Quellen der Menschheit

Rāmāyaṇa · Araṇyakāṇḍa

Sarga 48: Rāvaṇa Ātma Praśaṃsā Rāvaṇas Selbstlob

evam bruvatyām sītāyām saṃrabdhaḥ paruṣa akṣaram | lalāṭe bhrukuṭīm kṛtvā rāvaṇaḥ prati uvāca ha || 3-48-1

Während Sītā so sprach, erregt, mit harten Worten, die Stirn in Falten legend, erwiderte Rāvaṇa:

Wort für Wort
evam bruvatyām sītāyām
während Sītā so sprach
saṃrabdhaḥ paruṣa akṣaram
erregt, mit harten Worten
lalāṭe bhrukuṭīm kṛtvā
die Stirn in Falten legend
rāvaṇaḥ prati uvāca ha
erwiderte Rāvaṇa

bhrātā vaiśravaṇasya aham sāpatno varavarṇini | rāvaṇo nāma bhadram te daśagrīvaḥ pratāpavān || 3-48-2

‚Ich bin der Halbbruder des Vaiśravaṇa, du von schöner Farbe; Rāvaṇa ist mein Name, Heil dir, der Zehnhalsige, von großer Macht,'

Wort für Wort
bhrātā vaiśravaṇasya aham sāpatno
ich bin der Halbbruder des Vaiśravaṇa
varavarṇini
du von schöner Farbe
rāvaṇo nāma bhadram te
Rāvaṇa ist mein Name, Heil dir
daśagrīvaḥ pratāpavān
der Zehnhalsige, von großer Macht

yasya devāḥ sa gaṃdharvāḥ piśāca pataga uragāḥ | vidravanti bhayāt bhītā mṛtyoḥ iva sadā prajāḥ || 3-48-3

‚vor dem Götter, Gandharvas, Piśācas, Vögel und Schlangen aus Furcht fliehen, erschrocken, wie die Geschöpfe stets vor dem Tod.'

Wort für Wort
yasya devāḥ sa gaṃdharvāḥ
vor dem Götter und Gandharvas
piśāca pataga uragāḥ
Piśācas, Vögel und Schlangen
vidravanti bhayāt bhītā
fliehen aus Furcht, erschrocken
mṛtyoḥ iva sadā prajāḥ
wie die Geschöpfe stets vor dem Tod

yena vaiśravaṇo bhrātā vaimātraḥ kāraṇāṃtare | dvandvam āsāditaḥ krodhāt raṇe vikramya nirjitaḥ || 3-48-4

‚Von mir wurde der Halbbruder Vaiśravaṇa, aus einem anderen Grund, in einem Zweikampf, aus Zorn, im Kampf durch Tapferkeit besiegt,'

Wort für Wort
yena vaiśravaṇo bhrātā vaimātraḥ
von dem der Halbbruder Vaiśravaṇa
kāraṇāṃtare
aus einem anderen Grund
dvandvam āsāditaḥ krodhāt
in einen Zweikampf geraten, aus Zorn
raṇe vikramya nirjitaḥ
im Kampf durch Tapferkeit besiegt

mat bhaya ārtaḥ parityajya svam adhiṣṭhānam ṛddhimat | kailāsam parvata śreṣṭham adhyāste nara vāhanaḥ || 3-48-5

‚und, von Furcht vor mir gequält, seinen eigenen prächtigen Wohnsitz verlassend, weilt er, von Menschen [als Sänfte] getragen, auf dem Kailāsa, dem vorzüglichsten der Berge.'

Wort für Wort
mat bhaya ārtaḥ parityajya
von Furcht vor mir gequält, verlassend
svam adhiṣṭhānam ṛddhimat
seinen eigenen prächtigen Wohnsitz
kailāsam parvata śreṣṭham adhyāste
weilt er auf dem Kailāsa, dem vorzüglichsten Berg
nara vāhanaḥ
von Menschen getragen

yasya tat puṣpakam nāma vimānam kāmagam śubham | vīryād āvarjitam bhadre yena yāmi vihāyasam || 3-48-6

‚Dessen Flugwagen, mit Namen Puṣpaka, nach Belieben fliegend, prächtig, wurde durch meine Tapferkeit erobert, du Holde; mit ihm fahre ich durch den Luftraum.'

