Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Araṇyakāṇḍa

Sarga 10: Rāma Vākyam Rāma erklärt Sītā sein Gelübde, die Weisen des Daṇḍaka-Waldes vor den Rākṣasas zu beschützen

vākyam etat tu vaidehyā vyāhṛtam bhartṛ bhaktyā | śrutvā dharme sthito rāmaḥ pratyuvāca jānakīm || 3-10-1

Nachdem er dieses Wort, das die Vaidehī aus Gattinnentreue gesprochen hatte, gehört hatte, entgegnete Rāma, im Dharma feststehend, der Tochter Janakas:

Wort für Wort
vākyam etat tu vaidehyā
dieses Wort der Vaidehī
vyāhṛtam bhartṛ bhaktyā
gesprochen aus Gattinnentreue
śrutvā dharme sthito rāmaḥ
gehört habend, Rāma, im Dharma feststehend
pratyuvāca jānakīm
entgegnete der Tochter Janakas

hitam uktam tvayā devi snigdhayā sadṛśam vacaḥ | kulam vyapadiśantyā ca dharmajñe janaka ātmaje || 3-10-2

Heilsames hast du gesprochen, Göttin, ein liebevolles, geziemendes Wort, das die Ehre deiner Herkunft bezeugt, o Dharmakundige, Tochter Janakas.

Wort für Wort
hitam uktam tvayā devi
Heilsames hast du gesprochen, Göttin
snigdhayā sadṛśam vacaḥ
ein liebevolles, geziemendes Wort
kulam vyapadiśantyā ca
das die Herkunft bezeugt
dharmajñe janaka ātmaje
o Dharmakundige, Tochter Janakas

kim nu vakṣyāmi aham devi tvayā eva uktam idam vacaḥ | kṣatriyaiḥ dhāryate cāpo na ārta śabdo bhaved iti || 3-10-3

Was aber soll ich dir sagen, Göttin? Du selbst hast dieses Wort gesprochen: 'Von Kṣatriyas wird der Bogen getragen, damit kein Klageschrei der Bedrängten erschalle.'

Wort für Wort
kim nu vakṣyāmi aham devi
was soll ich sagen, Göttin
tvayā eva uktam idam vacaḥ
du selbst hast dieses Wort gesprochen
kṣatriyaiḥ dhāryate cāpo
von Kṣatriyas wird der Bogen getragen
na ārta śabdo bhaved iti
damit kein Klageschrei sei

te ca ārtā daṇḍakāraṇye munayaḥ saṃśita vratāḥ | mām sīte svayam āgamya śaraṇyāḥ śaraṇam gatāḥ || 3-10-4

Jene aber, die bedrängten Weisen im Daṇḍaka-Wald, von strengen Gelübden, sind, selbst zu mir gekommen, o Sītā, sie, die selbst Zuflucht gewähren, in meine Zuflucht getreten.

Wort für Wort
te ca ārtā daṇḍakāraṇye
jene bedrängten im Daṇḍaka-Wald
munayaḥ saṃśita vratāḥ
Weise von strengen Gelübden
mām sīte svayam āgamya
zu mir, Sītā, selbst gekommen
śaraṇyāḥ śaraṇam gatāḥ
die Zufluchtsgewährenden sind in Zuflucht gegangen

vasantaḥ kāla kāleṣu vane mūla phala aśanāḥ | na labhante sukham bhīru rākṣasaiḥ krūra karmabhiḥ || 3-10-5

Sie, die von Zeit zu Zeit im Wald wohnen und von Wurzeln und Früchten leben, finden kein Glück, Furchtsame, wegen der Rākṣasas mit ihren grausamen Taten.

