Kapitel 8: Pāṇḍavapraveśaparva (8)
Draupadī als Sairandhrī bei Königin Sudeṣṇā
Draupadī legt ein einziges schmutziges Gewand an und wandert, als notleidende Sairandhrī verkleidet, durch die Stadt, wird aber wegen ihrer Schönheit und feinen Sprache von niemandem für eine gewöhnliche Dienerin gehalten. Königin Sudeṣṇā entdeckt sie vom Palast aus, lässt sie zu sich rufen und fragt eindringlich nach ihrer wahren Natur, wobei sie in einer langen, katalogartigen Schönheitsbeschreibung Draupadīs übermenschliche Anmut rühmt und befürchtet, ihre Anwesenheit werde dem König selbst gefährlich werden. Draupadī gibt sich als freie Sairandhrī namens Mālinī aus, die einst Satyabhāmā und - in geschickter Verschleierung ihrer selbst - 'Kṛṣṇā, die Gattin der Pāṇḍus' bediente, und behauptet, fünf Gandharva-Fürsten seien ihre Gatten, die jeden Übergriff auf sie tödlich rächen würden. Beruhigt gewährt Sudeṣṇā ihr Aufnahme unter der Bedingung, dass sie keine erniedrigenden Dienste verrichten müsse.
Vaiśampāyana sprach: Da raffte sie, die Dunkeläugige, ihr Haar - lockig an den Spitzen, makellos, weich - zusammen und verbarg es an ihrer rechten Seite.
Vaiśampāyana sprach: Da raffte sie, die Dunkeläugige, ihr Haar - lockig an den Spitzen, makellos, weich - zusammen und verbarg es an ihrer rechten Seite.
vāsaś ca paridhāyaikaṃ kṛṣṇaṃ sumalinaṃ mahat kṛtvā veṣaṃ ca sairandhryāḥ kṛṣṇā vyacarad ārtavat
Und nachdem sie ein einziges schwarzes, stark verschmutztes, großes Gewand angelegt und die Erscheinung einer Sairandhrī angenommen hatte, ging Kṛṣṇā umher wie eine Notleidende.
Wort für Wort
vāsaś ca paridhāyaikaṃ kṛṣṇaṃ sumalinaṃ mahat kṛtvā veṣaṃ ca sairandhryāḥ kṛṣṇā vyacarad ārtavat
Und nachdem sie ein einziges schwarzes, stark verschmutztes, großes Gewand angelegt und die Erscheinung einer Sairandhrī angenommen hatte, ging Kṛṣṇā umher wie eine Notleidende.
sā tān uvāca rājendra sairandhry aham upāgatā karma cecchāmi vai kartuṃ tasya yo māṃ pupukṣati
Sie sprach zu ihnen: ‚Fürst, als Sairandhrī bin ich hergekommen; und ich wünsche in der Tat demjenigen zu dienen, der mich zu ernähren wünscht.‘
Wort für Wort
sā tān uvāca rājendra sairandhry aham upāgatā karma cecchāmi vai kartuṃ tasya yo māṃ pupukṣati
Sie sprach zu ihnen: ‚Fürst, als Sairandhrī bin ich hergekommen; und ich wünsche in der Tat demjenigen zu dienen, der mich zu ernähren wünscht.‘
Die Anrede 'Fürst' (rājendra) ist hier eigentlich an eine anonyme Menschenmenge gerichtet; der Vers ist beinahe wortgleich mit V.008, wo dieselbe Anrede sinngemäß an Königin Sudeṣṇā gerichtet ist - ein formelhafter, wiederverwendeter Vers, wie im mündlich tradierten Epos üblich.
virāṭasya tu kaikeyī bhāryā paramasaṃmatā avalokayantī dadṛśe prāsādād drupadātmajām
Virāṭas Gattin aber, eine Kaikeyī, hochangesehen, erblickte, vom Palast herabblickend, die Tochter Drupadas.
Wort für Wort
virāṭasya tu kaikeyī bhāryā paramasaṃmatā avalokayantī dadṛśe prāsādād drupadātmajām
Virāṭas Gattin aber, eine Kaikeyī, hochangesehen, erblickte, vom Palast herabblickend, die Tochter Drupadas.
'Kaikeyī' bezeichnet hier, in generischem Sinn, eine Fürstin aus dem Volk der Kekayas - gemeint ist Königin Sudeṣṇā (vgl. Kap.2); eine Verwechslung mit der gleichnamigen Gemahlin Daśarathas aus dem Rāmāyaṇa ist ausgeschlossen.
sā samīkṣya tathārūpām anāthām ekavāsasam samāhūyābravīd bhadre kā tvaṃ kiṃ ca cikīrṣasi
Sie, als sie diese so schöne, schutzlose, in ein einziges Gewand gehüllte Frau erblickte, rief sie herbei und sprach: ‚Gute Frau, wer bist du, und was hast du vor?‘
Wort für Wort
sā samīkṣya tathārūpām anāthām ekavāsasam samāhūyābravīd bhadre kā tvaṃ kiṃ ca cikīrṣasi
Sie, als sie diese so schöne, schutzlose, in ein einziges Gewand gehüllte Frau erblickte, rief sie herbei und sprach: ‚Gute Frau, wer bist du, und was hast du vor?‘
sudeṣṇovāca naivaṃrūpā bhavanty evaṃ yathā vadasi bhāmini preṣayanti ca vai dāsīr dāsāṃś caivaṃvidhān bahūn
‚Menschen von solcher Gestalt, wie du sie hast, werden nicht auf die Weise zu Dienerinnen, wie du sagst, du Strahlende; wohl aber entsenden große Häuser viele Dienerinnen und Diener gewöhnlicher Art.