Wort für Wort
yasya tat puṣpakam nāma
dessen Flugwagen, mit Namen Puṣpaka
vimānam kāmagam śubham
nach Belieben fliegend, prächtig
vīryād āvarjitam bhadre
durch Tapferkeit erobert, du Holde
yena yāmi vihāyasam
mit dem ich durch den Luftraum fahre

mama saṃjāta roṣasya mukham dṛṣṭvā eva maithili | vidravanti paritrastāḥ surāḥ śakra purogamāḥ || 3-48-7

‚Nur mein Gesicht erblickend, wenn Zorn in mir entstanden ist, o Maithilī, fliehen die Götter, angeführt von Śakra, in höchster Angst.'

Wort für Wort
mama saṃjāta roṣasya
meines, in dem Zorn entstanden ist
mukham dṛṣṭvā eva maithili
das Gesicht nur erblickend, o Maithilī
vidravanti paritrastāḥ surāḥ
fliehen die Götter, in höchster Angst
śakra purogamāḥ
angeführt von Śakra

yatra tiṣṭhāmi aham tatra māruto vāti śankitaḥ | tīvra aṃśuḥ śiśira aṃśuḥ ca bhayāt saṃpadyate raviḥ || 3-48-8

‚Wo immer ich weile, dort weht der Wind ängstlich, und die Sonne wird, mal glühend heiß, mal kühl, aus Furcht.'

Wort für Wort
yatra tiṣṭhāmi aham tatra
wo immer ich weile, dort
māruto vāti śankitaḥ
weht der Wind ängstlich
tīvra aṃśuḥ śiśira aṃśuḥ ca
mal glühend heiß, mal kühl
bhayāt saṃpadyate raviḥ
wird die Sonne aus Furcht

niṣkaṃpa patrāḥ taravo nadyaḥ ca stimita udakāḥ | bhavanti yatra tatra aham tiṣṭhāmi ca carāmi ca || 3-48-9

‚Regungslos-blättrig werden die Bäume, und die Flüsse still in ihrem Wasser, wo immer ich weile und wandle.'

Wort für Wort
niṣkaṃpa patrāḥ taravo
regungslos-blättrig die Bäume
nadyaḥ ca stimita udakāḥ
und die Flüsse still im Wasser
bhavanti yatra tatra
werden dort, wo
aham tiṣṭhāmi ca carāmi ca
ich weile und wandle

mama pāre samudrasya laṃkā nāma purī śubhā | saṃpūrṇā rākṣasaiḥ ghoraiḥ yathā indrasya amarāvatī || 3-48-10

‚Jenseits des Ozeans liegt meine prächtige Stadt, mit Namen Laṅkā, voll von furchtbaren Rākṣasas, wie Indras Amarāvatī.'

Wort für Wort
mama pāre samudrasya
jenseits des Ozeans, meine
laṃkā nāma purī śubhā
prächtige Stadt, mit Namen Laṅkā
saṃpūrṇā rākṣasaiḥ ghoraiḥ
voll von furchtbaren Rākṣasas
yathā indrasya amarāvatī
wie Indras Amarāvatī

prākāreṇa parikṣiptā pāṇḍureṇa virājitā | hema kakṣyā purī ramyā vaidūryamaya toraṇā || 3-48-11

‚Von einer weißen Mauer umgeben, erstrahlend, mit goldenen Umfriedungen, die liebliche Stadt, mit Torbögen aus Beryll,'

Wort für Wort
prākāreṇa parikṣiptā
von einer Mauer umgeben
pāṇḍureṇa virājitā
weiß, erstrahlend
hema kakṣyā purī ramyā
mit goldenen Umfriedungen, die liebliche Stadt
vaidūryamaya toraṇā
mit Torbögen aus Beryll

hasti aśva ratha saṃbhādhā tūrya nāda vināditā | sarva kāma phalaiḥ vṛkṣaiḥ saṃkula udyāna bhūṣitā || 3-48-12

‚gedrängt voll von Elefanten, Pferden, Wagen, von Trompetenklang widerhallend, mit Gärten geschmückt, voller Bäume mit allen ersehnten Früchten.'

Wort für Wort
hasti aśva ratha saṃbhādhā
gedrängt voll von Elefanten, Pferden, Wagen
tūrya nāda vināditā
von Trompetenklang widerhallend
sarva kāma phalaiḥ vṛkṣaiḥ
mit Bäumen mit allen ersehnten Früchten
saṃkula udyāna bhūṣitā
voll, mit Gärten geschmückt

tatra tvam vasa he sīte rājaputri mayā saha | na smariṣyasi nārīṇām mānuṣīṇām manasvini || 3-48-13

‚Dort wohne du, Sītā, Königstochter, mit mir zusammen; du wirst dich nicht mehr an menschliche Frauen erinnern, du Kluge.'