Wort für Wort
vasantaḥ kāla kāleṣu vane
die von Zeit zu Zeit im Wald wohnen
mūla phala aśanāḥ
von Wurzeln und Früchten lebend
na labhante sukham bhīru
finden kein Glück, Furchtsame
rākṣasaiḥ krūra karmabhiḥ
wegen der Rākṣasas mit grausamen Taten

bhakṣyante rākṣasaiḥ bhīmaiḥ nara māṃsopajīvibhiḥ | te bhakṣyamāṇā munayo daṇḍakāraṇya vāsinaḥ || 3-10-6

Sie werden von den furchtbaren Rākṣasas, die von Menschenfleisch leben, gefressen; jene Weisen, im Daṇḍaka-Wald wohnend, die so gefressen werden,

Wort für Wort
bhakṣyante rākṣasaiḥ bhīmaiḥ
sie werden von furchtbaren Rākṣasas gefressen
nara māṃsopajīvibhiḥ
die von Menschenfleisch leben
te bhakṣyamāṇā munayo
jene gefressenen Weisen
daṇḍakāraṇya vāsinaḥ
die im Daṇḍaka-Wald wohnen

asmān abhyavapadya iti mām ūcur dvija sattamāḥ | mayā tu vacanam śrutvā teṣām evam mukhāt cyutam || 3-10-7

sind zu uns gekommen und haben so zu mir gesprochen, jene Besten der Zweifachgeborenen. Als ich aber dieses Wort, das so aus ihrem Munde kam, gehört hatte,

Wort für Wort
asmān abhyavapadya iti
zu uns gekommen, so
mām ūcur dvija sattamāḥ
sprachen zu mir die Besten der Zweifachgeborenen
mayā tu vacanam śrutvā
von mir aber, das Wort gehört habend
teṣām evam mukhāt cyutam
das so aus ihrem Munde kam

kṛtvā vacana śuśruṣām vākyam etat udāhṛtam | prasīdantu bhavanto me hrīḥ eṣā tu mama atulā || 3-10-8

achtete ich auf ihr Wort und sprach dieses Wort: 'Möget ihr mir gnädig sein; unvergleichlich ist meine Scham darüber,

Wort für Wort
kṛtvā vacana śuśruṣām
auf das Wort achtend
vākyam etat udāhṛtam
wurde dieses Wort gesprochen
prasīdantu bhavanto me
möget ihr mir gnädig sein
hrīḥ eṣā tu mama atulā
unvergleichlich ist diese meine Scham

yad īdṛśaiḥ aham vipraiḥ upastheyaiḥ upasthitaḥ | kim karomi iti ca mayā vyāhṛtam dvija saṃnidhau || 3-10-9

dass ich von solchen ehrwürdigen Brahmanen um Hilfe angegangen werde.' 'Was soll ich tun?' – so sprach ich in Gegenwart der Zweifachgeborenen.

Wort für Wort
yad īdṛśaiḥ aham vipraiḥ
dass ich von solchen Brahmanen
upastheyaiḥ upasthitaḥ
von den Ehrwürdigen angegangen werde
kim karomi iti ca
'was soll ich tun', so
mayā vyāhṛtam dvija saṃnidhau
sprach ich in Gegenwart der Zweifachgeborenen

sarvaiḥ eva samāgamya vāk iyam samudāhṛtā | rākṣasaiḥ daṇḍakāraṇye bahubhiḥ kāma rūpibhiḥ || 3-10-10

Da versammelten sich alle und sprachen dieses Wort: 'Von vielen gestaltwandelnden Rākṣasas im Daṇḍaka-Wald

Wort für Wort
sarvaiḥ eva samāgamya
alle versammelten sich
vāk iyam samudāhṛtā
dieses Wort wurde gesprochen
rākṣasaiḥ daṇḍakāraṇye
von den Rākṣasas im Daṇḍaka-Wald
bahubhiḥ kāma rūpibhiḥ
von vielen gestaltwandelnden

arditāḥ sma bhṛśam rāma bhavān naḥ tatra rakṣatu | homa kāle tu saṃprāpte parva kāleṣu ca anagha || 3-10-11

werden wir heftig gequält, Rāma; du sollst uns dort beschützen. Denn wenn die Zeit des Opfers gekommen ist und zu den Festzeiten, o Makelloser,

Wort für Wort
arditāḥ sma bhṛśam rāma
wir werden heftig gequält, Rāma
bhavān naḥ tatra rakṣatu
du sollst uns dort beschützen
homa kāle tu saṃprāpte
wenn die Opferzeit gekommen ist
parva kāleṣu ca anagha
und zu den Festzeiten, Makelloser

dharṣayanti sudurdharṣā rākṣasāḥ piśita aśanāḥ | rākṣasaiḥ dharṣitānām ca tāpasānām tapasvinām || 3-10-12

vergewaltigen die unbezwingbaren, fleischessenden Rākṣasas uns. Für die von den Rākṣasas bedrängten büßenden Asketen,

