Kapitel 6: Pāṇḍavapraveśaparva (6)
Yudhiṣṭhira als Kaṅka am Hof Virāṭas
Yudhiṣṭhira betritt als Erster der Brüder die Versammlungshalle Virāṭas. Der König mustert den unbekannten Ankömmling, dessen königliche Ausstrahlung ihn trotz fehlender äußerer Zeichen der Würde verrät, und fragt sein Gefolge, wer dies sei. Yudhiṣṭhira stellt sich als mittelloser Brahmane und einstiger Freund Yudhiṣṭhiras vor, der unter dem Namen Kaṅka bekannt und im Würfelspiel bewandert sei. Virāṭa, hoch erfreut, gewährt ihm großzügig Aufnahme und Schutz an seinem Hof und stellt ihn dem versammelten Hofstaat als seinesgleichen vor; Yudhiṣṭhira selbst erbittet nur die Zusicherung, dass seine Würfelgewinne auch tatsächlich eingelöst werden. So lebt er fortan unerkannt und hoch geehrt am Hof.
vaiśaṃpāyana uvāca tato virāṭaṃ prathamaṃ yudhiṣṭhiro; rājā sabhāyām upaviṣṭam āvrajat vaiḍūryarūpān pratimucya kāñcanān; akṣān sa kakṣe parigṛhya vāsasā
Vaiśampāyana sprach: Da ging Yudhiṣṭhira als Erster zu König Virāṭa, der in der Versammlungshalle saß, nachdem er die goldenen, wie Beryll schimmernden Würfel beiseitegelegt und in ein Tuch gehüllt an seiner Seite verwahrt hatte.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca tato virāṭaṃ prathamaṃ yudhiṣṭhiro; rājā sabhāyām upaviṣṭam āvrajat vaiḍūryarūpān pratimucya kāñcanān; akṣān sa kakṣe parigṛhya vāsasā
Vaiśampāyana sprach: Da ging Yudhiṣṭhira als Erster zu König Virāṭa, der in der Versammlungshalle saß, nachdem er die goldenen, wie Beryll schimmernden Würfel beiseitegelegt und in ein Tuch gehüllt an seiner Seite verwahrt hatte.
Der Herrscher der Menschen näherte sich dem ruhmreichen Herrn des Reiches - er selbst, der hochberühmte, das Geschlecht der Kauravas mehrende, der Hehre, von Königen der Menschen Geehrte, schwer zu Bezwingende, gleich einer scharf giftigen Schlange.
Der Herrscher der Menschen näherte sich dem ruhmreichen Herrn des Reiches - er selbst, der hochberühmte, das Geschlecht der Kauravas mehrende, der Hehre, von Königen der Menschen Geehrte, schwer zu Bezwingende, gleich einer scharf giftigen Schlange.
Der große Stier unter den Männern erschien von milder Gestalt, doch strahlend wie ein Unsterblicher - wie die von gewaltigen Wolkenmassen verhüllte Sonne, wie ein aschebedecktes, doch kraftvolles Feuer.
Der große Stier unter den Männern erschien von milder Gestalt, doch strahlend wie ein Unsterblicher - wie die von gewaltigen Wolkenmassen verhüllte Sonne, wie ein aschebedecktes, doch kraftvolles Feuer.