Wort für Wort
tatra tvam vasa he sīte
dort wohne du, Sītā
rājaputri mayā saha
Königstochter, mit mir zusammen
na smariṣyasi nārīṇām
du wirst dich nicht erinnern an Frauen
mānuṣīṇām manasvini
menschliche, du Kluge

bhuṃjānā mānuṣān bhogān divyān ca varavarṇini | na smariṣyasi rāmasya mānuṣasya gata āyuṣaḥ || 3-48-14

‚Menschliche und göttliche Genüsse genießend, du von schöner Farbe, wirst du dich nicht mehr an Rāma erinnern, den Menschen, dessen Lebenszeit abgelaufen ist,'

Wort für Wort
bhuṃjānā mānuṣān bhogān
menschliche Genüsse genießend
divyān ca varavarṇini
und göttliche, du von schöner Farbe
na smariṣyasi rāmasya
du wirst dich nicht an Rāma erinnern
mānuṣasya gata āyuṣaḥ
den Menschen, dessen Lebenszeit abgelaufen ist

sthāpayitvā priyam putram rājñā daśarathena yaḥ | manda vīryaḥ suto jyeṣṭhaḥ tataḥ prasthāpito vanam || 3-48-15

‚der, obwohl er der geliebte, älteste Sohn war, von König Daśaratha [übergangen wurde], und, von schwacher Kraft, darauf in den Wald geschickt wurde.'

Wort für Wort
sthāpayitvā priyam putram
den geliebten Sohn einsetzend [einen anderen]
rājñā daśarathena yaḥ
von König Daśaratha, der
manda vīryaḥ suto jyeṣṭhaḥ
von schwacher Kraft, der älteste Sohn
tataḥ prasthāpito vanam
wurde darauf in den Wald geschickt

tena kim bhraṣṭa rājyena rāmeṇa gata cetasā | kariṣyasi viśālākṣi tāpasena tapasvinā || 3-48-16

‚Was willst du denn mit diesem seines Königreichs beraubten Rāma anfangen, du Großäugige, dessen Sinn geschwunden ist, dem Asketen, dem Büßer?'

Wort für Wort
tena kim bhraṣṭa rājyena
was mit diesem seines Königreichs beraubten
rāmeṇa gata cetasā
Rāma, dessen Sinn geschwunden ist
kariṣyasi viśālākṣi
willst du anfangen, du Großäugige
tāpasena tapasvinā
dem Asketen, dem Büßer

sarva rākṣasa bhartāram kāmaya - kāmāt - svayam āgatam | na manmatha śara āviṣṭam prati ākhyātum tvam arhasi || 3-48-17

‚Begehre mich, den Herrn aller Rākṣasas, der aus eigenem Verlangen von selbst zu dir gekommen ist; du solltest den, der von den Pfeilen des Liebesgottes durchbohrt ist, nicht zurückweisen.'

Wort für Wort
sarva rākṣasa bhartāram kāmaya
begehre den Herrn aller Rākṣasas
kāmāt svayam āgatam
aus Verlangen von selbst gekommen
na manmatha śara āviṣṭam
den von des Liebesgottes Pfeilen durchbohrten
prati ākhyātum tvam arhasi
solltest du nicht zurückweisen

prati ākhyāya hi mām bhīru paritāpam gamiṣyasi | caraṇena abhihatya iva purūravasam ūrvaśī || 3-48-18

‚Denn wenn du mich zurückweist, Furchtsame, wirst du in Reue geraten, wie Ūrvaśī, die Purūravas mit dem Fuß gestoßen hatte.'

Wort für Wort
prati ākhyāya hi mām bhīru
denn mich zurückweisend, Furchtsame
paritāpam gamiṣyasi
wirst du in Reue geraten
caraṇena abhihatya iva
wie mit dem Fuß gestoßen habend
purūravasam ūrvaśī
Purūravas, Ūrvaśī

aṃgulyā na samo rāmo mama yuddhe sa mānuṣaḥ | tava bhāgyen saṃprāptam bhajasva varavarṇini || 3-48-19

‚Nicht einmal meinem Finger gleich ist jener Mensch Rāma im Kampf. Nimm an, was dir durch dein Glück zuteil geworden ist, du von schöner Farbe.'