Wort für Wort
dharṣayanti sudurdharṣā
die unbezwingbaren vergewaltigen
rākṣasāḥ piśita aśanāḥ
die fleischessenden Rākṣasas
rākṣasaiḥ dharṣitānām ca
und der von Rākṣasas Bedrängten
tāpasānām tapasvinām
der büßenden Asketen

gatim mṛgayamāṇānām bhavān naḥ paramā gatiḥ | kāmam tapaḥ prabhāveṇa śaktā hantum niśācarān || 3-10-13

die eine Zuflucht suchen, bist du unsere höchste Zuflucht. Zwar könnten wir durch die Macht unserer Askese die Nachtwandler töten,

Wort für Wort
gatim mṛgayamāṇānām
die eine Zuflucht suchen
bhavān naḥ paramā gatiḥ
du bist unsere höchste Zuflucht
kāmam tapaḥ prabhāveṇa
zwar durch die Macht der Askese
śaktā hantum niśācarān
könnten wir die Nachtwandler töten

cirārjitam na ca icchhāmaḥ tapaḥ khaṇḍayitum vayam | bahu vighnam tapo nityam duḥścaram caiva rāghava || 3-10-14

doch wollen wir nicht die lang erworbene Askese zerbrechen; ständig von vielen Hindernissen bedroht und schwer zu vollbringen ist die Askese, Rāghava.

Wort für Wort
cirārjitam na ca icchhāmaḥ
die lang erworbene wollen wir nicht
tapaḥ khaṇḍayitum vayam
die Askese zerbrechen
bahu vighnam tapo nityam
ständig von vielen Hindernissen bedroht die Askese
duḥścaram caiva rāghava
und schwer zu vollbringen, Rāghava

tena śāpam na muṃcāmo bhakṣyamāṇāḥ ca rākṣasaiḥ | tad ardyamānān rakṣobhiḥ daṇḍakāraṇya vāsibhiḥ || 3-10-15

Deshalb sprechen wir keinen Fluch aus, auch wenn wir von den Rākṣasas gefressen werden.' So, von den Rākṣasas gequält, den Bewohnern des Daṇḍaka-Waldes,

Wort für Wort
tena śāpam na muṃcāmo
deshalb sprechen wir keinen Fluch aus
bhakṣyamāṇāḥ ca rākṣasaiḥ
auch wenn wir gefressen werden von Rākṣasas
tad ardyamānān rakṣobhiḥ
so von den Rākṣasas Gequälten
daṇḍakāraṇya vāsibhiḥ
den Bewohnern des Daṇḍaka-Waldes

rakṣa naḥ tvam saha bhrātrā tvam nāthā hi vayam vane | mayā ca etat vacaḥ śrutvā kārtsnyena paripālanam || 3-10-16

'beschütze uns, du mit deinem Bruder; du bist unser Herr, wir sind hilflos im Wald.' Und als ich dieses Wort gehört hatte, gelobte ich den vollständigen Schutz

Wort für Wort
rakṣa naḥ tvam saha bhrātrā
beschütze uns, du mit deinem Bruder
tvam nāthā hi vayam vane
du bist unser Herr, wir sind im Wald
mayā ca etat vacaḥ śrutvā
und von mir dieses Wort gehört
kārtsnyena paripālanam
den vollständigen Schutz

ṛṣīṇām daṇḍakāraṇye saṃśrutam janakāatmaje | saṃśrutya na ca śakṣyāmi jīvamānaḥ pratiśravam || 3-10-17

der Weisen im Daṇḍaka-Wald, o Tochter Janakas. Nachdem ich dies gelobt habe, kann ich, solange ich lebe, dieses Versprechen