tam āpatantaṃ prasamīkṣya pāṇḍavaṃ; virāṭarāḍ indum ivābhrasaṃvṛtam mantridvijān sūtamukhān viśas tathā; ye cāpi ke cit pariṣatsamāsate papraccha ko 'yaṃ prathamaṃ sameyivān; anena yo 'yaṃ prasamīkṣate sabhām
Als er jenen herannahenden Pāṇḍava erblickte, gleich dem wolkenverhüllten Mond, fragte König Virāṭa die Minister, die Brahmanen, die Wortführer der Barden sowie die Bürger und alle, die sonst noch in der Versammlung saßen: ‚Wer ist dieser, der als Erster herangekommen ist, dieser, der hier die Halle musternd betrachtet?‘
Wort für Wort
tam āpatantaṃ prasamīkṣya pāṇḍavaṃ; virāṭarāḍ indum ivābhrasaṃvṛtam mantridvijān sūtamukhān viśas tathā; ye cāpi ke cit pariṣatsamāsate papraccha ko 'yaṃ prathamaṃ sameyivān; anena yo 'yaṃ prasamīkṣate sabhām
Als er jenen herannahenden Pāṇḍava erblickte, gleich dem wolkenverhüllten Mond, fragte König Virāṭa die Minister, die Brahmanen, die Wortführer der Barden sowie die Bürger und alle, die sonst noch in der Versammlung saßen: ‚Wer ist dieser, der als Erster herangekommen ist, dieser, der hier die Halle musternd betrachtet?‘
na tu dvijo 'yaṃ bhavitā narottamaḥ; patiḥ pṛthivyā iti me manogatam na cāsya dāso na ratho na kuṇḍale; samīpato bhrājati cāyam indravat
‚Dieser da, dieser Vortrefflichste der Männer, wird wohl kein Brahmane sein; ein Herr der Erde ist er - so denke ich bei mir; und er hat weder einen Diener noch einen Wagen noch Ohrringe, und doch erstrahlt er aus der Nähe wie Indra.
Wort für Wort
na tu dvijo 'yaṃ bhavitā narottamaḥ; patiḥ pṛthivyā iti me manogatam na cāsya dāso na ratho na kuṇḍale; samīpato bhrājati cāyam indravat
‚Dieser da, dieser Vortrefflichste der Männer, wird wohl kein Brahmane sein; ein Herr der Erde ist er - so denke ich bei mir; und er hat weder einen Diener noch einen Wagen noch Ohrringe, und doch erstrahlt er aus der Nähe wie Indra.
Virāṭa mustert Yudhiṣṭhira und mutmaßt still bei sich über dessen wahren Stand (vitarkayantam, V.007); dieser stumme Gedankengang wird, wie eine Rede, in einfachen Anführungszeichen wiedergegeben.
śarīraliṅgair upasūcito hy ayaṃ; mūrdhābhiṣikto 'yam itīva mānasam samīpam āyāti ca me gatavyatho; yathā gajas tāmarasīṃ madotkaṭaḥ
Durch die Merkmale seines Körpers scheint es mir, als sei er ein gesalbter König; und unbeschwert naht er sich mir, wie ein brunftiger Elefant einem Lotusteich.‘
Wort für Wort
śarīraliṅgair upasūcito hy ayaṃ; mūrdhābhiṣikto 'yam itīva mānasam samīpam āyāti ca me gatavyatho; yathā gajas tāmarasīṃ madotkaṭaḥ
Durch die Merkmale seines Körpers scheint es mir, als sei er ein gesalbter König; und unbeschwert naht er sich mir, wie ein brunftiger Elefant einem Lotusteich.‘
Das im Sanskrit eingebettete 'iti' ('so ist es wohl') wird hier in den Gedankengang eingeschmolzen, um innerhalb von Virāṭas bereits angeführtem stillen Gedanken keine dritte Zitatebene zu eröffnen.
Während er so überlegte, trat der Stier unter den Männern, Yudhiṣṭhira, heran und sprach zu Virāṭa: ‚Der Kaiser möge in mir hier einen nach Lebensunterhalt Suchenden erkennen, einen Brahmanen, der, all seines Besitzes verlustig gegangen, hergekommen ist.
Während er so überlegte, trat der Stier unter den Männern, Yudhiṣṭhira, heran und sprach zu Virāṭa: ‚Der Kaiser möge in mir hier einen nach Lebensunterhalt Suchenden erkennen, einen Brahmanen, der, all seines Besitzes verlustig gegangen, hergekommen ist.
ihāham icchāmi tavānaghāntike; vastuṃ yathā kāmacaras tathā vibho tam abravīt svāgatam ity anantaraṃ; rājā prahṛṣṭaḥ pratisaṃgṛhāṇa ca
Hier möchte ich in deiner Nähe wohnen, du Makelloser, um nach Belieben zu schalten, du Mächtiger.‘ Sogleich darauf sprach der erfreute König zu ihm: ‚Willkommen, so sei denn aufgenommen.
