Kapitel 15: Kīcakavadhaparva (3)
Kīcakas Übergriff in der Versammlungshalle
Kīcaka empfängt Draupadī in seinem Haus und macht ihr unverhohlene Avancen; als sie sich weigert und flieht, ergreift er sie und tritt sie vor den Augen des Königs und der versammelten Höflinge zu Boden - wird jedoch von dem unsichtbaren, Sūrya-entsandten Rākṣasa selbst zu Boden geschleudert. Bhīma will Kīcaka sofort töten, wird aber von Yudhiṣṭhira durch ein stummes Zeichen zurückgehalten. Draupadī klagt in der berühmten fünffachen Anapher ('deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen') über das Versagen ihrer verborgenen Beschützer und wirft Virāṭa Rechtsbruch vor; dieser weicht aus, die Versammlung lobt und bedauert sie. Yudhiṣṭhira weist die vermeintliche Sairandhrī scheinbar streng, tatsächlich aber die Tarnung wahrend, zurück zu Sudeṣṇā; Draupadī deutet verschlüsselt an, dass Kīcaka noch heute sterben wird - nicht durch Yudhiṣṭhira, sondern durch einen anderen. Bei Sudeṣṇā angekommen, lehnt sie deren Angebot, Kīcaka hinrichten zu lassen, ab: Andere werden ihn richten.
Vaiśampāyana sprach: So sprechend, ergriff der Wagenlenkersohn sie an der rechten Hand; sie aber, ergriffen, sich losreißend, warf Kīcaka zu Boden und floh zur Versammlungshalle, wo König Yudhiṣṭhira war, um dort Zuflucht zu suchen.
Vaiśampāyana sprach: So sprechend, ergriff der Wagenlenkersohn sie an der rechten Hand; sie aber, ergriffen, sich losreißend, warf Kīcaka zu Boden und floh zur Versammlungshalle, wo König Yudhiṣṭhira war, um dort Zuflucht zu suchen.
Sie, am Tor der Versammlungshalle angelangt, weinend, sprach zu dem Matsya-König, die Schönhüftige, indem sie jene ihre Gatten anblickte, deren Herzen vor Kummer litten.
Sie, am Tor der Versammlungshalle angelangt, weinend, sprach zu dem Matsya-König, die Schönhüftige, indem sie jene ihre Gatten anblickte, deren Herzen vor Kummer litten.
‚Derer Feind nicht einmal ruhig schlafen kann, wenn er nur mit dem Fuß den Boden berührt - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
‚Derer Feind nicht einmal ruhig schlafen kann, wenn er nur mit dem Fuß den Boden berührt - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
ye dadyur na ca yāceyur brahmaṇyāḥ satyavādinaḥ teṣāṃ māṃ māninīṃ bhāryāṃ sūtaputraḥ padāvadhīt
Die nur geben und niemals betteln würden, die den Brahmanen ergeben, wahrhaftig in ihrer Rede sind - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
Wort für Wort
ye dadyur na ca yāceyur brahmaṇyāḥ satyavādinaḥ teṣāṃ māṃ māninīṃ bhāryāṃ sūtaputraḥ padāvadhīt
Die nur geben und niemals betteln würden, die den Brahmanen ergeben, wahrhaftig in ihrer Rede sind - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
Deren Kriegstrommeln und Bogensehnenklang unaufhörlich zu hören sind - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
Deren Kriegstrommeln und Bogensehnenklang unaufhörlich zu hören sind - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
ye te tejasvino dāntā balavanto 'bhimāninaḥ teṣāṃ māṃ māninīṃ bhāryāṃ sūtaputraḥ padāvadhīt
Die voller Glanz, selbstbeherrscht, gewaltig, auf ihre Ehre bedacht sind - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
Wort für Wort
ye te tejasvino dāntā balavanto 'bhimāninaḥ teṣāṃ māṃ māninīṃ bhāryāṃ sūtaputraḥ padāvadhīt
Die voller Glanz, selbstbeherrscht, gewaltig, auf ihre Ehre bedacht sind - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
sarvalokam imaṃ hanyur dharmapāśasitās tu ye teṣāṃ māṃ māninīṃ bhāryāṃ sūtaputraḥ padāvadhīt
Die, wenn nur nicht vom Band des Dharma gefesselt, diese ganze Welt vernichten könnten - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
Wort für Wort
sarvalokam imaṃ hanyur dharmapāśasitās tu ye teṣāṃ māṃ māninīṃ bhāryāṃ sūtaputraḥ padāvadhīt
Die, wenn nur nicht vom Band des Dharma gefesselt, diese ganze Welt vernichten könnten - deren stolze Gattin bin ich, und dennoch hat mich ein Wagenlenkersohn mit dem Fuß geschlagen!