Wort für Wort
ṛṣīṇām daṇḍakāraṇye
der Weisen im Daṇḍaka-Wald
saṃśrutam janakāatmaje
gelobt, o Tochter Janakas
saṃśrutya na ca śakṣyāmi
gelobt habend, kann ich nicht
jīvamānaḥ pratiśravam
solange ich lebe, das Versprechen

munīnām anyathā kartum satyam iṣṭam hi me sadā | api aham jīvitam jahyām tvām vā sīte sa lakṣmaṇām || 3-10-18

den Weisen gegenüber nicht anders machen – Wahrhaftigkeit ist mir stets teuer. Eher würde ich mein Leben aufgeben, oder dich, Sītā, oder Lakṣmaṇa,

Wort für Wort
munīnām anyathā kartum
den Weisen gegenüber anders machen
satyam iṣṭam hi me sadā
Wahrhaftigkeit ist mir stets teuer
api aham jīvitam jahyām
eher würde ich das Leben aufgeben
tvām vā sīte sa lakṣmaṇām
dich, Sītā, oder Lakṣmaṇa

na tu pratijñām saṃśrutya brāhmaṇebhyo viśeṣataḥ | tat avaśyam mayā kāryam ṛṣīṇām paripālanam || 3-10-19

nicht aber ein Gelübde, das ich vor allem den Brahmanen gegenüber abgelegt habe. Darum muss ich unweigerlich den Schutz der Weisen vollbringen.

Wort für Wort
na tu pratijñām saṃśrutya
nicht aber ein Gelübde, das gelobt wurde
brāhmaṇebhyo viśeṣataḥ
vor allem den Brahmanen gegenüber
tat avaśyam mayā kāryam
dies muss unweigerlich von mir getan werden
ṛṣīṇām paripālanam
der Schutz der Weisen

anuktena api vaidehi pratijñāya katham punaḥ | mama snehāt ca sauhārdāt idam uktam tvayā vacaḥ || 3-10-20

Selbst ohne dass ich es dir gesagt hätte, o Vaidehī, wie könnte ich es, nachdem ich es gelobt habe, wieder zurücknehmen? Aus Liebe und Freundschaft zu mir hast du dieses Wort gesprochen,

Wort für Wort
anuktena api vaidehi
selbst ungesagt, Vaidehī
pratijñāya katham punaḥ
wie könnte ich, nachdem ich gelobt habe, wieder
mama snehāt ca sauhārdāt
aus Liebe und Freundschaft zu mir
idam uktam tvayā vacaḥ
hast du dieses Wort gesprochen

parituṣṭo asmi aham sīte na hi aniṣṭo anuśāsyate | sadṛśam ca anurūpam ca kulasya tava śobhane || 3-10-21

und ich bin sehr zufrieden damit, Sītā – denn kein Unwillkommener wird so belehrt –, ein geziemendes und passendes Wort, deiner Herkunft würdig, o Schöne,

Wort für Wort
parituṣṭo asmi aham sīte
ich bin sehr zufrieden, Sītā
na hi aniṣṭo anuśāsyate
denn kein Unwillkommener wird so belehrt
sadṛśam ca anurūpam ca
geziemend und passend
kulasya tava śobhane
deiner Herkunft würdig, o Schöne

sadharma cāriṇī me tvam prāṇebhyo api garīyasī || iti evam uktvā vacanam mahātmā sītām priyām maithila rāja putrīm | rāmo dhanuṣmān saha lakṣmaṇena jagāma ramyāṇi tapo vanāni || 3-10-22

du, meine Gefährtin im Dharma, mir teurer als das eigene Leben." Nachdem der Großherzige, Rāma, mit dem Bogen bewaffnet, diese Worte zu seiner geliebten Sītā, der Königstochter von Mithilā, gesprochen hatte, zog er zusammen mit Lakṣmaṇa zu den lieblichen Asketenwäldern weiter.

Wort für Wort
sadharma cāriṇī me tvam
du, meine Gefährtin im Dharma
prāṇebhyo api garīyasī
mir teurer als das Leben
iti evam uktvā vacanam mahātmā
dies gesagt habend, der Großherzige
sītām priyām maithila rāja putrīm
zu seiner geliebten Sītā, der Königstochter von Mithilā
rāmo dhanuṣmān saha lakṣmaṇena
Rāma, mit dem Bogen, mit Lakṣmaṇa
jagāma ramyāṇi tapo vanāni
zog zu den lieblichen Asketenwäldern

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