Wort für Wort
ihāham icchāmi tavānaghāntike; vastuṃ yathā kāmacaras tathā vibho tam abravīt svāgatam ity anantaraṃ; rājā prahṛṣṭaḥ pratisaṃgṛhāṇa ca
Hier möchte ich in deiner Nähe wohnen, du Makelloser, um nach Belieben zu schalten, du Mächtiger.‘ Sogleich darauf sprach der erfreute König zu ihm: ‚Willkommen, so sei denn aufgenommen.
kāmena tātābhivadāmy ahaṃ tvāṃ; kasyāsi rājño viṣayād ihāgataḥ gotraṃ ca nāmāpi ca śaṃsa tattvataḥ; kiṃ cāpi śilpaṃ tava vidyate kṛtam
Gerne, mein Lieber, heiße ich dich willkommen; aus wessen Königreich bist du hierher gekommen? Nenne mir wahrheitsgemäß dein Geschlecht und auch deinen Namen; und welche Fertigkeit, welche Kunst du auch beherrschst.‘
Wort für Wort
kāmena tātābhivadāmy ahaṃ tvāṃ; kasyāsi rājño viṣayād ihāgataḥ gotraṃ ca nāmāpi ca śaṃsa tattvataḥ; kiṃ cāpi śilpaṃ tava vidyate kṛtam
Gerne, mein Lieber, heiße ich dich willkommen; aus wessen Königreich bist du hierher gekommen? Nenne mir wahrheitsgemäß dein Geschlecht und auch deinen Namen; und welche Fertigkeit, welche Kunst du auch beherrschst.‘
‚Ich war einst ein Freund Yudhiṣṭhiras; und überdies bin ich ein Brahmane aus dem Geschlecht der Vaiyāghrapadyas; geschickt bin ich im Würfelwerfen, dem Spiel zugetan; unter dem Namen Kaṅka bin ich bekannt, o Virāṭa.‘
‚Ich war einst ein Freund Yudhiṣṭhiras; und überdies bin ich ein Brahmane aus dem Geschlecht der Vaiyāghrapadyas; geschickt bin ich im Würfelwerfen, dem Spiel zugetan; unter dem Namen Kaṅka bin ich bekannt, o Virāṭa.‘
virāṭa uvāca dadāmi te hanta varaṃ yam icchasi; praśādhi matsyān vaśago hy ahaṃ tava priyā hi dhūrtā mama devinaḥ sadā; bhavāṃś ca devopama rājyam arhati
‚Wohlan, ich gewähre dir, welchen Wunsch du auch begehrst; herrsche über die Matsyas - denn dir bin ich ergeben; lieb sind mir nämlich stets geschickte Würfelspieler, und du, dem Gott Gleicher, verdienst ein Königreich.‘
Wort für Wort
virāṭa uvāca dadāmi te hanta varaṃ yam icchasi; praśādhi matsyān vaśago hy ahaṃ tava priyā hi dhūrtā mama devinaḥ sadā; bhavāṃś ca devopama rājyam arhati
‚Wohlan, ich gewähre dir, welchen Wunsch du auch begehrst; herrsche über die Matsyas - denn dir bin ich ergeben; lieb sind mir nämlich stets geschickte Würfelspieler, und du, dem Gott Gleicher, verdienst ein Königreich.‘
yudhiṣṭhira uvāca āpto vivādaḥ paramo viśāṃ pate; na vidyate kiṃ cana matsya hīnataḥ na me jitaḥ kaś cana dhārayed dhanaṃ; varo mamaiṣo 'stu tava prasādataḥ
‚Die höchste Vergünstigung ist mir schon zuteil geworden, Herr der Untertanen; nichts fehlt mir mehr, o Matsya-König. Nur dies eine sei mir aus deiner Gnade als Gabe gewährt: dass keiner, den ich im Spiel besiege, die Schuld zurückhalte.‘
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca āpto vivādaḥ paramo viśāṃ pate; na vidyate kiṃ cana matsya hīnataḥ na me jitaḥ kaś cana dhārayed dhanaṃ; varo mamaiṣo 'stu tava prasādataḥ
‚Die höchste Vergünstigung ist mir schon zuteil geworden, Herr der Untertanen; nichts fehlt mir mehr, o Matsya-König. Nur dies eine sei mir aus deiner Gnade als Gabe gewährt: dass keiner, den ich im Spiel besiege, die Schuld zurückhalte.‘
‚Selbst einen, der nicht getötet werden dürfte, würde ich töten, sollte er dir Unrecht antun; ebenso würde ich sogar Brahmanen aus meinem Reich verbannen. Meine versammelten Untertanen mögen hören: Wie ich selbst Herr in diesem Reich bin, so ist es auch Kaṅka.