Die fünffache Wiederholung dieses Klagerefrains (V.015-019) ist eine der bekanntesten Anaphern des Epos.
śaraṇaṃ ye prapannānāṃ bhavanti śaraṇārthinām caranti loke pracchannāḥ kva nu te 'dya mahārathāḥ
Die denen, die Zuflucht suchen und sich ihnen anvertrauen, zur Zuflucht werden - wo nur sind heute jene großen Wagenkämpfer, die verborgen durch die Welt ziehen?
Wort für Wort
śaraṇaṃ ye prapannānāṃ bhavanti śaraṇārthinām caranti loke pracchannāḥ kva nu te 'dya mahārathāḥ
Die denen, die Zuflucht suchen und sich ihnen anvertrauen, zur Zuflucht werden - wo nur sind heute jene großen Wagenkämpfer, die verborgen durch die Welt ziehen?
Wie nur können sie es ertragen, dass ihre geliebte, tugendhafte Gattin von einem Wagenlenkersohn geschlagen wird, als wären sie machtlos, sie, die doch gewaltig und von unermesslichem Glanz sind?
Wie nur können sie es ertragen, dass ihre geliebte, tugendhafte Gattin von einem Wagenlenkersohn geschlagen wird, als wären sie machtlos, sie, die doch gewaltig und von unermesslichem Glanz sind?
Was kann ich hier tun, wo doch mitten in Virāṭas eigenem Reich der Dharma verletzt wird, wo er selbst, es sehend, duldet, dass ich, die Unschuldige, geschlagen werde?
Was kann ich hier tun, wo doch mitten in Virāṭas eigenem Reich der Dharma verletzt wird, wo er selbst, es sehend, duldet, dass ich, die Unschuldige, geschlagen werde?
na kīcakaḥ svadharmastho na ca matsyaḥ kathaṃ cana sabhāsado 'py adharmajñā ya imaṃ paryupāsate
Weder steht Kīcaka in seiner eigenen Pflicht, noch der Matsya-König in irgendeiner Weise; auch die Mitglieder der Versammlung kennen den Dharma nicht, die diesem Vorgang untätig beiwohnen.
Wort für Wort
na kīcakaḥ svadharmastho na ca matsyaḥ kathaṃ cana sabhāsado 'py adharmajñā ya imaṃ paryupāsate
Weder steht Kīcaka in seiner eigenen Pflicht, noch der Matsya-König in irgendeiner Weise; auch die Mitglieder der Versammlung kennen den Dharma nicht, die diesem Vorgang untätig beiwohnen.
