Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Virāṭaparva

Kapitel 44: Go-harana-parva (21) Kṛpas Warnung

Kṛpa tadelt Karṇas Übermut und rät entschieden von einem Einzelkampf gegen Arjuna ab. Er rekapituliert dessen frühere Heldentaten (Rettung der Kauravas vor den Gandharvas, Khāṇḍava-Brand, Waffenlehre bei Indra, Sieg über die unbesiegbaren Nivātakavaca- und Kālakhañja-Dānavas) und warnt mit einer Reihe drastischer Gleichnisse (Giftschlange, brünstiger Elefant, loderndes Feuer, Meeresdurchquerung) vor einem tollkühnen Alleingang. Stattdessen schlägt er vor, dass alle sechs großen Wagenkämpfer gemeinsam und mit dem versammelten Heer gegen Arjuna vorgehen sollen.

kṛpa uvāca sadaiva tava rādheya yuddhe krūratarā matiḥ nārthānāṃ prakṛtiṃ vettha nānubandham avekṣase

Kṛpa sprach: ‚Stets, o Sohn der Rādhā, ist dein Sinn im Kampf allzu verwegen; du kennst nicht das Wesen der Dinge und bedenkst nicht die Folgen.

Wort für Wort
kṛpa uvāca sadaiva tava rādheya yuddhe krūratarā matiḥ nārthānāṃ prakṛtiṃ vettha nānubandham avekṣase
Kṛpa sprach: ‚Stets, o Sohn der Rādhā, ist dein Sinn im Kampf allzu verwegen; du kennst nicht das Wesen der Dinge und bedenkst nicht die Folgen.

nayā hi bahavaḥ santi śāstrāṇy āśritya cintitāḥ teṣāṃ yuddhaṃ tu pāpiṣṭhaṃ vedayanti purāvidaḥ

Es gibt viele Grundsätze der Politik, die man aus den Lehrschriften erwogen hat; von ihnen allen bezeichnen die Kenner der Überlieferung den Krieg als das Schlechteste.

Wort für Wort
nayā hi bahavaḥ santi śāstrāṇy āśritya cintitāḥ teṣāṃ yuddhaṃ tu pāpiṣṭhaṃ vedayanti purāvidaḥ
Es gibt viele Grundsätze der Politik, die man aus den Lehrschriften erwogen hat; von ihnen allen bezeichnen die Kenner der Überlieferung den Krieg als das Schlechteste.

deśakālena saṃyuktaṃ yuddhaṃ vijayadaṃ bhavet hīnakālaṃ tad eveha phalavan na bhavaty uta deśe kāle ca vikrāntaṃ kalyāṇāya vidhīyate

Ein mit Ort und Zeit im Einklang stehender Kampf kann siegbringend sein; zur falschen Zeit geführt, bringt eben dieser hier keine Frucht; nur Tapferkeit, die am rechten Ort und zur rechten Zeit eingesetzt wird, führt zum Heil.

Wort für Wort
deśakālena saṃyuktaṃ yuddhaṃ vijayadaṃ bhavet hīnakālaṃ tad eveha phalavan na bhavaty uta deśe kāle ca vikrāntaṃ kalyāṇāya vidhīyate
Ein mit Ort und Zeit im Einklang stehender Kampf kann siegbringend sein; zur falschen Zeit geführt, bringt eben dieser hier keine Frucht; nur Tapferkeit, die am rechten Ort und zur rechten Zeit eingesetzt wird, führt zum Heil.

ānukūlyena kāryāṇām antaraṃ saṃvidhīyatām bhāraṃ hi rathakārasya na vyavasyanti paṇḍitāḥ

Man soll den geeigneten Zeitpunkt für unsere Unternehmungen bedenken; denn die Weisen übernehmen nicht die Last eines Wagenbauers.

Wort für Wort
ānukūlyena kāryāṇām antaraṃ saṃvidhīyatām bhāraṃ hi rathakārasya na vyavasyanti paṇḍitāḥ
Man soll den geeigneten Zeitpunkt für unsere Unternehmungen bedenken; denn die Weisen übernehmen nicht die Last eines Wagenbauers.

Sprichwörtlich: die Weisen mischen sich nicht in ein fremdes Fach ein, tun nicht leichtfertig, was nicht ihre Aufgabe ist.

paricintya tu pārthena saṃnipāto na naḥ kṣamaḥ ekaḥ kurūn abhyarakṣad ekaś cāgnim atarpayat

Wenn man es recht bedenkt, ist eine Begegnung mit dem Pārtha für uns nicht ratsam: Er allein hat einst die Kurus beschützt, er allein hat das Feuer gesättigt.