Wort für Wort
aṃgulyā na samo rāmo
nicht meinem Finger gleich ist Rāma
mama yuddhe sa mānuṣaḥ
im Kampf mit mir, jener Mensch
tava bhāgyen saṃprāptam
was dir durch Glück zuteil geworden ist
bhajasva varavarṇini
nimm an, du von schöner Farbe

evam uktā tu vaidehī kruddhā saṃrakta locanā | abravīt paruṣam vākyam rahite rākṣasa adhipam || 3-48-20

So angesprochen, zornig, mit blutunterlaufenen Augen, sprach die Vaidehī ein hartes Wort zum Herrn der Rākṣasas an dem einsamen Ort:

Wort für Wort
evam uktā tu vaidehī
so angesprochen, die Vaidehī
kruddhā saṃrakta locanā
zornig, mit blutunterlaufenen Augen
abravīt paruṣam vākyam
sprach ein hartes Wort
rahite rākṣasa adhipam
zum Herrn der Rākṣasas, an dem einsamen Ort

katham vaiśravaṇam devam sarva deva namaskṛtam | bhrātaram vyapadiśya tvam aśubham kartum icchasi || 3-48-21

‚Wie kannst du, den Gott Vaiśravaṇa, dem alle Götter huldigen, deinen Bruder nennend, ihm dabei Böses wünschen zu tun?'

Wort für Wort
katham vaiśravaṇam devam
wie kannst du den Gott Vaiśravaṇa
sarva deva namaskṛtam
dem alle Götter huldigen
bhrātaram vyapadiśya tvam
deinen Bruder nennend
aśubham kartum icchasi
wünschst du Böses zu tun

avaśyam vinaśiṣyanti sarve rāvaṇa rākṣasāḥ | yeṣām tvam karkaśo rājā durbuddhiḥ ajita indriyaḥ || 3-48-22

‚Unweigerlich werden alle Rākṣasas zugrunde gehen, o Rāvaṇa, deren König du bist – hart, von schlechtem Verstand, deiner Sinne nicht Herr.'

Wort für Wort
avaśyam vinaśiṣyanti
unweigerlich werden zugrunde gehen
sarve rāvaṇa rākṣasāḥ
alle Rākṣasas, o Rāvaṇa
yeṣām tvam karkaśo rājā
deren König du bist, hart
durbuddhiḥ ajita indriyaḥ
von schlechtem Verstand, deiner Sinne nicht Herr

apahṛtya śacīm bhāryām śakyam indrasya jīvitum | na hi rāmasya bhāryām mām apanīya asti jīvitam || 3-48-23

‚Selbst wenn man Indras Gattin Śacī raubte, könnte man vielleicht am Leben bleiben; doch wenn man mich, Rāmas Gattin, raubt, gibt es kein Überleben.'

Wort für Wort
apahṛtya śacīm bhāryām
Indras Gattin Śacī raubend
śakyam indrasya jīvitum
könnte man am Leben bleiben
na hi rāmasya bhāryām mām
doch mich, Rāmas Gattin
apanīya asti jīvitam
raubend gibt es kein Überleben

jīvet ciram vajra dharasya hastāt śacīm pradhṛṣya apratirūpa rūpām | na mā dṛśīm rākṣasa dharṣayitvā pīta amṛtasya api tava asti mokṣaḥ || 3-48-24

‚Man könnte lange leben, selbst nachdem man Śacī, die von unvergleichlicher Schönheit, dem Blitzträger aus der Hand entrissen hätte – doch nachdem du eine wie mich vergewaltigt hast, o Rākṣasa, gibt es für dich keine Erlösung, selbst wenn du Amṛta getrunken hättest.'

Wort für Wort
jīvet ciram vajra dharasya hastāt
man könnte lange leben, aus der Hand des Blitzträgers
śacīm pradhṛṣya apratirūpa rūpām
Śacī, von unvergleichlicher Schönheit, vergewaltigend
na mā dṛśīm rākṣasa dharṣayitvā
doch eine wie mich vergewaltigt habend, Rākṣasa
pīta amṛtasya api tava asti mokṣaḥ
gibt es für dich keine Erlösung, selbst nach getrunkenem Amṛta

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