem Grund bist du so eilig zu mir gekommen?

Wort für Wort
athābravīd rājaputrīṃ kauravyo mahiṣīṃ priyām kenāsy arthena saṃprāptā tvariteva mamāntikam
Da sprach der Kauravya zu der Königstochter, seiner geliebten hohen Herrin: ‚Aus welchem Grund bist du so eilig zu mir gekommen?

na te prakṛtimān varṇaḥ kṛśā pāṇḍuś ca lakṣyase ācakṣva pariśeṣeṇa sarvaṃ vidyām ahaṃ yathā

Deine Gesichtsfarbe ist nicht wie gewohnt; abgemagert und bleich erscheinst du. Erzähle mir alles bis ins Letzte, damit ich es erfahre.

Wort für Wort
na te prakṛtimān varṇaḥ kṛśā pāṇḍuś ca lakṣyase ācakṣva pariśeṣeṇa sarvaṃ vidyām ahaṃ yathā
Deine Gesichtsfarbe ist nicht wie gewohnt; abgemagert und bleich erscheinst du. Erzähle mir alles bis ins Letzte, damit ich es erfahre.

sukhaṃ vā yadi vā duḥkhaṃ dveṣyaṃ vā yadi vā priyam yathāvat sarvam ācakṣva śrutvā jñāsyāmi yat param

Sei es Freude oder Leid, sei es Verhasstes oder Liebes - erzähle mir alles genau, wie es sich verhält; wenn ich es gehört habe, werde ich wissen, was das Beste ist.

Wort für Wort
sukhaṃ vā yadi vā duḥkhaṃ dveṣyaṃ vā yadi vā priyam yathāvat sarvam ācakṣva śrutvā jñāsyāmi yat param
Sei es Freude oder Leid, sei es Verhasstes oder Liebes - erzähle mir alles genau, wie es sich verhält; wenn ich es gehört habe, werde ich wissen, was das Beste ist.

aham eva hi te kṛṣṇe viśvāsyaḥ sarvakarmasu aham āpatsu cāpi tvāṃ mokṣayāmi punaḥ punaḥ

Denn ich allein, Kṛṣṇā, bin dir in allen Angelegenheiten vertrauenswürdig; und ich bin es, der dich immer wieder aus Nöten errettet.

Wort für Wort
aham eva hi te kṛṣṇe viśvāsyaḥ sarvakarmasu aham āpatsu cāpi tvāṃ mokṣayāmi punaḥ punaḥ
Denn ich allein, Kṛṣṇā, bin dir in allen Angelegenheiten vertrauenswürdig; und ich bin es, der dich immer wieder aus Nöten errettet.

śīghram uktvā yathākāmaṃ yat te kāryaṃ vivakṣitam gaccha vai śayanāyaiva purā nānyo 'vabudhyate

Sag mir rasch, wie du willst, was du mir mitteilen möchtest; geh dann zu deinem Lager zurück, ehe ein anderer erwacht.‘

Wort für Wort
śīghram uktvā yathākāmaṃ yat te kāryaṃ vivakṣitam gaccha vai śayanāyaiva purā nānyo 'vabudhyate
Sag mir rasch, wie du willst, was du mir mitteilen möchtest; geh dann zu deinem Lager zurück, ehe ein anderer erwacht.‘

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