Wort für Wort
paricintya tu pārthena saṃnipāto na naḥ kṣamaḥ ekaḥ kurūn abhyarakṣad ekaś cāgnim atarpayat
Wenn man es recht bedenkt, ist eine Begegnung mit dem Pārtha für uns nicht ratsam: Er allein hat einst die Kurus beschützt, er allein hat das Feuer gesättigt.

Bezieht sich auf Arjunas Rettung der gefangenen Kauravas vor den Gandharvas (vgl. V.008) sowie auf den Khāṇḍava-Waldbrand.

ekaś ca pañca varṣāṇi brahmacaryam adhārayat ekaḥ subhadrām āropya dvairathe kṛṣṇam āhvayat asminn eva vane kṛṣṇo hṛtāṃ kṛṣṇām avājayat

Er allein hat fünf Jahre die Keuschheit bewahrt; er allein hat, nachdem er Subhadrā entführt hatte, Kṛṣṇa zum Zweikampf herausgefordert; und ebenderselbe, unter seinem eigenen Namen Kṛṣṇa, gewann in eben diesem Wald die geraubte Kṛṣṇā zurück.

Wort für Wort
ekaś ca pañca varṣāṇi brahmacaryam adhārayat ekaḥ subhadrām āropya dvairathe kṛṣṇam āhvayat asminn eva vane kṛṣṇo hṛtāṃ kṛṣṇām avājayat
Er allein hat fünf Jahre die Keuschheit bewahrt; er allein hat, nachdem er Subhadrā entführt hatte, Kṛṣṇa zum Zweikampf herausgefordert; und ebenderselbe, unter seinem eigenen Namen Kṛṣṇa, gewann in eben diesem Wald die geraubte Kṛṣṇā zurück.

Der Vers spielt bewusst mit drei Namensträgern: Kṛṣṇa Vāsudeva (Subhadrās Bruder, den Arjuna spielerisch herausfordert), Arjunas eigener Beiname Kṛṣṇa (vgl. Kap.39) und Kṛṣṇā/Draupadī, die Arjuna nach ihrer Entführung durch Jayadratha zurückgewann.

ekaś ca pañca varṣāṇi śakrād astrāṇy aśikṣata ekaḥ sāṃyaminīṃ jitvā kurūṇām akarod yaśaḥ

Er allein hat fünf Jahre lang von Śakra die Waffen erlernt; er allein hat, nachdem er Sāṃyaminī [?] erobert hatte, den Kurus Ruhm verschafft.

Wort für Wort
ekaś ca pañca varṣāṇi śakrād astrāṇy aśikṣata ekaḥ sāṃyaminīṃ jitvā kurūṇām akarod yaśaḥ
Er allein hat fünf Jahre lang von Śakra die Waffen erlernt; er allein hat, nachdem er Sāṃyaminī [?] erobert hatte, den Kurus Ruhm verschafft.

'Sāṃyaminī' bleibt als Orts- oder Eigenname unsicher identifiziert.

eko gandharvarājānaṃ citrasenam ariṃdamaḥ vijigye tarasā saṃkhye senāṃ cāsya sudurjayām

Er allein, der Feindebezwinger, besiegte im Kampf rasch den Gandharva-König Citrasena und dessen schwer zu besiegendes Heer.

Wort für Wort
eko gandharvarājānaṃ citrasenam ariṃdamaḥ vijigye tarasā saṃkhye senāṃ cāsya sudurjayām
Er allein, der Feindebezwinger, besiegte im Kampf rasch den Gandharva-König Citrasena und dessen schwer zu besiegendes Heer.

tathā nivātakavacāḥ kālakhañjāś ca dānavāḥ daivatair apy avadhyās te ekena yudhi pātitāḥ

Ebenso wurden die Nivātakavaca- und Kālakhañja-Dānavas, die selbst von den Göttern nicht zu töten waren, von ihm allein im Kampf niedergestreckt.

Wort für Wort
tathā nivātakavacāḥ kālakhañjāś ca dānavāḥ daivatair apy avadhyās te ekena yudhi pātitāḥ
Ebenso wurden die Nivātakavaca- und Kālakhañja-Dānavas, die selbst von den Göttern nicht zu töten waren, von ihm allein im Kampf niedergestreckt.

ekena hi tvayā karṇa kiṃ nāmeha kṛtaṃ purā ekaikena yathā teṣāṃ bhūmipālā vaśīkṛtāḥ

Was hast denn du, Karṇa, bisher allein schon vollbracht, das dem gliche, wie er einzeln Herrscher der Erde unterworfen hat?