Wort für Wort
sudeṣṇovāca naivaṃrūpā bhavanty evaṃ yathā vadasi bhāmini preṣayanti ca vai dāsīr dāsāṃś caivaṃvidhān bahūn
‚Menschen von solcher Gestalt, wie du sie hast, werden nicht auf die Weise zu Dienerinnen, wie du sagst, du Strahlende; wohl aber entsenden große Häuser viele Dienerinnen und Diener gewöhnlicher Art.
Verborgene Fußknöchel hast du, straffe Schenkel, bist an drei Stellen tief, an sechs erhöht, an fünf rötlichen Stellen rot, und sprichst mit einer Stimme, sanft wie der Ruf eines Schwans.
Verborgene Fußknöchel hast du, straffe Schenkel, bist an drei Stellen tief, an sechs erhöht, an fünf rötlichen Stellen rot, und sprichst mit einer Stimme, sanft wie der Ruf eines Schwans.
Diese Verse folgen einer traditionellen Konvention altindischer Schönheitsbeschreibung, bei der bestimmte Körpermerkmale in Gruppen von drei ('tief'), sechs ('erhöht') und fünf ('rot') aufgezählt werden (etwa Nabel, Stimme und Blick als die drei 'Tiefen'; Brüste, Hüften, Nägel, Knie, Nase und Schultern als die sechs 'Erhöhten'; Handflächen, Fußsohlen, Nägel, Augenwinkel und Lippen als die fünf 'Roten') - die genaue Zuordnung ist unter den Kommentatoren nicht einheitlich.
sukeśī sustanī śyāmā pīnaśroṇipayodharā tena tenaiva saṃpannā kāśmīrīva turaṃgamā
Du hast schönes Haar, schöne Brüste, bist dunkel, von vollen Hüften und Brüsten, mit jeder einzelnen Vorzüglichkeit ausgestattet, wie eine kaschmirische Stute.
Wort für Wort
sukeśī sustanī śyāmā pīnaśroṇipayodharā tena tenaiva saṃpannā kāśmīrīva turaṃgamā
Du hast schönes Haar, schöne Brüste, bist dunkel, von vollen Hüften und Brüsten, mit jeder einzelnen Vorzüglichkeit ausgestattet, wie eine kaschmirische Stute.
Du hast Augen mit geschwungenen Wimpern, Lippen wie die Bimba-Frucht, eine schlanke Taille, einen muschelförmig geringelten Hals, unsichtbare Adern, ein Gesicht wie der Vollmond.
Du hast Augen mit geschwungenen Wimpern, Lippen wie die Bimba-Frucht, eine schlanke Taille, einen muschelförmig geringelten Hals, unsichtbare Adern, ein Gesicht wie der Vollmond.
Wer bist du? Sag es mir wahrheitsgemäß, du Gute - du bist gewiss keine Dienerin. Bist du eine Yakṣī, oder eine Göttin, eine Gandharvī, oder eine Apsaras?
Wer bist du? Sag es mir wahrheitsgemäß, du Gute - du bist gewiss keine Dienerin. Bist du eine Yakṣī, oder eine Göttin, eine Gandharvī, oder eine Apsaras?
Bist du Alambusā, Miśrakeśī, oder Puṇḍarīkā, oder Mālinī? Oder bist du Indrāṇī, oder Vāruṇī, oder eine Gattin Tvaṣṭṛs, Dhātṛs, Prajāpatis - Göttinnen, berühmt unter den Göttern - welche von diesen bist du, du Anmutsvolle?‘
Bist du Alambusā, Miśrakeśī, oder Puṇḍarīkā, oder Mālinī? Oder bist du Indrāṇī, oder Vāruṇī, oder eine Gattin Tvaṣṭṛs, Dhātṛs, Prajāpatis - Göttinnen, berühmt unter den Göttern - welche von diesen bist du, du Anmutsvolle?‘
Unter den hier aufgezählten Apsaras-Namen findet sich auch 'Mālinī' - derselbe Name, den Draupadī sich sogleich in V.019 als Decknamen zulegt; ob dies ein bewusstes Wortspiel des Dichters ist, lässt sich nicht sicher entscheiden.
sudeṣṇovāca mūrdhni tvāṃ vāsayeyaṃ vai saṃśayo me na vidyate no ced iha tu rājā tvāṃ gacchet sarveṇa cetasā
‚Auf meinem eigenen Haupt würde ich dich wohnen lassen, daran habe ich keinen Zweifel; wäre da nicht die Sorge, dass der König sich hier mit ganzem Herzen dir zuwenden könnte.