nopālabhe tvāṃ nṛpate virāṭa janasaṃsadi nāham etena yuktā vai hantuṃ matsya tavāntike sabhāsadas tu paśyantu kīcakasya vyatikramam
Nicht mache ich dir, König Virāṭa, in dieser Versammlung des Volkes einen Vorwurf; nicht steht es mir zu, in deiner Gegenwart, Matsya-König, von seiner Tötung zu sprechen - doch mögen die Mitglieder der Versammlung Kīcakas Übertretung bezeugen.‘
Wort für Wort
nopālabhe tvāṃ nṛpate virāṭa janasaṃsadi nāham etena yuktā vai hantuṃ matsya tavāntike sabhāsadas tu paśyantu kīcakasya vyatikramam
Nicht mache ich dir, König Virāṭa, in dieser Versammlung des Volkes einen Vorwurf; nicht steht es mir zu, in deiner Gegenwart, Matsya-König, von seiner Tötung zu sprechen - doch mögen die Mitglieder der Versammlung Kīcakas Übertretung bezeugen.‘
virāṭa uvāca parokṣaṃ nābhijānāmi vigrahaṃ yuvayor aham arthatattvam avijñāya kiṃ nu syāt kuśalaṃ mama
‚Ich weiß nichts von dem, was sich außerhalb meines Blickfelds zwischen euch beiden zugetragen hat; ohne den wahren Sachverhalt zu kennen, was könnte da meinerseits recht sein?‘
Wort für Wort
virāṭa uvāca parokṣaṃ nābhijānāmi vigrahaṃ yuvayor aham arthatattvam avijñāya kiṃ nu syāt kuśalaṃ mama
‚Ich weiß nichts von dem, was sich außerhalb meines Blickfelds zwischen euch beiden zugetragen hat; ohne den wahren Sachverhalt zu kennen, was könnte da meinerseits recht sein?‘
vaiśaṃpāyana uvāca tatas tu sabhyā vijñāya kṛṣṇāṃ bhūyo 'bhyapūjayan sādhu sādhv iti cāpy āhuḥ kīcakaṃ ca vyagarhayan
Vaiśampāyana sprach: Da lobten die Mitglieder der Versammlung, die den Sachverhalt erkannt hatten, Kṛṣṇā aufs Neue und riefen ‚Wohl getan, wohl getan!‘, und tadelten Kīcaka.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tatas tu sabhyā vijñāya kṛṣṇāṃ bhūyo 'bhyapūjayan sādhu sādhv iti cāpy āhuḥ kīcakaṃ ca vyagarhayan
Vaiśampāyana sprach: Da lobten die Mitglieder der Versammlung, die den Sachverhalt erkannt hatten, Kṛṣṇā aufs Neue und riefen ‚Wohl getan, wohl getan!‘, und tadelten Kīcaka.
Da sprach der Kauravya zu der Königstochter, seiner geliebten hohen Herrin: ‚Geh, Sairandhrī, bleib nicht hier; geh zu Sudeṣṇās Wohnstatt.
Yudhiṣṭhira redet Draupadī hier, trotz ihrer Verkleidung, unwillkürlich mit den Ehrentiteln 'Königstochter' und 'hohe Herrin' an - ein zarter Hinweis auf ihre wahre Würde, den er sogleich mit betont beiläufigen Ermahnungen zu überspielen sucht.
Heldenfrauen, die sich dem Willen ihres Gatten fügen, ertragen Mühsal; durch dienende Ergebenheit Mühsal ertragend, gewinnen sie die Welt ihres Gatten.
Heldenfrauen, die sich dem Willen ihres Gatten fügen, ertragen Mühsal; durch dienende Ergebenheit Mühsal ertragend, gewinnen sie die Welt ihres Gatten.
Du kennst die rechte Zeit nicht, Sairandhrī; wie eine Schauspielerin läufst du umher; du verursachst Störung unter den Matsyas, die in der königlichen Versammlung würfeln. Geh, Sairandhrī; die Gandharvas werden dir schon zu Gefallen handeln.‘
Du kennst die rechte Zeit nicht, Sairandhrī; wie eine Schauspielerin läufst du umher; du verursachst Störung unter den Matsyas, die in der königlichen Versammlung würfeln. Geh, Sairandhrī; die Gandharvas werden dir schon zu Gefallen handeln.‘
‚Nur aus Rücksicht auf jene Mitleidigen bleibe ich dem Dharma treu; doch er wird von denen erschlagen werden, deren Ältester nur ein Würfelspieler ist.‘
‚Nur aus Rücksicht auf jene Mitleidigen bleibe ich dem Dharma treu; doch er wird von denen erschlagen werden, deren Ältester nur ein Würfelspieler ist.‘
Draupadī deutet hier verschlüsselt an, dass zwar Yudhiṣṭhira in seiner Rolle als Würfelspieler Kaṅka nicht eingreifen wird, wohl aber ein anderer (implizit Bhīma) Kīcaka töten wird.
‚Kīcaka hat mich dort geschlagen, als ich als Weinholerin für dich gekommen war, in der Versammlung, vor den Augen des Königs, geradeso, als wären wir allein gewesen.‘
‚Kīcaka hat mich dort geschlagen, als ich als Weinholerin für dich gekommen war, in der Versammlung, vor den Augen des Königs, geradeso, als wären wir allein gewesen.‘