Wort für Wort
ekena hi tvayā karṇa kiṃ nāmeha kṛtaṃ purā ekaikena yathā teṣāṃ bhūmipālā vaśīkṛtāḥ
Was hast denn du, Karṇa, bisher allein schon vollbracht, das dem gliche, wie er einzeln Herrscher der Erde unterworfen hat?

indro 'pi hi na pārthena saṃyuge yoddhum arhati yas tenāśaṃsate yoddhuṃ kartavyaṃ tasya bheṣajam

Selbst Indra ist es nicht angemessen, mit dem Pārtha im Kampf zu ringen; wer sich anmaßt, mit ihm zu kämpfen, für den muss eine Arznei bereitet werden.

Wort für Wort
indro 'pi hi na pārthena saṃyuge yoddhum arhati yas tenāśaṃsate yoddhuṃ kartavyaṃ tasya bheṣajam
Selbst Indra ist es nicht angemessen, mit dem Pārtha im Kampf zu ringen; wer sich anmaßt, mit ihm zu kämpfen, für den muss eine Arznei bereitet werden.

āśīviṣasya kruddhasya pāṇim udyamya dakṣiṇam avimṛśya pradeśinyā daṃṣṭrām ādātum icchasi

Du willst, ohne nachzudenken, mit erhobener rechter Hand, mit dem Zeigefinger den Giftzahn einer zornigen Giftschlange herausziehen.

Wort für Wort
āśīviṣasya kruddhasya pāṇim udyamya dakṣiṇam avimṛśya pradeśinyā daṃṣṭrām ādātum icchasi
Du willst, ohne nachzudenken, mit erhobener rechter Hand, mit dem Zeigefinger den Giftzahn einer zornigen Giftschlange herausziehen.

atha vā kuñjaraṃ mattam eka eva caran vane anaṅkuśaṃ samāruhya nagaraṃ gantum icchasi

Oder du willst, allein im Wald umherziehend, einen brünstigen Elefanten ohne Treibstachel besteigen und so in die Stadt reiten.

Wort für Wort
atha vā kuñjaraṃ mattam eka eva caran vane anaṅkuśaṃ samāruhya nagaraṃ gantum icchasi
Oder du willst, allein im Wald umherziehend, einen brünstigen Elefanten ohne Treibstachel besteigen und so in die Stadt reiten.

samiddhaṃ pāvakaṃ vāpi ghṛtamedovasāhutam ghṛtāktaś cīravāsās tvaṃ madhyenottartum icchasi

Oder du willst, mit Ghee gesalbt und in ein Rindenkleid gehüllt, mitten durch ein loderndes Feuer schreiten, das mit Ghee, Fett und Mark genährt wird.

Wort für Wort
samiddhaṃ pāvakaṃ vāpi ghṛtamedovasāhutam ghṛtāktaś cīravāsās tvaṃ madhyenottartum icchasi
Oder du willst, mit Ghee gesalbt und in ein Rindenkleid gehüllt, mitten durch ein loderndes Feuer schreiten, das mit Ghee, Fett und Mark genährt wird.

ātmānaṃ yaḥ samudbadhya kaṇṭhe baddhvā mahāśilām samudraṃ pratared dorbhyāṃ tatra kiṃ nāma pauruṣam

Was für eine Mannestat wäre es, wenn sich jemand einen großen Stein um den Hals bindet und damit versucht, das Meer mit bloßen Armen zu durchschwimmen?

Wort für Wort
ātmānaṃ yaḥ samudbadhya kaṇṭhe baddhvā mahāśilām samudraṃ pratared dorbhyāṃ tatra kiṃ nāma pauruṣam
Was für eine Mannestat wäre es, wenn sich jemand einen großen Stein um den Hals bindet und damit versucht, das Meer mit bloßen Armen zu durchschwimmen?

akṛtāstraḥ kṛtāstraṃ vai balavantaṃ sudurbalaḥ tādṛśaṃ karṇa yaḥ pārthaṃ yoddhum icchet sa durmatiḥ

Wer, unbewaffnet in der Waffenkunst, mit einem waffenkundigen, starken Gegner kämpfen will, wer, überaus schwach, mit einem solchen Pārtha kämpfen will, o Karṇa - der ist von Unverstand.

Wort für Wort
akṛtāstraḥ kṛtāstraṃ vai balavantaṃ sudurbalaḥ tādṛśaṃ karṇa yaḥ pārthaṃ yoddhum icchet sa durmatiḥ
Wer, unbewaffnet in der Waffenkunst, mit einem waffenkundigen, starken Gegner kämpfen will, wer, überaus schwach, mit einem solchen Pārtha kämpfen will, o Karṇa - der ist von Unverstand.

asmābhir eṣa nikṛto varṣāṇīha trayodaśa siṃhaḥ pāśavinirmukto na naḥ śeṣaṃ kariṣyati

Von uns wurde er dreizehn Jahre lang gedemütigt; ein Löwe, der sich aus der Schlinge befreit hat, wird uns keinen Rest lassen.