‚Selbst einen, der nicht getötet werden dürfte, würde ich töten, sollte er dir Unrecht antun; ebenso würde ich sogar Brahmanen aus meinem Reich verbannen. Meine versammelten Untertanen mögen hören: Wie ich selbst Herr in diesem Reich bin, so ist es auch Kaṅka.
samānayāno bhavitāsi me sakhā; prabhūtavastro bahupānabhojanaḥ paśyes tvam antaś ca bahiś ca sarvadā; kṛtaṃ ca te dvāram apāvṛtaṃ mayā
Als mein Begleiter sollst du mir gleichgestellt sein, reich versorgt mit Gewändern, mit reichlichem Trank und Speise; du sollst jederzeit alles innen und außen einsehen dürfen, und die Tür ist dir von mir geöffnet worden.
Wort für Wort
samānayāno bhavitāsi me sakhā; prabhūtavastro bahupānabhojanaḥ paśyes tvam antaś ca bahiś ca sarvadā; kṛtaṃ ca te dvāram apāvṛtaṃ mayā
Als mein Begleiter sollst du mir gleichgestellt sein, reich versorgt mit Gewändern, mit reichlichem Trank und Speise; du sollst jederzeit alles innen und außen einsehen dürfen, und die Tür ist dir von mir geöffnet worden.
ye tvānuvādeyur avṛttikarśitā; brūyāś ca teṣāṃ vacanena me sadā dāsyāmi sarvaṃ tad ahaṃ na saṃśayo; na te bhayaṃ vidyati saṃnidhau mama
Und sollten dich Leute, von Mittellosigkeit ausgezehrt, verleumden, so berichte mir stets mit ihren eigenen Worten davon - ich werde dir dafür allen Ersatz leisten, ohne Zweifel; keine Furcht sollst du in meiner Gegenwart hegen.‘
Wort für Wort
ye tvānuvādeyur avṛttikarśitā; brūyāś ca teṣāṃ vacanena me sadā dāsyāmi sarvaṃ tad ahaṃ na saṃśayo; na te bhayaṃ vidyati saṃnidhau mama
Und sollten dich Leute, von Mittellosigkeit ausgezehrt, verleumden, so berichte mir stets mit ihren eigenen Worten davon - ich werde dir dafür allen Ersatz leisten, ohne Zweifel; keine Furcht sollst du in meiner Gegenwart hegen.‘
vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ sa labdhvā tu varaṃ samāgamaṃ; virāṭarājena nararṣabhas tadā uvāsa vīraḥ paramārcitaḥ sukhī; na cāpi kaś cic caritaṃ bubodha tat
Nachdem er so von König Virāṭa die Gunst der Aufnahme erlangt hatte, lebte der Held, der Stier unter den Männern, fortan glücklich und hoch geehrt; und niemand erkannte sein wahres Wesen.
Wort für Wort
vaiśaṃpāyana uvāca evaṃ sa labdhvā tu varaṃ samāgamaṃ; virāṭarājena nararṣabhas tadā uvāsa vīraḥ paramārcitaḥ sukhī; na cāpi kaś cic caritaṃ bubodha tat
Nachdem er so von König Virāṭa die Gunst der Aufnahme erlangt hatte, lebte der Held, der Stier unter den Männern, fortan glücklich und hoch geehrt; und niemand erkannte sein wahres Wesen.