Wort für Wort
sudeṣṇovāca mūrdhni tvāṃ vāsayeyaṃ vai saṃśayo me na vidyate no ced iha tu rājā tvāṃ gacchet sarveṇa cetasā
‚Auf meinem eigenen Haupt würde ich dich wohnen lassen, daran habe ich keinen Zweifel; wäre da nicht die Sorge, dass der König sich hier mit ganzem Herzen dir zuwenden könnte.
König Virāṭa, du Schönhüftige, würde beim Anblick deiner übermenschlichen Gestalt mich verlassen, du Anmutsvolle, und sich dir mit ganzem Herzen zuwenden.
König Virāṭa, du Schönhüftige, würde beim Anblick deiner übermenschlichen Gestalt mich verlassen, du Anmutsvolle, und sich dir mit ganzem Herzen zuwenden.
yaś ca tvāṃ satataṃ paśyet puruṣaś cāruhāsini evaṃ sarvānavadyāṅgi sa cānaṅgavaśo bhavet
Und welcher Mann dich auch beständig anschauen würde, du Lieblich-Lächelnde, so würde auch er, du an jedem Glied Makellose, der Macht des Körperlosen verfallen.
Wort für Wort
yaś ca tvāṃ satataṃ paśyet puruṣaś cāruhāsini evaṃ sarvānavadyāṅgi sa cānaṅgavaśo bhavet
Und welcher Mann dich auch beständig anschauen würde, du Lieblich-Lächelnde, so würde auch er, du an jedem Glied Makellose, der Macht des Körperlosen verfallen.
'Der Körperlose' (Ananga) ist ein Beiname des Liebesgottes Kāma, der einst von Śiva verbrannt wurde und seither körperlos ist.
Wie das Weibchen des Krebses seinen eigenen Tod in sich empfängt, so, meine ich, du Rein-Lächelnde, wird dein Aufenthalt hier für mich sein.‘
Der Vergleich bezieht sich auf die volkstümliche Vorstellung, dass das Krebsweibchen bei der Geburt ihrer Jungen selbst stirbt; Sudeṣṇā befürchtet, Draupadīs Schönheit werde ihr selbst zum Verhängnis werden.
‚Weder von Virāṭa noch von irgendeinem anderen bin ich zu gewinnen; fünf jugendliche Gandharvas sind meine Gatten, du Strahlende.
Draupadīs Behauptung, fünf Gandharvas seien ihre Gatten, ist eine geschickte Halbwahrheit: Tatsächlich sind es ihre fünf Pāṇḍava-Ehemänner, die sie so verschlüsselt andeutet, um sich vor Übergriffen zu schützen.
putrā gandharvarājasya mahāsattvasya kasya cit rakṣanti te ca māṃ nityaṃ duḥkhācārā tathā nv aham
Sie sind die Söhne eines gewissen hochgewaltigen Gandharva-Königs; und sie beschützen mich stets, auch wenn ich, wie jetzt, ein leidvolles Leben führe, und ebenso halte ich es ihnen gegenüber.
Wort für Wort
putrā gandharvarājasya mahāsattvasya kasya cit rakṣanti te ca māṃ nityaṃ duḥkhācārā tathā nv aham
Sie sind die Söhne eines gewissen hochgewaltigen Gandharva-Königs; und sie beschützen mich stets, auch wenn ich, wie jetzt, ein leidvolles Leben führe, und ebenso halte ich es ihnen gegenüber.
yo me na dadyād ucchiṣṭaṃ na ca pādau pradhāvayet prīyeyus tena vāsena gandharvāḥ patayo mama
Wer mir keine Speisereste zu essen gäbe und mich auch nicht die Füße anderer waschen ließe - mit einem solchen Aufenthalt wären die Gandharvas, meine Gatten, zufrieden.
Wort für Wort
yo me na dadyād ucchiṣṭaṃ na ca pādau pradhāvayet prīyeyus tena vāsena gandharvāḥ patayo mama
Wer mir keine Speisereste zu essen gäbe und mich auch nicht die Füße anderer waschen ließe - mit einem solchen Aufenthalt wären die Gandharvas, meine Gatten, zufrieden.
yo hi māṃ puruṣo gṛdhyed yathānyāḥ prākṛtastriyaḥ tām eva sa tato rātriṃ praviśed aparāṃ tanum
Denn welcher Mann mich begehren würde, wie man andere gewöhnliche Frauen begehrt, der würde noch in derselben Nacht einen anderen Körper eingehen müssen.
Wort für Wort
yo hi māṃ puruṣo gṛdhyed yathānyāḥ prākṛtastriyaḥ tām eva sa tato rātriṃ praviśed aparāṃ tanum
Denn welcher Mann mich begehren würde, wie man andere gewöhnliche Frauen begehrt, der würde noch in derselben Nacht einen anderen Körper eingehen müssen.
Eine verhüllende Umschreibung des Todes: Wer sich an Draupadī vergreift, wird von den Gandharvas getötet und muss reinkarnieren.