Wort für Wort
asmābhir eṣa nikṛto varṣāṇīha trayodaśa siṃhaḥ pāśavinirmukto na naḥ śeṣaṃ kariṣyati
Von uns wurde er dreizehn Jahre lang gedemütigt; ein Löwe, der sich aus der Schlinge befreit hat, wird uns keinen Rest lassen.

ekānte pārtham āsīnaṃ kūpe 'gnim iva saṃvṛtam ajñānād abhyavaskandya prāptāḥ smo bhayam uttamam

Weil wir den abseits sitzenden Pārtha, verborgen wie Feuer in einem Brunnen, aus Unwissenheit angegriffen haben, sind wir in höchste Gefahr geraten.

Wort für Wort
ekānte pārtham āsīnaṃ kūpe 'gnim iva saṃvṛtam ajñānād abhyavaskandya prāptāḥ smo bhayam uttamam
Weil wir den abseits sitzenden Pārtha, verborgen wie Feuer in einem Brunnen, aus Unwissenheit angegriffen haben, sind wir in höchste Gefahr geraten.

saha yudhyāmahe pārtham āgataṃ yuddhadurmadam sainyās tiṣṭhantu saṃnaddhā vyūḍhānīkāḥ prahāriṇaḥ

Lasst uns gemeinsam gegen den gekommenen, kampfestrunkenen Pārtha kämpfen; die Soldaten sollen gerüstet, in Schlachtordnung aufgestellt, kampfbereit stehen.

Wort für Wort
saha yudhyāmahe pārtham āgataṃ yuddhadurmadam sainyās tiṣṭhantu saṃnaddhā vyūḍhānīkāḥ prahāriṇaḥ
Lasst uns gemeinsam gegen den gekommenen, kampfestrunkenen Pārtha kämpfen; die Soldaten sollen gerüstet, in Schlachtordnung aufgestellt, kampfbereit stehen.

droṇo duryodhano bhīṣmo bhavān drauṇis tathā vayam sarve yudhyāmahe pārthaṃ karṇa mā sāhasaṃ kṛthāḥ

Droṇa, Duryodhana, Bhīṣma, du, Drauṇi, sowie wir - lasst uns alle gemeinsam gegen den Pārtha kämpfen, Karṇa; begehe keine Unbesonnenheit.

Wort für Wort
droṇo duryodhano bhīṣmo bhavān drauṇis tathā vayam sarve yudhyāmahe pārthaṃ karṇa mā sāhasaṃ kṛthāḥ
Droṇa, Duryodhana, Bhīṣma, du, Drauṇi, sowie wir - lasst uns alle gemeinsam gegen den Pārtha kämpfen, Karṇa; begehe keine Unbesonnenheit.

vayaṃ vyavasitaṃ pārthaṃ vajrapāṇim ivodyatam ṣaḍrathāḥ pratiyudhyema tiṣṭhema yadi saṃhatāḥ

Wir sechs Wagenkämpfer könnten dem entschlossenen Pārtha, der wie der erhobene Blitzträger ist, entgegentreten, wenn wir vereint zusammenstünden.

Wort für Wort
vayaṃ vyavasitaṃ pārthaṃ vajrapāṇim ivodyatam ṣaḍrathāḥ pratiyudhyema tiṣṭhema yadi saṃhatāḥ
Wir sechs Wagenkämpfer könnten dem entschlossenen Pārtha, der wie der erhobene Blitzträger ist, entgegentreten, wenn wir vereint zusammenstünden.

vyūḍhānīkāni sainyāni yattāḥ paramadhanvinaḥ yudhyāmahe 'rjunaṃ saṃkhye dānavā vāsavaṃ yathā

Mit in Schlachtordnung aufgestellten Heeren, wachsam, als überaus große Bogenschützen, lasst uns gegen Arjuna in der Schlacht kämpfen, wie einst die Dānavas gegen Vāsava kämpften.‘

Wort für Wort
vyūḍhānīkāni sainyāni yattāḥ paramadhanvinaḥ yudhyāmahe 'rjunaṃ saṃkhye dānavā vāsavaṃ yathā
Mit in Schlachtordnung aufgestellten Heeren, wachsam, als überaus große Bogenschützen, lasst uns gegen Arjuna in der Schlacht kämpfen, wie einst die Dānavas gegen Vāsava kämpften.‘

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